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Buchcover: Tanja Jeschke: Die Weihnachtsgeschichte

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Die Weihnachtsgeschichte von Tanja Jeschke

erschienen bei Sauerländer

geeignet für Kinder im Alter ab 3 Jahren

Eine würdevoll andächtige Version der beliebten Bibelgeschichte um die Geburt Jesu Christi. Die Erzählungen aus dem Lukas- und dem Matthäus-Evangelium werden geschickt verbunden und in einer für Kinder zugänglichen aber teils durchaus anspruchsvoll bildhaften Sprache vermittelt. Auf beeindruckende Weise wird auch das Profane in der Menschwerdung Gottes ausgestellt ohne die heilige Feierlichkeit der Geschichte zu berühren. Die Illustrationen verleihen dieser besinnlich-glanzvollen Fassung der Weihnachtsgeschichte noch mehr Tiefe und Facettenreichtum: traditionelle Darstellungsweisen (die teils an Kirchenmalereien erinnern) werden durch moderne Stilelemente angereichert und teils im Detail auf humorvolle aber niemals ungebührliche Weise gebrochen.

Nach der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel reisen Maria und Josef zur Volkszählung nach Bethlehem. Zur selben Zeit entdecken drei Weise (die heiligen drei Könige) einen Stern, der die Geburt des „mächtigsten König[s] der Welt“ verheißt. Maria steht kurz vor der Niederkunft, aber sie finden kein Gasthaus. In einem Stall kommt schließlich begleitet von dem Singen der Engel und gleisendem Licht das Christuskind zur Welt. Ein Engel berichtet den Hirten von der Geburt und verkündet, dass Jesus der Sohn Gottes sei und „euer Retter“, der „den Menschen Frieden“ bringen werde. Die Weisen werden mit ihren reichen Gaben vom Weihnachtsstern zum Stall nach Bethlehem geführt. Auf ihrem Weg jedoch kehren sie bei dem König Herodes ein und künden von der Geburt des mächtigsten Herrschers. Die Krippe erstrahlt in weihevoller Feststimmung und Maria nimmt – ihren Sohn schützend im Arm haltend – die Gaben entgegen. Die Weisen nächtigen mit im Stall und erahnen im Traum, dass Herodes Böses im Schilde führt. Ein Engel offenbart schließlich dem schlafenden Josef, dass er mit seiner Frau und Gottes Sohn nach Ägypten ziehen und nicht nach Nazareth zurückkehren solle. Sie ziehen nach Jerusalem um Jesus segnen zu lassen und kehren erst nach Herodes Tod wieder nach Nazareth zurück.

Die Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte bleibt nah an der Bibel und setzt eine moderne – aber nicht gewollt modernisierte – Sprache ein. Während der Text über große Strecken auch für Kleinkinder verständlich ist, gibt es vereinzelt bildhafte Einwürfe, die zur festlich-magischen Stimmung beitragen. Besonders reizvoll ist für das jüngere Publikum, dass der Text szenisch angelegt ist und große Teile in wörtlicher Rede verfasst sind. Außerdem besticht die Nacherzählung durch eine gewisse Banalität: da werden Windeln für die Reise gepackt, Maria beschwert sich, dass mit dem „dicken Bauch“ alles „so mühsam“ ist und auf Herodes Bitte um Nachricht heißt es schlicht: „Natürlich log er.“ In der Weihnachtsgeschichte geht es um die Menschwerdung Gottes – Jesus, der Sohn Gottes, soll „Schuhe tragen wie sie, Brot essen, Tränen lachen und weinen wie sie“. Auf der Textebene zielen die banalen Details auf diese „Fleischwerdung“ und selbst wenn Gott überlegt, wie er es denn nun am besten bewerkstelligen soll ein Kind zu bekommen, und Maria irritiert fragt, „wie soll das denn gehen?“ wird nicht an dem Glauben gerührt. Die Bildebene ist hier – obgleich sie auf den ersten Blick sehr traditionell daherkommt – schon wesentlich ambivalenter und in einzelnen Momenten geradezu frech.

Die Kongenialität von Autorin und Illustratorin ist es auch, die diese Kinderbuchfassung der Weihnachtsgeschichte zu etwas ganz Besonderem macht. Tanja Jeschke hat in den vergangenen Jahren unter verschiedenen Titeln und mit wechselnden Illustratoren in Länge und Form variierende Nacherzählungen der Weihnachtsgeschichte veröffentlicht (Alle mal herhören! rief der König, 2008; Die geheimnisvolle Nacht der Geschenke, 2004; Das Wunder von Bethlehem, 2002). Während bereits in Besprechungen der vorherigen – auch in der Textfassung stark abweichenden – Versionen das sprachliche Talent der Autorin hervorgehoben wurde, sind die Illustrationen immer hinter den Erzählungen zurückgeblieben. Ulrike Möltgen, die vielen durch die Illustration der Mondbär-Bände bekannt sein dürfte, hat es nun geschafft ein Äquivalent und eine geniale Ergänzung für die raffinierte Erzählung und die zugängliche aber dennoch geschliffene Sprache Jeschkes zu finden.

Die kunstvollen Bilder erinnern teils an Kirchenmalereien und bleiben nah an konventionellen Darstellungsweisen, welche jedoch durch Elemente der Malerei des 20. Jahrhunderts komplementiert werden. Marias Umhang ist beispielsweise nicht einfarbig blau, sondern erinnert in seiner eigenwilligen Musterung an die Bilder Gustav Klimts. Die Verwendung von sandig-glänzenden Gold-Tönen und der Einsatz von Farbsprenkeln könnten ebenso an Klimt erinnern. Auch für das Spiel mit Flächigkeit ist Klimt bekannt. An einigen Stellen (beispielsweise in der Darstellung der Verkündigung) könnte der bewusste Einsatz von Flächigkeit aber noch viel mehr als bildliche Auseinandersetzung mit der Entstehung der Zentralperspektive fungieren, die ja gerade in der Renaissance zur Entstehungszeit vieler bekannter Kirchenmalereien (wieder)entdeckt wurde. Das Gewand eines der Weisen – um ein weiteres Beispiel zu nennen – mag den Betrachter an die Kostüme Oskar Schlemmers denken lassen. Die gedruckten Miniaturen, welche den sandig-gelb unterlegten Text begleiten, erinnern wiederum durch ihre rote Färbung an die rotfigurige Vasenmalerei im antiken Griechenland. Auf faszinierende Weise werden verschiedenste Stilelemente in die Illustrationen eingebunden oder assoziativ aufgerufen, ohne dass die Bilder in ihre Elemente zerfallen oder den eher traditionellen Gesamteindruck einbüßen würden.

Im Zentrum der Illustrationen steht Maria – in ihrem ornamental verzierten Umhang. Während insgesamt die mütterlich-beschützende und huldvoll-demütige Maria dominiert, sind die ersten Seiten des Bandes durchaus frech und zeigen eine ganz andere Seite Marias. In liegender Pose wird die schöne Maria gezeigt, wie sie verliebt in den Himmel sieht, und mit ihren Fingern an einer weißen Blume spielt. Im Bild der Verkündigung schließlich ist ihr Mantel geöffnet und die rote Unterkleidung ist sichtbar. Im Hintergrund bellen schwarze Hunde dem Engel (mit Flügeln aus Xylophon-Tasten) entgegen und eine rote Spur führt vom diesem zur empfänglichen Mutter. Auf der letzten Seite weist dieselbe Spur roter Quadrate hinter Maria vorbei auf den (Leidens)Weg des noch ausgelassen spielenden Jünglings. Obgleich der Weihnachtsgeschichte hier keine radikale Neuinterpretation aufgedrückt wird und die Vergegenwärtigung der Geschichte und des Glaubensinhaltes klar im Vordergrund steht, bieten Text und Illustrationen erwachsenen Lesern genügend Raum für Erkundungstouren und interpretatorische Gedankenspiele. Für die jüngeren LeserInnen ab 3 Jahre – wenn sie etwas längeren Geschichten bereits folgen können und auch ohne grinsende Comic-Figuren Freude an Bildern in schimmernd-glänzender Farbgebung haben – werden diese Dimensionen natürlich keine Rolle spielen. Aber in der Adventszeit findet sich ja sicher hier und da die Gelegenheit zur Lektüre im Familienkreis …

Fazit:

Eine wunderschöne und würdevoll andächtige Fassung der Weihnachtsgeschichte!

Anneka Esch-van Kan

 

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