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Buchcover: Alice Hoffman: Nachtvogel oder Die Geheimnisse von Sidwell

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Nachtvogel oder Die Geheimnisse von Sidwell von Alice Hoffman

erschienen bei Sauerländer

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Als Twig mit ihrer Mutter aus New York zurück in das kleine Städtchen Sidwell zieht, steht die geheime nächtliche Ankunft nur für eine Besonderheit, die die Familie in den Augen der Dorfbewohner eigenartig und verschroben wirken lässt.

Das 12-jährige Mädchen ist eine Einzelgängerin, die es geschafft hat, für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nahezu unsichtbar zu sein. Nie lädt sie andere Kinder zu sich ein oder macht bei Theateraufführungen der Schule mit. Auch ihre Mutter lebt zurückgezogen und abgeschieden, pflegt keinen Kontakt zu alten Freunden oder Bekannten. Allerdings ist Twigs Familie für ihre wohlschmeckenden Äpfel, die auf einer großen Plantage wachsen, bekannt und ihre Mutter backt weit und breit die köstlichsten Kuchen, die im örtlichen Cafè gern verkauft werden. Und im Grunde genommen sind sowohl Twig als auch ihre Mutter sehr freundliche und aufgeschlossene Menschen.

Eigentlich also beste Voraussetzungen für ein erfülltes Leben mit vielen Freunden. Würde es da nicht noch Twigs älteren Bruder James geben, der, auf dem Dachboden wohnend, das Haus bei Tageslicht nicht verlassen darf. Denn er ist der Leidtragende eines lange existierenden Fluches, nach dem aufgrund einer unglücklichen Liebesgeschichte die männlichen Babies aus Twigs Familie mit Flügeln auf die Welt kommen. Mithilfe einer speziellen Kräuterteemischung können diese Flügel im ersten Lebensjahr zwar bekämpft werden, doch bleiben die Jungen und Männer dadurch zeitlebens schwach und gebrechlich. Aus diesem Grund entschied sich Twigs Mutter nach James Geburt gegen die Spezialbehandlung und für die Flügel. Eine Zeitlang konnte sie sie gut verstecken, doch als James älter wurde, nutzte sie den Tod ihrer Eltern, um zurück aufs Land in die Abgeschiedenheit zu ziehen und die Apfelplantage zu übernehmen.

In dieses zurückgezogene Leben platzen eines Tages die neuen Nachbarn, Familie Hall mit den Kindern Julia und Agathe. Twig beobachtet ihren Einzug gespannt und macht zufällig und unbeabsichtig bald Bekanntschaft mit den beiden Mädchen. Zwar verstehen sie sich wunderbar, doch verbietet Twigs Mutter ihr nachdrücklich den Umgang. Schließlich sind die Kinder Nachkommen der „Hexe“, die vor vielen Jahren den Fluch über Twigs Familie verhängte, unter dem sie noch heute zu leiden haben.

Als wäre das nicht schon Strafe genug, bedrückt Twig auch die zunehmende Hetze der Dorfbewohner gegen ein fliegendes Ungeheuer, über das alle ständig reden. Sie erzählen sich, dass es nachts durch die Lüfte zieht, auf die Terrassen schleicht und Nahrungsmittel, Decken und ähnliches entwendet. Und dann tauchen zu allem Überfluss auch noch wie von Zauberhand geheimnisvolle Grafitti auf. Twig ist verzweifelt, denn natürlich hat sie eine Vermutung, wer hinter all den Aktionen steckt&

Sosehr sich Twig auch bemüht, weiterhin so rückgezogen wie bisher zu leben, fällt es ihr doch immer schwerer, da sie in Julia eine Seelenverwandte gefunden zu haben scheint. So schleicht sie sich mehr und mehr zu Treffen mit dem Nachbarmädchen und entdeckt dabei, dass Julias ältere Schwester Agathe Twigs Bruder James bei einem seiner nächtlichen Ausflüge beobachtet hat und sich zwischen den beiden eine zarte Liebesbeziehung anbahnt. Bislang seinem Schicksal mehr oder weniger ergeben, wird James nun immer aufmüpfiger und widersetzt sich zunehmend dem Versteckspiel seiner Mutter. Alles in allem also nicht verwunderlich, dass dieser Sommer turbulent zu werden verspricht&

Sobald Menschen anders sind und mit Gewohnheiten brechen, wirken sie auf die Mehrheit entweder faszinierend oder abstoßend. Diese Menschen müssen sich Toleranz, Verständnis und Akzeptanz in der Regel hart erarbeiten und werden selten von vornherein so akzeptiert, wie sie sind. Daher ist die Entscheidung von Twigs Mutter, James Flügel nicht zu bekämpfen, bewundernswert, da sie einen für sich und die Familie schweren Weg einschlägt. Letzten Endes wählt sie aus nachvollziehbaren Gründen dann aber doch eine Art und Weise damit umzugehen, die die Konfrontation des Andersartigen mit dem Normalen verhindert und dadurch ihre Familie zu geheimnisvollen Außenseitern und Einzelgängern macht.

Soweit zum realen Umgang mit dem phanstastischen Fluch, der auf Twigs Familie lastet. Denn dieser lässt die Grenzen zwischen Realismus und Magie, zwischen einer ganz normalen Freundschaftsgeschichte und einem Fantaysy-Roman verschwimmen und bietet viel Raum für ein phantasievolles und magisches Sommerabenteuer, das bereits auf den ersten Seiten seine Leser/innen in seinen Bann zieht und die schnöde Realität vergessen lässt. Alice Hoffman hat dabei an alles gedacht, was ein unterhaltsames Abenteuer braucht: Magie; sympatische Helden, die sich tapfer und humorvoll ihrem Schicksal stellen; eine beste Freundin, die versteht, ermutigt und unterstützt; eine herzerwärmende zarte Liebesgeschichte; ein geheimnisvolles Ungeheuer (das allerdings nur Decken und Apfelkuchen stiehlt) und verschiedene Erzählstränge, die am Ende zusammenlaufen und sich in einem fulminanten Finale entwirren und gut ineinander aufgehen.

Diese guten Zutaten kombiniert Alice Hoffman mit liebevollen Charakteren, die beim Lesen schnell ans Herz wachsen und wunderbar in das idyllische Städtchen Sidwell passen. Es ist leicht, Twigs Zerissenheit zwischen dem Familiengeheimnis und dem Wunsch nach einer besten Freundin nachzufühlen. Mindestens genauso sehr wie sie, wünscht man sich beim Lesen, dass ihr Bruder ein freies und friedliches Leben führen kann und der Fluch gebrochen werden möge. Mit diesem Schicksal gezeichnet, könnte Twigs Familie verbittert und wütend sein, doch das Gegenteil ist der Fall: sie sind friedvolle und harmonische Menschen, die lediglich eine mysteriöse Traurigkeit ausstrahlen, über der ein geheimnisvoller Glanz zu liegen scheint. Sowohl die Charaktere als auch die Umgebung sind überzeugend und plastisch beschrieben, so dass sich beim Lesen leicht ein inneres Bild zeichnet und die Handlung wahrhaftig vor dem inneren Auge zum Leben erwacht.

Es ist jederzeit leicht nachzuvollziehen, was wann und wo passiert auch wenn es mehrere Stränge gibt, die zunächst nicht unbedingt mit einander verbunden zu sein scheinen und deren Parallelität verwirren könnte. Doch Alice Hoffman gelingt es, in einer lockeren, flüssigen und poetischen Schreibweise die Handlung gut verständlich zu entwickeln und dabei die Spannung stets sanft weiter zu steigern.

Natürlich wird manchem Leser recht schnell klar sein, worauf es am Ende hinaus läuft bzw. wer hinter den mysteriösen Diebstählen und Graffitis steckt, doch diese frühe Ahnung schadet der Lesefreude nicht und wird am Schluss noch von einer überraschenden Entscheidung gekrönt.

Fazit:

Ein mysteriöses Geheimnis, zwei unerschrockene Mädchen und eine große Prise Phantasie – „Nachtvogel“ ist der perfekte Schmöker und ein zauberhaftes, poetisches und modernes Märchen um Freundschaft, Mut und innere Werte.

Claudia Goldammer

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