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Buchcover: Susan Cooper: Victory

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Victory von Susan Cooper

erschienen bei Boje

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Molly, zwölf Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in den Vereinigten Staaten und fühlt sich in ihren jungen Jahren bereits entwurzelt; ihr Heimweh nach ihrem urenglischen London ist so übermächtig, dass sie ein Buch über die Seeschlacht bei Trafalgar kauft. Sams Leben hingegen, das zweihundert Jahre vorher stattfindet, ist geprägt von Armut. Als er sich bei seinem Onkel endlich einer besseren Zukunft sicher sein kann, wird er von der britischen Marine zum Frondienst auf der HMS Victory, dem berühmten britischen Kriegsschiff, gezwungen. Sam erlebt, was Molly in der Biographie über Admiral Nelson liest und ein kleines Stückchen Stoff stellt eine geheimnisvolle Verbindung zwischen ihren Schicksalen her …

Connecticut, Sommer 2006. Als Molly in einer kleinen Buchhandlung das Buch über Admiral Nelson in Händen hält, spürt sie gleich auf ganz unbestimmte Weise, dass sie und die alte Biographie über den berühmten Admiral füreinander bestimmt sind. Sie findet in dem ebenfalls englischen Buchhändler einen verständnisvollen Verhandlungspartner und darf das Buch schließlich zu einem äußerst günstigen Kurs mitnehmen. Ihre Mutter wundert sich über das historische Interesse ihrer Tochter, doch sie versteht, dass die Abbildung der Siegessäule am Trafalgar-Square starke Heimat-Gefühle in ihrer Tochter auslösen. Zu Hause angekommen, entdeckt Molly durch puren Zufall, dass in dem Buchdeckel ein kleiner Umschlag über viele Jahre verborgen war. In ihm steckt ein Fetzen Fahne von dem berühmten Kriegsschiff der HMS Victory, deren Mannschaft sich so siegreich gegen die Truppen Napoleons geschlagen hatten. Bei dieser Schlacht starb damals der von allen Briten verehrte Lord Nelson. Der Junge, der diesen Fetzen Fahne bei dessen Beerdigung an sich genommen hat, war kein anderer als Sam, der es seit dem wie seinen größten Schatz gehütet hat.

Kent, Winter 1803. Unter ärmlichsten Bedingungen überlebt Sams Familie in einer kleinen Hütte, als Onkel Charlie überraschenderweise der Familie einen Besuch abstattet. Als Spinner in einer Seilmacherei hat er es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Er bietet der Familie an, einen der älteren Söhne mit nach Chatham in die Seilmacherei zu nehmen. Doch den ältesten Sohn will der Vater nicht hergeben; ist er in seinen Augen doch zu gut geraten, als dass er auf ihn verzichten wollte. Doch Sam, den er für einen Weichling hält, will er nur zu gern hergeben – vor allen Dingen, da ihm dieser regelmässig Geld schicken will. Sams Mutter stimmt dem voller Kummer zu; sie weiss, wie wichtig es ist, dass ihr Sam von seinem verhassten Vater fortkommt, um woanders sein Glück zu finden. Nur einen Tag kann Sam das gute Leben in der Stadt geniessen und die aufregende Arbeit in der Seilmacherei erleben. Dann werden sie auf dem Weg nach Hause von der britischen Marine entführt. Sam erlebt trotz seiner jungen Jahre die Grausamkeiten auf See unmittelbar und auch am eigenen Leibe mit. Doch er ist ein kluger und von Herzen guter Junge, so dass er schon bald vom niedrigsten „Dienstgrad“ aufsteigen und wieder in unmittelbarer Nähe von seinem Onkel Charlie sein kann. Wochen-, monatelang verfolgen die Schiffe der britischen Marine ihre französischen Gegner – auch die HMS Victory, wo Sam seinen Dienst tun muss. Bei Trafalgar kommt es schließlich zu den berühmten Gefechten, die alles an Grausamkeiten übersteigen, was Sam sich in seinem jungen Leben je vorstellen konnte. Nicht nur der über alles verehrte Admiral Nelson verliert bei dieser Schlacht sein Leben auch sein Onkel Charlie wird tot unter Deck gebracht. In tiefer Trauer kehrt die Mannschaft nach London zurück und trägt den berühmten Admiral unter großer Anteilnahme zu Grabe. Sam fährt weiterhin zur See und lässt das Stückchen Fahne eines Tages bei seiner Tochter zurück, die es für ihn aufbewahrt – doch Sam kehrt von dieser Fahrt nicht mehr zurück.

„Der Wind pfeift durch die Takelage; ein Laut, der sich hartnäckig in Mollys Kopf festsetzt. Ein Laut, den man mit Worten nicht beschreiben kann, denkt sie; der Laut den Sam und Nelson gehört haben.Was der Wind singt, kommt aus dieser anderen, vergangenen Welt, verbindet das Damals mit dem Heute.“ Die Verbindung zwischen dem Damals und Heute stellt die bekannte Fantasy-Autorin Susan Cooper her, indem sie Mollys auf das immer noch existierende Kriegsschiff, die HMS-Victory „schickt“. Molly drängt es, von einer inneren Stimme getrieben, dieses historische Schiff selbst zu erleben.

Doch wer nun gespannt darauf wartet, dass sich an diesem Ort die beiden Kinder auf magische Weise begegnen werden, wird am Ende enttäuscht. Molly erlebt zwar sehr intensiv aber auch zum größten Teil zusammenhanglos – da von den jeweiligen Schauplätzen des Schiffes abhängig – in ihrem Kopf die Begebenheiten aus Sams Leben nach, doch ein direkter Kontakt bleibt aus. Sie „hört“ vielmehr wichtige Fetzen von Gesprächen, erlebt für Stunden auf einer anderen Bewusstseinsebene das schwere Leben an Bord und die ganze Wucht der Schlacht mit, die Sam einst traf. Zwar können wir die hier erwähnten Bruchstücke irgendwie zuordnen, schließlich kennen wir Sams Geschichte ja aus seinen eigenen Schilderungen, doch die Visionen wirken schon sehr konfus und bedrückend. Dass Molly am Ende wegen ihres vermeintlichen Nervenzusammenbruchs in einem Krankenhaus landet, zieht den Spannungsbogen noch ein wenig weiter nach unten.
Die ebenso traurige wie auch beeindruckende Schilderung der Trauerprozession zu Nelsons Ehren schliesst den Kreis – denn diese Passage ist zugleich auch der Ausgangspunkt des Buches.

Susan Cooper baut bis zum erwähnten Ende eine dichte Atmosphäre auf, die vor allem durch die Darstellungen Sams geprägt sind. Auch ist es prinzipiell eine gut Idee, Geschichte auf diese Weise für Kinder erlebbar zu machen. Doch besonders das Ende enttäuscht. Für Kinder ist diese Art von „Begegnung“ nur schwer nachzuvollziehen und entzieht so der Geschichte ihren eigentlichen Reiz. Auch bleibt das Gefühl eines Happy-Ends vollkommen aus. Das Gefühl das zurückbleibt – auch und vor allen bei Molly, die als einzige am Ende berichtet- ist nach alledem immer noch das Gefühl von Verlust und Kummer; auch wenn Susan Cooper in ihrer Geschichte von einer familiären Zusammenführung auf mehreren Ebenen berichtet. Da hilft es eben wenig, dass die englisch-amerikanische Patchworkfamlie über Mollys „Kummer“ ein wenig näher zusammenrückt.

Das ist schade, denn sprachlich ist ihr Roman wirklich gelungen. Susan Cooper erzählt ihren fesselnden Roman nicht nur aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven, es ist ihr auch noch gelungen, diese beiden Welten über zwei sehr verschiedenartige Erzählformen zu vermitteln. So berichtet Sam seine Geschichte in Ich-Form und in seiner ganz eigenen, intensiven Sprache, die wunderbar in die damalige Zeit entführt. Es ist spürbar, dass dieser Teil von einem Jungen erzählt wird, der seine Gefühle unter Kontrolle halten kann und zudem ein sehr kluger Beobachter ist. Sam trotzt uns mit jeder seiner Schilderungen Respekt vor seinem Überlebenswillen und seiner Tapferkeit ab.

Molly´s Episoden hingegen werden aus der Perspektive einer dritten Person, eines Erzählers, beschrieben und dieser schildert den schwierigen Alltag des Mädchens und ihre Vorgeschichte. Die Episoden aus Mollys Leben wirken dabei an vielen Stellen übetrieben rührselig. Mit ihrem arg angegriffenen Nervenkostüm, mit dem sie von Anfang an zu kämpfen hat, wirkt Molly beinahe schon ein wenig exzentrisch. Wenn dann noch die ganze Familie vor Mitleid und Sorge um Molly zu zerfliessen scheint, dann wirken die Einblendungen Mollys in diesem Buch eher langweilig. Ein etwas positiverer, tatkräftigerer Charakter wäre hier mit Sicherheit ein besseres Pendant zu Sam´s spannendem Seefahrerleben gewesen. Damit wird deutlich, dass die Hauptperson dieser Geschichte eindeutig Sam ist und Molly eher für eine Vermittlerin zwischen der unsrigen und der damaligen Zeit steht. Dass Mädchen sich besonders mit Molly identifizieren werden können, sehe ich daher eher nicht. Vielmehr sind die Erzählungen Sams so spannend, dass sie sicherlich auch Mädchen mitreissen werden

Wunderbar intensiv beschreibt Susan Cooper hier die Erlebnisse und Empfindungen des tapferen Jungen. Und das auf eine Weise, dass man sich sehr gut vorstellen kann, wie hart und entbehrungsreich es auf einem solchen Kriegsschiff zuging. Dabei bedient sie sich natürlich der Gegensätze zwischen Gut und Böse und vermag so manchen eigenwilligen Charakter entstehen lassen, die es der Person nach, laut der Anmerkungen der Autorin, tatsächlich gegeben hat. Wie zum Beispiel natürlich auch Sam Robbins. Dass gerade Sam und Molly zueinander gefunden haben – wenn auch nur in Mollys Visionen – ist natürlich auch kein Zufall.

Fazit:

Vor allen Dingen der Darstellungen aus Sams Leben wegen lohnt es sich, dieses Buch zu lesen.
Bei Susan Coopers Erzählung aus zwei Perspektiven entwickelt sich aber gerade zum Ende hin ein zwiespältiger Eindruck. Dabei zeichnen sich Sams Erzählungen durch eine derart bestechende Klarheit aus, dass sie unversehens in die damalige Zeit entführen und sofort fesseln. Die gut recherchierten Begebenheiten sind von Susan Cooper so spannend in Szene gesetzt, dass es tatsächlich einer Zeitreise gleicht. Leider stellt sie den Charakter der Molly kaum positiv gegenüber. Hinzu kommt, dass die Visionen Mollys zu theatralisch und überfordernd für die anvisierte Zielgruppe erscheinen.

Stefanie Eckmann-Schmechta


Meinungen zu diesem Buch

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Bemerkung meint:
Ich finde dieses Buch einfach klasse. Mich interessieren vor allem Bücher, die etwas mit der Schifffahrt zu tun haben. Mir ist bei der Zusammenfassung ganz oben nur etwas aufgefallen. Bei mir im Buch steht, das Molly 11 Jahre alt ist und nicht 12 :D Irre ich mich da, oder steht das oben falsch? :)

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