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Buchcover: Paul W. Catanese: Die Bücher von Umber - Der gefundene Junge

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Bücher von Umber - Der gefundene Junge von Paul W. Catanese

erschienen bei Carlsen

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Kinderbuch des Monats [11.2010]. Ein Junge erwacht – und hat keinerlei Erinnerungen daran, woher er kommt und wer er ist... sein Leben, seine Erinnerungen beginnen ab dem Moment, da ihn ein geheimnisvoller Mann zum ersten Mal anspricht. Und doch weiß >Happenstance<, den der Zufall geschickt hat, aus irgendeinem Grund eine Menge über die Welt.

Der Mann mit dem mysteriösen Kürzel WN bleibt für Happenstance nur eine Stimme, denn seine Augen sind verbunden. Lord Umber, der mit seinen Gefährten, dem hünenhaften Oates und dem schüchternen Mädchen Sophie, auf der Suche nach einem Schatz ist, macht mit Happenstance einen überraschenden Fund. Der geheimnisvolle WN trägt Umber auf, den Jungen überall hin mitzunehmen. Er sei für dessen Ziele von großer Bedeutung. Mehr erfährt >Hap< zunächst nicht und der Brief, den WN hinterlassen hat, ist nur für Umber bestimmt. Happenstance schließt sich der Gruppe an. Das Ziel ihrer Reise ist die sagenhafte Hafenstadt Kurahaven, doch zunächst möchte der abenteuerlustige Umber auf keinen Fall eine Begegnung mit dem monströsen Tyrannenwurm in den Höhlen von Alzumar, der begrabenen Stadt, verpassen. Umbers Neugier und seine Unbekümmertheit bringen die Gefährten in höchste Gefahr, vor allem, da der Wurm entgegen aller Erkenntnisse doch sehen kann.

Aufs höchste von seinem bestandenen Abenteuer angetan – was für die anderen Mitreisenden keinesfalls zutrifft – führt Umber Hap auf ein Schiff der besonderen Art. Es handelt sich um den Wal namens Boroon, auf dessen Rücken eine Art U-Boot befestigt ist.

Während Oates vor sich hingrantelt, wie es so seine Art ist, und Sophie sich daran macht, detaillierte Zeichnungen des Tyrannenwurms für Umbers Bücher anzulegen, entdeckt Hap dank seiner außergewöhnlichen Augen – die ein jeder wegen ihrer grünen Farbe und ihrem ungewöhnlichen Funkeln anstarrt – ein Schiff, das ihnen immer in gleichbleibender Entfernung folgt. Da Hap nicht nur in stockfinsterer Nacht, sondern auch über weite Entfernungen scharf sehen kann, kann er auch die merkwürdige Gestalt am Bug des anderen Schiffes gut ausmachen. Als sie schließlich, in ihren Kabinen eingeschlossen, mit Boroon untertauchen, um ihren hartnäckigen Verfolger abzuschütteln, ist Hap voller Panik, denn er hat eine Todesangst vor dem Wasser.

Trotz des scheinbar geglückten Manövers kommt es in Kurahaven doch zum Zusammentreffen mit dem eigenartigen Fremden. Und obwohl lebhaftes Treiben auf dem Marktplatz herrscht, setzt das unheimliche Wesen mit Namen Occo alles daran, Haps habhaft zu werden. Hap versucht zu fliehen, doch das merkwürdige Wesen mit Vogelbeinen, kann ebenso erstaunlich hoch springen wie er selbst. Nur durch eine empfindliche Verletzung, die sich Occo durch einen von Haps Verteidigern zuzieht, ist er zum Rückzug gezwungen. Hap ahnt, dass er seinem Verfolger nicht zum letzten Mal begegnet ist.

Um ein wenig Licht in das Dunkel um Haps Herkunft zu bringen, versetzt Umber den Jungen in Hypnose. Doch die Hypnose führt den Jungen an unerträgliche Abgründe. Wer die Schilderungen genau liest, findet hier den ersten deutlichen Hinweis auf das eigentliche Wesen Happenstances, den es laut WN gar nicht geben dürfte, da seine Existenz gegen alle Gesetze der Natur ist. Zudem setzen die schrecklichen Erlebnisse, die Hap unter Hypnose erfahren hat, scheinbar eine Kraft frei, die Hap zu Vorahnungen befähigt. Bei seinen nächtlichen Streifzügen durch Aeries, denn Hap benötigt keinerlei Schlaf, begegnet er dem Winzling mit Namen Thimble, den er aus den Fängen einer Katze rettet. Dieser stolze kleine Kerl, der ziemlich widerborstig auftritt, lehnt jeden Kontakt mit den „Riesen“ ab und verlangt, weiterhin seiner Wege zu gehen. Die Art und Weise, wie er auf die nahende Not des kleinen Mannes aufmerksam wird, gibt Hap aber noch viel mehr zu denken. Plötzlich wird ihm in seiner Kammer so kalt, als wäre sein Tod nahe und schließlich durchfährt ihnen eine große Hitze, ehe ein merkwürdiges leuchtendes Band ihn genau an den Ort führt, wo er schließlich Thimble retten wird.

Der eigentümliche Bibliothekar Umbers mit dem bezeichnenden Namen Smudge – ein wirklich schmieriger ungepflegter Kerl – berichtet schließlich von den „Grünaugen“, die auch die Namen „Springer“, „Pfuscher“ oder „Fädenzieher“ haben. Das Magische an ihnen ist die Tatsache, dass sie immer dann auftauchen, wenn „sich folgenschwere Dinge ereignen. Große Katastrophen oder große Triumphe.“ Sie können den Lauf des Schicksals verändern – sowohl zum Guten als auch zum Bösen. Alles in Happenstance wehrt sich gegen seine Bestimmung, er will das Schicksal nicht beeinflussen.

Doch in einer stürmischen Nacht passiert es erneut und das leuchtende Band deutet auf etwas, das sich außerhalb des Turms von Aeries befindet. Dieses Mal geht etwas Bedrohliches von ihm aus. Dann erblickt Hap Occo, der die Mauern hinaufklettert. Zunächst sicher, dass sein Häscher seinetwegen gekommen ist, stellt er bald fest, dass Occo sich auf die Räume Umbers zubewegt.

In den Ruinen von Petraportus, in dem letzten noch erhaltenen Turm, mitten im tosenden Meer, hält Occo Lord Umber gefangen. Das vogelartige Wesen verlangt für Umbers Freilassung, dass Hap sich ihm ausliefert. Niemand darf ihn begleiten, so lautet die Bedingung.

Während um sie herum der Turm im tosenden Sturm einstürzt, kämpfen Hap und Umber einen erbitterten Kampf mit einem gnadenlosen Feind. Doch Hap ist, so viel sei hier verraten, nicht ganz ohne Hilfe gekommen.

Ich gebe zu, ein wenig skeptisch war ich schon, als ich einen „armen“ Wal auf dem Cover sah, dessen Seitenflosse blutet. Ich hoffte, dass es kein Abenteuer ist, bei dem ein Wal leiden müsste. Doch es kam wahrlich ganz anders. Von der ersten Seite an wurde ich mit immer neuen Ideen überrascht und immer genau im richtigen Moment – ein wirklich erstaunlich gelungenes Timing von P.W. Catanese – kam eine neue spannende Sache auf. Besonders schön – gerade für Jüngere Leser – ist auch, dass es in diesem Buch nicht diese kleinen „Cliffhanger“ gibt; also Situationen, in denen die Erzählerperspektive von einer Figur zur nächsten wechselt und man erst viele Seiten später erfährt, wie der spannende Moment weitergeht. Rückblenden finden sich meist in in den Dialogen, etwa wenn Lord Umber dem jungen Helden die Geschichte von Kurahaven erzählt und von seinen manchmal gar nicht glorreichen Herrschern. In den vielen kleinen Hinweisen, die Catanese scheinbar zufällig fallen lässt, erfährt man mehr und mehr über Umbers wahre Hintergründe; auch wie er zu einem so erfindungsreichen Genie werden konnte.

Da die fantasievolle Sprache für Kinder ab 10 durchaus anspruchsvoll, aber keineswegs für Kinder zu kompliziert ist, ist es schwierig das Buch einer bestimmten Altersempfehlung zuzuordnen. Es ist ein Buch, das Menschen jeden Alters ab 10 Jahren faszinieren kann; sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene werden durch die besondere Atmosphäre dieses Fantasy-Romans fasziniert am Ball bleiben. Zwar vom Verlag ab 12 freigegeben, glaube ich daher, dass auch jüngere „Lese-Profis“ sehr gut mit dem Buch zurechtkommen werden. Die manchmal gruseligen Schilderungen, zum Beispiel die des vogelartigen Wesens Occo oder der bösen Hexe Turiana, sind zugegebenermaßen schon ein wenig beängstigend, doch bleiben sie noch im Rahmen und verleihen der Geschichte, gerade zum Höhepunkt hin, die richtige Würze. Die Helden können die Angriffe des Bösen stets erfolgreich abwehren; nicht zuletzt sorgt aber der humorvolle und positive Grundtenor der Geschichte dafür, dass die düstere Wirkung der Schilderungen unmittelbar abgemildert wird. Etwas Nervenkitzel bietet das Buch also auch, aber auch überaus dichte Momente und malerische Schauplätze, so dass ich mir gut vorstellen könnte, diese abwechslungsreiche und gut durchdachte Geschichte auch auf der Leinwand zu sehen.

Auf jeden Fall – und das ist das beeindruckendste – ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite hoch spannend. Egal, ob es um einen Kampf geht oder um eine interessante Wendung des Schicksals. Die Entschlüsselung von Haps Geheimnis zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch und dadurch nimmt auch der Leser jeden Hinweis voller Neugier auf.

Ebenso fesselnd und vor allem für die dichte Atmosphäre des Romans verantwortlich, sind die Figuren. Sie sind herrlich beschrieben und es gelingt Catanese binnen kürzester Zeit, dass man sich mit ihnen verbunden fühlt. Keineswegs finde ich, dass Hap als Charakter blass bleibt. Man leidet mit dem Jungen und in den Momenten, da er verzweifelt ist – und zu allem Überfluss noch von der Hauswirtschafterin schikaniert wird – wächst er einem ans Herz. Die lebendigen Eigenarten seiner Charaktere sowie die humorvollen Dialoge und Reaktionen entwickelt Catanese ganz aus der Handlung heraus. Das macht die Welt um Lord Umber, der auf Anhieb als liebenswerter Exzentriker und Menschenfreund Sympathien weckt, überaus lebendig und eigenständig. Dabei gelingt es Catanese auch in dieser Figur einige Charaktermerkmale zu verankern, die ihn auch auf Dauer interessant erscheinen lassen. Keineswegs bleibt Umber ein euphorischer und unbekümmerter Forscher, der, ähnlich einem Kind, unerschrocken die Wunder der fantastischen Welt um ihn herum erforscht. Schließlich sehen wir auch seine düstere Seite, verstehen seinen Verlust aber auch die Erkrankung, die sich hinter seinen emotionalen Abstürzen verbirgt.

Die Welt in der sowohl Umber als auch Happenstance gestrandet sind, ist voller Magie. Umber versucht mit seinen Forschungen – die er in seinen Büchern festhält – den Zauber und die Monstrositäten dieser fremden Welt einzufangen und zu begreifen, in der Hoffnung, seine eigene Welt retten zu können.

Sehr geschickt verschiebt der Autor damit den Bezugspunkt der Geschichte in unsere Welt; Andeutungen gibt es einige, wie zum Beispiel Umbers verstohlene Frage, ob Hap die Namen unserer Metropolen kennt. Schließlich gelingt es Catanese – und das ohne es irgendwie passend machen zu müssen – diese fremde, wunderbare Welt mit den vielen magischen Elementen mit der unsrigen zu verbinden. Er legt damit eine interessante Basis für seine beiden weiteren Bände der Trilogie. Die Nachfolgebände mit den Originaltiteln „Dragon Games“ (The Books of Umber 2) und „The End of Time“ (The Books of Umber 3) sind bereits auf dem amerikanischen Buchmarkt erschienen. Man darf also noch gespannt sein, ob es Hap und Umber gelingt, die Geschicke umzukehren – doch ich glaube, bevor es so weit ist, das deutet der Titel des zweiten Bandes „Dragon Games“, also „Drachenspiele“, bereits an, werden sie noch so manchen Kampf mit sich und den Zauberwesen ausfechten müssen.

Fazit:

Der erste Band „Die Bücher von Umber“ ist nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite hoch spannend, er überrascht auch immer wieder aufs Neue mit seinen frischen Ideen und zeigt das beeindruckende Vorstellungsvermögen von Paul William Catanese. Seine eigenwilligen Charaktere überzeugen durch ihren Facettenreichtum und ihre Glaubwürdigkeit auf ganzer Linie. Greifbarer, spannender und lebendiger geht es kaum – das ist echtes Kino für den Kopf!

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

Meinungen zu diesem Buch

[Leser-Kommentare überspringen]

torni meint:
Ich habe das Buch meiner neunjährigen Tochter zu Weihnachten geschenkt, kurz vor dem Gänsebraten am zweiten Weihnachtsfeiertag waren wir beide durch. Ich musste es immer wieder stibietzen und wieder hergeben, es war toll, zusammen mit meiner Tochter in Umbers Bücher zu tauchen. Sie wird jetzt ihr Buchreferat in der 4a dem gefundenem Jungen widmen.
Ein großartiges Buch und eine treffende Rezension

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