Interview mit Peter Härtling

Für die Kinderbuch-Couch: Alexandra von Plüskow

Klaus Kordon

Peter Härtlings Werk umfasst zahlreiche Essays, Kritiken, Interviews, Romane und Erzählungen. Ein besonderer Teil dieses Werkes ist seine Kinderliteratur. In den siebziger Jahren, als seine Kinder klein waren, begann er mit dem Schreiben seiner ersten Kinderbücher. Eigentlich aus Ärger über die damalige Kinderliteratur, die die Kinder klein hielt. So entstanden seine zahlreichen Bücher, die ihre Rezipienten ernst nehmen.
Wenn Peter Härtling für Kinder schreibt, dann schreibt er stets auf ihrer Augenhöhe. Er zeichnet ein realistisches Bild der Kindheit – mit all ihren Träumen, Hoffnungen, Wünschen, Defiziten und auch Problemen. Die Kindheit ist für ihn ein „Anfang“, der es erlaubt, sich auf das Leben in allen Facetten unvoreingenommen einzulassen. Seine Helden leiden etwa unter Behinderungen, müssen mit ersten Verlusterfahrungen wie dem Tod des Großvaters oder der Trennung der Eltern zurechtkommen – oder aber sie erleben den Zauber der ersten Liebe.
In der letzten Zeit ist Härtling der Herausgeber zahlreicher Biographien für Kinder zu bekannten Künstlern wie Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Amadeus Mozart oder aber Joachim Ringelnatz.

Peter Härtling, der 2001 den Sonderpreis des Jugendbuchpreises für sein kinderliterarisches Gesamtwerk erhielt, wird in diesem Jahr 75 Jahre alt.

Wer für Kinder schreibt, sollte sich hüten, abstrakt zu werden; anschaulich und beispielhaft zu schreiben, scheint mir wichtig …Peter Härtling

Kinderbuch-Couch: In den siebziger Jahren fingen Sie damit an, Ihre Kinder, deren Sprache, Wirklichkeit und Geschichten zu beobachten. Was unterschied bzw. unterscheidet die „Wirklichkeit der Kinder“ von der „Wirklichkeit der Erwachsenen“?

Peter Härtling: Die „Wirklichkeit der Kinder“ wird immer beeinflusst sein von der „Wirklichkeit der Erwachsenen“. Wer sich kritisch mit den Gegebenheiten auseinander setzt, die Kinder einschränken oder fördern, wird sich auch mit den Erwachsenen beschäftigen müssen, die sich Kindern nähern oder von ihnen entfernen.

Kinderbuch-Couch: Sie entdeckten auch gemeinsam mit Ihren Kindern die damalige Kinderliteratur. Wie empfanden Sie diese?

Peter Härtling: Die Kinderliteratur der frühen 60-er Jahre provozierte mich – kindertümelnd, wie sie sich gab – zu eigenen Arbeiten.

Kinderbuch-Couch: Aus welchen Motiven heraus haben Sie dann damit begonnen, für Kinder zu schreiben?

Peter Härtling: Erzählungen, die nichts beschönigten, sondern die Gefühls- und Gedankenwelt von Kindern wiedergaben.

Kinderbuch-Couch: Was macht das Schreiben für Kinder so unterschiedlich zu dem Schreiben für Erwachsene.

Peter Härtling: Wer für Kinder schreibt, sollte sich hüten, abstrakt zu werden; anschaulich und beispielhaft zu schreiben, scheint mir wichtig.

Kinderbuch-Couch: Sie sprechen oftmals von den so genannten „Anfängen“, wenn Sie sich auf Kinder und Kinderliteratur beziehen. Was genau meinen Sie damit?

Peter Härtling: Unter „Anfänge“ verstehe ich die Erstmaligkeit von Gefühlen und Erfahrungen. Erwachsene haben ihre Anfänge verbraucht durch Wiederholung. Im Anfang steckt auch das Unwiederholbare.

Kinderbuch-Couch: Welche Anfänge waren in Ihrem Leben bedeutsam?

Peter Härtling: 1942, der Aufbruch mit der Familie in ein anderes Land: Mähren. Der Anfang von Fremde 1945 auf der Flucht vor der Front.

Kinderbuch-Couch: Ihre Bücher wie „Das war der Hirbel“, „Ben liebt Anna“ und „Alter John“ kennen die heutigen Eltern noch aus ihrer Schulzeit. Auch die Kinder und Jugendlichen von heute werden von Ihren Geschichten in den Bann gezogen. Wie erklären Sie sich dies?

Peter Härtling: Vielleicht wirken einige der Bücher für Kinder so nachhaltig, weil sie erzählend dem Anfang nahe kommen.

Kinderbuch-Couch: Sie legen großen Wert auf den Dialog und Kontakt zu Ihren LeserInnen und beantworten deren Post stets selbst. Was empfinden Sie, wenn Sie Post von den heutigen Kindern zu Ihren vor über 25 Jahren erschienenen Büchern erhalten?

Peter Härtling: In der Tat bekomme ich seit 25 Jahren Post von Kindern. Sie fragen, was ich empfinde, wenn ich heute Post zu vor über einem Viertel-Jahrhundert erschienenen Büchern bekomme? Da sich die Fragen und Einwürfe der Kinder über die Jahre nicht veränderten, sage ich mir, dass die Bücher nicht alterten.

Kinderbuch-Couch: Gibt es Post von Kindern, die Sie nachdenklich werden lässt?

Peter Härtling: Ja, unter den Briefen von Kindern machen mich nicht wenige nachdenklich. Vor allem, wenn sich ihre Ängste und gescheiterten Erwartungen mit erfundenen Personen wie Lena und Fränze verbünden, oder wenn sie sich für Hirbel empören.

Kinderbuch-Couch: Sie selbst sahen Ihre Mutter als lesendes Vorbild. Sie hat Ihnen auch die Welt der Bibliotheken eröffnet. Was können Eltern von heute Ihrer Meinung nach tun, um ihre Kinder für die Welt der Bücher zu begeistern?

Cover von Brüder wie Freunde

Peter Härtling: Es ist wahr, meine Mutter hat mir vorgelesen, indem sie häufig in meiner Gegenwart las, mich in Bibliotheken mitnahm, über Bücher redete. Das könnten Eltern auch heute tun.

Kinderbuch-Couch: Sie bezeichnen sich selbst als begeisterten Leser. Glauben Sie, dass man auch nichtlesende Kinder (vor allem Jungen) noch für das Lesen entflammen kann?

Peter Härtling: Ich lese, wo ich gehe und stehe, und wenn ich Kindern vorlese oder mit ihnen über Lesen und Schreiben spreche, springt, habe ich den Eindruck, meistens der Funke über. Auch bei den Jungen, deren Leselaune Sie in Frage stellen.

Kinderbuch-Couch: Lesen Sie auch noch die aktuelle Kinderliteratur?

Kinder sind in einer auf Wohlstand, Wohlgefühl, Erfolg und Prestige programmierten Gesellschaft Störfaktoren. Das bringt mich auf… Peter Härtling

Peter Härtling: Ich lese, wenn auch nicht andauernd und ausdauernd, aktuelle Kinderliteratur, die mich mit ihrer Tendenz zur Fantasy verdrießt, denn das scheint mir eine literarische Anbiederung an die Figurenwelt im Internet, im Computerspiel. Es ist ein Angebot, der Realität zu entfliehen.

Kinderbuch-Couch: Seit einiger Zeit geben Sie Anthologien mit Texten bekannter „klassischer“ Autoren für Kinder heraus. Was hat Sie dazu bewogen und welchen Bezug haben diese Texte zu der „Wirklichkeit der heutigen Kinder und Jugendlichen“?

Peter Härtling: Der verstorbene Verleger Siegfried Unseld überredete mich, „Klassiker“ für Kinder auszuwählen und herauszugeben. Das reizte mich. Damit konnte ich Traditionen stiften, und unsere bedenkenlose Neigung zur Gegenwärtigkeit konterkarieren.

Kinderbuch-Couch: Schon vor dreißig Jahren mahnten Sie an, dass Kinder in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen als störend empfunden würden, die Familie gar „in ihrer Funktion, ihrem Sinn angezweifelt“ werde. Als vierfacher Vater und mehrfacher Großvater – wie sehen Sie die Rolle des Kindes und des Jugendlichen in unserer heutigen Gesellschaft.

Peter Härtling: Wie sehe ich die Rolle des Kindes und des Jugendlichen in unserer heutigen Gesellschaft, fragen Sie. Kinder sind in einer auf Wohlstand, Wohlgefühl, Erfolg und Prestige programmierten Gesellschaft Störfaktoren. Das bringt mich auf. Wellenweise werden sie von der Politik vergessen und wieder entdeckt, ebenso wie die Familie, die nach der Häme von Soziologen und auch Psychologen für unser gesellschaftliches Verständnis untauglich ist. Alle diese Moden und Tendenzen spiegeln unsere extreme Unsicherheit.

Kinderbuch-Couch: Haben Sie abschließend einige Worte bzw. Wünsche und Hoffnungen für die „;heutigen“ Anfänger?

Peter Härtling: Mein Wunsch und meine Hoffnung für die heutigen Anfänger: Die Unantastbarkeit der Anfänge sollte ihnen ein Leben lang im Gedächtnis bleiben.

 

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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