Interview mit Hilke Rosenboom

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta

Nicht erst seit dem Erfolg „Ein Pferd namens Milchmann“ steht der Name Hilke Rosenboom für gleichsam spannende, wie humorvolle Kinderbücher. Soeben ist ihr neues Kinderbuch „Melissa und die Meerjungfrau“ bei Carlsen erschienen. Wir haben die 1957 auf Juist geborene Autorin interviewt.

Ich bin ein ziemlich alberner Mensch, spiele sehr gern und ich habe nicht den Eindruck, dass sich mein Lebensgefühl seit meiner Schulzeit sehr stark verändert hätte. Hilke Rosenboom

Kinderbuch-Couch: Sie waren lange Jahre erfolgreiche Journalistin. -Wann und warum haben Sie sich entschlossen, Kinderbücher zu schreiben?

Hilke Rosenboom

Hilke Rosenboom: Ich war sehr gern beim „Stern“ und habe dort jahrelang sehr erfolgreich gearbeitet. Aber das Problem im Journalismus ist, dass sich die Themen nach einer Weile wiederholen. Vielleicht wiederholen sie sich nicht genau, aber sie ähneln einander stark. Das hängt damit zusammen, dass in Deutschland der Anlaßjournalismus gepflegt wird. Auslöser für Berichte sind oft Jubiläen, Jahrestage, Rekorde, Prämierungen und Auszeichnungen irgendwelcher Leute aber auch das Wetter, die Jahreszeit oder andere immer wieder kehrende Ereignisse, wie Festivals und Messen. Irgendwann einmal kommt man an den Punkt, an dem sich die Déja-vu-Erlebnisse häufen und man Gefahr läuft, sich selbst zu zitieren, nach dem Motto, „wie ich schon in meinem tollen Bericht von vor zehn Jahren so treffend sagte“. Hinzu kommt, dass ich es mit Tom Wolffe halte, der gesagt hat, dass das Reportersein ein Job für boys und girls ist, und nicht so sehr für erwachsene Menschen. Ich hab mit 22 Jahren beim „Stern“ angefangen und wollte den Job immer nur bis Mitte 30 machen, und das habe ich dann auch getan.

Kinderbuch-Couch: Gerade „Ein Pferd namens Milchmann“ war ein großer Erfolg. War dies der Moment, in dem für Sie feststand, dass Sie noch weitere Kinderbücher schreiben werden?

Hilke Rosenboom: Nein, das habe ich schon vorher entschieden. Es ist zwar angenehm, dass Bücher wie „Ein Pferd namens Milchmann“ so erfolgreich sind, aber für das Schreiben selbst ist es mir egal, ob und wie sich die Bücher verkaufen. Ich mache das nicht wegen des Geldes, ich mache es, weil ich bestimmte Geschichten erzählen möchte. Wenn sich meine Bücher nicht gut verkaufen würden, müsste ich mir einen Brotjob dazu suchen und dann eben in meiner Freizeit schreiben. Für die Geschichten selbst macht das keinen großen Unterschied, außer, dass dann alles vielleicht etwas langsamer gehen würde.

Kinderbuch-Couch: Oft hört man von Autoren, dass sie einen ganz persönlichen Kritiker haben …wer könnte das bei Ihnen sein?

Cover von Melissa und die Meerjungfrau

Hilke Rosenboom: Auf jeden Fall mein Mann. Er hat sich sein ganzes Leben lang mit Literatur beschäftigt, und wir reden sehr viel über Texte. Aber ich lese auch sehr gern die Zeitungskritiken, die über meine Bücher geschrieben werden. Es ist sehr interessant zu sehen, was ein Text bei jemandem auslöst, manchmal rührt es mich sehr, wenn ich sehe, dass ich das innere Kind eines Kritikers erwischt habe und dass es dieses Kind ist, dass sich nun mit einem meiner Bücher aueinander setzt.

Kinderbuch-Couch: Gibt es einen einzigen, ganz speziellen Ort, an dem Sie ganz frei und unbeeinträchtigt schreiben können?

Hilke Rosenboom: Ja, ich habe hier in Hamburg eine ganz kleine Arbeitswohnung in der Stadt, das liegt in einem verwunschenen Hinterhof mitten in einer Szenegegend. Dort fahre ich mehrfach in der Woche hin. Wenn ich keine Lust habe zum Schreiben, kann ich dort auch gut herumstreifen, irgendwo einen Kaffee trinken gehen oder einfach auf meinem Balkon in der Sonne sitzen und lesen. Ich habe dort nicht einmal Telefon, gehe von dort aus nie ins Internet und die Türklingel funktioniert ohnehin nicht. Sogar die Post ist auf ein Postfach umgemeldet, es gibt dort absolut keine Störungen. Das ist ein idealer Schreibort.

Kinderbuch-Couch: Was steht bei Ihnen am Anfang, welche Idee ist so zündend für Sie, dass Sie ein Kinderbuch darüber schreiben möchten? – Und wie gehen Sie dann weiter vor?

Hilke Rosenboom: Manchmal sehe ich Figuren meiner künftigen Romane auf der Straße, Menschen, die mich inspirieren, ohne dass ich sie dafür näher kennen lernen müsste. Manchmal entscheidet sich das innerhalb einer Sekunde. Diesen Helden erfinde ich dann Geschichten, die ich aufschreibe. Aber oft lösen auch wirkliche Ereignisse eine Geschichtenidee aus. Bei „Ein Pferd namens Milchmann“ war es zum Beispiel so, dass bei uns im Garten in einer Sommernacht plötzlich tatsächlich ein ausgewachsenes Pferd stand und schnaubte. Das Pferd war natürlich aus einem Reitstall ausgekniffen. Aber ich habe mich gefragt, was es bedeutet, dass es ausgerechnet bei uns auftaucht und meine Dahlien abweidet. Für mich gab es nur eine Antwort: Das Pferd wollte in einem Roman von mir vorkommen. Also habe ich mich am nächsten Morgen hingesetzt und angefangen, ihn zu schreiben.

Eigentlich glaube ich sogar bis heute, dass es Meerjungfrauen wirklich gibt. Hilke Rosenboom

Kinderbuch-Couch: Nun sind nach Ihrem Erfolgsbuch „Ein Pferd namens Milchmann“ zwei weitere Bücher erschienen: „Der Sommer der dunklen Schatten“ und, als neuestes Buch, „Melissa und die Meerjungfrau“. Ich war zunächst ein wenig über das Meerjungfrauen-Thema überrascht. Es gibt ja zur Zeit einige Veröffentlichungen zu diesem Thema. Ist das zur Zeit eine sehr gefragte Richtung in der Kinder- und Jugendliteratur? Bzw. hat dieser Trend eine Rolle für Sie gespielt?

Hilke Rosenboom: Nein, solche Trends sind mir egal, ich weiß nicht einmal, ob es sie wirklich gibt. „Melissa und die Meerjungfrau“ geht auf ein Thema zurück, das mich seit meiner Kindheit beschäftigt. Ich bin auf einer kleinen Insel in der Nordsee aufgewachsen und habe als Kind immer gehofft, dass ich eines Tages mal eine Meerjungfrau sehen würde. Vielleicht wollte ich gerettet werden. Eigentlich glaube ich sogar bis heute, dass es Meerjungfrauen wirklich gibt.

Kinderbuch-Couch: „Melissa und die Meerjungfrau“ ist für mich eindeutig ein Buch für Mädchen. War es Ihr Wunsch, auch einmal ein „Mädchenbuch“ zu schreiben?

Hilke Rosenboom: Ich dachte zuerst, dass ich das nicht kann, weil ich nur Söhne habe und eigentlich bislang eher für Jungen geschrieben habe. Ich musste also das Mädchen in mir selbst aktivieren. Letztlich hat es mir aber soviel Spaß gemacht, dass ich danach gleich noch zwei Bücher geschrieben habe, die sich auch eher an Mädchen wenden: Im August erscheint bei Bertelsmann ein historischer Abenteuerroman für Mädchen ab 12 Jahren, „Das falsche Herz des Meeres“, das ist ein richtiger dicker Schmöker geworden. Im Oktober gibt es dann bei Carlsen „Das Handbuch der Prinzessinnen“, das ist ein Roman für Mädchen ab 9 Jahren, etwas ganz Besonderes, Einzelheiten darf ich leider noch nicht verraten. Im Moment schreibe ich wieder etwas für Jungen, das wird jetzt der zweite Band „Milchmann“, psst!, das ist noch geheim.

Kinderbuch-Couch: Eine Besonderheit Ihrer Bücher ist aus meiner Sicht, dass Sie Ihren Humor mit Botschaften einer recht klugen Psychologie vermischen. Ist dies ein bewusst gewähltes Mittel von Ihnen?

Hilke Rosenboom: Ja, ich denke, dass man alle noch so schweren Botschaften ganz federleicht verpacken muss, damit man einen Text wirklich gerne liest. „Ein Pferd namens Milchmann“ ist in einer tieferen Schicht die Geschichte einer Rettung. Ohne Humor kann man Kindern mit solchen Themen nicht kommen, da würden sie auf Durchzug schalten. Andererseits aber sind es oft gerade die schweren Themen, die Kindern zu schaffen machen. Da sehe ich meine große Aufgabe in der Aufbereitung. Leichte Themen interessieren mich bei der Arbeit nicht.

Kinderliteratur, in der Erwachsene eine handelnde Rolle spielen, finde ich gruselig. Hilke Rosenboom

Kinderbuch-Couch: Ihren lebhaften Charakterdarstellungen und authentischen Momentaufnahmen nach zu schließen, sind Sie eine sehr gute Beobachterin. Sind Sie eigentlich stets „bei der Arbeit“ und halten die Augen offen? Ist dies gar eine wesentliche Inspirationsquelle für Ihre Bücher?

Hilke Rosenboom: Ja, ich arbeite insofern immer, nicht nur, wenn ich wieder mal auf Reisen bin. Aber ich beobachte die Menschen nicht nur, ich versuche auch zu erfassen, was in ihnen vorgeht. Letztlich geht es immer um Verständnis, Mitgefühl und Liebe. Auch wenn das jetzt vielleicht etwas kitschig klingen sollte, ich denke, dass es nicht damit getan ist, die Augen offen zu halten, ich versuche auch, mein Herz für andere Menschen zu öffnen.

Kinderbuch-Couch: Mir ist aufgefallen, dass in allen drei erwähnten Büchern die Kinder keine besonders enge Beziehung zu ihren Eltern haben. Welche Hintergründe könnten dafür eine Rolle spielen, etwa, dass Sie damit ein persönliches Anliegen zum Ausdruck bringen möchten?

Cover von Ein Pferd namens Milchmann

Hilke Rosenboom: Kinder sind immer allein, selbst wenn sie in intakten Familien aufwachsen und rund um die Uhr betreut und betüdelt werden. Jeder, der seinen Mitmenschen bestenfalls bis zum Ellenbogen reicht, kein eigenes Konto hat, nicht entscheiden darf, wann er ins Bett geht und nicht einmal Autofahren darf, muss sich doch allein fühlen! In meiner Literatur überzeichne ich dieses Alleinsein nur ein wenig, und entsorge die Erwachsenen meist schon auf den ersten Seiten. Oder ich lasse sie so klein erscheinen, dass sie dem Romanhelden keine Probleme mehr machen. Kinderliteratur, in der Erwachsene eine handelnde Rolle spielen, finde ich gruselig.

Kinderbuch-Couch: Wie viel von Hilke Rosenboom steckt in Ihren Büchern? Im Nachwort zu „Im Sommer der dunklen Schatten“ erfährt man, dass Ihre eigene Traurigkeit, die von einer kleinen Fledermaus begleitet wurde, zu diesem Buch die Idee geliefert hat. Für mich eine Erklärung, warum das Buch so dicht und mitreißend ist. Wie aber haben Sie selbst die Arbeit an diesem Buch empfunden?

Hilke Rosenboom: Das war einer dieser Stoffe, die ich einfach schreiben musste, weil ich mich von ihnen befreien musste. Die Aufgabe für mich war es, das Ganze so leicht und lustig zu gestalten, dass es damit erträglich wurde.

Kinderbuch-Couch: Und wie viel Kind steckt da eigentlich noch in der erwachsenen Hilke, das sich in Ihren Büchern frech meldet?

Hilke Rosenboom: Sehr viel. Ich bin ein ziemlich alberner Mensch, spiele sehr gern und ich habe nicht den Eindruck, dass sich mein Lebensgefühl seit meiner Schulzeit sehr stark verändert hätte.

Kinderbuch-Couch: Welche Botschaft möchten Sie Kindern grundsätzlich mit Ihren Büchern vermitteln?

Hilke Rosenboom: Nur eine: Das alles gut wird.

Kinderbuch-Couch: Sie schreiben auch – und das sehr erfolgreich – Literatur für Erwachsene. Ist es ein anderes Gefühl, eine sehr viel andere Herangehensweise, ein Kinderbuch zu schreiben? Oder gehören im Prinzip sogar die gleichen wichtigen „Zutaten“ dazu, um ein gutes Kinderbuch zu schreiben?

Hilke Rosenboom: Das ist beim Schreiben überhaupt kein Unterschied.

Kinderbuch-Couch: Welche Kinderbücher haben Sie in Ihrer Kindheit besonders geprägt?

Hilke Rosenboom: Da ich ja auch einer kleinen, und wie ich damals fand, etwas langweiligen Insel aufgewachsen bin, habe ich schon früh angefangen, sehr viel zu lesen. Und das waren dann nach kurzer Zeit keine Kinderbücher mehr, weil ich einfach alle, die ich kriegen konnte, schnell ausgelesen hatte.

Kinderbuch-Couch: Wo sehen Sie Ihre Zukunft – sie haben ja schon sehr viel Erfahrungen als Autorin, Redakteurin, Reporterin …gesammelt – gibt es ein „Lieblingskind“, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Hilke Rosenboom: Es wird in den nächsten Jahren eine ganze Menge neuer Kinderromane von mir geben – aber ich arbeite zur Zeit auch an einem Erwachsenenprojekt. Ich will nur Schreiben, das reicht mir schon.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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