Interview mit Ute Wegmann

Für die Kinderbuch-Couch: Karin Hahn

Ich bin allerdings auch ein ziemlich realistischer Mensch. Und ich finde die Realität schön, spannend, interessant, bunt, lustig, manchmal natürlich auch schrecklich und doof. Ute Wegmann

Kinderbuch-Couch: Nach „Sandalenwetter“ ist nun dein zweites Buch „Weit weg. …nach Hause“ erschienen. Wann hast du dich entschlossen für Kinder zu schreiben? Gab es einen konkreten Anlass oder war das schon immer dein Wunsch?

Ute Wegmann

Ute Wegmann: Nein, das war nicht immer mein Wunsch. Ich war früher Co-Autorin bei Drehbüchern für Kinderfilme. Das hat mir großen Spaß gemacht. Und dann begann es mit kleinen Theaterstücken, die als szenische Lesung aufgeführt wurden. Für Kinder. Mit Schauspielern. Und die Erwachsenen und die Kinder mochten meine Geschichten. Ich fand es toll, dass ich sie zum Lachen und Mitraten bewegen konnte. So begann das alles.

Kinderbuch-Couch: Sind deine Figuren völlig frei erfunden, bist du eine gute Beobachterin oder fließen auch eigene Familienerfahrungen in deine Geschichten ein?

Ute Wegmann: Ich glaube und hoffe, dass ich eine gute Beobachterin bin. Vor allem aber bin ich empfindlich für Situationen, in denen einem Menschen Unrecht geschieht, vor allem wenn es ein kleiner Mensch ist. Solche Situationen sind oft der Auslöser für das Entstehen einer Geschichte. Oder natürlich, wenn ich eine Situation besonders lustig finde.
Bei SANDALENWETTER war das anders: Mein Sohn hatte sich zum ersten Mal verliebt, mit 10 Jahren. Und das Mädchen hatte sich auch verliebt. Und die beiden verabredeten sich oft und waren sehr nett miteinander. Das hat mir sehr gut gefallen. Plötzlich dachte ich: So eine Geschichte habe ich lange nicht gelesen oder im Kino gesehen. Und dann habe ich sie geschrieben, und viel dazu erfunden, aber mich selber auch ziemlich auf die Schippe genommen. Denn Ria, die Mutter, die jeden Tag Salat macht und ein „bisschen öko“ ist, das bin ein bisschen ich selber. Als mein Sohn klein war, sollte immer alles absolut und total gesund sein.
Jetzt soll auch noch alles gesund sein, aber ich bin wieder normaler, das nur am Rande! (Es gibt nur noch dreimal in der Woche Salat! :O)

Kinderbuch-Couch: Warum interessieren dich gerade die Alltagskonflikte mehr als das Entschwinden in andere Welten?

Ute Wegmann: Über das Entschwinden in andere Welten schreiben doch schon genug andere.
Ich bin allerdings auch ein ziemlich realistischer Mensch. Und ich finde die Realität schön, spannend, interessant, bunt, lustig, manchmal natürlich auch schrecklich und doof. Aber es ist im Hier und Jetzt doch wirklich viel los. Insgesamt sollte es ein bisschen lustiger sein, finde ich. Aber dazu kann man dann ja als Kinderbuchautorin ein wenig beitragen, oder es zumindest versuchen.
Außerdem möchte ich das Besondere im Allgemeinen zeigen und Kinder oder Jugendliche sollen sich in meinen Geschichten wiederfinden können. Ich wollte mich auch immer identifizieren können in den Büchern oder etwas dazulernen. Auf jeden Fall wollte ich einen Platz finden. Einen solchen Platz versuche ich dem ein oder anderen anzubieten.

Kinderbuch-Couch: Wie und wo entstehen die Ideen zu neuen Geschichten?

Ute Wegmann: Der erste Gedanke für eine neue Geschichte taucht immer auf, wenn mich etwas berührt. Sei es, dass mich etwas traurig macht oder nachdenklich oder dass ich mich amüsiere. Bei den ernsten Dingen, denke ich: Darüber sollten andere auch mal nachdenken. Bei den lustigen Situationen denke ich: Darüber sollen andere auch lachen können.

Kinderbuch-Couch: Durch deine Arbeit für „ Die Besten 7“ beim Deutschlandfunk und die Interviews mit Autoren bist du von Kinderliteraturthemen regelrecht umzingelt. Bist du durch das intensive Lesen eher kritischer geworden oder regt das auch dein eigenes Schreiben an?

Ute Wegmann: Beides! Wenn ich ein tolles Buch lese, zum Beispiel von Guus Kuijer oder Kevin Brooks oder Joyce Carol Oates oder Ulf Stark oderoderoder (Es gibt so viele tolle Schriftsteller), dann spornt mich das an, dann inspiriert mich das, dann wünsche ich, ich könnte es genauso gut wie die ‚Großen', zu denen ich hochblicke. Und dann nehme ich mir vor, weiter zu schreiben, um besser zu werden. Wenn man mal nicht so gut gelaunt ist, oder irgendwas klappt nicht, dann kann es natürlich passieren, dass man extrem kritisch mit sich selber umgeht. Schrecklich kritisch! Weil man auch genau weiß, was gut und was belanglos ist. Und dann denke ich: Das ist immer noch nicht gut genug, Ute Wegmann. Und ich überarbeite es noch mal und noch mal, bis ich wirklich einverstanden bin.Ich werde noch viel üben, aber sogar das macht sehr viel Spaß.

Kinderbuch-Couch: Wann kommst du neben deiner Arbeit für Rundfunk, Kino und Theater zum Schreiben? Nimmst du dir konkrete Auszeiten?

Ute Wegmann: Ja, das muss ich. So mal nebenbei schaff ich das nicht. Ich will mich dann auch richtig auf meine Figuren einlassen, mit denen leben, Kaffee trinken, Suppe essen, spazieren gehen oder joggen. Und das alles geht nur, wenn nichts anderes ansteht. Am liebsten fahre ich weg zum Schreiben, irgendwohin, wo die Sonne scheint und wo ich draußen sein kann. In einem Garten. Oder in der Nähe vom Meer. Das finde ich schön. Da habe ich die besten Ideen.

Kinderbuch-Couch: Du schreibst nicht nur Kinderbücher, sondern drehst auch Kurzfilme für Kinder. Was machst du fürs Theater?

Ute Wegmann: Also richtig für das große Theater mach ich nichts. Ich habe diese kleinen Stücke geschrieben (s.o.)
Und jetzt habe ich aus SANDALENWETTER ein Theaterstück gemacht. So oft erzählen Lehrer, dass es keine guten Stücke gibt für die Grundschule. Damit wollte und will ich mich mal beschäftigen.

Kinderbuch-Couch: Jetzt ist dein neues Buch „Weit weg …nach Hause“ erschienen. Wie entstand die Idee zum Buch?

Ute Wegmann: Ich hab eine Geschichte gehört von einem Jungen und dieser Junge, so hat man mir erzählt, hat immer Pech. Wenn er also irgendwo jemand mit einem Glas steht, dann läuft er garantiert gegen den Arm von dieser Person. Er vergisst ständig seine Hausaufgaben und ich habe immer nur Erwachsene gehört, die unheimlich genervt über diesen Jungen gesprochen haben. Ich kannte den Jungen gar nicht so richtig gut und trotzdem hat mich diese Geschichte ungemein berührt. Ich hab gedacht, nur weil er anders ist und weil er Pech hat, aus welchen Gründen auch immer, wir wissen ja nicht warum jemand Pech hat und warum jemand ist wie er ist, urteilen andere über ihn und unterstellen ihm im Grunde genommen, dass er das alles mit Absicht macht. Und ich wusste, dass er das nicht tut. Und darum bin ich auf die Idee gekommen über so einen Menschen, ich hab dann ja ein Mädchen gewählt, so eine Geschichte zu schreiben. Und die Geschichte aus dem Buch habe ich komplett selber erfunden, da gibt es jetzt keine Parallelen zu diesem Jungen oder anderen Kindern.

Kinderbuch-Couch: Luisa ist kein typisches Mobbingopfer, so wie ich es mir vorgestellt habe. Warum hast du die Figur auf diese Weise angelegt?

Ute Wegmann: Ja, Luisa ist schon anders als die anderen, da sie oftmals wegdrifted in eine andere Welt und dadurch ist sie manchmal nicht greifbar für die anderen und die anderen spüren das dann auch. Sie träumt sich weg, andere sprechen sie an und sie reagiert nicht. Oder sie hat wieder ihre Hausaufgaben vergessen, obwohl sie sich sicher war, sie hätte sie gemacht oder sie hat ihr Pausenbrot vergessen oder oder...
Sie ist so ein ganz typischer Träumer. Warum sie sich in diese Parallelwelt flüchtet, ob sie sich bewusst darein flüchtet oder ob sie einfach nur ein unheimlich fantasievoller Mensch ist, das ist ja alles offen in der Geschichte. Aber anders als die anderen ist sie auf jeden Fall. Und dieses Selbstbewusstsein oder die Aggressivität oder die Wut, in die sie sich hineinsteigert ist auch eine Form von Verzweiflung, weil sie sich missverstanden fühlt. Und wenn der Bruder zum Beispiel sagt, du hast ja Glück, dich wird niemand für die Dinge verurteilen, die du tust, denn du bist ja nicht normal. Das ist für sie das Schlimmste, was man ihr sagen kann, denn sie wünscht sich nichts sehnlicher als so zu sein wie die anderen. An die Dinge zu denken und dabei zu sein, mittendrin und nicht außen am Rand zu stehen.

Kinderbuch-Couch: Das Ende der Geschichte ist dann doch sehr versöhnlich. Den meisten Kindern, die gemobbt werden, geht es nicht so gut?

Cover von Die Kurzhosengang

Ute Wegmann: Sie hat mir so Leid getan. Ich wollte sie retten. Sie ist mein Kind geworden. Von Anfang an, war sie mir so nah, ich bin selbst erstaunt gewesen, wie sie emotional Teil meines Lebens geworden ist, als ich dieses Buch geschrieben habe.
Ich wollte am Ende der Geschichte, dass alle sich Gedanken machen. Ich wollte, dass alle einen kurzen Moment verharren, wie eingefroren in der Zeit und drüber nachdenken, wie sie sich verhalten haben. Vor allen Dingen auch die Eltern, vor allen Dingen der Bruder und die Schulkameraden.
Ich wollte nicht, dass man vor ein Problematik flieht oder abhaut – hat sie ja versucht und Gott sei Dank ist sie ja zurückgekommen. Und das finde ich unheimlich wichtig, dass man zurückkommt und sich auseinandersetzt.

Kinderbuch-Couch: In deinem neuen Buch „Weit weg …nach Hause“ steht im Mittelpunkt zum einen das Thema Mobbing, aber du hattest noch ein weiteres Problem im Blick?

Ute Wegmann: Es geht vor allem ums Anderssein. Und zwar ohne es zu wollen oder es steuern zu können. Und mir war es wichtig, den Druck und das große Leid des Mädchens darzustellen und deutlich zu machen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als normal zu sein. Ich wollte ihren Leidensdruck zeigen und alle Sympathien und Antipathien, die man für sie hat, denn manchmal ist sie ja – nur von außen betrachtet – , total doof. Aber in ihr wühlt das Chaos und die Einsamkeit.
Wir schauen den Menschen nur vor die Stirn, nicht in den Kopf und nicht ins Herz und wir sollten das nicht vergessen, bevor wir jemanden verurteilen oder umerziehen möchten. Vielleicht ist nämlich der Mensch gar nicht erziehbar, weil er einfach nicht in unser stinknormales Regelsystem passt. (lacht)

Kinderbuch-Couch: Welche neuen Projekte stehen an?

Ute Wegmann: Der dritte Roman ist geschrieben und wird noch mal überarbeitet. Diesmal sind die Jungen schon fast 16 Jahre. Aber natürlich geht es auch um Mädchen.
Einen Kurzfilm würde ich gern drehen. Vielleicht nächstes Jahr. Das Drehbuch ist fertig, es fehlt nur das Geld :O)! Es ist die Geschichte DIE BESTEN BEERDIGUNGEN DER WELT. Ein hinreißendes Bilderbuch von Ulf Nilsson, das ich mir wunderbar als Realfilm mit drei Kindern vorstellen kann.
Und ich werde ein Drehbuch schreiben zu einem Freundschaftsthema – mit Mädchen und Jungs, dafür habe ich eine Förderung bekommen. Mehr verrate ich nicht.

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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