Interview mit Kirsten Boie

Für die Kinderbuch-Couch: Karin Hahn

 

Kirsten Boie

Kirsten Boie wurde am 19.03.1950 geboren. Nach Schule und Studium arbeitete sie als Lehrerin und promovierte in Literaturwissenschaft. Neben Kinder- und Jugendbüchern schreibt die Hamburger Autorin auch Vorträge und Aufsätze zu verschiedenen Aspekten der Kinder- und Jugendliteratur und der Leseförderung. Ca. 80 Bücher sind laut Kirsten Boie von ihr bereits erschienen. Ihr erstes Buch „Paule ist ein Glücksgriff“ erschien vor 25 Jahren. Es folgten so erfolgreiche Bücher wie: „Die Medlevinger“, „Seeräuber-Moses“, „Mit Kindern redet ja keiner“, „Monis Jahr“,„Skogland“, „Alhambra“, „Der kleine Ritter Trenk“, „Josef Schaf will auch einen Menschen“, „Nicht Chicago. Nicht hier.“, „Der Prinz und der Bottelknabe“, „Wieder Nix!“ u.v.a.. Neu in diesem Jahr veröffentlicht der Oetinger Verlag von Kirsten Boie „Ringel Rangel Rosen“ und „Geheimnis im Möwenweg“.

Jetzt müsste man denken, ich schreibe ja schon so lange und ich müsste jetzt ein bestimmtes Selbstvertrauen entwickelt haben. Das ist bei jeder neuen Geschichte wieder weg …Kirsten Boie

Kinderbuch-Couch: Sie schreiben Erstlesebücher, Bilderbücher, Kinder- und Jugendbücher und haben bereits viele Auszeichnungen u.a. 2007 Sonderpreis des Deutschen Jungendliteraturpreises, 2008 den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur erhalten. In einem Interview habe ich gelesen, dass Sie gesagt haben: Ich möchte, dass Kinderliteratur ernst genommen wird.
Haben Sie den Eindruck, dass das generell nicht der Fall ist?

Kirsten Boie: Jeder, der ehrlich damit umgeht, muss doch sagen, dass das nicht der Fall ist. Wenn man sich z. B. die Feuilletons anschaut, dann spielt Kinderliteratur eine ganz, ganz geringe Rolle. Wer später Leser wird, das entscheidet sich in der Kindheit und insofern macht es schon Sinn, Eltern und Lehrern mehr Kinderbücher vorzustellen und auch Kriterien an die Hand zu geben, was man Kindern anbieten sollte oder nicht anbieten sollte, was diskussionswürdig ist. Und wir wissen ja auch, dass zwischen dem, was wir als Erwachsene z.B. sehr schätzen an Kinderbüchern und was Kinder mögen, oft Welten liegen. Ich denke, mit dieser Frage muss man sich auch mal auseinandersetzen und sich fragen, wie kann man denn diese Kluft überbrücken. Was könnten das denn für Bücher sein, die Kindern ganz viel Spaß machen, die Kinder zu süchtigen Lesern machen, die aber auch gleichzeitig anspruchsvolle erwachsene Leser zufrieden stellen, wenn sie vorlesen oder mit den Kindern mitlesen. Dieses ganze Thema wird bei uns doch nicht offensiv diskutiert.

Kinderbuch-Couch: Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie ein Kinderbuch schreiben?

Kirsten Boie: Zunächst mal, dass Kinder daran Spaß haben, sonst kommt es zu Leseabbrüchen. Und dann versuche ich auch immer, und das ist gerade die Schwierigkeit, wenn man für Kinder schreibt, für mein jeweiliges Thema oder den Stoff die angemessene und beste Form zu finden. Allerdings muss es dann auch noch den Anspruch erfüllen, dass es für Kinder auch noch Spaß macht. Wenn ich schreibe, denke ich darüber gar nicht mehr nach. Aber im Vorfeld schon.

Kinderbuch-Couch: Sie haben gern als Lehrerin gearbeitet, dann zwei Kinder adoptiert und sind so, fast unfreiwillig, zum Schreiben gekommen.

Kirsten Boie: Und als ich wieder anfangen wollte als Lehrerin zu arbeiten, da hat das Jugendamt mir das verboten. Und das finde ich auch immer noch nicht richtig. Ich denke, man kann ganz gut Kinder haben und nebenbei berufstätig sein. Das fand das Amt aber nicht. Sie sagten, sie können jetzt entweder Mutter sein oder sie können arbeiten und ich wollte ja meine Kinder gerne behalten, deshalb bin ich natürlich zu Hause geblieben. Aber ich habe überlegt, was kann ich so ganz heimlich machen, was das Jugendamt nicht merkt, irgendeine Arbeit, wo sie mir nicht auf die Schliche kommen können und da ist mir eingefallen, dass ich als Kind so furchtbar gern Geschichten geschrieben habe und dann habe ich gedacht, vielleicht ist das eine Möglichkeit, vielleicht kann ich dann Geschichten schreiben.
Hätte ich auf natürlichem Wege Kinder geboren, dann wäre ich wahrscheinlich auch Lehrerin geblieben. Aber so kam es dann ganz anders.

Kinderbuch-Couch: In Ihrem ersten Kinderbuch „Paule ist ein Glücksfall“ beschreiben Sie den Alltag eines farbigen Jungen, der langsam bemerkt, wie die Umwelt auf ihn reagiert. Das Buch ist jetzt 25 Jahre alt, aber man könnte denken, es sei heute geschrieben. Haben Sie das Buch für die Neuauflage 2010 überarbeitet?

Kirsten Boie: Nein. Das Lektorat und ich haben DM in Euro umgewandelt. Das Buch spielt ja in der Gegenwart und die Kinder, die es lesen, müssen das Gefühl haben, dass da alles stimmt. Aber sonst habe ich nichts verändert.

Kinderbuch-Couch: Sie schreiben oft aus der Perspektive ihrer Hauptfigur, einem Kind. Wie schaffen Sie es, diesen genauen Ton zu finden, der junge Leser überzeugt?

Kirsten Boie: Ich weiß ja gar nicht, ob das richtig stimmt. Das können ja eigentlich nur die Kinder beurteilen, ob das stimmt. Und wie ich das mache, weiß ich nicht. Es sind sicher zwei Sachen, das eine ist, dass ich ja immer noch sehr viel mit Kindern zu tun hab, mit ihnen rede und dadurch ganz viel über Kinder erfahre und das andere ist, dass ich mich noch sehr, sehr gut an meine eigene Kindheit erinnern kann. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber ich kann das und ich kann mich vor allen Dingen noch ganz gut daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe in bestimmten Situationen, unglücklich oder dass ich gemerkt habe, dass etwas ungerecht war oder worüber ich mich ganz doll gefreut habe und an diese Gefühle kann ich mich noch gut erinnern und dann versuche ich das auch so zu erzählen – aber für heutige Kinder.

Kinderbuch-Couch: In Ihren Büchern trauen Sie Ihren Lesern viel zu, besonders in dem Kinderbuch „Mit Kindern redet ja keiner“. Hier dreht sich die Geschichte um die neunjährige Charlotte und ihre Mutter, die an Depressionen leidet.

Kirsten Boie: Wenn jemand eine Grippe hat, dann sagt man, o Mensch, meine Mutter hat eine Grippe, die liegt jetzt im Bett. Darüber redet man, aber wenn jemand Depressionen hat, dann ist das den Leuten komischerweise peinlich und dann reden sie nicht darüber und dann reden sie auch mit ihren Kindern nicht darüber und ich denke, man kann mit Kindern über alles, alles reden. Es ist viel schlimmer, wenn man die Dinge vor ihnen geheim hält. Die Kinder sind ja nicht so dumm, dass sie nicht merken, da ist etwas nicht in Ordnung, aber niemand sagt ihnen, was los ist und das ist das Schreckliche, wenn die Kinder mit ihnen reden, dann sind sie viel klüger als Erwachsene denken.

Kinderbuch-Couch: Für die Möwenweg-Reihe, jetzt ist der sechste Band „Geheimnis im Möwenweg“ erschienen, schreiben Sie immer wieder neue Bände über die Alltagserlebnisse der Kinder. Stellen Sie sich so eine glückliche Kindheit vor?

Kirsten Boie: Ja. Kinder brauchen auch ganz viele Bücher, die fröhlich machen, die sie trösten, mit denen sie sich wohl fühlen. Und für mich hat das mit den Möwenweg-Büchern zu tun, für mich als Kind waren das die Bullerbü-Geschichten von Astrid Lindgren. Die habe ich immer noch, meine Bücher aus der Kindheit und die sind vollkommen zerfleddert, weil ich mich bis zu einem relativ hohem Alter aufs Sofa gelegt habe und die Bullerbü-Geschichten gelesen habe, z.B. vor den Prüfungen zum Abitur. Da hatte ich längst „Die Blechtrommel“ und vieles mehr gelesen. Aber zum Trost und zur Beruhigung habe ich die Bullerbü-Geschichten gelesen. Und das ist so eine Form von Regression, das ist ganz toll, dass die funktioniert.

Kinderbuch-Couch: Wenn Sie ein neues Buch beginnen, wissen Sie dann schon wohin die Reise bis zum Ende geht oder lassen Sie sich im Verlaufe des Schreibens treiben?

Kirsten Boie: Das ist so eine Mischform. Ich bin wahrscheinlich ein ziemlich systematischer Mensch, das glaube ich inzwischen einfach. Und ich bin verängstigt, wenn ich nicht weiß, wie sich eine Geschichte entwickeln wird und ob ich denn jemals bis zum Ende komme. Und deshalb gibt es bei mir immer relativ lange Brainstorming-Phasen, das kommt natürlich auf die Komplexität des Buches an. In dieser Phase rede ich mir dann ein, ich wüsste wie der Handlungsverlauf ist. Das schreibe ich mir in Stichworten auch auf und dann kann ich anfangen zu schreiben, wenn ich den ersten Satz habe. Aber das verändert sich beim Schreiben meistens phänomenal. Während des Schreibprozesses setzt ja dann das ein, was Spaß macht, nämlich, dass das Unterbewusstsein anfängt zu arbeiten und ich muss nur noch aufschreiben, was mir einfällt. Ich plane das nicht, ich schreibe das einfach nur auf. Der Handlungsverlauf ändert sich, die Personen gewinnen Konturen und gehen in ganz andere Richtungen als geplant. Dass das so geschieht, das weiß ich inzwischen und trotzdem brauche ich das Konzept am Anfang.

Kinder brauchen auch ganz viele Bücher, die fröhlich machen, die sie trösten, mit denen sie sich wohl fühlen… Kirsten Boie

Kinderbuch-Couch: Beim Jugendbuch „Monis Jahr“ könnte man im ersten Moment denken, dieses Buch erzählt ihre eigene Geschichte. Aber das ist nicht so. Ihr Leben spielt in Ihren Kinder- und Jugendbüchern keine Rolle.

Kirsten Boie: Ich schreibe nie ganz genau über mein eigenes Leben oder das meiner Kinder, weil ich denke, das Privatleben ist ja was ganz, ganz Wichtiges und was ganz, ganz Kostbares und das möchte ich auch gerne privat behalten. Aber ich erzähle oft Geschichten, die etwas damit zu tun haben, was mir passiert ist und dann denke ich, bei dir war das so, aber es hätte ja auch ganz anders sein können. So ähnlich ist das ja in den Paule-Geschichten. Das sind zwar Geschichten über ein adoptiertes Kind und ich habe ein Kind adoptiert, aber die Geschichten sind alle ausgedacht, das habe ich mir so vorgestellt, so könnte das sein. Und so ist es eben ganz oft.

Kinderbuch-Couch: Sie legen sich nie auf ein Genre oder Themen fest. Ist das Schreiben für Sie in vielerlei Hinsicht auch Neuland, um sich auszuprobieren?

Kirsten Boie: Ja, das gebe ich jetzt einfach mal zu. Es gibt es schon manchmal, dass ich denke, das hast du doch noch nie gemacht, probiere das doch mal aus. Generell brauche ich beim Schreiben auch das Gefühl, dass es auch für mich selbst spannend ist, dass es auch mir selbst Spaß macht, dass ich nicht nur für die Leser schreibe, sondern auch für mich selber eine Herausforderung suche. Herausforderung ist jetzt ein zu großes Wort, aber in klein, muss es das für mich jedesmal wieder sein. Ich muss auch beim Schreiben Angst haben, ob ich bis zum Ende komme, ob überhaupt das, was ich mache, vernünftig ist. Jetzt müsste man denken, ich schreibe ja schon so lange und ich müsste jetzt ein bestimmtes Selbstvertrauen entwickelt haben. Das ist bei jeder neuen Geschichte wieder weg.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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