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Buchcover: Kate DiCamillo: Die wundersame Reise von Edward Tulane

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die wundersame Reise von Edward Tulane von Kate DiCamillo

erschienen bei Cecilie Dressler

geeignet für Kinder im Alter ab 10 Jahren

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star. Kinderbuch des Monats [03.2006]. Das Buch von Kate DiCamillo ist einfach schrecklich, „schrecklich schön“! Es berührt mit seiner Geschichte über den Porzellanhasen Edward Tulane so tief, dass selbst erwachsenen Lesern unversehens ein dicker Kloß im Halse steckt – und allerspätestens am Ende dieser unglaublich schönen Novelle brechen dann doch alle Dämme …

Kate Di Camillo läuft in dem Buch „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ wahrlich zur Bestform auf! Dabei besticht, neben der einfühlsamen Sprache, die überzeugend aufgebaute Dramaturgie: Edward Tulane, ein verwöhnter „Hasen-Snob“, gerät immer tiefer in die Abgründe menschlicher Schicksale. Mit jeder neuen Begegnung aber, wächst seine Fähigkeit zu Lieben und Edward begreift schnell, was es bedeutet, ein lebendiges Herz zu haben.

Edward Tulane lebt bei dem kleinen Mädchen Abilene Tulane. Sie liebt ihren aussergewöhnlichen Begleiter sehr. Stets ist er bei ihr und wenn sie in der Schule ist, dann sitzt Edward am Fenster und wartet auf sie. Er freut sich, wenn er sein hübsches Antlitz in der Fensterscheibe sehen kann und hält stolz seine goldene Uhr auf dem Schoss, die anzeigt, wann Abilene zurückkehrt. Beim Essen sitzt Edward auch bei Tisch – leider kann er den Tisch nicht überblicken. Aber das ist nicht weiter tragisch für ihn: Er mag ohnehin nicht zuhören was die Menschen einander erzählen. Eigentlich sind sie ihm ziemlich egal, Hauptsache sie sprechen nicht respektlos über ihn. Eines abends sitzt Großmutter Pellegrina am Bett ihrer Enkeltochter Ablilene und erzählt die Geschichte einer Prinzessin, die nicht lieben kann. Die Geschichte geht nicht gut aus und Edward fragt sich, was es mit dieser Geschichte überhaupt auf sich haben mag. Aber er denkt nicht gern über unangenehme Dinge nach. Die Großmutter legt Edward nach der Geschichte in sein eigenes Bettchen und flüstert ihm leise zu, dass er, Edward, sie enttäusche. Auch das versteht Edward nicht. Wie an jedem Abend, sagt Abilene dass sie Edward sehr, sehr lieb habe. Doch in Edward lösen diese Worte nichts aus – und er kann ja nichts erwidern.

Als es schließlich auf große Fahrt mit einem Schiff nach London geht, auf der Edward Abilene natürlich begleitet, ist er wie immer perfekt ausstaffiert: Er hat zu jedem Anlass das passende Ensemble. Edward findet an Bord des Schiffes viele Bewunderer, doch Abilene gibt ihren Hasen nicht aus der Hand und wacht sorgsam über ihn. Doch da überrumpeln sie zwei freche Jungen, die Edward kurzerhand ausziehen, um zu sehen, ob der Hase nicht mehr kann, als nur hübsch auszusehen – und als sei das noch nicht demütigend genug für Edward, werfen sich die beiden Jungen den werhrlosen Hasen zu. Abilene ist außer sich und versucht verzweifelt ihren kleinen, kostbaren Freund zu retten. Doch dabei geht Edward in hohem Bogen über Bord und sieht nur noch, wie Abilene seine goldene Uhr in Händen hält und verzweifelt nach ihm ruft.

Edward sinkt immer tiefer – bis auf den Grund des Meeres. Doch Edward stirbt nicht und hat sogar unglaubliches Glück: Zwei Fischer finden ihn im Fangnetz. Der alte Mann namens Lawrence nimmt sich seiner an und bringt ihn nach Hause zu seiner Frau Nellie, die er, da sie stets traurig ist, mit dem einstmals edlen Spielzeug trösten möchte. Edward hat die Zeit im tiefen Meer übel zugesetzt – doch Nellie setzt ihn liebevoll wieder in Stand und nennt ihn Susanna. Sie näht ihm schöne Kleidchen, die nicht so kostbar sind, wie die, die er bei Abilene getragen hatte. Auch ist er zunächst nicht sehr erbaut, plötzlich eine „Sie“ zu sein. Doch Lawrence und seine Frau behandeln ihn wie ein Familienmitglied. Nellie unterhält sich viel mit ihm und erzählt ihm von ihrem tiefen Kummer. Zum ersten Mal in seinem Leben hört Edward aufmerksam zu. Eines Tages aber, die Tochter der alten Leute hatte im Dorf von der höchst eigenartigen Behandlung eines Spielzeugs erfahren, muss sich Edward abermals von seinen geliebten Menschen trennen. Jene Tochter nimmt ihn mit sich und wirft ihn auf die Müllhalde. Edward ist verzweifelt und fassungslos. Das erste Mal in seinem Leben fragt sich Edward, ob er, jetzt da er Nellie und Lawrence aber auch Abilene so sehr vermisst, Liebe verspürt …

Sehr gekonnt hält Kate Di Camillo in ihren Worten zu Anfang die Wahrheit zurück. Wir begreifen die Welt aus Edwards engem Blickwinkel und es gelingt ihr dennoch, uns ahnen zu lassen, dass, gleich dem Märchen der Großmutter, auch Edwards Geschichte keine gute Wendung nehmen wird. Bereits zu diesem Moment baut sich schon eine Spannung auf, die uns mit dem unschuldigen und hilflosen Edward mitfiebern lässt. Mit ihren Worten – und gerade mit den Worten die sie nicht sagt, weil es nicht Edwards Worte wären – lässt sie uns so unmittelbar teilhaben, dass wir erkennen, was geschieht – aber gleichzeitig wissen, dass Edward es noch nicht begriffen hat. Wir verspüren dieselbe Hilflosigkeit dem Hasen gegenüber, von dem wir am Anfang nie gedacht hätten, dass er uns einmal so sehr ans Herz wachsen würde.

Wir erfahren mit den Sinnen und dem Herzen eines Porzellanhasen, wie schnell ein Herz brechen kann und wie es dennoch immer wieder die Stärke findet, neu zu lieben. Jede Wendung seines Daseins können wir durch seine Augen miterleben und erfahren auf diese Weise mit ihm, welchen Kummer er erdulden muss, welche Zweifel in ihm aufkommen und welche Hoffnungen, welche Enttäuschungen er dabei durchlebt. Mit Edward zusammen weitet sich unser Horizont und unser Herz. Dabei schlüpfen wir gemeinsam mit Edward in viele Rollen: In die, der Hasendame „Susanna“, dem Landstreicher und bestem Lagerfeuerzuhörer „Malone“, der traurigen Vogelscheuche im Garten einer alten, hartherzigen Frau bis hin zu dem hilflosen Begleiter letzter Kindertage, „Jangles“.

Edward wird stets um seiner selbst willen geliebt und lernt mit jedem Mal mehr, dies auch anderen gegenüber zu empfinden. Die eigene damalige Pracht, die einst für Edward so bedeutend war, wird zu einem Relikt längst vergangener Zeiten. Das, was er jetzt bewundert und geniesst ,ist nicht länger sein eigenes Spiegelbild, sondern die glücklichen Momente mit seinen geliebten Begleitern. Er lernt, wie erfüllend es ist, anderen zuzuhören und für sie da zu sein, er lernt, wie wunderbar es ist, wenn ein kleines Mädchen ihn in den Armen hält und ihn zärtlich hin- und herwiegt. Und er beschreibt uns auf ergreifende Weise, jene Momente, in denen er seinen geliebten Menschen nahe ist.

Und nicht nur den Menschen: Kate Di Camillo erzählt sehr symbolisch, was in Edwards Innersten vorgeht, wenn die Hündin des Landstreichers, Lucy, ihren Kopf auf seinen Hasenbauch legt. In ihren Träumen fiept und knurrt Lucy leise und Edward, der ja niemals schlafen kann, spürt ihre Töne in seinem Innersten widerhallen. Auch erfahren wir durch Edwards Erlebnisse, wie selbstlos Liebe sein kann. Denn der kleine Bryce gibt seinen geliebten Freund lieber frei, als ihn länger im Niemandsland seiner Scherben zu belassen – auch wenn es bedeutet, dass er Edward niemals mehr wiedersehen darf.

In vielerlei Hinsicht hat das Buch über „die wundersame Reise des Edward Tulane“ das Zeug zu einem echten Klassiker: Die Geschichte handelt in Anlehnung an eine vergangene Zeitepoche; etwa Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Dies lässt die Geschichte auf eine Weise romantisch auf uns wirken, auf der anderen Seite aber auch sehr zeitlos, wie es so manche Klassiker vergangener Tage bereits beweisen.

Kate Di Camillo, 1964 in Philadelphia, Pennsylvania, geboren, die sich selbst als Geschichtenerzählerin versteht, zeigt mit diesem Buch ihre Begabung auf wahrhaft eindrucksvolle Weise. Besser kann eine Geschichtenerzählerin ihre Fäden nicht spinnen, Stimmungen und Spannungen erzeugen. So wirkt ihre Sprache auf eine Weise altbekannt aber dennoch ganz und gar zeitlos. In seiner einfachen und dennoch berührenden Poesie lernen Kinder viel über Gefühle und die Kraft der Worte. Es ist ihre stille Melodie, die uns unbemerkt begleitet und sich in uns festsetzt, wie ein Gefühl vergangener Kindertage. Dies ist auch der Grund, warum sich „die wundersame Reise des Edward Tulane“ so gut zum Vorlesen eignet.

Optisch ist dieses Buch eine wahrer Genuss für alle Sinne. Dabei bestechen vor allen Dingen die Qualität des Buches, wie sein Papier und seine Verarbeitung, als auch seine vielen kleinen kunstvollen Details und nicht zuletzt natürlich die herausragend schönen Illustrationen von Bogram Ibatoulline. Bogram Ibatoulline fertigte für die Figur Edward Tulanes eigens eine Plastik an, um ihn so „lebendig“ wie möglich darstellen zu können. Dies ist ihm wirklich gelungen: Zwar sehen wir auf seinen unverfälschten und unglaublich stimmungsvollen sowie aufwändigen Zeichnungen, dass Edward stets bleibt, was er ist: Ein Spielzeughase aus feinem Porzellan – aber er versteht es auch einen gewissen „Unterton“ herzustellen, der uns auf beeindruckende Weise Edwards Seelenleben näherbringt.

Dies alles macht die Geschichte um einen ganz besonderen Spielzeughasen zu einem Schatz, der meiner Meinung nach schon jetzt in jedes Bücherregal gehören sollte und nicht nur in das der Kinder. Denn ich gebe es zu: Ich litt wirklich, doch ich kam nicht eine Sekunde darauf, das Buch zur Seite zu legen. Die Welt um mich herum verschwand und ich fühlte mit Edward. Edwards Liebe und Freundschaft hat das Leben vieler Menschen bereichert. Doch Edward ist immer wieder seinem Schicksal stumm und bewegungslos ausgeliefert. Daran zerbricht letztlich nicht nur seine Gestalt, sondern auch sein Herz. Doch es wäre keine so wunderschöne Geschichte, wenn Edward für immer im Regal des Puppenreparaturmeisters bleiben würde – Natürlich lernt er auch hier, dass er die Hoffnung niemals aufgeben darf. Er lernt es von einer sehr viel älteren Puppe. Sie gibt nicht auf – trotz ihres Alters, trotz ihres ebenfalls zusammengeklebten Kopfes, der schon viele Male zerbrochen war. Eines Tages erobert diese Puppe das Herz eines Mädchens und Edward begreift, das dies auch seine Aufgabe ist.

Fazit:

Die abenteuerliche Reise der „außergewöhnlichen Hasenpersönlichkeit“ Edward Tulane lässt Herzen schneller schlagen und die Gefühle Achterbahnfahrt fahren, aber es lohnt sich unbedingt! Sie bereichert uns – auf eine besondere und zauberhafte Art, die wir, trotz aller Aufgewühltheit, nicht mehr missen möchten. Zusammen mit den wunderbaren Illustrationen von Bogram Ibatoulline ist es ein unvergessliches, meisterhaftes Buch, das in seiner einfühlsamen und dichten Erzählweise wohl kaum zu überbieten sein wird. Es berührt uns vermutlich deshalb so sehr, da ein jeder noch das Kind vergangener Tage in sich trägt – und beim Vorlesen schmiegt es sich eng an jenes, dass uns gegenüber sitzt und uns mit grossen Augen und klopfendem Herzen zuhört. „Die wundersame Reise von Edward Tulane“ ist meiner Meinung nach schon jetzt ein Klassiker.

Stefanie Eckmann-Schmechta

Meinungen zu diesem Buch

[Leser-Kommentare überspringen]

Magdalena meint:
alina deutsch meint:
Anna meint:
Gaby Schweikart meint:
Gaby Schweikart

Seit ich mir dieses Buch vor zwei Jahren in Italien gekauft habe, lerne ich mit noch mehr Begeisterung die italienische Sprache. Während der Zeit, als ich mir die ergreifende Geschichte zum ersten Mal übersetzt habe, musste ich immer wieder darüber erzählen, sodass durch meine Faszination der kleine Porzellanhase in meiner Familie und im Freundeskreis auch bekannt wurde.
Dieses Buch hätte ich sicher auch meinen Schülern vorgelesen, wenn ich es schon früher entdeckt hätte!
Sarah, 13 jahre meint:
ich finde dieses buch ist KateDi Camillo sehr gut gelungen
ich habe sehr weinen müssen . ich habe es immer wieder gerne aus dem bücherregal rausgeholt und reingelesen .
dieses buch ist einfach fantastisch.
Bist jetzt ist es das Beste buch für mich .
ich kann es nur weiterempfählen .! :)
Stella meint:
Ich habe dieses Buch zuerst gelesen und später noch einmal als Hörbuch gehört. Die Geschichte ist wunderschön und trägt eine wertvolle Botschaft in sich. Sie ist für alle Altersstufen geeignet - je nach dem interpretiert man sie anders.
Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen und freue mich, dass es derart schöne Bücher gibt.
Jette meint:
Dieses Buch hat mich tief bewegt. Nach heftigen Enttäuschungen fühlte ich mich auch wie Edward Tulane in seinem Regal beim Puppenhändler, als er mit allem abgeschlossen hatte und es ihm egal war, ob ihn jemals wieder jemand wirklich lieben würde, weil Liebe immer im Schmerz endete. Dann hat Edward doch wieder wahre Liebe empfangen und empfinden dürfen, und genauso ging es dann auch mir... Dieses Buch bietet sehr schöne, philosophische Denkansätze!
Melanie12 meint:
Dieses Buch ist sehr traurig man merkt am buch eigentlich das man lernen muss sein leben zu schätzten so wie es ist es ist mein lieblings buch ich werde es bald meiner klasse vorstellen und hoffe das meiner klasse den vortag über dieses geniale buch gefällt
Lg
Melanie Böhm aus München
PS : Das Buch habe ich mit 6 bekommen und es gefällt mir immer noch genial Kate DiCamillo
Clara meint:
Dieses Buch ist einfach toll....
So etwas habe ich noch nie zuvor gelesen...
Meine Cousine Lilly , 6 Jahre alt hat dieses Buch von meiner Tante geschenkt bekommen. Sie hatte es schon mit ihrem Sohn gelesen und beide haben zum Schluss geweint. Ich wollte es nicht glauben, aber auch wir haben dieses Buch verschlungen und sind am Ende total verweint gewesen. Seit dem ist dieses wundervolle Buch unser Liebling. Ganz besondere Menschen bekommen es auch mal von uns geschenkt, aber man muss es sich verdienen.

Ich muss ein Referat über diese Autorin halten.
Kann mir jemand dabei helfen ?

Liebe Grüße

Clara
Lara meint:
Die Geschichte von Edward ist mir zu traurig. Sie ist wunderschön geschrieben und illustriert, aber schwer zu ertragen.
Eine Tragödie folgt der anderen, und das glückliche Ende kommt zu spät, um wirklich zu trösten - zu viel Schlimmes ist passiert, zu viel Kummer musste durchlitten werden.
Ich finde nicht, dass dies ein Kinderbuch ist.

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