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Buchcover: Brigitte Jünger: Käfersommer

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Käfersommer von Brigitte Jünger

erschienen bei Jungbrunnen

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

[ab 9 Jahren]

Edda sieht Jo zuerst: Er hockt auf einer Verkehrsinsel und verbirgt irgendetwas in seinen Händen. Um ihn herum der dichte Autoverkehr. Edda kann seitdem den strohblonden Jungen, dessen Namen sie ja noch nicht kennt, nicht vergessen. Ist es Zufall oder Schicksal, dass die beiden schließlich in der Schule nebeneinander sitzen? Für Jo ist es auf jeden Fall ein großes Glück, dass Edda nun bei ihm ist …

Edda beginnt ihre Geschichte zu erzählen, wie sie am Anfang noch nicht einmal wusste, dass es Jo überhaupt gibt und wie sich für sie so viel änderte. Denn endlich hat ihr Vater – der Tierarzt im Zoo – eine schöne Wohnung mit viel Platz und Licht für die Familie gefunden. Gerade für Eddas Mutter, der Archäologin, ist das Mehr an Platz und bessere Lichtverhältnisse wichtig für die Arbeit – aber auch für Edda bedeutet das, dass sie nicht länger so beengt wohnen müssen. Sie freut sich unbändig auf die neue Wohnung.

Jo hat auch eine Wohnung gefunden, eine, die schon lange leer steht. Das ist sein Geheimversteck. Hier verkriecht er sich, wenn er es zu Hause nicht mehr aushält und das ist oft der Fall. Hier hat er seine Ruhe und muss nicht für alle im Haus da sein. Nicht für seinen Vater und auch nicht für die vielen Hausbewohner. Eigentlich ist Jo´s Vater Hausmeister – der Insektenforscher hat keine Anstellung in seinem Fachbereich gefunden und muss sich und seinen Sohn nun mit Hausmeisterdiensten über Wasser halten. Jo´s Mutter ist bereits gestorben, Jo kennt sie nur von einem Foto auf dem sie ihn ünerschütterlich anlächelt, egal, was gerade schief läuft. Und in Jo´s Leben läuft so ziemlich alles schief.

Jo´s Vater ist Alkoholiker. Er bekommt weder mit, wie sein Sohn sich um die Hausmeisterdienste kümmert, die er eigentlich erledigen müsste, noch merkt er, dass Jo gar nicht mehr in die Schule geht, um den Verpflichtungen seines Vater nachzukommen. Jo hat überhaupt keine Ruhe mehr, seinen Vater allein zu lassen, weil er nicht weiß, ob sonst irgendetwas schief läuft. Wenn er sich aber sicher ist, dass die meisten Mieter im Haus ihre Beschwerden losgeworden sind und wenn sein Vater gegen Mittag wieder einigermaßen auf den Beinen ist, dann geht Jo hinaus. Bringt die leeren Flaschen weg, in denen die „Flaschengeister“ stecken, die seinen Vater krank machen. Er bringt sie immer woanders hin, damit niemand merkt, dass bei ihnen zu Hause so viele Flaschen herumliegen. Dabei kommt Jo ganz schön herum und entdeckt durch Zufall die leerstehende Wohnung.

Und in die zieht nun ausgerechnet Edda mit ihrer Familie ein.

Jo ist zunächst wie vor den Kopf geschlagen – er hat nicht nur seinen Zufluchtsort verloren, sondern auch seine beiden einzigen menschlichen Freunde: Die beiden schrulligen alten Herren, die aus dem Seniorenheim ausgebüchst sind. Seine tierischen Freunde sind die Käfer, die er unterwegs findet. Liebevoll baut er ihnen in einer großen Glasvase ein Zuhause mit Laub und Ästen. Er spricht mit ihnen – vielfach in Gedanken; und das ist viel besser, als sich dem Loch in der Wand unter seinem Bett anzuvertrauen. Lange hat er sich hier ausgeweint, wenn sein Vater wieder getobt und getrunken hat. Dann hat er sich dort verkrochen und gewartet, bis alles vorbei ist.

Irgendwann steht eine Lehrerin vor der Tür und überredet Jo, wieder in die Schule zu gehen. Wenn er will, auch in eine andere. Jo ist einverstanden. Vielleicht, so hofft er, beginnt jetzt ein normales Leben und Papa hört auf zu trinken. Nachdem es für einen Tag fast danach aussieht, muss Jo schon bald merken, dass die Flaschengeister mehr Macht über seinen Vater haben als seine Liebe zu ihm.

Wie gegensätzlich ist da das Leben von Edda. Obwohl sie keine Freunde hat und lieber liest, als mit ihren Klassenkameraden die Pausen zu verbringen, hat sie einen sehr liebevollen Vater und eine engagierte Mutter, die zwar sehr ehrgeizig in ihrem Beruf ist, aber auf die Verlass ist. Im Zoo hat sie außerdem viele außergewöhnliche Freunde und dann ist da noch Tante Malli, ihre allein stehende Tante; zwischen ihnen besteht eine enge, vertrauensvolle Beziehung.

In ihrem harmonischen Alltag zwischen Schule, Zoo und Zuhause passiert plötzlich die Begegnung mit Jo, dessen Namen sie zunächst noch nicht kennt. Stets hält sie Ausschau nach dem Blondschopf, den sie zum ersten Mal auf der Verkehrsinsel gesehen hat und nicht vergessen kann.

Als Jo sich schließlich in seiner neuen Schule neben sie setzt, kann sie es fast nicht glauben. Edda versucht an Jo, der ja nicht wissen kann dass Edda ihn schon lange sucht, irgendwie heran zu kommen. Aber es scheint, als gäbe es da eine Mauer um den Jungen. Schließlich hält sie es nicht mehr aus und folgt ihm heimlich bis zu seinem zu Hause. Und ausgerechnet da wird sie Zeugin des schlimmsten Moments für Jo: Sturzbetrunken pöbelt dessen Vater auf der Straße herum und wird schließlich von der Polizei abgeholt. Edda, die alles mitbekommt, hält sich im Hintergrund und gibt sich selbst das Versprechen, niemandem etwas darüber zu sagen, um Jo nicht zu beschämen. Doch Jo sitzt währenddessen ganz allein zu Hause. Die alte Dame, bei der er bleiben sollte, nutzt ihn nur aus und macht ihm obendrein auch noch Vorwürfe, dass er nicht besser auf seinen Vater aufgepasst hätte. Jo hält es einfach nicht länger aus. Und genau da kommt endlich Hilfe: Tante Malli und Edda stehen vor seiner Tür.

Von da an ändert sich für Jo alles. Zum ersten Mal erfährt er wie es ist, wenn sich jemand um ihn kümmert, er versteht, dass er schwach sein darf und spürt, wie es sich anfühlt, wenn jemand auf ihn und seine Bedürfnisse Rücksicht nimmt. Sofort klammert sich Jo an Tante Malli, der ersten Erwachsenen in Jo´s Leben, die für ihn wirklich da ist.

Auf sehr berührende und zugleich fesselnde Weise führt die Autorin Brigitte Jünger uns durch eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle – und das aus zwei grundverschiedenen Perspektiven. Für Jo bedeutet der Alltag ein immer neuer Kraftakt, bei dem er versuchen muss, zumindest das Grundgerüst seines Lebens und das seines Vaters aufrecht zu erhalten. Für die behütete Edda hingegen, die den ruhigen Jungen in ihr Herz geschlossen hat, bricht eine Welt zusammen als sie sieht, in welchen Verhältnissen Jo leben muss. Auch sie muss irgendwie einen Weg finden, mit der schwierigen Situation umzugehen und ihr wird klar – vor allem durch ihre Tante Malli – dass hier niemand wegschauen darf.

Die Schilderungen aus Jo´s Pespektive sind in einer kursiven, weniger kräftigen Typografie gedruckt, während die Eddas durch eine fettere, kräftigere Typografie kenntlich sind. Allwissend, jedoch von außen betrachtet erzählt, können wir in Jo´s und Eddas Gedanken schauen. Gerade mit dem zunehmend schnelleren Überblenden im Verlauf der Geschichte, ergibt sich ein sehr spannendes Wechselspiel. Denn wir erleben auf diese Weise sowohl Eddas Sicht auf die Dinge – und welchen Reim sie sich darauf macht – als auch die Empfindungen und Gedanken Jo´s, der darum bemüht ist, die Mauer um sich herum aufrecht zu erhalten. Durch die Begegnung, das Miteinander der beiden findet der Wechsel der Perspektiven immer häufiger statt, bis wir schließlich zum dramatischen Ende hin, ihre Erlebnisse gleichzeitig verfolgen können. Das ist für Kinder nicht nur sehr fesselnd, es zeigt ihnen auch welche Motive sich aus den beiden grundverschiedenen Lebenssituationen ergeben. Die Empathie, die Edda für Jo empfindet, überträgt sich so auch auf den Leser.

Die Sprache, die Brigitte Jünger wählt, ist sehr treffend und beeindruckend in seiner erzählerischen Dichte. Sie findet Metaphern und Beispiele, die Kindern einleuchten und sie ganz in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit abholen. Ohne viel erklärenden Worte erreicht sie so die Sensibilität ihrer jungen Leser, beschreibt, ohne anzuklagen und schildert ohne mitleidigem Unterton. Umso mehr ist man als Leser von dieser bedrückenden Situation gefangen und umso mehr ist man über den glücklichen Ausgang froh.

Fazit:

Brigitte Jünger schreibt über das wahre Leben und über die kleinen Wunder, die Hoffnung machen. Fesselnd und berührend zugleich erzählt „Käfersommer“ von Jo´s Rettung in letzter Minute – und das aus zwei spannenden Perspektiven. Die einfühlsamen und mitreißenden Schilderungen der beiden Protagonisten bietet einen wertvollen und zugleich ermutigenden Lesestoff für alle ab neun Jahren.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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