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Buchcover: Sonja Bougaeva: Der kleine Polarforscher

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Der kleine Polarforscher von Sonja Bougaeva

erschienen bei Atlantis

geeignet für Kinder im Alter ab 4 Jahren

[ab 5 Jahren]

Der kleine Polarforscher wird im ewigen Eis abgesetzt. Um ihn ist nichts als eine stille, weite weiße Welt – und seine Hütte. Er führt Tagebuch und zunächst verläuft alles wie geplant. Doch dann stellt er fest, dass ein unsichtbarer Eindringling seine Vorräte stiehlt – und dieser Eindringling scheint, den Fußspuren nach zu schließen, sehr groß zu sein …

Der kleine Polarforscher soll das Wetter beobachten und die Wassertemperatur in einem zugefrorenen See, gleich neben seiner Hütte, messen. Der Helikopter, der Nachschub bringen soll, wird erst in zwei Wochen zurückkehren. Doch es dauert nicht lange, als seine Vorräte aus unerfindlichen Gründen zur Neige gehen. Unbeirrt macht er weiterhin seine Eintragungen, misst die Temperatur des Sees. Doch meinte er zunächst, er habe sich vielleicht nur eingebildet, dass jemand nachts in seine Hütte gestapft sei, belehren ihn die großen Fußspuren um seine Hütte, die er am nächsten Tag findet, eines Besseren. Von seinen Vorräten ist nur noch die Hälfte da. In der Nacht vom dritten auf den vierten Tag hört er lautes Schmatzen und einen Umriss von etwas, das riesig ist. Er kann nicht mehr einschlafen und stellt am nächsten Tag fest, dass alle Marmeladenkisten verschwunden sind. Tapfer trägt er aber weiterhin im Tagebuch ein: „Temperatur im See + 2 °“.

Dann wird es für den kleinen Polarforscher ernst – er hat bald nichts mehr zu essen und entscheidet sich, die Gegend zu erkunden. Als er zurückkehrt, sind alle Konserven, Brot und Schokolade weg. Der Dosenöffner auch. Der kleine Polarforscher trinkt viel Kaffee, denn er will in der darauffolgenden Nacht den Dieb auf frischer Tat ertappen. Doch er schläft ein. Am Ende ist nur noch ein Paket Kekse übrig – und ein Bonbon, das er in der Jackentasche findet.

In der nächsten Nacht kommt ein riesiger, laut schnaufender Schatten in seine Hütte. Der kleine Polarforscher macht beherzt Licht und was muss er sehen: „Einen Eisbären – mit dem letzten Keks im Mund!“

Der Bär fühlt sich sichtlich ertappt und sucht das Weite – doch der kleine tapfere Kerl setzt ihm nach und kann ihn schließlich stellen. Ein kurioses Bild präsentiert sich ihm, als er den weinenden Eisbären näher betrachtet. Seine Pfoten sind in Plastiktüten gewickelt und um seine Schultern trägt er ein Wolltuch.

Der Bär erzählt, er käme aus Hamburg – er sei ein Zirkusbär – als er im Fernsehen einen Bericht über den Nordpol gesehen habe und noch dazu seine Großmutter erkannt hätte, sei er vor lauter Sehnsucht in seine angestammte Heimat zurückgekehrt. Doch seine wilde Großmutter kann ihn nicht verstehen, sie knurrt nur und frisst rohen Fisch. Für den Eisbären aus dem Hamburger Zirkus ist das kein Leben. Heilfroh ist er daher, als er die Hütte des Polarforschers entdeckt …

Sonja Bougaeva macht schon mit ihrem Buchcover neugierig auf die dunkle, kalte Welt aus Schnee und Eis, der die rostrote Hütte des kleinen Forschers wie eine Insel der Wärme trotzt, nebelig und verweht verlieren sich ihre Umrisse in dem Schneetreiben. Besorgt blickt der kleine Polarforscher aus seinem Fenster, hinter ihm ist nur eine nackte Glühbirne zu erkennen.

Der Text, ebenfalls von Sonja Bougaeva, schildert in Tagebuchform die unglaublichen Geschehnisse inmitten der Einsamkeit. Angefangen mit „Erster Tag“ notiert der kleine Forscher – wie ihm aufgetragen – die Temperatur des Sees in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem einzig sicheren Hort. Aber auch seine Erlebnisse und Bedenken äußert er hier. Dass der Vorrat an Lebensmitteln für drei reichen würde, ist in Anbetracht der Tatsache, dass der Helikopter erst in zwei Wochen zurückkehren wird, eine durchaus beruhigende Aussicht. Ein wenig spürt man zwischen den Zeilen auch sein Unbehagen über die einsame Mission. Umso alarmierter ist er, als er erste, unleugbare Anzeichen eines Eindringlings entdeckt. Viele Kinder kennen das Gefühl des Fremdseins und des Unbehagens, wenn vermeintlich unheimliche Dinge um sie herum geschehen, die sie sich nicht erklären können. Der kleine Polarforscher hat unversehens alle Augen und Ohren auf seiner Seite, als es gilt, dem unheimlichen Treiben auf den Grund zu gehen.

Die Spannung wird umso mehr durch die sehr dichten und ausdrucksvollen Illustrationen erhöht. Sonja Bougaeva zeigt zu Beginn ihrer Geschichte, auf einer doppelseitigen Illustration, die Weite der Arktis. Ein wenig verloren wirken Hütte und Forscher in ihr. Hier ist er also gelandet. Im weiteren Verlauf bedient sie sich verschiedener, effektvoller Seiteneinteilungen; ein Streifen am Rand, der zeigt, wie tief der kleine Forscher jedes Mal an der Leiter hinabsteigen muss, kleine freigestelte Illustrationen unterhalb des Textes, ganzseitige Illustrationen auf der gegenüberliegen Seite – mitunter auch mit einem weißen Rand – oder schräg verlaufende, über beide Seiten gehende, Übergänge. Trotz der variablen Seiteneinteilungen wirkt das Buch aber an keinem Punkt der Geschichte unübersichtlich. Alle Schilderungen, die der Forscher in seinem Eintrag macht, finden sich in sinnvoller Reihenfolge auf der jeweilgen Doppelseite wieder. Hier spürt man deutlich Sonja Bougaevas Wissen um die szenische Umsetzung einer Geschichte in Bildern. Und das kommt nicht von ungefähr, denn nach ihrem Studium der Buchkust und der Malerie, machte sie eine Ausbildung als Trickfilmanimatorin und hat in einem Studio für Zeichentrickfilme gearbeitet, bevor sie ihren Diplomabschluss machte.

Der Kontrast zwischen der abweisenden Kälte der Arktis einerseits und der Wärme der Hütte andererseits, machen ohne Frage einen weiteren Reiz aus. In der Geborgenheit der Hütte überwiegen die Braun- und Rottöne, wobei die Welt außerhalb in Weiß, Grau, Blau bis Schwarz getaucht ist. Mit kräftigen Pinselstrichen betont Sonja Bougaeva ebenso das Schroffe wie die Endlosigkeit, in der sich jeder Umriss verliert. Sie schafft Inseln des Lichts innerhalb der kargen Behausung und kann – etwa als der kleine Polarforscher nachts lautes Schmatzen hört und weiß, dass „Etwas“ in seiner Hütte ist – auch hier eine bedrohliche Kulisse aufbauen. Dann taucht sie die Behaglichkeit der Hütte in kühlere und düstere Brauntöne.

Diese stetig ansteigende Anspannung, bis es endlich zur Begegnung der beiden kommt, lässt Kinder die Geschichte gebannt verfolgen. Bei dem Höhepunkt der Gesichte, mit seiner überraschend witzigen Auflösung, können zunächst nur wir Erwachsene laut auflachen; Kinder werden zunächst einmal aufatmen. Der subtile Humor Sonja Bougaevas, der die ganze Zeit mitgeschwungen ist, geht hier wunderbar auf und nimmt seine Leser in eine harmlose und humorvolle Eisbären-Retrospektive. An diesem Punkt der Geschichte angekommen, können sie sich entspannt zurücklehnen und den weiteren Entwicklungen folgen.

Der Bär wirkt dabei keineswegs bedrohlich. Eher unbeholfen und tapsig. Neben dem kleinen Forscher, dessen rundes Gesicht unter der gestrickten Pudelmütze stets aufmerksam wirkt, ist der Bär gar nicht mehr so riesig wie gedacht.

Überraschend wie der Verlauf, den die Geschichte dann nimmt, sind auch die Illustrationen zu dem Eisbärenleben in Hamburg. Der Zirkuswagen, in plüschig-warmen Rot ausgestattet, zeigt den weißen Bären vor einer rot-weiß getupften Tischdecke, wie er sich mit der (ebenfalls rot-weiß getupften) Teekanne gerade Tee einschenkt, während er sich zu seinem Fernseher umsieht. In der einen Pfote hält er eine Tafel Schokolade und auf dem Kopf thront, mit einem Band unter dem Kinn zusammengebunden, sein Zirkushütchen. Man sieht, der Eisbär hatte es sehr gemütlich in seinem Zirkus-Wohnwagen.

Dagegen wirkt die riesige, etwas schräg aussehende Eisbärengroßmutter, die gerade aus einem Eisloch hüpft, wie ein echter „Kulturschock“ für den armen Zirkusbären. Der entgeisterte Blick des Enkels spricht da Bände. Der kleine Polarforscher ist versöhnlich und kann – wenn er ehrlich ist – auch ein wenig Gesellschaft gebrauchen. Die Temperatur des Sees steigt – „Temperatur im See +6°. Richtig warm!“ – und auch das Eis wirkt auf dem letzten Bild nicht mehr so abweisend.

Und so kommt es, dass der kleine Polarforscher und der Bär zusammen in der Hütte wohnen (denn „bei Oma ist es sooo kalt...“), selbstgefangenen Fisch braten und warten, bis der Helikopter zurückkehrt. Der Eisbär wird zurück nach Hamburg fliegen, in seinen Zirkus.

Fazit:

Mit starken Illustrationen und einem sicheren Instinkt für die Inszenierung ihrer Geschichte um den kleinen Polarforscher, hat Sonja Bougaeva einen überraschenden und zugleich komischen Plot geschaffen. Der subtile Humor und die Art, wie Sonja Bougaeva die Geschehnisse in die Bildsprache umsetzt, sind packend und lassen die Kinder gespannt über den Bildern sitzen.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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