Leichte Sprache

Leichter lesen auch für Kinder, die sich schwer tun

Lesen und Schreiben muss man können, sonst lebt es sich schwer in unserem Land in der heutigen Zeit. Genau deshalb gibt es ja auch die Schulpflicht und am Ende der Schullaufbahn kann es dann jedes Kind. Oder? Eben nicht. Nach der letzten Studie aus dem Jahre 2019, in der die sogenannte Literalität in Deutschland untersucht wurde, gibt es 6 Millionen funktionale Analphabeten, die weitaus meisten sind Einheimische. Das heißt, sie können zu wenig gut Lesen und Schreiben um im Arbeitsalltag und gesellschaftlichen Leben zu – genau: funktionieren.

Gelernt haben sie es alle mal,  80 Prozent der 6 Millionen haben einen Schulabschluss. Sie alle sind mal als Erstklässler gestartet und irgendwo steckengeblieben in ihren Lesekompetenzen, haben schlechte Zensuren kassiert und versiert gelernt, zu verbergen, wie schlecht sie tatsächlich lesen können; es vielleicht durch mündliche Leistungen ausgeglichen, manche sind durch eine wohlwollende Benotung irgendwie durchgekommen.

Leichte Sprache ist fast ein eigenes System wie Blindenschrift oder das Gebärden.

Nur Gelesen werden sie nicht haben. Was auch? Bücher für „normale“ 8-oder 10-Jährige sind viel zu komplex und lang. Natürlich, Bücher für Leseanfänger gibt es. Aber „Kleine Biene flieg“ oder „Das Dachbodengespenst“ mögen mit ihrer mit geraden Handlung, großen Schrift und geringen Zeilenzahl dem Könnensstand angemessen sein; inhaltlich gelüstet es den Kids in dem Alter aber eher nach Harry Potter, krachendem Humor oder den „Drei ???“. Für leseschwache Jugendliche dürfte es noch schwieriger sein, Bücher zu finden.

Vielleicht ist das aber bald Vergangenheit, denn es tut sich was auf dem Büchermarkt. Von mehreren Seiten. Aus den USA zum Beispiel kam die Idee der Leichten Sprache zu uns. Leichte Sprache entstand als Easy Read von Organisationen mit Menschen mit geistiger Behinderung, für Barrierefreiheit und Inklusion und Teilhabe und Selbstbestimmung. Denn wer mehr versteht, weiß besser Bescheid, kann selber entscheiden, überall mitmachen und Dinge ohne Hilfe tun. Leichte Sprache ist fast ein eigenes System wie Blindenschrift oder das Gebärden. Leichte Sprache heißt nicht, dass der Inhalt leicht ist, im Gegenteil, es geht darum, normalen und wichtigen Inhalt leicht verstehbar zu formulieren. Dafür gibt es verschiedene Regelwerke, Siegel und Logos. Unterhaltungsliteratur in Leichter Sprache gibt es wenig bis gar nicht. Noch. Die  Texte sind meist lebenspraktischer Natur: Hausordnungen, Nachrichten, Kochbücher, Informationen über Gesetze, den Öffentlichen Nahverkehr. Auch Fußballregeln gibt’s in leichter Sprache, mit Abseits übrigens. Dieses Beispiel zeigt, das Leichte Sprache für uns alle ein gewisses Potential hat. Denn über Amtsbriefe und kompliziertes Fachchinesisch mit Bandwurmsätzen und Fremdwörtern hat sich jeder von uns wohl schon geärgert.

Leichte Sprache heißt nicht, dass der Inhalt leicht ist, im Gegenteil, es geht darum, normalen und wichtigen Inhalt leicht verstehbar zu formulieren.

Normale Kinder und Jugendliche kamen in den Blick, seit in den vergangenen Jahren so viele Menschen mit keinen und nur geringen Deutschkenntnissen zu uns gekommen sind und darunter auch viele junge Menschen, die noch oder wieder oder zum ersten Mal hier zur Schule gehen. Es brauchte Texte und Lehrwerke und Bücher, die sich  inhaltlich an ältere Kinder und Jugendliche richteten, vom Sprachniveau aber an Anfänger. Mittlerweile gibt es Bücher – oder Büchersets – die ein und dieselbe Geschichte zwei- bis dreifach erzählen, jeweils auf verschieden Schwierigkeitsniveaus.

So lesen zum Beispiel alle in der Klasse das Gleiche – und können dann auch das Gleiche diskutieren und analysieren und interpretieren.

Aber: Schmökern ist doch noch mal was anderes als Schullektüre, um so besser, dass immer mehr Verlage mitmachen. Schon sehr lange dabei ist der Verlag „Spaß am Lesen“, allerdings eher im Jugendbuchbereich. An die Hundert Titel gibt es hier: Klassiker wie „Das Wunder von Bern“ und „Das Tagebuch der Anne Frank,“ Bestseller wie „Das Rosie-Projekt“ oder „Tschick“, Historisches ist dabei, und heutiges wie „Zoff im Viertel“. Die Bücher sind in einfacher Sprache gedruckt, das ist noch mal anders als leichte Sprache, das ist wichtig zu wissen: komplexer, aber immer noch groß gedruckt, leicht lesbar layoutet, mit kurzen Sätzen, leichten Worten, wenig Nebensätzen und möglichst keinen Fremdwörtern.

Ebenfalls in einfacher Sprache hat der Ravensburger Verlag  unter dem Label  „Leichter lesen“ Bücher zu typischen  Themen für Kinder ab acht Jahren aufgelegt. Das schließt die Lücke von Anfängerbuch zu dickem Kinderroman und kann helfen, Lesefrust zu vermeiden und Leselust zu stärken, durch Erfolgserlebnisse. Bevor die Grundschule zu Ende ist und es dafür eigentlich zu spät.

Optisch sind das übrigens alles ganz normale Bücher mit leselustmachendem Cover und passend für das Alter und die Zielgruppe. Und inhaltlich? Weil, das ist ein oft geäußerter Einwand gegen solche Bücher, wenn man gute Literatur in einfache Sprache übersetzt, in Leichte Sprache gar, dann verschwindet doch alles, Wortwitz und Metaphern, Ironie und Poesie? Ja. Und nein. Wer es selbst ausprobiert, stellt fest, wie erstaunlich viel von der Geschichte bleibt und wie an manchen Stellen ein eigener Humor, ein eigener Zauber aufkommt.  Und selbst wenn es so wäre, wäre das kein Argument, sich gegen Kinderbücher und Bücher generell in einfacher Sprache zu stellen. Das wäre so ähnlich wie zu sagen: nur wer die altehrwürdige Eingangstreppe zur Stadtbibliothek erklimmen kann, darf rein und sich ein Buch holen und lesen. Auf Fahrstuhl und Rampe Angewiesene müssen leider draußen bleiben. Und das wär ziemlich doof. Denn Lesen und Geschichten sind für alle da.

"Leichte Sprache" - Sigrid Tinz, Februar 2020
Titel-Motiv: © istock.com/frimages

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