Interview mit Andreas Steinhöfel

Für die Kinderbuch-Couch: Karin Hahn

 

Andreas Steinhöfel

Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg (Ederbergland) geboren. Er wuchs im oberhessischen Biedenkopf auf. Ursprünglich wollte Andreas Steinhöfel Biologie- und Englischlehrer werden, studierte dann später in Marburg Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Heute lebt und arbeitet Andreas Steinhöfel in Berlin-Kreuzberg. Er schreibt Kinder- und Jugendbücher, arbeitet fürs Fernsehen, redigiert Comics, verfasst Drehbücher und übersetzt besonders gern Jerry Spinellis Kinder- und Jugendromane aus dem Englischen. Bekannt geworden ist der quirlige, sehr sympathische und gut beschäftigte Autor durch seine Kinderromane „Dirk und ich“, „Paul Vier und die Schröders“, „Die Mitte der Welt“, „O Patria Mia!“, „Beschützer der Diebe“, „Der mechanische Prinz“, „Es ist ein Elch entsprungen“, „Froschmaul-Geschichten“, „Defender“ und „Trügerische Stille“, alle in seinem Hausverlag, dem Carlsen Verlag erschienen. Der Facettenreichtum von Andreas Steinhöfels Büchern ist beachtlich. Für „Die Mitte der Welt“ erhielt er den Buxtehuder Bullen und wurde für die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 1999 nominiert.

Es schleicht sich immer etwas in die Bücher vom eigenen Fühlen, nicht unbedingt vom Erleben …Andreas Steinhöfel

Kinderbuch-Couch: Es war wirklich schwierig, Sie zu erreichen. Es scheint, Sie sind ein viel beschäftigter Mann? An wie vielen Projekten arbeiten Sie momentan?

Andreas Steinhöfel: Ich arbeite immer parallel. Es ist immer ein Buch in der Mache, höchstens zwei und Fernsehsachen und Übersetzungen schiebe ich dann dazwischen. Ich schreibe gern einen halben Tag und übersetze dann die andere Hälfte des Tages. Und momentan liegt gerade eine harte Phase hinter mir. Es gab eine Übersetzung, dann eine vierteilige Dokumentation fürs Fernsehen über Klassik für Kinder, dann zweimal „Löwenzahn“ fürs ZDF, dann ein Spielfilm für Weihnachten, dann wurde „Rico“ fertiggestellt, dann habe ich „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ als Hörbuch für HörbuchHamburg eingelesen und dazwischen waren noch sechs Wochen Lesereisen. Momentan bin ich froh, dass mal Pause ist.

Kinderbuch-Couch: Liegen in der Dieffenbachstraße, da wo Sie wohnen und ihr aktueller Kinderroman spielt, die Geschichten praktisch auf der Straße?

Andreas Steinhöfel: Die Geschichten in der Dieffenbachstraße sind nicht anders als die Geschichten in der Urbanstraße oder Kurfürstenstraße. Die meisten Schriftsteller laufen durch die Gegend und gucken einfach ein bisschen genauer hin. Du siehst jemanden und überlegst, was könnte der für eine Geschichte haben?
Hier um die Ecke ist ein Spielplatz. Da ist es ganz nett auf der Bank zu sitzen und allein anhand der Temperamente der Kinder zu spekulieren, das wird vielleicht mal so eins und das so eins.

Kinderbuch-Couch: Belauschen Sie Kinder ab und zu?

Andreas Steinhöfel: Selten. Finde ich indiskret. Die einzige Gelegenheit Kindern zuzuhören, wenn es nicht im Privaten ist, das ist bei Lesungen und da kann es dann nerven. Sie erzählen dann von ihren Haustieren und hören nicht mehr auf. Und wenn die dann loslegen und man keinen Stöpsel findet, dann denke ich immer, Mensch, Mensch, Mensch, so warst du auch mal. Aber muss nicht sein.

Kinderbuch-Couch: Man merkt ja ihren Büchern an, dass Sie ganz genau wissen, wie Kinder reden?

Andreas Steinhöfel: Ich kann mich ganz gut in kindliches Denken und Fühlen hineinversetzen und das ergibt dann auch die Sprache. Das hat wenig mit Kindern zuhören zu tun. Für mich soll eine Geschichte lebensecht rüberkommen, aber ich will sie nicht vom Leben abkupfern.

Kinderbuch-Couch: Jeder Autor hat ja so seine Obsessionen. Ich bin mal neugierig, gehen Sie auch gern wie Rico in andere Wohnungen?

Andreas Steinhöfel: Nein.( lacht laut!) Dass Rico gerne in fremde Wohnung geht, liegt wirklich daran, dass er ja ansonsten nicht viel zu sehen bekommt, weil er hat Angst hat sich zu verlaufen, er kann immer nur gerade aus, also vorwärts rückwärts und dann habe ich überlegt, was macht so jemand, um bisschen mehr von der Welt zu sehen und dann geht er halt dahin. Das einzige, was ihm vertraut ist, ist das Haus, in dem er lebt und dann will er eben wissen, was in den einzelnen Wohnungen so los ist.

Kinderbuch-Couch: Sind Sie eigentlich ein Krimifan? In ihren Büchern geht es öfter um kriminelle Fälle?

Andreas Steinhöfel: Ja, aber eigentlich eher weil Kinder das lieben. Ich schaue keine Krimiserien im Fernsehen, nur die Miss Marple – Filme die Rico so liebt, die gucke ich auch gern.

Kinderbuch-Couch: Woher stammt denn das Wort Müffelchen?

Andreas Steinhöfel: Müffelchen, das sind in kleine Stückchen geschnittene Brotscheiben mit was drauf. Ich habe keine Ahnung, wo das Wort herkommt. So haben wir das als Kinder immer genannt. Ich stamme aus Hessen, vielleicht ist es da verbreitet. Ich weiß es nicht. Wie so oft, denkt man, das ist ein ganz geläufiges Wort. Bei Rico passt es, weil er sich immer Gedanken macht, wo die Wörter herkommen und warum sie so heißen.

Kinderbuch-Couch: Rico ist zwar tiefbegabt und ein bisschen langsam, aber er ist ein vielleicht unfreiwillig witziger Erzähler. Sie haben eine Vorliebe für skurrile Typen und trockenen Humor. Woher kommt das?

Andreas Steinhöfel: Ja, das ist schwer zu erklären. Ich weiß nur von mir als Leser, dass ich schräge Typen mag. Ich liebe Charles Dickens, die Romane, wo die Figuren immer ein bisschen schräg sind, zumindest die Nebenfiguren. Ich finde solche Figuren spannender, ich finde es eigentlich immer lustiger, sie so ein bisschen in der Übertreibung zu sehen, was die Leute so ticken lässt. In der Übertreibung kann man mehr Witz einbauen, auch wenn das ganz traurige Figuren sind, dennoch lacht man erstmal darüber und denkt dann nach. Was ich als Leser schöner finde. Am liebsten sind mir die Figuren, die einen Knall haben und auch noch über sich lachen können.

Ich wollte immer gern Regisseur werden, nie Schriftsteller, das war ja nur ein Zufall… Andreas Steinhöfel

Kinderbuch-Couch: Ihre Helden sich oftmals schräg, aber nie unsympathisch. Sind Sie sehr harmoniesüchtig?

Andreas Steinhöfel: Ja, absolut, ganz ganz schlimm. Ich weiß, dass sich das im Schreiben widerspiegelt. Da ist auch ein Ideal, keiner will in einer Welt leben, in der die Menschen sich nur auf die Köpfe schlagen. Und deswegen habe ich öfter Figuren, die vermitteln. Oder bei Rico und Oskar drückt sich das in den gegenpoligen Figuren aus. Einer ist ganz klein und einer ganz groß, einer ist langsam und der andere ganz schnell und der Weg dazwischen ist das, was ich gerne schildere. Gut erkannt, ich fühle mich ertappt.

Kinderbuch-Couch: Sie haben mit dem Schreiben für Kinder begonnen, das ist überliefert, weil sie sich geärgert haben?

Cover von Rico, Oskar und die Tieferschatten

Andreas Steinhöfel: Ich habe mich über ein Kinderbuch geärgert, das so gut gemeint war. Ein Buch, wo die Kinder etwas lernen sollten oder noch schlimmer, sie sollten nicht nur etwas lernen, sie sollten sehen, wenn man einfach nur ein bisschen mutiger ist, dann kann man bestimmte Sachen halt machen. Womit keinem Kind geholfen ist, das von sich aus nicht mutig ist. Im Gegenteil, das liest das Buch und ist noch gefrusteter. Und da hat mich die Wut gepackt, denn das ist es doch nicht, worum es in einem Buch für Kinder gehen sollte. Es ist ein Buch, in dem Erwachsene gerne hätten, was Kinder machen. Und aus dem Impuls heraus, habe ich dann das erste Buch „Dirk und ich“ geschrieben.

Kinderbuch-Couch: Und hat das autobiografische Züge?

Andreas Steinhöfel: Nein, das sind alles ausgedachte Geschichten. Wenn ich über meine Kindheit schreiben würde, dann wäre das nicht so ein tolles Buch und schon gar nicht witzig. Ich hab eigentlich so eine Idealkindheit geschildert. Im Nachhinein dachte ich, da hast du alles hingekritzelt, wie du es gern gehabt hättest. Es schleicht sich doch immer etwas von einem selbst ein. Bei Rico und Oskar, man glaubt es kaum, ist es meine Beziehung zu meinem Lebenspartner, der Halbitaliener ist wie Rico. Als Kind hatte er es in der Schule extrem schwer, weil er ADS hat und viel von Rico, z.B. die verqueren Wortspiele, das kenne ich alles von meinem Freund. Das ist nicht immer lustig, das ist auch manchmal anstrengend und schwierig, aber das hat sich wohl ins Buch reingeschmuggelt. Es schleicht sich immer etwas in die Bücher vom eigenen Fühlen, nicht unbedingt vom Erleben.

Kinderbuch-Couch: Im Roman „ Der mechanische Prinz“ geht es um Max, der sich vernachlässigt fühlt und auch bei „Rico“ geht es um Kinder, die nicht behütet sind. Ist das eine gesellschaftliche Beobachtung, die Ihnen Sorgen bereitet?

Wenn ich ein Kind in die Welt setze, dann übernehme ich eine Verantwortung und ich glaube, wir leben in Zeiten, in denen Menschen nicht mehr gern Verantwortung übernehmen. Ganz generell und da fallen Kinder eben rein… Andreas Steinhöfel

Andreas Steinhöfel: Ich weiß ja gar nicht, ob Kinder heute weniger behütet werden als zu der Zeit als ich Kind war. Bei mir hätte jeder gesagt, das Kind ist nicht behütet, weil meine Eltern den ganzen Tag gearbeitet haben. Aber ich habe mich absolut behütet gefühlt. Wir hatten aber auch eine ganz anders organisierte Freizeit. Wir haben die selber organisiert. Da hat keiner zwischengefunkt. Heute ist das anders. Heute gibt es massenhaft Kinder, die überbehütet sind. Die nenne ich immer die Sturzhelmkinder. Die bekommen nach der Geburt einen Sturzhelm, damit dem kostbaren Erbträger nichts passiert, denn das Kind soll ja später mal ganz toll werden. Und natürlich stehen dem entgegen, Kinder, die wirklich nicht behütet sind, die den Eltern echt egal sind. Im „Mechanischen Prinzen“ ist Max deshalb ein Egalkind, das ist aber Schichten unabhängig. Es sind nicht nur die berühmten Unterschichten, die nie auf ihre Kinder aufpassen. Das ist völliger Quatsch. Kinder können genauso in Akademikerhaushalten völlig allein überlassen sein.
Wenn ich ein Kind in die Welt setze, dann übernehme ich eine Verantwortung und ich glaube, wir leben in Zeiten, in denen Menschen nicht mehr gern Verantwortung übernehmen. Ganz generell und da fallen Kinder eben rein.

Kinderbuch-Couch: Wenn Sie übersetzen, dann sind Ihnen zum Beispiel die Bücher von Jerry Spinelli sehr wichtig. Haben Sie angefangen zu übersetzen, weil Sie Probleme mit dem Schreiben hatten?

Andreas Steinhöfel: Ich hab angefangen zu übersetzen, völlig profan, weil ich Geld brauchte. Ich habe Anglistik studiert, mein Englisch ist gut. Da hat mich der Verlag unterstützt, denn mein erstes Buch war kein Bestseller. Ich hab großes Glück gehabt, dass ich so gute Autoren erwischt habe, die so gute Texte gemacht haben, dass ich als Übersetzer damit auch glänzen konnte. Und inzwischen kann ich mir die Autoren aussuchen, müsste das auch nicht mehr machen. Aber es macht Spaß, dann bin ich so ein Sicherheitsdenker, wer weiß, wie lange das so gut mit den eigenen Büchern läuft. Ich mach aber nur noch ein Buch im Jahr.

Kinderbuch-Couch: Wie gehen Sie mit Schreibhemmungen um?

Andreas Steinhöfel: Ach, das ist gar nicht schön. Die hatte ich ja. Fürchterlich, du willst und es geht nicht und das jeden Tag. Nach dem „Mechanischen Prinzen“ kam wirklich Ebbe. Ausgelöst denke ich durch verschiedene Faktoren. Ich hab z. B. ein extremes Problem mit Erfolg. Das habe ich gemerkt. Diese Erwartungshaltung an das nächste Buch und die musst du jetzt erfüllen und da versage ich völlig, da gehen alle Klappen runter.

Kinderbuch-Couch: Ihr Weihnachtsbuch „Es ist ein Elch entsprungen“ wurde verfilmt. Denken Sie beim Schreiben auch an szenische Umsetzungen oder gar daran, dass aus dem aktuellen Kinderbuch ein Film werden könnte?

Andreas Steinhöfel: Nein, das habe ich noch nie gemacht. Ich schreib aber filmisch, das weiß ich. Das liegt wohl daran, ich wollte immer gern Regisseur werden, nie Schriftsteller, das war ja nur ein Zufall. Und vielleicht sind die Bücher deshalb visuell, bis rein zu Nahaufnahmen und dann gehe ich wieder auf Distanz oder ich schneide. Das ergibt sich ganz automatisch, das mache ich unbewusst. Und da ist nie die Idee dahinter, das könnte eine Verfilmung werden. Das ist ja wie ein Sechser im Lotto, eine Kinderbuchverfilmung.

Kinderbuch-Couch: Es hat den Anschein, als würden dem neuen Kinderbuch noch mehr Rico-Bände folgen?

Andreas Steinhöfel: Natürlich fallen mir ganz, ganz viele Nebengeschichten noch ein, bei aller Konzentration auf einen Hauptstrang, in dem ersten Fall die Entführungsgeschichte. Und ich hab mich auch in die Figuren verknallt. Rico ist schon ein Herzchen, den mag ich noch mehr als Oskar. Da ist so viel Stoff drin. Kriegt Rico jetzt vielleicht einen Papa, was ist denn nun in der Wohnung von dem alten Fitzke?
Da habe ich beim Schreiben schon im ersten Teil bewusst neue Stränge angelegt. Es sollen insgesamt vier Bände werden. Rico soll immer glücklicher werden.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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