Film:
Mary Poppins' Rückkehr

Film-Kritik von Marcel Scharrenbroich (04.2019)/ Titelbild: © Disney

Supercalifragilisticexpiali…dings-bums!

Sommer 1964: Starker Ostwind…

…wehte Mary Poppins einst in den Londoner Kirschbaumweg Nummer 17.

Wir schreiben das Jahr 1910. Der Bankangestellte George Banks und seine Frau Winifred, die dort mit ihren Kindern Jane und Michael leben, sind gerade um ein Kindermädchen ärmer geworden, da die beiden Wirbelwinde ihren eigenen Kopf haben und die verzweifelte Angestellte sich nicht länger auf der Nase rumtanzen lassen will. Nun soll also ein neues Kindermädchen her und die Kinder verfassen eine Annonce nach ihren Wünschen, die vom Vater allerdings zerrissen und im Kamin entsorgt wird. Wie durch Zauberhand gelangen die Schnipsel an Mary Poppins, die mit aufgespanntem Schirm von einer Wolke auf dem Ostwind heranschwebt und sich auf stürmische Art und Weise ihren Mitbewerberinnen entledigt. Mary hinterlässt durch ihre direkte, selbstsichere und strenge Art sofort bleibenden Eindruck bei Familie Banks und bekommt die Anstellung als neues Kindermädchen. Dass es sich bei Mary Poppins aber nicht um ein gewöhnliches Kindermädchen handelt, sollen Jane und Michael schon bald merken. Spätestens, als sich ihr Zimmer mit magischer Hilfe von selbst aufräumt, oder Mary mit ihnen in eine Kreidezeichnung auf dem Gehsteig hüpft und sich ihnen eine phantastische Wunderwelt offenbart, in der es keine Grenzen zu geben scheint. Stets dabei, der freundliche Schornsteinfeger Bert. Ja, Mary Poppins‘ Erziehungsmethoden sind schon spezieller Natur, doch letztendlich verfehlen sie ihr Ziel nicht… immerhin schafft sie es, den Kindern die Werte zu vermitteln, die im Leben wichtig sind, wovon auch der arbeitswütige George Banks noch eine Menge lernen kann, bevor er erkennt, dass seine Familie das teuerste Hab und Gut ist.

Winter 2018: Sturmböen…

…ziehen auf und als der Drache, den der kleine Georgie im Park hat steigen lassen, wieder zu Boden gleitet, hat er jemanden mitgebracht.

Wir sind in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer) sind erwachsen geworden und Michael lebt immer noch im Kirschbaumweg Nummer 17. Vor kurzem verlor er seine geliebte Ehefrau und kümmert sich nun weitestgehend allein um die drei Kinder Annabel (Pixie Davies), John (Nathanael Saleh) und Georgie (Joel Dawson). Gelegentliche Unterstützung erhält er dabei von seiner Schwester Jane, die nicht weit entfernt wohnt und noch nicht das große Liebesglück gefunden hat. Finanzielle Nöte zwangen Michael ein Darlehen bei der Bank aufzunehmen… mit seinem Haus als Sicherheit. Da er die Raten seit mehreren Monaten nicht zahlen konnte, hämmern die „Wölfe“ nun an seine Tür und wollen sich das liebgewonnene Heim der Familie Banks per Zwangsvollstreckung unter die gierigen Nägel reißen. Schlimm genug, dass Michael und diese „Wölfe“ quasi auch noch Kollegen sind und für den gleichen Arbeitgeber schuften. Fünf Tage bleiben Michael, um die volle Summe an die Bank zurückzuzahlen. Ansonsten müssen er und seine Kinder dem Kirschbaumweg 17 Lebewohl sagen. Gut, das Haus ist marode und hier und da platzt mal eine morsche Wasserleitung, aber immerhin lebt er schon sein ganzes Leben dort und verbindet es mit vielen schönen Erinnerungen… nicht zuletzt an seine verstorbene Ehefrau. George Banks Senior hinterließ seiner Familie allerdings Anteile an der Bank, da dieser einst Seniorpartner war. Nur… wo befindet sich das rettende Schriftstück, das das Unheil noch abwenden kann?

Eine verzwickte Situation, die nach Hilfe schreit… und alles Gute kommt bekanntlich von oben. Zumindest in diesem Fall. Denn als der jüngste Banks-Spross Georgie im Park seinen alten Drachen steigen lässt, hängt niemand geringeres als Mary Poppins (Emily Blunt) am anderen Ende der Schnur und kommt, elegant wie eh und je, herangeschwebt, um der Familie in Nöten tatkräftig unter die Arme zu greifen. Nach all den Jahren, die seit dem ersten Zusammentreffen vergangen sind, ist die Überraschung bei Michael und Jane natürlich groß. Und auch, wenn die Kinder von damals zu den Erwachsenen von heute geworden sind, ist Mary Poppins immer noch die Alte… ich meine natürlich die JUNGE. Sie ist nämlich um keinen Tag gealtert. Strahlend schön wie immer und nie um eine Antwort verlegen. Auch ihr magisches Repertoire hat unter der langen Abstinenz nicht gelitten und schon bald geht es im Hause Banks wieder hoch her…

Disney-Magie für eine neue Generation

„Mary Poppins‘ Rückkehr“ greift natürlich wieder tief in die Trickkiste und nutzt dabei jeden Effekt, den die moderne Technik heutzutage bietet. Dass Stand 2018 viel mehr möglich ist, als es bei der Realisierung des ersten Films im Jahr 1964, steht natürlich außer Frage. Aktuelle Hollywood-Produktionen können Schauspieler optisch verjüngen, Massen-Szenen mit tausenden Akteuren erstellen, jede Landschaft (egal ob realistischer oder phantastischer Natur) auf die Leinwand zaubern, fremdartige Wesen aus dem Nichts erschaffen und sogar Tote wieder zu digitalem Leben erwecken… trotzdem geht die nostalgische Magie hier nicht verloren. Viele Computer-Effekte können einen Film seelenlos wirken lassen, ihn quasi „entzaubern“. Nutzt man die Technik richtig und gut dosiert, entstehen allerdings phantastische Geschichten, die den Zuschauer mitreißen und ihn die zahllosen Pixel, die der Hochleistungs-Rechner auf den Bildschirm gespuckt hat, vergessen lassen. Wo „Mary Poppins“ seinerzeit bahnbrechend war und Dinge auf der Leinwand zeigte, die man bisher noch nie gesehen hatte, setzt „Mary Poppins‘ Rückkehr“ ziemlich genau an diesem Punkt an. Ja, heute sind solche Effekte schon fast ein alter Hut, dennoch verzaubern die fantasievollen Ausflüge mit dem magischen Kindermädchen. Und egal, ob jung oder alt, wenn man sich auf die kunterbunte und rasante Geschichte einlässt, bekommt man 131 Minuten pure Disney-Magie geboten.

Queen Mary

Jemand anderes, als die großartige Julie Andrews soll Mary Poppins spielen? Die wohl hübschesten blauen Augen, die man seit den 60ern auf Film gebannt hat ersetzen? Kann das gutgehen? JA, kann es… denn Regisseur Rob Marshall hatte das Glück, eine der talentiertesten und zauberhaftesten Darstellerinnen der heutigen Zeit für seine Fortsetzung zu gewinnen. Die britische Schauspielerin Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“, „Der Plan“, „Into the Woods“) passt perfekt in die Rolle und ist definitiv eine würdige Nachfolgerin für die von Queen Elisabeth II. geadelte Dame Julie Andrews, die 1965 immerhin mit dem Golden Globe und dem Oscar für ihre ikonische Rolle als magisches Kindermädchen ausgezeichnet wurde. Dabei legt Emily Blunt ihre Version von Mary Poppins etwas hochnäsiger und arroganter an, was den Charakter aber nicht weniger liebenswert macht. Hinter der harten Schale hat sich Mary ihr inneres Kind nämlich bewahrt, was gelegentlich durchblitzt und sie genau in diesen Momenten so liebenswert macht. Die aktuelle Mary Poppins orientiert sich somit mehr an der Romanfigur, die sich Autorin Pamela Lyndon Travers bereits 1934 erdachte.

Über die Geschichte, wie es Walt Disney einst schaffte, P. L. Travers davon zu überzeugen, ihre Figur auf die Kinoleinwände zu bringen, gibt es sogar einen eigenen Film. In „Saving Mr. Banks“ schlüpft Emma Thompson in die Rolle der Autorin, die das endgültige Ergebnis als desaströs bezeichnete und kein gutes Haar an der Film-„Mary Poppins“ ließ, während der grandiose Tom Hanks den Micky Maus-Mogul Walt Disney verkörpert, der über einen Zeitraum von 20 Jahren hartnäckig versucht, an die Filmrechte von Travers zu gelangen.

Remake im Fortsetzungs-Gewand?

Die Antwort auf diese Frage ist ein ganz klares… JEIN! Einerseits sind deutliche Parallelen in den beiden Filmen zu finden, was sowohl den Ablauf der episodenhaften Abenteuer betrifft, als auch die Charakterisierung der Figuren. Hier vertraut man dann doch wieder der erprobten Erfolgsformel und wagt wenig Innovationen, was den Aufbau der Fortsetzung betrifft. Knapp 55 Jahre nach dem Erstling ist diese Tatsache aber kaum der Rede wert. Immerhin wird hier eine gänzlich neue Zielgruppe angesprochen, deren Eltern bei der Premiere von „Mary Poppins“ noch nicht einmal geboren waren. Allerdings werden nicht nur die Kleinsten Spaß an dem rasanten Fantasy-Abenteuer haben. Die Botschaft und die Magie, die von „Mary Poppins‘ Rückkehr“ ausgehen, dürften alle Altersklassen mitreißen, was das Musical zum perfekten Familienfilm macht.

Moment… Musical? Na klar! Auch der Klassiker von 1964 lebte durch seine imposanten Gesangs- und Tanzeinlagen, in denen die Charaktere durch die Luft schwebten, durch handgemalte Kulissen tänzelten und das Tanzbein mit Zeichentrick-Pinguinen geschwungen haben. Diese lustigen Frack-Träger sind auch hier wieder mit an Bord und es wurde bei der Produktion zum Teil wieder auf analoge Zeichenkunst gesetzt, was angenehm nostalgisch wirkt… obwohl eine hektische Verfolgungsjagd schon fast an moderne Actionfilme erinnert. Was man dem neuen Film aber ankreiden muss, ist, dass die zahlreichen Lieder nicht über die Ohrwurm-Qualitäten verfügen, die den Klassiker zum Klassiker machten. Kein „Wenn ein Löffelchen voll Zucker“, kein „Chim-Chim-Cheree“ und kein „Supercalifragilisticexpialigetisch“… dafür Songs, die mehr Erzählcharakter besitzen und die Geschichte vorantreiben. Im englischen Original sind diese deutlich stimmiger.

Blauer Zauber für daheim

Ein auf mehrere Kapitel aufgeteiltes Making-of, welches sich auch am Stück abspielen lässt, nimmt den größten Part des Bonusmaterials ein. Hier erfährt man, wie aufwändig die Kulissen erstellt wurden, wie liebevoll man bis ins kleinste Detail dekorierte, bekommt Einblicke in die Proben am Set und ist live bei den Musikaufnahmen im Studio dabei. Die verpatzten Szenen vom Dreh sorgen charmant für Lacher und es gibt ein Special über die Lieder aus „Mary Poppins‘ Rückkehr“. Zusätzlich ist noch ein entferntes Lied zu hören, welches es nicht in den Film schaffte und mit groben Skizzen unterlegt ist. Ebenso sind zwei zusätzliche Szenen zu finden.

Unangefochtenes Highlight ist für mich aber das Feature „Zurück im Kirschbaumweg: Dick Van Dykes Rückkehr“! Bereits im ersten Film spielte der unglaublich sympathische Van Dyke den Schornsteinfeger Bert, den man getrost als Marys lokal verorteten Sidekick bezeichnen konnte – eine Rolle, die in der aktuellen Version dem Schauspieler, Songwriter und Komponisten Lin-Manuel Miranda zufällt, der als Latüchten-Anzünder Jack einen ähnlichen Part innehat – und war dort zudem in einer Doppelrolle als Bankchef Mr. Dawes Senior zu sehen… damals allerdings unter einer Tonne von Make-Up, um ihn steinalt erscheinen zu lassen. Dies war für seinen tollen Auftritt in „Mary Poppins‘ Rückkehr“ freilich nicht mehr vonnöten, denn der gute Mr. Van Dyke war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits stattliche 91(!) Jahre alt. Unglaublich, aber wahr: Als Mr. Dawes Junior legt er sogar eine kleine Tanznummer aufs Parket… beziehungsweise auf den Büroschreibtisch! Sichtlich gerührt und mit Tränen in den Augen, bringt Regisseur Rob Marshall nicht mal mehr das „Cut!“ über die Lippen, als der stets charmante Dick Van Dyke seine letzte Szene abliefert. Beim Spaziergang durch das grandiose Set des Kirschbaumwegs schwelgt der stattliche Herr dann noch in Erinnerungen und gibt ein paar Zitate seines ehemaligen Charakters Bert zum besten… herrlich.

Neben Dick Van Dyke - und dem generell hervorragenden Cast - gibt es noch eine andere Leinwand- und TV-Größen zu bestaunen: Colin Firth, Julie Walters, David Warner und Angela Lansbury geben sich blendend aufgelegt die Klinke in die Hand. Nur Meryl Streep als Poppins-Cousine Topsy war mir einen Tick ZU überdreht… was für die gesamte Szene mit ihr gilt.

Fazit:

Ein großartiger Familienfilm mit viel Musik, charmanten Darstellern, aufgeweckten Kids und einer Menge Nostalgie. Die Blu-ray aus dem Hause Disney liefert dazu ein knackscharfes Bild, was besonders in den abenteuerlichen Fantasy-Abschnitten hervorsticht, aber auch generell sehr sauber die vielen, vielen Details der liebevollen Ausstattung erkennen lässt. Hinzu kommt noch das informative und zugleich sympathische Bonusmaterial, das zeigt, wieviel Herzblut und Aufwand in die Rückkehr des wohl bezauberndsten Kindermädchens der Welt geflossen sind.

Wertung: 9  (Film: 9  |  Blu-ray: 9)
 

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