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Buchcover: Elisabeth Zöller: Das Monophon

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Das Monophon von Elisabeth Zöller

erschienen bei Hanser

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Was für ein seltsamer Apparat! Monophon nennt sich das riesige Gerät, das eines Tages auf dem Marktplatz steht und mit seinen wunderschönen Melodien den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Doch Mathilda bekommt bald Zweifel, ob das Monophon wirklich ein Segen für die Bewohner der kleinen Stadt ist.

Der große schwarze Kasten mit dem goldfarbenen Trichter, den sechs Männer auf den Marktplatz schieben, sieht aus wie ein überdimensionales Grammophon. Ein Monophon sei das, erklärt der Bürgermeister den erstaunten Bewohnern der kleinen Stadt. Der Name ist Programm: „Mono“ ist das griechische Wort für „eins“, „Phon“ bedeutet „Ton“. Das Monophon soll, so sagt der Bürgermeister, mit einer Stimme für alle sprechen. Das scheint auf den ersten Blick eine großartige Sache zu sein. Denn die Melodien, die aus dem Schalltrichter aufsteigen, machen die Menschen fröhlich, lassen sie singen und tanzen. Auch Mathilda und ihre Freunde sind fasziniert, können es kaum erwarten, bis wieder die magischen Töne des Monophons durch die Straßen klingen, bewegen sich zur Musik – und sind einfach nur glücklich..

Eines Tages verkündet der Bürgermeister: Alle Sommersprossigen sollen sich auf dem Marktplatz versammeln. Das klingt nach einer großen Ehre – jeder wäre gern dabei. Mathildas Freundin Mila überlegt sogar, ob sie sich Sommersprossen aufmalen soll, lässt es dann aber doch lieber bleiben aus Angst, kontrolliert zu werden. Und so sehen Mathilda und Mila nur zu, als die Sommersprossigen von den Männern in den schwarzen Hemden, die das Monophon bewachen, in einer feierlichen Prozession aus der Stadt geführt werden. Wohin, erfährt niemand. Denn sie kehren nicht zurück. Mathildas Mutter mag die Begeisterung ihrer Tochter deshalb nicht recht teilen: Sie stört das „Geheimnisgerede“, der „Kram“ rund um das Monophon.

Als wenig später die Rothaarigen und die Stotterer ebenfalls die Stadt auf Nimmerwiedersehen verlassen, fällt es auch Mathilda zunehmend schwer, den Befehlen der Schwarzhemden zu gehorchen. In das blaue Buch, in dem sie ihre Gedanken notiert, schreibt sie: „Ich bin ein Selbstdenker, ein Selbstbestimmer!“ Dass die Interessen der Gemeinschaft nun grundsätzlich Vorrang haben sollen, bereitet ihr Unbehagen. Mathildas diffuse Skepsis über die beherrschende Art der Monophon-Bewacher verwandelt sich allmählich in Angst. Denn jetzt sollen plötzlich die Brillenträger die Stadt verlassen. Da wäre ihr Opa dabei. „Lass deine Brille bloß verschwinden“, flüstert sie ihm zu.

Mathildas Freundin Mila dagegen kennt keine Zweifel. Im Gegenteil: Begeistert beteiligt sie sich an den Aktionen der Schwarzhemden, wird schließlich Leiterin einer Jugendgruppe. Die ersten Gruppenstunden gefallen auch Mathilda. Auf dem Programm stehen Spiele, Ausflüge, soziale Dienste für die Gemeinschaft. Auch für die Erwachsenen gibt es Gruppen, um die Gemeinschaft zu stärken. Doch Mathildas Mutter mag nicht mitmachen, auch wenn ihr das Ärger einbringt: „Ich bin nun mal kein Gruppenmensch.“

Der Widerstandsgeist der Mutter stärkt auch die Tochter in ihrem Selbstvertrauen. Als ihre Jugendgruppe Schießübungen auf lebensgroße Fotos von Menschen – „unsere Feinde“, wie Mila sagt – veranstaltet, weigert sich Mathilda. „Ich habe keinen Feind“, sagt sie und läuft davon. Und sie merkt, wie recht ihre Mutter mit der Bemerkung hat: „Menschenfänger sind das.“ In der Schule wird Mathilda gemobbt, seit sie die Jugendgruppe verlassen hat. „Entweder man fügt sich in eine Gemeinschaft und beugt sich der Gruppe, oder man muss mit Konsequenzen rechnen“, sagt Mila. Nur ihr Freund Leo, genannt „Coolman“, hält noch zu ihr.

In der ganzen Stadt greifen Angst und Misstrauen um sich. Immer mehr Menschen verschwinden, weil sie Außenseiter sind. Die Starken geben den Ton an. Die Schwarzhemden verstärken die Auslese durch einen öffentlichen Kampf auf dem Marktplatz.

Die Geschichte von David und Goliath, die ihre kluge und warmherzige Lehrerin, die sich ebenfalls vom Monophon-Wahn distanziert, in der Klasse durchnimmt, bringt Mathilda und ihren Freund Coolman auf eine Idee: Man kann auch als vermeintlich Schwacher erfolgreich Widerstand leisten. Zusammen mit den wenigen Freunden, die ihr noch geblieben sind, mit ihrer Mutter und ihren Großeltern schmiedet sie einen Plan. Sie werden versuchen, das Monophon, mit dem alles begann und das mit seinen Melodien und Worten die kleine Stadt so verändert hat, unschädlich zu machen. Ein riskantes Unterfangen. Denn allein schaffen sie es nicht. Sie brauchen Komplizen. Doch wem können sie vertrauen? Und wird die Stadt danach wieder so sein wie früher?

Mit den perfiden Unterdrückungsmechanismen totalitärer Regime befassen sich Kinder und Jugendliche hierzulande allenfalls theoretisch im Geschichts- oder Politikunterricht. Viele gute Kinder- und Jugendbücher machen zwar auf einfühlsame und eindringliche Weise deutlich, wie Menschen unter dem nationalsozialistischen Regime litten – aber es bleiben Geschichten aus vergangenen Zeiten. „Das Monophon“ schließt hier eine Lücke. Denn das Buch ist eine zeitlose Parabel. Die kleine Stadt könnte überall sein. Der Alltag der im Buch beschriebenen Kinder ist den jungen Leserinnen und Lesern vertraut. Was Mathilda und ihre Freunde erleben, seit das Monophon in der Stadt steht, wie sie hin- und hergerissen sind zwischen Faszination und Entsetzen angesichts wachsender Unterdrückung, wie Freundschaften zerbrechen – das ist bereits für Zehnjährige gut nachempfindbar und führt automatisch auch zu der Frage: „Wie würde ich mich verhalten?“

Ich-Erzählerin Mathilda beobachtet genau, wie sich ihr gewohnter Lebensraum verändert. Autorin Elisabeth Zöller findet dafür einen sehr passenden Sprachduktus. Die kurzen Sätze wirken lakonisch und stellen dadurch die Absurdität und Willkür der „Monophon“-Herrschaft bloß. Zugleich machen Mathildas Berichte deutlich, wie das Monophon verschiedene Bewusstseinsebenen erfasst. Es erteilt grausame Befehle und weckt im nächsten Moment mit seinen Melodien Glücksgefühle. Diesem subtilen Einfluss kann sich auch Mathilda zunächst kaum entziehen.

Jüngeren Lesern hilft möglicherweise eine historische Einordnung beim Verständnis des Buchs. Denn zu wissen, dass „Das Monophon“ zwar eine ausgedachte Geschichte ist, dass die beschriebenen Vorgänge aber einen sehr realen Hintergrund in Deutschland haben, gibt dem Buch und seiner Botschaft möglicherweise noch mehr Gewicht. Die Parabel eignet sich auch als Schullektüre, umfangreiches Begleitmaterial stellt die Autorin auf ihrer Homepage zur Verfügung (www.elisabeth-zoeller.de).

Fazit: Eine lesenswerte Parabel, die Kindern deutlich macht, wie Menschen von totalitären Regimen manipuliert werden – und wie sie sich manipulieren lassen. Und die dennoch Hoffnung macht, weil sie der klugen Heldin die Chance zum Widerstand lässt.

Eva Dignös, Juli 2014

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