Interview mit Konrad Utz

Für die Kinderbuch-Couch: Stefanie Eckmann-Schmechta

Jens Rassmus

Seine „;Geschichten von Drache und Bär“; sind unser Kinderbuch des Monats im August (2006) und wurden von uns mit dem Kinderbuch-Couch-Star* ausgezeichnet. Der Autor Konrad Utz lebt seit kurzer Zeit mit seiner Familie in Brasilien. Viele von uns stellen sich da ein Land vor, in dem immer die Sonne scheint, die Menschen stets gute Laune haben und überhaupt: Alles nicht so verkniffen gesehen wird. Da könnte man ja schon richtig neidisch werden und nur zu gerne hätten wir dieses Interview verständlicherweise vor Ort geführt. Aber das war uns leider nicht vergönnt. Wir freuen uns aber umso mehr, dass uns Konrad Utz auch auf schriftlichem Wege so ausführliche und interessante Einblicke in sein Leben und seine Arbeit gewährt, aber auch darüber, dass wir die wahren Hauptdarsteller und „Inspirationsfiguren“ seines Kinderbuchdebüts präsentieren können – Drache und Bär!

Für mich verhalten sich Geschichtenschreiben und philosophisches Schreiben zueinander wie Dauerlauf und Klavierspielen. Konrad Utz

Kinderbuch-Couch: Herr Utz, wir wissen natürlich, dass Sie in Brasilien nicht Urlaub machen, sondern dass Sie seit 2006 Professor für Philosophie in Fortaleza sind. Erzählen Sie uns doch bitte ein wenig von Ihrer Arbeit und Ihrem Leben dort?

Konrad Utz: Wir leben sehr schön, in einem Haus mit Meerblick, nicht weit vom Strand entfernt. Die Temperaturen liegen fast immer bei knapp 30°, dazu weht ein kühlender Wind. Für meine Frau und mich ist das ideal. Besonders wohl fühlen wir uns mit den Menschen hier. Viele von den verbreiteten Vorstellungen über die brasilianische Mentalität stimmen schon. Wir haben sehr schnell Freunde gefunden, einschließlich unserer Tochter, und fühlen uns schon fast zu Hause. Tatsächlich sind die Menschen hier sehr herzlich und offen, kinderlieb, lebensfroh und gastfreundlich. Sie feiern gern, wenn auch manchmal etwas laut, und nehmen das Leben gelassen. Wir fühlen uns damit sehr wohl und verschmerzen die Nachteile, die es hier natürlich auch gibt. Als wirklich bedrückend empfinden wir die Armut, außerdem manchmal die Gewalt. Die ist hier in Fortaleza zwar noch nicht ganz so bedrohlich. Trotzdem bewegt man sich vor allem im Stadtzentrum nicht so unbeschwert, wie in Deutschland.

Die Arbeit an der Uni ist nicht so verschieden von der in Deutschland. Ich bin hier ganz normaler Dozent, halte meinen Unterricht und mache meine Forschung. Der Lehrplan ist etwas verschulter als an deutschen Unis, aber ansonsten halten wir unsere Vorlesungen und Seminare, schreiben Artikel und Bücher und geben Vorträge wie man das als Professor in Deutschland und anderswo auch macht. Im Niveau können wir uns sicher nicht ganz mit deutschen Unis vergleichen. Aber es gibt viele begabte und interessierte Studenten, mit denen die Arbeit Spaß macht.

Kinderbuch-Couch: Wie ist Ihnen die Idee gekommen, nachdem Sie bereits erfolgreich für die erwachsene Leserschaft mit Schwerpunkt Philosophie veröffentlicht haben, für Kinder zu schreiben?

Die Originale - Drache und Bär

Konrad Utz: Bevor wir nach Brasilien zogen war meine Frau drei Jahre lang Marketingreferentin in einem kleinen Verlag. Eines Tages sagte sie mir, der leitende Lektor wolle die Kinderbuchsparte ausbauen und suche nach Manuskripten. Da ist mir die Idee gekommen, was zu schreiben. Die thematische Anregung kam dann von meinem alten Teddybären und von einem Stoffdrachen, in den man die Hand hineinsteckt und dann Maul, Zunge und Augen bewegen kann. Ein faszinierendes Geschöpf, das ich einmal zu Weihnachten bekommen habe. Ich dachte, die zwei passen zusammen. Nur bezüglich des Verlags habe ich mich dann doch anders entschieden. Ich fand, das Buch sei bei einem echten Kinderbuchspezialisten besser aufgehoben. Daß es am Ende Sauerländer genommen hat, war ein großer Glücksfall.

Kinderbuch-Couch: Wie wir erfahren konnten, gibt es Drache und Bär ja wirklich. Sie waren einst Ihre Begleiter in Kindertagen. Sind die beiden immer noch bei Ihnen?

Konrad Utz: Sie sitzen hinter mir im Regal. Allerdings stammt nur der Bär aus meiner Kinderzeit. Der Drache ist erst später dazu gekommen, als Geschenk meiner Frau.

Kinderbuch-Couch: Woher stammt letztlich die Idee, diese ungleichen Akteure (die, mal abgesehen von ihrem Hang zur Häuslichkeit und ihrer Vorliebe für Höhlen ja nicht so viel gemeinsam haben) als Hauptdarsteller in Sachen Freundschaft zu verwenden? Die beiden hätten sich ja beispielsweise auch um die schöne Höhle streiten können – aber stattdessen sind es die dicksten Freunde geworden. Was hat Sie bewegt, die Geschichte so anzulegen?

Konrad Utz: Ich hatte einfach die Idee, der Drache und der Bär erleben gemeinsam Sachen. Das war der Grundgedanke, aus dem sich alles Weitere entwickelt hat. Deshalb stellte sich für mich nie die Frage, ob die zwei Freunde werden oder statt dessen Streit anfangen. Die Charaktere gegensätzlich anzulegen ergab sich zum einen aus dem Naturell der Tiertypen. Zum andern macht das natürlich das Geschichtenausdenken reizvoller und gibt mehr Gelegenheiten zur Komik.

Die Höhlengeschichte war übrigens gar nicht die erste. Im Gegenteil war es eine der letzten und die einzige „Auftragsarbeit“. Die Lektorin wollte eine Geschichte, die den Drachen und den Bären vorstellt. In diesem einen Fall habe ich mir also eine Aufgabe gestellt und erst dann nach Ideen dafür gesucht – das war sonst nie so. Zu dieser Aufgabe gehörte für mich auch, daß man erfährt, wie der Drache und der Bär Freunde geworden sind. Meine allerersten Geschichten, die übrigens gar nicht im Band erscheinen, hatten das einfach unterstellt.

Die Wahrheit ist etwas, das wir suchen müssen und das sich uns – manchmal – eröffnet. Konrad Utz

Kinderbuch-Couch: Die Eigenarten eines Bären sind vielen von uns ja geläufig. Aber bei Nurmi muß man schon schmunzeln, auf welche Weise seine Leidenschaften dargestellt werden. Wieviel davon entspricht Ihrer ganz eigenen Vorstellung von einem Drachenleben?

Konrad Utz: Fast alle Eigenschaften von Nurmi sind Drachen-Gemeinplätze. Die gesamte einschlägige Fachliteratur stimmt darin überein, daß Drachen: a) in Höhlen wohnen, b) Schätze horten, c) Feuer speien, Rauch ausstoßen und fliegen, d) mit Rittern zu kämpfen haben, e) Jungfrauen vornehmen Geblüts verspeisen, f) manchmal listenreich und weise sind, g) im übrigen aber wild, ungestüm, oft etwas unkontrolliert und h) außerdem ziemlich eitel. Ich habe mich also rechtschaffen bemüht, alle Vorgaben zu erfüllen. Wie ja beim Bären auch. Wer Winnie the Pooh gelesen hat oder das Dschungelbuch wird kaum eine Eigenart finden, die neu wäre. Überhaupt bin ich stolz darauf, daß die Geschichten praktisch alle Klischees bedienen (die kleine Prinzessin spielt sogar mit Puppen!) und trotzdem originell sind.

Kinderbuch-Couch: Drache Nurmi und der Bär verkörpern ihre typischen Eigenarten sehr sympathisch. Wie würden Sie die beiden charakterisieren? Entspricht ihr Typus einem „menschlichen Vorbild“?

Konrad Utz: Die erste Frage möchte ich nicht beantworten. Ich finde, ein Autor sollte seine Geschichten und Charaktere nicht erklären. Das verletzt das Recht des Lesers auf die eigene Phantasie. Zur zweiten Frage: Ich erkenne vor allem im Drachen, aber auch im Bären, einige Charakterzüge von mir selbst wieder. Aber ich habe die beiden nicht nach menschlichen Vorbildern modelliert, schon gar nicht nach meiner eigenen Person.

Kinderbuch-Couch: Haben Sie zu den einzelnen Geschichten, die ja allesamt einen sehr gelungenen Plot haben, vorab ein Konzept erstellt – oder haben Sie einfach „drauflosgeschrieben“ und sich die Geschichte entwickeln lassen?

Konrad Utz: In der Regel hatte ich eine Grundidee, die ich dann weiter ausgebaut habe. Normalerweise stand am Anfang der Einfall für den Erzählbogen in seinen einfachsten Grundzügen. In diesem Sinn habe ich die Geschichte nicht sich offen entwickeln lassen. Wohl aber sind manchmal am Anfang oder am Ende noch Teile hinzugekommen, die über die ursprüngliche Erzählidee hinausgehen oder sie erweitern, so zum Beispiel die Beerenstory beim „In-sich-selber-drin“ oder die Rückgabe der geborgten Sachen in „die Flöhe“. Die meisten Geschichten habe ich erst einmal eine Weile im Kopf herumgetragen und dort reifen lassen, bevor ich sie aufgeschrieben habe. Die Mehrzahl der Details, aber auch viele der erzählerischen Verbindungsstücke, die ja die Konstruktion einer Geschichte erst einleuchtend machen, haben sich interessanterweise erst beim Schreiben gefunden. Ich habe mich manchmal selbst gewundert, wie das funktioniert. Auch viele Witze ergeben sich unerwartet von selbst, wenn man ein bißchen aufpaßt. So hatte ich zum Beispiel die Rückwärts-Interpretation der Falle durch die Prinzessin gar nicht ins Auge gefaßt gehabt. Diese Pointe hat sich mir plötzlich beim Ausformulieren angeboten.

Kinderbuch-Couch: Viele Situationen und Hintergründe von Nurmi und dem Bären haben mich und die zuhörenden Kinder richtig zum Lachen gebracht; war es für Sie von Anfang an klar, dass es ein so humorvolles und unbeschwertes Buch werden wird?

Konrad Utz: Ich habe mir eigentlich keine Gedanken gemacht, was es für ein Buch wird. Ich habe einfach angefangen zu schreiben bzw. mir Geschichten auszudenken. Aber die Grundstimmung beim Schreiben war schon die Heiterkeit.

Kinderbuch-Couch: Woher nehmen Sie die guten Einfälle für Ihre Geschichten? Lassen Sie sich von anderen Menschen, von Ihrem Alltag inspirieren oder „leben“ die beiden (Drache und Bär) mit Ihnen und erzählen Ihnen so auf ihre Weise ihre Geschichten?

Konrad Utz: Meistens waren es irgendwelche konkreten Situationen, zum Teil im Zusammenhang mit den beiden Stofftieren, zum Teil aber auch ganz unabhängig davon. Zum Beispiel habe ich selbst einen Panamahut. In den Tropen ist der sehr praktisch, vor allem, wenn der Haarwuchs schon etwas gelichtet ist. Man holt sich sonst leicht einen Sonnenbrand. Diesen Hut habe ich mal versuchsweise dem Bären aufgesetzt und er stand ihm hervorragend. Man sah gleich: „Ein Hut ist gut“. Die Geschichte von der Falle geht darauf zurück, daß meine Frau sehr gerne Rhabarbertorte ißt und ich ihr in Tübingen oft Sonntags eine von der Konditorei geholt habe. Manchmal waren die Anregungen auch literarisch bzw. cineastisch. So steht hinter der „Mondfahrt“ zwar zum einen der tatsächliche Honigmond, der eines Nachts am Himmel leuchtete, zum anderen aber Wallace und Grommit, die sich im Zeichentrickfilm eine Mondrakete bauen, um an den Käse zu kommen. Man kommt recht schnell auf Ideen, wenn man sich irgend etwas Markantes aus dem täglich Erlebten nimmt und sich fragt: Was hat das jetzt mit dem Drachen und dem Bären zu tun?

Kinderbuch-Couch: Sie haben in einem anderen Interview gesagt, dass Sie die Geschichten von Drache und Bär gar nicht so philosophisch finden und sie auch nicht Ihre Philosophie vorstellen sollen. Für einen Philosophen mag nicht viel in den Geschichten liegen, doch für einen Laien erschient es dennoch so, denn es stecken noch eine Menge kluger Gedanken darin, die vom Gefühl her einfach richtig sind. Aus meiner Sicht ist dies auch der Faktor, der Ihre Geschichten so unwiderstehlich macht. Hat Brasilien oder auch die Zeit in Indien damit zu tun, dass der „Vater“ von Drache und Bär diese stillen Weisheiten unbewusst weitergibt, ja, dass er – glücklicherweise – vielleicht gar nicht anders kann?

Konrad Utz: Was das letztere angeht, daß ich vielleicht nicht anders kann, als Weisheiten von mir zu geben, da sollten sie mal mit meinen Geschwistern reden. Die schätzen das zumindest von der Wertung her anders ein. Also im Ernst: Das Grundthema der Geschichten und meiner Philosophie ist das gleiche: die Freundschaft. Ansonsten gibt es keine Verbindungen, die ich beim Schreiben der Geschichten willentlich hergestellt hätte. Ich halte es auch, schriftstellerisch gesehen, nicht für klug, so etwas zu versuchen. Geschichten haben ihre eigene Logik. Wenn man Geschichten schreibt, muß man dieser Logik folgen und nicht den Überzeugungen, die man sich anderweitig einmal gebildet hat. Die Überzeugungen stehen beim Schreiben natürlich immer im Hintergrund, zusammen mit der allgemeinen Denkweise des Autors, seiner Persönlichkeitsstruktur und seiner psychischen Ausstattung. Aber wie das alles beim Schreiben in den Tiefen des Unterbewußten und Halbbewußten ineinanderspielt, muß einen – glücklicherweise – nicht beschäftigen. Im Gegenteil sieht man am besten ganz davon ab und überläßt sich der eigenen Dynamik der Erzählung. Wenn man so der inneren Folgerichtigkeit seiner Geschichte folgt, dann kommt manchmal eine ganz eigene Weisheit zutage. Wenn Sie meinen, daß das auf meine Geschichten zutrifft, dann freut mich das natürlich.

Ob das mit meinen Auslandserfahrungen zu tun hat? In Brasilien und mehr noch bei meinem Studienjahr in Indien habe ich sehr viel gelernt. Vieles davon sind Daten und Fakten, die sich mir eingeprägt haben. Noch mehr davon sind aber Prägungen, die ich selbst erfahren habe und die ich gar nicht genau und im Einzelnen benennen kann. Vielleicht haben Sie recht, daß sich zusammen mit dieser Art des unbewußten Lernens und auch die Art der unbewußten Weitergabe von Gelerntem entwickelt hat.

Kinderbuch-Couch: Wie nahe liegen, Ihrer Meinung nach, Philosophie und Fantasie beieinander?

Konrad Utz: Es gibt sehr viele Auffassungen darüber, was Philosophie ist. Eine der beliebtesten Streitfragen der Philosophen ist die Definition von Philosophie. Es gibt Philosophen, die die Philosophie sehr nahe an die Literatur rücken und der Phantasie eine entscheidende Rolle zumessen. Das ist nicht meine Auffassung. Nach meiner Meinung ist die Aufgabe der Philosophie, die Wahrheit zu suchen, und zwar in einem Sinn, der auf das Sein und das Leben im Ganzen geht. Dabei hat Philosophie sich, anders als die Kunst, mit Argumenten für das zu rechtfertigen, was sie sagt. Sie ist also an etwas Objektives, Allgemeingültiges verwiesen, nicht an den individuellen Erfindungsgeist. Denn die Wahrheit wird nach meiner Überzeugung nicht gemacht oder erfunden. Sie ist nicht beliebig und auch nicht schlechthin relativ. Die Wahrheit ist etwas, das wir suchen müssen und das sich uns – manchmal – eröffnet. Zwar haben die Philosophen schon lange herausgefunden, daß das mit der Objektivität und Allgemeingültigkeit unseres Erkennens nicht so einfach ist. Aber das bedeutet nicht, daß man darauf vollständig Verzicht leisten muß. Es gibt Wahrheit und Gültigkeit auch und gerade im Zufälligen, im Unfertigen und Unbestimmten.

Phantasie braucht man im philosophischen Geschäft auch, aber als Hilfsmittel. Man braucht sie, um neue Ideen zu entwickeln, die man dann auf ihre Wahrheit prüft. Das geht manchmal fast wie in den Naturwissenschaften, über Hypothese und Experiment – nämlich über Gedankenexperimente -, bzw. über die Konstruktion von Beweisen, wie in der Mathematik. Dafür braucht man natürlich Phantasie und Intuition, wie in den anderen Wissenschaften auch. Und man braucht die Phantasie außerdem, um philosophische Gedanken anschaulich zu vermitteln.

Kinderbuch-Couch: Mußten Sie sich sprachlich sehr umstellen, als es daran ging, ein Kinderbuch zu schreiben? Welche sprachlichen Mittel haben Sie für diese Aufgabe bewußt gewählt?

Konrad Utz: Für mich verhalten sich Geschichtenschreiben und philosophisches Schreiben zueinander wie Dauerlauf und Klavierspielen. Ich stelle mich nicht wirklich um, ich mache das eine oder das andere. Woher ich dann die sprachlichen Mittel für den Drachen und Bären genommen habe? Wahrscheinlich aus einem Teil meiner Persönlichkeit der in dem entsprechenden Alter hängengeblieben ist. Jedenfalls ergab sich für mich der Stil sozusagen automatisch aus dem Charakter der Geschichten.

Ein paar Gedanken habe ich mir natürlich schon gemacht. So habe ich mich bemüht, möglichst minimal zu erzählen, also nur das Nötigste zu sagen. Das hat dazu geführt, daß ich mir jedes einzelne Wort sehr genau überlegt habe, fast wie beim Gedichteschreiben. Allerdings bin ich dabei, von der Sparsamkeitsregel abgesehen, nicht nach einem Kriterienkatalog vorgegangen. Ich habe die Sätze sozusagen vor mein inneres Ohr gehalten, bis sie gestimmt haben.

Ein weiteres stilistisches Mittel habe ich eher intuitiv eingesetzt. Die Erzählerstimme schmiegt sich in der Sprechweise wie auch in der Sichtweise der Dinge jedes mal sehr eng an diejenige Figur an, die sie gerade bespricht. Der Übergang zwischen Erzählperspektive und innerem Monolog der Figur ist manchmal fließend. Das ist ein Stilmittel, das vor allem Kipling meisterhaft einsetzt. Damit im Zusammenhang steht der gelegentliche Tempuswechsel ins Präsens und der weitgehende Verzicht auf den Konjunktiv.

Kinderbuch-Couch: Wie lange tragen Sie sich schon mit dem Gedanken, Geschichten über den Drachen und den Bären zu schreiben? Was war der Impuls, ihr Manuskript an einen Verlag zu schicken?

Konrad Utz: Wie gesagt ergab sich der Entschluß zu den Geschichten spontan auf die Anfrage meiner Frau hin. Davor hatte ich nie daran gedacht, ein Kinderbuch zu schreiben.

Meine Impulse, das Manuskript Verlagen anzubieten – ich habe zwanzig angeschrieben und eine Zusage bekommen – waren all jene Selbstsüchtigkeiten, die bei so was typischerweise in Frage kommen: erzählerisches Mitteilungsbedürfnis, Eitelkeit und durchaus auch die Hoffnung, ein bißchen Geld zu verdienen. Daneben habe ich natürlich auch gehofft, daß andere Freude an den Geschichten haben würden. Ein klein wenig Restaltruismus gab es also ebenfalls.

Kinderbuch-Couch: Wie kam der Kontakt zu dem Illustrator Daniel Napp zustande?

Konrad Utz: Die Illustratorensuche war etwas schwierig. Ein erster Vorschlag des Verlags hat mir nicht so gefallen, dann gab es einiges hin und her mit Alternativen. Zuletzt hat mir die Lektorin mehrere Illustratoren zu Auswahl angeboten. Daniel Napp war für mich eindeutig der beste, die Idealbesetzung für das Buch. Ich bin sehr froh, daß er die Aufgabe übernommen hat.

Den weiteren Kontakt hat dann allerdings der Verlag gemacht. Das ist durchaus üblich, und vielleicht auch ganz gut so. Auf diese Weise behält der Illustrator die nötige Freiheit. Ich habe Daniel Napp persönlich noch nicht kennengelernt.

Kinderbuch-Couch: Die Illustrationen sind wirklich überaus gut gelungen. Haben Sie sich selbst die beiden (Drache und Bär) auch so vorgestellt? Hat es einen Austausch zwischen Ihnen und Daniel Napp gegeben?

Cover von Geschichten von Drache und Bär

Konrad Utz: Nachdem der Drache und der Bär ja wirklich existieren, waren meine bildliche Vorstellung durch sie festgelegt. Natürlich sehen der Drache und der Bär von Daniel Napp anders aus. Er hatte ja nicht die Aufgabe, meine Plüschtiere abzumalen – und er hat auch gar nicht von ihnen gewußt. Wahrscheinlich hätte ihn das allenfalls behindert. Ich finde, es ist ihm hervorragend gelungen, sich in die Geschichten und ihre beiden Helden einzufühlen und sie in die Sprache seiner Zeichnungen zu übersetzen. Die Figuren sind ausgesprochen lebendig und haben charakterliche Tiefe. Sie sind sehr liebevoll gezeichnet, ohne dabei je in die Nähe von Kitsch zu kommen. Und wie bei jeder wirklich guten Buchillustration sind die Bilder bei all dem durchaus selbständig, sie haben ihren eigenen Blick auf die Geschichten und auf die Charaktere und sie haben ihre eigene Komik.

Der einzige grundsätzliche Unterschied zu meinen eigenen bildlichen Vorstellungen ist, daß ich mir den Drachen und den Bären im Verhältnis zu Prinzessin, Rittern und anderen Figuren der Geschichten wesentlich größer gedacht habe. Bei manchen Geschichten wird das auch aus dem Wortlaut klar. Aber das ist sicher für die Phantasie der Leser, um die es ja letztlich geht, nicht erheblich.

Kinderbuch-Couch: Kommen wir noch einmal auf Ihre derzeitige Wahlheimat Brasilien zurück. Wie sieht es dort eigentlich mit der Kinderliteratur aus: Was lesen die Kinder in Brasilien am liebsten, welchen Stellenwert hat Kinderliteratur dort generell? Und natürlich sind wir neugierig, ob die Kinder in Brasilien auch „Drache und Bär“ kennen.

Konrad Utz: Ich kenne noch nicht die Titel, die hier beliebt sind. Insgesamt ist es hier mit Kinderliteratur deutlich schlechter bestellt, als in Deutschland. Bücher sind hier allgemein verhältnismäßig teuer, ein großer Teil der Bevölkerung kann sich gar keine leisten. Die Sparte Kinderbuch scheint der brasilianische Buchhandel noch nicht so recht entdeckt zu haben. Jedenfalls gibt es hier bei weitem nicht so viele gute und schöne Kinderbücher, wie in Europa. Hinzu kommt, daß Brasilien – trotz bedeutender Schriftsteller – wenig Lesekultur hat. Das hängt zum einen sicher mit dem bis vor kurzem sehr weitverbreiteten Analphabetismus zusammen, den es natürlich auch jetzt noch gibt, zum andern vielleicht auch damit, daß die brasilianische Gesellschaft noch bis vor zwei, drei Generationen sehr agrarisch geprägt war, die Leute zum Teil sehr entlegen wohnten und Bildung keine so große Rolle spielte. Als sich das änderte war unglücklicherweise schon bald das Fernsehen da. Die orale Kultur ist hier sozusagen direkt in die Fernseh- und Computerkultur übergegangen und hat das Stadium der Schriftkultur übersprungen. Die Kinder, auch schon die allerkleinsten, werden fast alle stundenlang vor den Fernseher gesetzt oder haben ihn wenigstens im Hintergrund laufen. Vorlesen tut so gut wie niemand. Dagegen etwas zu unternehmen, wäre eine echte Herausforderung.

Pläne für eine Übersetzung des „Drachen und Bären“ ins Portugiesische gibt es bis jetzt noch nicht. Aber ich werde versuchen, brasilianische Verlage anzusprechen.

Kinderbuch-Couch: War es schwierig für Sie, sich an die andere Mentalität und nicht zuletzt an die fremde Sprache zu gewöhnen? Andererseits, welche Umstände würden Sie nennen, die Ihnen Ihre Arbeit als Professor für Philosophie in Brasilien erleichtern?

Konrad Utz: Das erste mal bin ich 1988 nach Brasilien gekommen. Ich habe ein Jahr bei einer Entwicklungshilfeorganisation mitgearbeitet, die Kleinbauern und landlosen Bauern half. Damals habe ich die Sprache gelernt, ich habe die Lebensweise hier kennengelernt und ich habe das Land liebgewonnen. Außerdem habe ich Freunde gefunden und habe sie in den darauffolgenden Jahren mehrmals besucht. Ich war also schon einigermaßen mit dem Leben hier vertraut, als wir uns entschlossen, nach Brasilien zu ziehen. Die Sprache bleibt trotzdem eine gewisse Einschränkung. Ich kann mich für meine Arbeit und meinen Alltag ausreichend auf Portugiesisch verständigen. Aber ich kann mich nicht ganz so präzise und differenziert ausdrücken, wie auf Deutsch. Das stört manchmal.

Die Atmosphäre hier an der Uni ist sehr lebendig und etwas entspannter als in Deutschland. Vor allem über das kollegiale Verhältnis unter den Professoren bin ich sehr glücklich. Das ist in Deutschland an sehr vielen Orten ganz anders. Für mein Fachgebiet, den Deutschen Idealismus und besonders Hegel, gibt es derzeit ein großes Interesse in Brasilien. Da macht die Arbeit natürlich besondere Freude.

Kinderbuch-Couch: Welche Verbindungen gibt es noch nach Deutschland? Welche liebgewonnen deutschen Dinge, „Marotten“ etc. vermissen Sie in Brasilien manchmal an meisten?

Konrad Utz: Unsere Familien und unsere ganzen alten Freunde sind noch in Deutschland. Den Kontakt halten wir vor allem über Email. Ab und zu bekommen wir Besuch. Das ist natürlich besonders schön.

Hier in Brasilien vermisse ich vor allem die deutsche bzw. europäische Kultur: klassische Konzerte, Oper, Theater, Ballett, die Atmosphäre mittelalterlicher Innenstädte. Außerdem gibt es hier in Fortaleza keine einzige Pfeifenorgel. Als Organist ist das ein echtes Manko für mich. Natürlich gibt es dafür brasilianische Kultur, und die ist auch sehr schön. Aber man vermißt halt manchmal das Gewohnte. Das ist auch beim Essen so: kein gescheites Brot, kein ordentliches Bier. Aber darüber komme ich inzwischen ganz gut weg. Vor allem wird man in diesem Punkt sehr ausgiebig entschädigt durch guten Fisch und reichhaltige Obstkörbe.

Kinderbuch-Couch: Gab oder gibt es Gedanken oder Pläne wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Konrad Utz: Das schließen meine Frau und ich nicht grundsätzlich aus. Aber wir haben keine konkreten Pläne. Wir fühlen uns sehr wohl hier. Es kann gut sein, daß wir den Rest unseres Lebens in Brasilien bleiben.

Kinderbuch-Couch: Entwickeln Sie noch andere Ideen für ein Kinderbuch? In welche Richtung würden diese gehen?

Konrad Utz: Über weitere Kinderbuchprojekte habe ich mir noch kein Gedanken gemacht. Der „Drache und der Bär“ waren zunächst einfach mal ein Versuch. Ich hatte nicht den Plan gefaßt, Kinderbuchschreiber zu werden. Aber wenn die Geschichten auch bei anderen so gut ankommen, wie bei Ihnen, dann werde ich mir sicher überlegen, ob ich nach zwei oder drei Bänden „Drachen und Bär“ etwas Neues anfange.

Kinderbuch-Couch: Also machen Sie uns die Freude, Bär und Drache noch in weiteren Abenteuern zu erleben?

Konrad Utz: Ich habe noch genug Geschichten für einen oder zwei Bände. Ob sie auch gedruckt werden, müssen Sie den Verlag fragen. Ich denke, der wartet vernünftigerweise erst mal ab, wie das erste Buch läuft.

Kinderbuch-Couch: Trotz Ihrer sympathischen Zurückhaltung was moralische Botschaften angeht, gibt es dennoch etwas, das Sie Kindern gerne mit auf den Weg geben möchten?

Konrad Utz: Schließe Freundschaft mit dem Leben. Schließe Freundschaft mit dir selbst. Schließe Freundschaft mit jedem Lebendigen. 

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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