Interview mit David Miller

David Miller

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta, Übersetzung: Lars Schafft

 

David Miller, Autor von zahlreichen Romanen und Sachbüchern, schrieb mit „Shark Island – der Fluch von Kaitan“ sein erstes Kinderbuch und damit den Auftakt zu einer neuen Kinderbuchreihe. Wie es zu der Idee zu dieser actionreichen Buchserie kam, und warum ihn ein bestimmtes Erlebnis nicht mehr losgelassen hat – das ist eine spannende Geschichte, die wir gerne von ihm persönlich erfahren möchten.

Kinder lieben „Bösewichte“ und ein Teil meiner Aufgabe ist es, diese Bösewichte so böse wie möglich zu machen …David Miller

Kinderbuch-Couch: Mr. Miller, Sie haben die ganze Welt bereist und sogar einige Jahre in Malaysia und Singapur gelebt. Würden Sie uns erzählen, was in jener Nacht geschah, als Sie die Idee zu „Shark-Island“ hatten?

David Miller: In den frühen Neunzigern verbrachten meine Frau Su´en, mein neun Jahre alter Sohn Joe und ich eine Woche in einer Hütte auf einer Koralleninsel vor der Ostküste Malaysias. Eines nachts hörten wir, wie sich ein Boot näherte und draußen vor der Lagune ankerte. Ich hatte völlig vergessen, wie nah die Insel zur thailändischen Grenze lag und dass dort böse Thai-Piraten ihr Unwesen trieben, vietnamesische Bootsflüchtlinge ausraubten und umbrachten, die der Unterdrückung in ihrem Heimatland entfliehen wollten. Hatten die Piraten unser Feuer entdeckt und wollten sie kommen, um auch uns auszurauben und umzubringen? Die Hütte hatte an der Hinterseite ein Fenster. Ich öffnete es und sagte zu Su´en und Joe, dass sie da herausklettern und sich im Dschungel verstecken sollten, der Teile des Inselzentrums bedeckte, falls es sich bei unseren Besuchern wirklich um Piraten handeln sollte. Es stellte sich aber heraus, dass es nur malaysische Fischer waren, die neugierig geworden sind, wer hier auf der Insel ist. Aber was, wenn es keine gewesen wären? Dieser schreckenserregende Gedanke löste die ursprüngliche Idee zur Shark-Island-Reihe aus.

Kinderbuch-Couch: Wieso haben Sie sich dazu entschieden, ein Buch für Kinder zu schreiben?

David Miller: Meine Tochter Hanna, die gerade zwölf war, hat mir die Entscheidung abgenommen. Sie befahl mir, mit dem Bücherschreiben für Erwachsene aufzuhören und mal ein wirklich aufregendes für Kinder in ihrem Alter zu schreiben. Sie las jedes Kapitel, sobald ich eines beendet hatte, und wenn es nicht aufregend genug war, schickte sie mich zurück in mein „Schreibhaus“ im Garten, um weiterzuarbeiten.

Kinderbuch-Couch: Ist es anders, für Kinder zu schreiben?

David Miller: Sehr anders. Die ganze Zeit über muss man sich der Altersgruppe, für die man schreibt, bewusst sein. Ist das Vokabular, das man benutzt, zu komplex oder zu simpel? Wie einfach kann man der Geschichte folgen? Ist der Text spannend genug, dass die Leser an den Zeilen kleben? Ich denke ständig an die Bücher, die mir am besten gefallen haben, als ich zwölf war und vergleiche sie mit meinen Texten.

Kinderbuch-Couch: Sie verstehen es sehr gut, Spannung und Nervenkitzel zu erzeugen. War es schwierig für Sie, die jungen Leser dabei im Auge zu behalten und sich für die Darstellungen von Gewalt, die im Buch eine Rolle spielt, eine andere Taktik zu überlegen?

David Miller: Die Kinder von heute werden mit brutalen Bildern bombardiert – in Filmen, im Fernsehen, in Videospielen. Das meiste davon ist unbegründet und unnötig. Ich sehe meine Rolle als Autor nicht darin, Kinder vor Gewalt zu schützen – aber darin, ihnen zu helfen, Gewalt zu verstehen und damit zurecht zu kommen. Die Gewalt im ersten Kapitel – der schreckliche Schrei, das Blut im Sand – liefert die Spannung, die den Plot antreibt. Sind Mum und Dad tot oder lebendig? Die Tapferkeit und die Zähigkeit der Kinder belegt, dass sie mit Gewalt konfrontiert werden und dass sie sie überstehen können, wie alt auch immer sie sein mögen.

Kinderbuch-Couch: Sie haben in Ihrem actionreichen Debüt viele sehr greifbare Eindrücke von dem malaysischen Inselparadies geschildert , fast hat man das Gefühl, man wäre selbst dort. Wie lange haben Sie dort gelebt, wie war Ihre Zeit dort?

David Miller: Ich habe fast zehn Jahre in Malaysia und Singapur gelebt. Ich arbeitete als Kreativdirektor für eine große Werbeagentur. Dort traf ich Su´en, meine Frau. Su´en ist malaysische Chinesin. Einen Großteil unserer Ferien und unserer Freizeit verbrachten wir mit Herumreisen und Strandurlauben auf den Inseln Südoastasiens. Su´en spricht fließend Malaysisch und Kantonesisch, was uns einen Blick hinter die Kulissen der Gemeinden ermöglichte, die wir besuchten. Das hat mir sehr geholfen, der Shark-Island-Reihe einen authentischen, dokumentarischen Unterton zu verleihen. Auch wenn die Geschichte erfunden ist – die Orte, an denen sie spielt, sind sehr genau wiedergegeben.

Ich sehe meine Rolle als Autor nicht darin, Kinder vor Gewalt zu schützen – aber darin, ihnen zu helfen, Gewalt zu verstehen und damit zurecht zu kommen. David Miller

Kinderbuch-Couch: Wie passt der politische Kontext der Geschichte mit der paradisischen Inselwelt zusammen?

David Miller: In vieler Hinsicht macht die schiere Schönheit der Inseln das, was Hanna, Ned und Jik passiert, noch lebendiger und noch grausiger. Ich habe lange überlegt, wieviel Politik ich ins erste Buch hinneinnehmen soll und ob Kinder in meiner anvisierten Altersgruppe in der Lage dazu sind, den Wendungen und Drehungen zu folgen. Aus zahllosen Gesprächen mit Kindern im Vereinigten Königreich weiß ich (zu meiner großen Erleichterung!), dass sie damit kein Problem haben. Kinder lieben „Bösewichte“ und ein Teil meiner Aufgabe ist es, diese Bösewichte so böse wie möglich zu machen.

Kinderbuch-Couch: Kaitan ist eine erfundene Insel. Warum haben Sie Ihre Geschichte nicht an einem echten Ort angesiedelt?

David Miller: Es gibt einem als Autor mehr Freiheit, wenn der Ort (zumindest teilweise) erfunden ist. Beispielsweise bei Hannas und Neds Rückkehr nach Kaitan ziemlich zur Hälfte des ersten Buches, wo sie an der Steilküste klettern – und fast abstürzen. Dieses aufregende Kapitel wäre nicht möglich gewesen, wenn der Ort ein echter wäre, der nunmal kein Kliff dort hatte, wo es gebraucht wurde. Dennoch basieren sowohl Kaitan als auch Ular auf realen Insel vor der malaysischen Küste, wo Su´en und ich oft waren. Eine ist genau wie eine Schlange geformt, das war die Inspiration für Ular. Ihre Nachbarinsel hat mittig einen Berg, der wie eine Haifischflosse aussieht – also Kaitan. Mein Vater, ein Künstler, malte ein Portrait von mir (als ich jünger war!) vor dem echten Kaitan. Es hängt in meinem Schreibhaus, in dem ich arbeite. Ich schaue es mir oft an und wünsche mich zurück auf diese schönen Inseln.

Kinderbuch-Couch: Hatten Sie von Anfang an vor, eine Serie zu schreiben, als Sie mit Shark Island anfingen?

David Miller: Ursprünglich war ich beauftragt, zwei Bücher um Hanna, Ned und Jik zu schreiben. Ich habe aber schon ein drittes fertig. Zur Zeit gibt es keine Pläne für ein weiteres (es sei denn, meine deutschen Leser verlangen nach einem!). Ich arbeite zur Zeit an einem Thriller für Kinder mit anderen Charakteren, der, wie ich hoffe, der Auftakt zu einer neuen spannenden Serie wird.

Kinderbuch-Couch: Wie werden sich unsere beiden Helden Hanna und Ned weiter entwickeln? Können Sie uns darauf einen kleinen Ausblick geben?

David Miller: Eines der größen Probleme bei einer Serie, in der Kinder die Helden sind, ist die Frage, ob sie mit dem Voranschreiten der Geschichten älter werden dürfen. J.K. Rowlings Harry Potter und dessen Freunde werden mit jedem Buch älter, wohingegen Enid Blytons „Fünf Freunde“ immer gleich alt bleiben. Kinder scheinen sich aber weder am einen noch am anderen zu stören! Hanna, Ned und Jik bleiben über alle drei Bücher mehr oder weniger gleich alt – auch wenn sie sich davon abgesehen durchaus weiterentwickeln. Zum Beispiel wird Jiks Englisch besser und die Kinder werden selbstbewusster im Umgang mit den Bösewichten, die sie bedrohen.

Kinderbuch-Couch: Welche Autoren haben Sie in Ihrer Kindheit am meisten beeinflusst?

David Miller: Wie viele Kinder meiner Generation hat mich Enid Blyton enorm beeinflusst, insbesondere ihre Abenteuer-Reihe. „Der Fluss der Abenteuer“ hat mir besonders gut gefallen, wo Philip, Jack, Lucy und Dinah ein unterirdisches ägyptisches Grabmal entdecken. Weitaus mehr war (und ist immer noch) „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson mein Lieblingsbuch. Es ist so modern und lebendig geschrieben, man kann kaum glauben, dass es vor über 125 Jahren verfasst worden ist.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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