Interview mit Anke M. Leitzgen und Lisa Rienermann

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta

Anke M. Leitzgen und Lisa Rienermann

 

„Entdecke Deine Stadt“ war auch eine Entdeckung für unsere Redaktion: Das reichbebilderte Sachbuch aus dem alltäglichen Leben in unseren Städten macht auf Anhieb neugierig. Die Auswahl an Interviewpartnern und Informationen sowie die zahlreichen Erlebnisberichte von Kindern und Jugendlichen haben uns überzeugt. Auf Augenhöhe mit ihren Lesern zeigen sie ein anderes Bild des städtischen Lebensraumes und sie motivieren schon nach wenigen Seiten, die eigene Straße mit anderen Augen zu sehen. Ihre scheinbar leichte und unkomplizierte Art, mit der sie auch „trockene“ Inhalte vermitteln, hat uns letztlich auch neugierig auf die beiden Autorinnen gemacht. In einem Interview mit der Kinderbuch-Couch haben uns die Autorin Anke Maria Leitzgen und die Illustratorin Lisa Rienermann einige Fragen beantwortet.

Kinder und Jugendliche wünschen sich zwar, ganz viel Zeit mit den Freunden zu verbringen. Tatsächlich fühlen sich aber viele von ihnen sehr isoliert, weil sie nicht alleine rausgehen dürfen, um die Freunde zu treffen …Anke M. Leitzgen

Kinderbuch-Couch: Wie entstand die Idee zu Ihrem Buch „Entdecke Deine Stadt“?

Anke M. Leitzgen: Der Impuls kam von Ulrike Rose, der Leiterin der Initiative StadtBauKultur NRW. Eines ihrer Herzensprojekte heißt „Sehen lernen“. Dabei geht es zum Beispiel darum, dass sich die Bürger einer Stadt ihre Häuser, Straßen, Plätze und Parks sehr bewusst anschauen und sich eine Meinung bilden. Bewusstes Hinschauen und die eigene Meinung sind nämlich die Voraussetzung dafür, um bei künftigen Entscheidungen der Stadt mitreden zu können. Denn jeder Einzelne von uns hat mehr Möglichkeiten, die eigene Stadt mitzugestalten, als allgemein bekannt ist. Eine Stadt wächst ja nicht einfach vor sich hin wie ein Stück unkultivierte Landschaft. Auf der einen Seite gibt es die Stadtplaner und Architekten und viele mehr, die täglich daran arbeiten. Auf der anderen Seite prägen die Bewohner ihre Stadt. Nur ist das selten ein bewusster Prozess. Deshalb zeigen wir in unserem Buch an ganz vielen verschiedenen Beispielen, wie viel jeder von uns dazu beitragen kann, dass die eigene Stadt lebens- und liebenswert wird.

Kinderbuch-Couch: Sind Sie selber Stadtkinder? Wo sind Sie aufgewachsen?

Anke M. Leitzgen: Ich war ein Kleinstadtkind, das viel lieber ein Großstadtkind gewesen wäre. Gleich nach dem Abitur habe ich meine Großstadterfahrungen gründlich nachgeholt und unter anderem in München, Mailand, Madrid, New York, Paris und Berlin gelebt. Zurzeit lebe ich geradezu superländlich – das aber nicht ganz freiwillig.
Lisa Rienermann: Ich bin ein echtes Stadtkind. Aufgewachsen bin ich in Köln, zwischendurch war ich eine Zeit lang in San Antonio in den USA, später in Barcelona. Inzwischen wohne ich in Berlin. Mich zieht es immer in die Stadt. Ich mag das riesige Angebot, und dass ich mit meinem Fahrrad überall hinkomme, auch wenn ich einige Freunde manchmal sehr um die Natur direkt vor der Haustür beneide.

Kinderbuch-Couch: Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Leben für Kinder, insbesondere in Großstädten, verändert?

Anke M. Leitzgen: Während der Recherche zum Buch habe ich einige Untersuchungen zum Kinderleben in der Stadt gelesen. Wenn man den Statistiken glauben kann, dann durften sich Kinder früher freier allein durch die Stadt bewegen. Eltern sind heute besorgter und lassen ihr Kind lieber nicht mehr allein vor die Tür. Das ist einerseits verständlich, aber auch schade, weil man als Kind natürlich jede Menge unbeobachtete Zeit mit Gleichaltrigen braucht.
Ursprünglich hatten wir mal die Idee, Menschen verschiedener Generationen, die in der gleichen Stadt aufgewachsen sind, zu befragen, wie sie dort früher gespielt haben und wollten diese Erfahrungen mit der heutigen Situation vergleichen. Wir haben uns dann aber dafür entschieden, viele Kinder zu fragen, was sie in ihrer Freizeit machen. Dabei kamen dann erstaunlich vielseitige Interessen ans Licht. Die Nase vorn hatte eindeutig der Sport: Einrad und Skateboard fahren, Parkour laufen, Fußball im Park spielen. Genauso wichtig: sich mit Freunden treffen. Aber auch das ist laut Statistik ein heikler Punkt. Kinder und Jugendliche wünschen sich zwar, ganz viel Zeit mit den Freunden zu verbringen. Tatsächlich fühlen sich aber viele von ihnen sehr isoliert, weil sie nicht alleine rausgehen dürfen, um die Freunde zu treffen. Das ist ganz sicher ein bedenklicher Punkt, an dem sich etwas ändern muss, wenn wir vermeiden wollen, dass die sozialen Kontakte in erster Linie nur noch über Schüler VZ oder Facebook stattfinden.

Anke M. Leitzgen und Lisa Rienermann

Kinderbuch-Couch: „Entdecke Deine Stadt“ regt an, selbst aktiv zu werden. Könnten Städte mehr tun, um Kindern und Jugendlichen Anreize zu bieten, in der Stadt aktiv zu werden, bzw. das Stadtbild mit zu gestalten?

Anke M. Leitzgen: Oh ja, ganz sicher. Viele Kommunen sind bereits dabei oder planen es, und in den nächsten Jahren wird in dieser Hinsicht bestimmt noch mehr passieren. Es gibt ja schon großartige Beispiele aus England und Finnland, die vormachen, wie Kinder mehr über Baukultur lernen können, um dann selbst mitzumischen. Hier in Deutschland haben wir zum Beispiel JAS, die Kinder- und Jugendakademie für Baukultur in Essen. Dieser Verein hat es sich zum Ziel gemacht, Kinder und Jugendliche auf Architektur, Design, Stadt und Landschaft aufmerksam zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie ihre Umwelt mitgestalten können.
Lisa Rienermann: Daneben gibt es aber auch ganz konkrete Projekte, wie etwa die Prinzessinnengärten in Berlin. Sie machen vor, wie sich große Brachflächen in der Stadt für ökologische Landwirtschaft nutzen lassen. Das produziert nämlich nicht nur frisches Gemüse direkt vor Ort, sondern schafft auch ganz neue persönliche Kontakte, weil Nachbarn, Freunde und Interessierte zusammenarbeiten. Da sind alle Altersgruppen vertreten.

Kinderbuch-Couch: Wir sind der Meinung, dass „Entdecke Deine Stadt“ bestens als Vorlage für ein Schulprojekt geeignet ist. Haben Sie diesbezüglich schon Erfahrungen sammeln können? Haben Städte/Schulen schon einige Anregungen übernommen?

Anke M. Leitzgen und Lisa Rienermann: Wir sind absolut glücklich darüber, dass „Entdecke deine Stadt“ die Schultauglichkeit sogar Schwarz auf Weiß bestätigt wurde. Die Architektenkammer Baden-Württemberg hat unserem Buch zahlreiche Bezüge zu den Lehrplänen aller Schulformen der Klassen 3 bis 7 bescheinigt. Zum Beispiel für Sachunterricht, Musik, Sport, Gestalten, Gesellschaftswissenschaft, Kunst, Erdkunde und Wirtschaftskunde. Im Frühjahr beginnen wir mit Lesungen und Workshops in Schulen, aber auch in Kindergärten. Wir hatten zunächst nicht unbedingt damit gerechnet, dass schon Fünfjährige begeistert zu Stadtentdeckern werden, aber der Wunsch war groß seitens Eltern und Erzieherinnen. Und für uns ist es tatsächlich genauso spannend, mit den Kleinen wie mit den Großen zu arbeiten.

Manchmal träume ich davon, die Städte miteinander zu verbinden: New Kö-Ber-Bre-Celona. Lisa Rienermann

Kinderbuch-Couch: Die Fotos aus „Entdecke Deine Stadt“ machen wirklich neugierig und bieten tolle Einblicke. Was können Sie uns über die Entstehung der Fotos bzw. der Beiträge berichten?

Lisa Rienermann: Wir haben mal gezählt, es sind 637 Bilder im Buch. Und es ist eine bunte Mischung. Wir hatten die beiden wunderbaren Fotografinnen Thekla Ehling und Patricia Neligan mit im Boot. Von Thekla stammen zum Beispiel die meisten Kinderportraits, von Patricia sind viele Stadtansichten. Der größte Teil der „gebastelten“ Bilder stammen von mir. Für das „Kunst-Kapitel“ haben wir die verschiedenen Künstler, die wir spannend fanden, angeschrieben und sie um Bilder gebeten. Eine schöne Erfahrung bei der Arbeit am Buch war, zu sehen, dass Ideen aufgegriffen und wahrgenommen werden. Eine der „Mitmachaktionen“ im Buch besteht darin, Objekten im Öffentlichem Raum Gesichter gegeben, indem man Augen oder Münder dazuklebt. Als ich das nächste Mal an einem ganz kleinen Gesicht an einem Gullideckel vorbeikam, dass ich dort aufgeklebt hatte, hatte ihm jemand ein Schirmchen angesteckt.

Kinderbuch-Couch: Wie oft sind Sie noch in den Städten unterwegs – wo schauen Sie besonders gerne hin?

Anke M. Leitzgen: Ehrlich gesagt, seit wir angefangen haben, Fotos von Türen, Fenstern, Hausnummern oder Straßenbelägen zu sammeln, mache ich damit einfach weiter. Die Sammlung wächst und wächst, denn meinen Kindern geht es ganz genauso. Aber ich darf mich darüber ja eigentlich gar nicht beklagen, denn genau das wollten wir ja auch mit dem Buch erreichen: dass man genau hinschaut und nie wieder damit aufhört.
Lisa Rienermann: Ich bin gerne zu Fuß unterwegs, hier in Berlin, aber auch in fremden Städten. Ich schaue am liebsten in die Ecken, die oft übersehen werden. Ich liebe ich es, herumzustreunen und auch mal in fremde Hinterhöfe zu spinksen. Dabei mache ich gerne Sammlungen von Fotos. Gerade habe ich viele Bilder von Müll im Schnee zusammengetragen, „white trash“ nenne ich die. Schönheit in Dingen oder Ecken zu finden, die auf den ersten Blick gar nicht schön sind, macht mir großen Spaß.

Kinderbuch-Couch: Haben Sie eine Lieblingsstadt?

Anke M. Leitzgen: Nein, eigentlich nicht. Städte, die am Wasser liegen, gefallen mir besonders gut. Vermutlich habe ich deshalb auch schon als Kind davon geträumt, in Hamburg zu wohnen, aber bis jetzt hat das noch nicht geklappt.
Lisa Rienermann: Eine richtige Lieblingsstadt habe ich auch nicht. In allen Städten, in denen ich länger war, gibt es Ecken, die ich toll finde. Manchmal träume ich davon, die Städte miteinander zu verbinden: New Kö-Ber-Bre-Celona.

Kinderbuch-Couch: Ist „Entdecke Deine Stadt“ Ihr erstes gemeinsames Projekt? An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Anke M. Leitzgen und Lisa Rienermann: „Entdecke deine Stadt“ ist erst der Anfang. Wir arbeiten bereits an zwei neuen Projekten für Kinder, die bestimmt genauso spannend werden. Dazu können wir aber leider erst in einigen Monaten mehr verraten.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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