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Buchcover: Yves Coppens: Der Ursprung des Menschen

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Der Ursprung des Menschen von Yves Coppens

erschienen bei Hanser

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Kinderbuch des Monats [02.2009]. Die Menschheitsgeschichte begann vor 14 Milliarden Jahren. Auf knapp 60 Seiten finden wir diese lange Zeit zu einer beeindruckenden Geschichte komprimiert. Begleitet von den kraftvollen Illustrationen von Sacha Gepner können wir den Spuren, die die Gattung „Homo“ uns hinterlassen hat, folgen.

Es sind die Fragen, die sich die Menschen schon seit Urgedenken stellen, die in Yves Coppens Buch die Geschichte des Menschen eröffnen. Es sind die Fragen „was war da? Wie war es?“ Gab es vorher das „Nichts“, wie mag es gewesen sein? Weil man über das „Nichts“ nichts weiss, stellt dies wohl der schwierigste Teil unserer Entstehungsgeschichte dar. Doch muss es etwas in der grenzenlosen Leere gegeben haben, das Raum und Zeit hat entstehen lassen.

Coppens fährt mit der Entstehung des Universums fort. Die in Versalien eingefügten „Überschriften“ leiten zum nächsten grossen Schritt der Entstehungsgeschichte über, um die millionen von Jahren andauernde Entwicklung zu raffen. Wir erfahren von der Geburtsstunde der Erde, dem ersten Leben im Wasser und schließlich an Land, dem Aufkommen einer neuen, überlegenen Art, den Dinosauriern. Als diese von der Erde verschwinden, schlägt die grosse Stunde der Säugetiere. Erste Primaten bevölkern die Erde.

In Afrika gibt es ein neues Wesen: Kein Affe mehr – aber auch noch kein Mensch. Hier wird Yves Coppens Geschichte lebendig: „Jemand reckt den Hals“ …es ist der Beginn des aufrechten Ganges, der, wie kaum ein anderes Entwicklungsstadium, den Werdegang des Menschen beeinflusst hat. Es entstehen verschiedene Arten von Hominiden; ihre Knochen werden sehr viel später an ganz verschiedenen Orten gefunden. Darunter auch die berühmte „Lucy“ an deren Entdeckung Yves Coppens massgeblich beteiligt war.

„UND WAS KOMMT DANN?“ fragt Coppens und leitet damit zum wohl wichtigsten und zugleich komplexesten Teil seines Buches über: Die Entwicklung der Gattung „Homo“. Nach der Verdrängung der Vormenschen durch die Gattung „Homo“, setzt der „grosse Wendepunkt“ ein und dieser wird auch die Leser herausfordern.

Der Knochenbau der neuen Gattung verändert sich, die Kieferpartie weicht zurück, die Gehirnkapazität wächst. „Eine neue Seite in der Geschichte der Menschheit wird umgeblättert“ und das tun wir in diesem Buch auch. Auf S. 36 finden wir das beeindruckende Portrait eines „Homo Habilis“ . Sein Gesicht, noch ein wenig affenähnlich, zeigt einen beinahe beklemmend echten Gesichtsausdruck mit angstvoll geweiteten Augen, die in die undurchdringliche Dunkelheit blicken. Ein Bild, das wie kaum ein anderes von Gepners Bildern die Menschwerdung mit all seinen Gefühlen widerspiegelt.

Die Kreativität der Gattung „Homo“ wächst und mit ihr auch die Fähigkeit, immer neue Lösungswege zu finden. „Nach 4 Millarden Jahren ist er das erste Wesen, das weiss, das es weiss.“ Nun entwickelt sich die Geschichte des Menschen – im Vergleich zu den vorherigen Zeiträumen – rasant. Durch die Absenkung des Kehlkopfes entwickelt sich die Sprache und damit die Möglichkeit, erworbenes Wissen weiter zu geben. Es entstehen Gemeinschaften und diese sind wichtig zum Überleben – Gemeinschaftsgefühle garantieren den Zusammenhalt. Auch Gefühle der Liebe – insbesondere der Mutter zu ihrem Nachwuchs – aber auch die des Kummers nehmen einen grossen Teil des Bewusstseins ein. Der „Homo Erectus“, vor ca. 500 000 Jahren, stellt erste symmetrische Werkzeuge her, lernt das Feuer zu zähmen und entwickelt sich schließlich zum „Homo sapiens“, der „Weise“. Der Homo sapiens ist in der Lage, sich perfekt den unterschiedlichsten Umweltbedingungen anzupassen; er erobert die ganze Welt.

Yves Coppens führt noch einen kurzen Exkurs nach Europa, denn dort ereignete sich eine verblüffende Entwicklung. Durch die Vergletscherung fand eine Trennung und damit einhergehend eine Isolierung der Stämme statt. Ein „genetischer Erdrutsch“ ist die Folge. Es entsteht ein grobschlächtiger Typus, der Neandertaler, den man fälschlicherweise zunächst als Vorfahre des Homo sapiens bezeichnete.

Seit 50.000 Jahren malt der Homo sapiens „die Bilder die er in seinem Kopf trägt“ – Malereien an Höhlenwänden zeugen davon. Die erste Musik, die der Homo sapiens entstehen liess, kam höchstwahrscheinlich von einer Flöte. Es gibt schließlich mehrere dutzend Millionen Menschen auf der Erde. Sie beweisen sich als geschickte Baumeister und werden sesshaft. 5500 v. Chr. erfinden Sie das Rad und die erste Schrift. Damit beendet der Mensch seine lange Vorgeschichte.

Yves Coppens verdeutlicht, dass 14 Millarden Jahre vergangen sind – im Vergleich zu den wenigen Jahrtausenden unserer Zivilisation ein beeindruckend langer Weg, den die Entwicklung der Menschheit zurückgelegt hat. Yves Coppens sagt in seinen abschliessenden Worten „Alle Menschen, die unsere Erde bevölkern, wie auch immer ihre Hautfarbe, ihre Grösse oder Augenform sein mag, gehören einer einzigen Gattung an, dem Homo sapiens, der wiederum einer einzigen Gattung entstammt, der Gattung Homo, die vor 3 Millionen Jahren in Afrika geboren wurde.“

Es ist Soizik Moreau, die die Texte von Coppens in die vorliegenden Buchfassung brachte. Durch ihren Kontakt zu dem Illustrator Sacha Gepner und dem Paläontologen Yves Coppens entstand die Idee, ein Buch über die Entstehung der Erde und die des Menschen für Kinder zu verfassen. „Sie hat alles aufgenommen, niedergeschrieben und verschönert, so wie sie es immer macht...“ so Yves Coppens darüber, wie das Buch entstand. „Der Ursprung des Menschen“ kann also als ein Gemeinschaftswerk betrachtet werden. Vermutlich ist es Soiziks Moreaus Gespür für eine gewisse Dramaturgie zu verdanken, dass dieses Buch trotz der rein wissenschaftlichen Basis in jeder Hinsicht so mitreissend ist. Doch auch an dem oben erwähnten Zitat Coppens sehen wir, dass seine Diktion durchaus kraftvoll ist und er selbst komplexe Zusammenhänge auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen weiss.

Das ganze Buch hindurch spüren wir in dieser Zusammenarbeit so etwas wie ein respektvoller Umgang mit der Evolutionsgeschichte des Homo sapiens. Beinahe ehrfürchtig wirken die knappen und doch so treffsicheren Worte, mit denen die gewaltigen Zeitsprünge in der Evolution geschildert werden. Dabei hält das Buch stets die Balance zwischen kindgerechter Nähe und sachgerechter Vermittlung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse – eine Verbindung, die auch Erwachsene in Staunen versetzt. Vielleicht spiegelt dies auch die „Arbeitsteilung“ zwischen Moreau und Coppens wider.

Coppens Schilderungen über die emotionale, intellektuelle sowie soziale Entwicklung des Menschen sind verblüffend: Sie zeigen ungeahnte Einblicke in das Leben unserer Vorfahren. Das Fortschreiten dieser Entwicklung führte zur Bewusstwerdung und damit zu der Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, Spiritualität zu entwickeln, Entdeckungen und Erfindungen zu machen und Kunst zu erschaffen. Auf kluge Weise werden diese verblüffenden Einblicke mit übergreifenden Hervorhebungen im Text eingeleitet. Das erzeugt nicht nur Neugier, sondern auch ein Gefühl der gespannten Aufmerksamkeit.

Diese gelungene Mischung aus Wissenschaft mit philosophischem Unterton, verbunden mit den atmosphärisch-dichten Illustrationen von Sacha Gepner, begeistert auf den ersten Blick. Sacha Gepners Illustrationen, die Gemälden gleichen, werfen uns eindrucksvoll in eine Zeit zurück, in der es in der Dunkelheit nur wenige Lichtpunkte gab. Das erdig-felsige, das die Entstehungsgeschichte des Menschen weitgehend begleitet, wird eingeleitet durch farbintensivere Illustrationen, die die Entstehung der Erde und das beginnende Leben auf ihr zeigen. Doch auch sie wirken wie Lichtpunkte innerhalb der von Dunkelheit durchsetzten Endlosigkeit des Universums. Dass Sacha Gepners Szenerie so lebensecht aussieht, liegt zum einen an dem beeindruckend weiten, meist dunklen Raum mit strukturiertem Hintergrund, in der sich das erhellte Antlitz eines unserer Vorfahren zeigt. Seinen Fokus legt Gepner dabei auf den Gesichtsausdruck und in besonderem Masse auf die Augen. Sie halten den Blick des Betrachters fest und offenbaren, trotz ihrer affenähnlichen Gestalt, ihre verblüffende Ähnlichkeit mit uns.

Ein Glossar am Ende des Buches gibt Antworten auf Fachbegriffe, von A wie Ammoniten bis hin zu V wie Vergletscherung, und gibt damit noch einige interessante Erklärungen zum besseren Verständnis.

Fazit:

Dem französischen Paläontologen Yves Coppens ist es in Zusammenarbeit mit Zoizik Moreau gelungen, das Wunder der Evolution mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnise in einer packenden Dramaturgie zu verbinden.
Damit ist „Der Ursprung des Menschen“ alles andere als ein trockenes Sachbuch, sondern eine unwiderstehliche Einladung über unsere Vorgeschichte, die noch immer zum Teil im Dunkeln liegt, mehr zu erfahren. Wunderbar spiegelt sich dies auch in Sacha Geppners eindrucksvollen Illustrationen wider. Sie ziehen in ihrer scheinbar endlos wirkenden Tiefe unsere Blicke auf sich und lassen uns in eine archaische Zeit eintauchen, da die Menscheit noch nicht einmal in ihren Kinderschuhen steckte.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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