Interview mit Zoran Drvenkar

Für die Kinderbuch-Couch: Karin Hahn

Meiner eigenen Stimme muss ich schon folgen können, anders ginge das gar nicht. Zoran Drvenkar

Kinderbuch-Couch: Spielst du gern Verstecken? Warum hast du zwei kanadische Schriftsteller erfunden, die angeblich das Kinderbuch „Die Kurzhosengang“ geschrieben haben?

Zoran Drvenkar

Zoran Drvenkar: Ich mach gern Blödsinn. Ich habe so viele Bücher geschrieben, dass ich irgendwann dachte: Ich schreib jetzt ein Buch, ich denke mir zwei Autoren aus und ich tue so, als ob sie Kanadier wären. Ich war noch nie in Kanada, aber ich mag dieses Land total. Ich wollt mal schauen, was passiert, wenn niemand die beiden nirgendwo finden kann, weder im Internet noch irgendwo anders. Mal sehen, wen die Leute erraten, was für eine Idee sie haben. Sie haben alle vollkommen falsch gelegen und keiner ist draufgekommen, dass ich das war. Und das war sehr gut.

Kinderbuch-Couch: Nach der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2005 für dein Kinderbuch „Die Kurzhosengang“ hättest du ja nun das Geheimnis lüften können. Warum treibst du das Spiel weiter?

Zoran Drvenkar: Ach so, die andere Sache ist die, für mich sind ja die Autoren echt, das ist eine Tatsache. Für mich ist auch die Kurzhosengang echt und natürlich weiß ich, ich hab sie zwar ausgedacht, aber für mich leben sie. Und sie leben in Kanada und ich hab sie auch schon besucht. (schmunzelt) Ich mach diesen Blödsinn gern weiter, weil ich finde, ich hab da eine eigene Welt erschaffen und die will ich mir nicht wegnehmen lassen, und deswegen.

Kinderbuch-Couch: Und wie ist die Kurzhosengang in dein Leben getreten?

Zoran Drvenkar: Mein guter Freund Georg kam zum Essen vorbei. Ich wollte gerade aus der Tür rausgehen, da vielen mir diese zwei Sätze ein: Der Mann fragt, ob wir die Kurzhosengang sind. Wir nicken, ja wir sind die Kurzhosengang. Das hatte ich im Kopf, schrieb es auf und dachte, was ist denn das für ein Blödsinn. Ich meine, wer ist denn die Kurzhosengang? Dann gingen wir essen, ich kam nach Hause und irgendwann kam mir die Idee, dass die Kurzhosengang vier Jungs aus Kanada sind. Und plötzlich war eine ganze Welt da, das war als würdest du plötzlich so eine Tür aufmachen und es strömt Licht rein und du denkst, oh, ich versteh es. Und so entstand die Kurzhosengang. Aus dem Nichts tauchten sie auf. Es gibt Geschichten, die warten richtig darauf entdeckt zu werden. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Und plötzlich war ich in Kanada und brauchte zwei kanadische Autoren und so ging es los.

Kinderbuch-Couch: Und warum hast du dich für den Fortsetzungsband „Die Rückkehr der Kurzhosengang“ entschieden?

Zoran Drvenkar: Oh, das ist ganz wichtig. Weil, der erste Teil spielt ja im Fernsehstudio und der zweite Teil spielt zehn Minuten später und ich finde, das ist eine Rückkehr. Man muss Blödsinn machen, und ich fand es gut als Rückkehr, weil die Jungs wirklich zurückgekehrt sind, in die Stadt und sich keiner dafür interessiert und das fand ich so witzig.

Kinderbuch-Couch: Wird es noch einen dritten Teil geben?

Zoran Drvenkar: Es gibt einen dritten Teil. Die Kurzhosengang bekommt die Aufgabe, ein Testament zu erfüllen. Und so müssen sie nach Russland reisen, wo sie dummerweise auf die russische Pauligang treffen.

Kinderbuch-Couch: Hat ein kanadischer Verlag bereits für die Kurzhosengang Interesse angemeldet?

Zoran Drvenkar: Es gab mal Anfragen von zwei Verlagen, die vollkommen durcheinander waren, weil in dem Buch steht, dass "Die Kurzhosengang” in Kanada ein großer Erfolg war.

Kinderbuch-Couch: Dieser Kampf zwischen den Gangs hat mich an deinen Debütroman „Niemand so stark wie wir“ erinnert. Gibt es da Parallelen?

Zoran Drvenkar: Nein, eigentlich nicht. Eher so: Man hat ja einen Ton als Schriftsteller, der ist ja immer da, und wenn es um Jungen oder Mädchen geht, schreibe ich ja eigentlich in einer eigenen Welt, da ist genauso die Kurzhosengang zu Hause wie die Leute aus „Niemand so stark wie wir“ und deswegen ist dieser kumpelhafte Ton wahrscheinlich immer ähnlich.

Kinderbuch-Couch: Denkst du beim Schreiben an deine eigenen Leser?

Zoran Drvenkar: Gar nicht. Meine Leser, die gibt es ja gar nicht. Ich habe mal für meine Patenkinder eine Geschichte geschrieben. Aber das war ein Geschenk, also etwas völlig anderes. Ich hasse es, Leute zu bedienen, mich hinzusetzen und zu sagen, so jetzt schreibe ich eine Geschichte für alle Zehnjährigen oder alle Erwachsenen. Das finde ich sehr anbiedern, weil, ein Schriftsteller erzählt seine Geschichten, die er erzählen will und eigentlich schreibt er nur für sich, weil er etwas sagen möchte und hofft, dass es ankommt. Ich möchte gern meine Geschichten loswerden, ohne mich jemals danach richten zu müssen, was andere Leute interessiert. Gut, das ist auch heikel, immerhin habe ich neun Jahre geschrieben und nichts ist erschienen. Meiner eigenen Stimme muss ich schon folgen können, anders ginge das gar nicht.

Ich bin immer auf der Suche nach Anregungen, um den nächsten Schritt beim Schreiben zu machen. Schreiben ist Evolution. Kaum ist ein Buch fertig, willst du es mit dem nächsten Buch toppen und dem nächsten… Zoran Drvenkar

Kinderbuch-Couch: Und wie wichtig ist der Kontakt zum Leser?

Zoran Drvenkar: Ich will jetzt erst mal zwei Jahre keine Lesungen machen. Aber Lesungen sind wichtig, denn du lernst sehr viel über dich selbst, indem du vorliest. Auch wegen der Reaktionen aus dem Publikum, die bringen mich manchmal auf ganz neue Ideen. Es ist immer wieder ein Abenteuer, du liest z.B. aus der "Kurzhosengang” und plötzlich wird es still, weil es spannend wird und du würdest am liebsten rufen: Ich hab euch alle, jeeeh! Aber ich muss ja lässig weiterlesen. Lesungen bringen dem Ego unheimlich viel, aber sie kosten auch wahnsinnig viel Kraft. Ich lese ja im Stehen. Du musst dich präsentieren und wenn da 100 Leute sind, dann musst du jedem etwas geben. Also, Lesungen müssen nicht jeden Tag sein.

Kinderbuch-Couch: Was denkst du, ist für dein Schreiben wichtig?

Cover von Die Kurzhosengang

Zoran Drvenkar: Man muss naiv sein beim Schreiben. Man muss richtig reinrasseln und vom Bauch her kommen, sonst ist es wieder mal nur Kopfarbeit.

Kinderbuch-Couch: Ist es dir schon mal passiert, dass du gemerkt hast, ich komme nicht mehr weiter?

Zoran Drvenkar: Och, das passiert oft. Ich liebe ja diese Sackgassen. Ich zerbreche mir dann drei, vier Tage den Kopf und wenn ich dann eine Lösung habe, ist die so großartig, dass der Leser nie draufkommen kann, weil ich hab mir ja so lang Gedanken gemacht. (lacht)

Kinderbuch-Couch: Du hast Bilderbücher, Erstlesebücher, Gedichte, Kinderbücher, Jugendbücher und Belletristik veröffentlicht. Außerdem arbeitest du für das Theater und schreibst Drehbücher. Hast du Angst davor, vielleicht auch durch die vielen Auszeichnungen und den Jugendliteraturpreis jetzt, dass du nur auf den Kinderbuchautor reduziert wirst?

Zoran Drvenkar: Nein, eigentlich nicht mehr. Ich will keine Schiene bedienen, ich will einfach alles ausprobieren. Ich meine, ich bin Schriftsteller, ich kann einfach alles machen. Wenn ich jetzt sage, ich bin Kinder- und Jugendbuchautor, dann ist es ein Job. Dann weiß ich, das mache ich jetzt. Da ich aber alles ausprobieren möchte, habe ich keine Angst in diese Schublade gesteckt zu werden.

Kinderbuch-Couch: Ja, aber ich habe den Eindruck, dass jugendliche Protagonisten doch immer wieder in deinen Romanen eine wichtige Rolle spielen.

Zoran Drvenkar: Ich habe bis jetzt über 40 Romane geschrieben. In den ersten Büchern sind die Hauptcharaktere nur Erwachsene. Dann habe ich einen Thriller geschrieben, in dem Cengiz und Locke ( Cengiz & Locke, Carlsen Verlag) als Nebencharaktere vorkamen und ich habe gemerkt, ja, das macht Spaß, die liegen mir ja gut. Dann fing ich an, meine eigene Biographie ( Niemand so stark wie wir, Im Regen stehen, Rowohlt Verlag, Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte, Carlsen Verlag) zu schreiben, was ich nie vorhatte. Aber ich rasselte so in die Geschichten hinein und merkte plötzlich, das ist ein Ton, der mir sehr gut gefällt. Es macht mir mehr Spaß, mich mit jungen Charakteren zu beschäftigen als mit älteren. Die jüngeren Charaktere sind viel witziger, viel durchgeknallter und ich traue ihnen viel mehr zu. Erwachsene benutze ich eher, wenn ich etwas Düsteres, Gemeines schreiben will, ansonsten sind es eher jüngere.

Kinderbuch-Couch: Ein Feuerwerk an Geschichten entzündet sich ja in „Die Rückkehr der Kurzhosengang“. Was hat den Reiz ausgemacht, wieder in die Welt der vier Jungen einzutauchen?

Zoran Drvenkar: Das war ja gar nicht geplant. Ich fing an, die Jungs kehrten zurück. Und plötzlich purzelten die Geschichten nur so und es war richtig unheimlich gewesen. Und irgendwann merkte ich, das Reizvolle an dem Buch ist für mich, einen kurzen Zeitraum zu haben und in diesem kurzen Zeitraum wird soviel aufgedeckt über diesen Ort, dass man es nicht fassen kann. Und das ist auch typisch, kleine Orte, 300 Bewohner und da drunter passiert so viel. Ich habe mich auch gebremst, da waren ja noch viel mehr Geschichten. Ich hatte auch viel Spaß, den Leser in die Irre zu führen, auch mit Geschichten, die sich ja alle auflösen, aber ihm auch viele Straßen zu zeigen, wo er lang gehen kann. Du weißt nicht, ob du zum Ziel kommst und das ist auch das Schöne daran, ihn vom Ziel wegzulenken. Ha!

Kinderbuch-Couch: Ein Thema, dass in vielen deiner Büchern auftaucht, ist, man soll allein sein Leben in die Hand nehmen.

Zoran Drvenkar: Ich bin ja ein Schriftsteller, der über sich schreibt und über die Menschen, die ich erlebe, über die ich nachdenke. Was du sagst stimmt total. Das haben auch schon andere festgestellt und dann habe ich darüber nachgedacht. So war ja mein Leben, ich hab mich ja durchgebissen. Meine Eltern waren ungeheuer anstrengend, Freunde waren anstrengend, immer schrecklich verliebt, aber immer allein. Ich schreib oft über Charaktere, die ganz sympathisch sind, ein bisschen Pech haben, aber denen keiner hilft und sie versuchen sich durchzubeißen. Ich will nicht sagen, ich schreibe Mutmach-Bücher. Ich merke, wenn ich diese Geschichten erzähle, wie einige in Lesungen erleichtert aufatmen. Sie hören, ich habe das Abitur vermasselt und ich habe es trotzdem geschafft.

Kinderbuch-Couch: Viele Romane oder Geschichten von dir spielen im Winter und du sagst auch, dass du ein Winterkind bist?

Zoran Drvenkar: Ich kann den Sommer nicht ausstehen. Wenn es dann Herbst wird, dann seufze ich richtig. Ich bin auch so melancholisch, dann mach ich Kerzen an und höre traurige Musik, aber es geht mir gut. Wenn dann der Winter kommt, es wird eiskalt, gehe ich nicht raus. Ich hasse es ja spazieren zu gehen. Ich sitz nur zu Hause und gucke raus. Dann kannst du die ganze Zeit lesen. Es wird früh dunkel, so vier, fünf. Oh, wunderbar. Ich mag ja auch die Nacht so sehr, da werde ich richtig fit.

Kinderbuch-Couch: Du bist ja ein fanatischer Leser. Ist das eine wichtige Voraussetzung, wenn man Bücher schreibt?

Zoran Drvenkar: Ich könnte ohne Bücher nicht schreiben, das ist für mich Futter, genauso wie Filme und Musik. Das fördert ja neue Ideen. Ich bin immer auf der Suche nach Anregungen, um den nächsten Schritt beim Schreiben zu machen. Schreiben ist Evolution. Kaum ist ein Buch fertig, willst du es mit dem nächsten Buch toppen und dem nächsten… Ich komm nicht zur Ruhe, denn wenn ich stehen geblieben bin, dann bringt das Schreiben nichts mehr. Dann wäre es Geschäft, das will ich nicht.

Kinderbuch-Couch: Besteht nicht die Gefahr, wenn man viel liest, Filme schaut, dass man sich dann in den Ideen der anderen verliert?

Zoran Drvenkar: Das ist alles ein Lernen, als ob ich ganz viele Lehrmeister hätte, die mir ihre Lehren beibringen und ich komme mit meinem Kleinwissen, übernehme das alles und versuche daraus, was Neues zu machen. Das ist der Trick. Ich habe von Stephen King total viel gelernt. Ich mache ihn nicht nach, ich lerne von ihm. Und das kann ich auch ganz offen zugeben. Andere Autoren, mit denen es mir genauso ging, waren Lars Sabbye Christensen, Charles Bukowski und Richard Brautigan.

Kinderbuch-Couch: Du hast in Berlin gewohnt, in Bayern, in Holland. Nun bist du in einen kleinen Ort im Havelland ( Brandenburg) gezogen und wohnst in einer ehemaligen Kornmühle. Hatte das einen Grund?

Zoran Drvenkar: Ich hatte immer einen großen Traum – ein Haus, mein Haus, mein Zuhause. Ich bin immer so wurzellos. Ich bin alle zwei Jahre woanders hin gezogen und hatte nie ein richtiges Zuhause. Ich hatte das Gefühl, ich kann immer sofort irgendwohin ziehen, wo es noch schöner ist. Und nun habe ich den schönsten Ort gefunden.

 

Kinderbuch-Couch: Herzlichen Dank für das Interview.

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