03.2009 Liebe Frau Staebler, seit mehr als 20 Jahren sind Sie nun den wilden Tieren in Afrika auf der Spur. Sie arbeiten als Fotografin und Autorin für Zeitschriften, Buch- und Kalenderverlage im In- und Ausland, darunter National Geographic, Geo, BBC Wildlife und Nature's Best. Ihre vielfach ausgezeichneten Aufnahmen haben Sie zur anerkanntesten Wildlife-Fotografinnen Europas gemacht. Erst kürzlich haben Sie die Auszeichnung „Europäischer Naturfotograf des Jahres 2008“ erhalten – insgesamt sind es heute mehr als 40 Preise und Auszeichnungen weltweit.

Für die Fotografie „Löwin mit Jungem“, das auch auf dem Cover Ihres Buches „Die Seele der Savanne“ abgebildet ist, haben Sie in den USA 2006 die Auszeichnung „NATURE'S BEST – Die 100 besten Wildlife Fotografien aus 10 Jahren“ erhalten. Mit Ihrem Buch „"Die Seele der Savanne " - Was wilde Tiere fühlen “ zeigen Sie auf beeindruckende Weise die Emotionalität der Tiere.

Nun widmen Sie sich in der neuen Serie „Wilde Kinder“, erschienen bei Gerstenberg, der Kinderstube von Löwe, Loepard, Giraffe & Co. Kinder erfahren hier viel über das arttypische Verhalten einer Tierart und über die manchmal schwierigen Lebensumstände, unter denen der Nachwuchs heranwächst.

Es wird auch bei den Tieren eng - der Mensch braucht immer mehr Lebensraum - der der Tiere schwindet zunehmend...

Kinderbuch-Couch:
Sehen Sie sich nach den vielen Jahren, die Sie so eng mit den Tieren verbracht haben, noch als reine Naturfotografin oder auch als Forscherin?

Gabriele Staebler:
Naturfotografie ist in erster Linie BEOBACHTEN - dadurch kamen bei mir in zwei Jahrzehnten immer wieder neue Erkenntnisse über das Verhalten wilder Tiere zustande. Ich glaube, dass jeder ernsthafte Naturfotograf, so wie ich, gleichzeitig Forscher ist und mit seinen Bildern und Erkenntnissen auch wissenschaftlicher Hinsicht einen wichtigen Beitrag leistet.

Kinderbuch-Couch:
Wie ist Ihnen die Idee gekommen, für Kinder von Tierkindern zu erzählen?

Gabriele Staebler:
Die Kinder meiner Geschwister waren immer ganz verrückt nach meinen Bildern von Tierkindern und meinen Geschichten. Kinder lieben vor allem niedliche Tiere - und das sind alle jungen Tiere.

Kinderbuch-Couch:
Welche der Tier-Dokumentationen hat Ihnen am meisten Freude gemacht?

Gabriele Staebler:
Mit besonders viel Freude habe ich die Bücher der Serie WILDE KINDER über Gepard, Leopard und Löwen geschrieben. Ich liebe Raubkatzen!

Kinderbuch-Couch:
Welche gestaltete sich als am schwierigesten?

Gabriele Staebler:
Am anspruchvollsten und schwierigsten war die Betextung meines Bildbandes „Die Seele der Savanne" - was wilde Tiere fühlen. Die Gefahr die Gefühle wilder Tiere zu vermenschlichen war groß, ich musste unter allen Umständen zoologisch sachlich und wissenschaftlich schreiben.

Kinderbuch-Couch:
Welche Tierart ist in der Aufzucht des Nachwuchses uns Menschen wohl am ähnlichsten?

Gabriele Staebler:
Alle Primaten sind den Menschen, was das betrifft, sehr ähnlich. Aber für mich sind es die Elefanten. In der Herde herrscht richtiges Familienleben mit Fürsorge und Hilfsbereitschaft. Die Dauer der Abhängigkeit entspricht ungefähr der eines menschlichen Kindes.

Kinderbuch-Couch:
Ihnen scheint die Emotionalität der Tiere sehr wichtig zu sein; in Ihrem bereits erwähnten Buch „Die Seele der Savanne- Was wilde Tiere fühlen" stellen Sie dies eindrucksvoll durch Ihre Fotografien unter Beweis. Was bedeutet diese Emotionalität Ihrer Meinung nach für die Beziehung zwischen Mensch und Tier?

Gabriele Staebler:
Sie ist die einzige Brücke, Tiere zu verstehen, die einzige Möglichkeit der Kommunikation zwischen Mensch und Tier. Die Gefühlswelt der Tiere ist der unseren in vielen Bereichen sehr ähnlich. Dennoch müssen wir akzeptieren, dass Tiere entsprechend ihrer Art und Entwicklungsebene auch „andere nicht menschenähnliche" Gefühle haben, die wir nicht verstehen, da wir ja immer nur unsere eigene Gefühlswelt als Referenz haben.

Kinderbuch-Couch:
Sie erklären in „Löwenkinder", dass viele Junge sterben, weil sie in Zeiten der Dürre und des Hungers von der Löwenmutter vernachlässigt werden und erklären auch, warum das so ist. Wie wichtig ist es Ihnen, trotz der wohl unbestreitbaren Gefühle der Tiere füreinander, deren Verhalten dennoch von dem der Menschen abzugrenzen?

Gabriele Staebler:
In diesem Fall ist das Überleben der Löwin naturgemäß vorrangig. Verhungert sie - verhungern die Jungen ohnehin. Überlebt sie, besteht die Möglichkeit der weiteren Fortpflanzung. Ein klares Gesetz der Natur. Bei uns Menschen bedeutet der Tod der Mutter nicht den des Nachwuchses.

Kinderbuch-Couch:
Welche Emotionen haben Sie, wenn Sie beispielsweise ein Löwenrudel begleiten und seinen Nachwuchs vom ersten Tag an beobachten. Ich stelle es mir als sehr schwierig vor, wenn ihnen etwas zustiesse. Wie schwer ist es, nicht einzugreifen und seine Distanz beizubehalten?

Gabriele Staebler:
Es ist sehr schwer und belastet mich. Es fällt mir dann schwer, Unglück und Leid fotografisch zu dokumentieren. Ich leide dabei selbst. Auch wenn es manchmal leicht wäre einzugreifen, es wäre falsch. Aber manchmal machen Menschen Fehler (lächelt).

Kinderbuch-Couch:
Sie machen also auch mal Ausnahmen und helfen einem Tier, das in Bedrängnis geraten ist?

Gabriele Staebler:
Wildhüter baten mich einmal einzugreifen und zu helfen: Irgendwo in der Savanne war eine Elefantenmutter von ihnen betäubt worden, weil sie von ihrem Fuß eine Stahlschlinge, die schon bis auf den Knochen geschnitten hatte, entfernen wollten. Ihr einjähriges Kalb suchte sie und lief richtungs- und ziellos über die Ebene - genau auf ein Löwenrudel zu. Die hatten die Gelegenheit schnell erkannt. Ich fuhr mit meinem Geländewagen solange zwischen Löwen und Elefantenbaby, bis es die Richtung änderte und zu seiner Mutter zurück lief - die dann gerade wieder aus der Betäubung erwachte. Da wagten sich die Löwen nicht mehr heran.

Kinderbuch-Couch:
Wechselt man als Fotograf auch mit seinen Sympathien von den Jägern zu den Gejagten oder umgekehrt?

Gabriele Staebler:
Das stimmt leider. Jeder Fotograf hat Sympathien für bestimmte Tiere. Mir persönlich liegt die Raubkatze eher am Herzen als die Antilope oder das Warzenschwein. Zebras liegen mir mehr als Krokodile - da ist es wieder umgekehrt.

Kinderbuch-Couch:
Wie wichtig ist es, sich mit einer Tierart und seinem Verhalten vor dem eigentlichen Fotografieren zu beschäftigen?

Gabriele Staebler:
Das ist absolute Voraussetzung. Wenn ich z.B. ein Buch über Erdmännchen machen möchte, muss ich alles - aber auch wirklich alles über die Tiere wissen, bevor ich überhaupt die Kamera in die Hand nehme. Das bedeutet einige Wochen Recherche, viele Gespräche mit Zoologen und Wissensaustausch mit anderen Fotografen und Forschern.

Kinderbuch-Couch:
Können Sie das Verhalten der von Ihnen beobachteten Tiere immer „verstehen"? Oder geben sie Ihnen auch manchmal Rätsel auf?

Gabriele Staebler:
Es vergeht keine „Safari", bei der ich nicht irgendein Tierverhalten beobachte, das mir unerklärlich ist. Die Natur steckt voller Überraschungen. Über Jahre hinweg löst sich dann manches Rätsel durch ähnliche Beobachtungen.

Kinderbuch-Couch:
Wie sieht Ihr „Arbeitstag" aus?

Gabriele Staebler:
Ca. 5.00 Uhr aufstehen, alle Kameras „schussbereit", wenn ich an einem Projekt arbeite - wie z.B.im Moment die Flusspferde - mit dem Geländewagen zum Fluss rumpeln, beobachten, warten, beobachten, warten - vielleicht passiert etwas Spannendes, Umgebung beobachten, alles aus dem Fahrzeug, Position wechseln - gibt es dann endlich doch Spannendes zu sehen - fotografieren, konzentrieren, - oft ist eine Fotochance in weniger als 15 Minuten für den Rest des Tages vorbei - Ausrüstung ins Auto laden, volle CF-Karten abspeichern - und wieder weiterwarten und beobachten. Bei Dämmerung gegen 19.00 zurück zum Zelt - Objektive putzen, Kameras für den nächsten Tag mit leeren CF-Karten bestücken - Bilder am Laptop checken. Feierabend.

Kinderbuch-Couch:
Sicherlich kein ungefährlicher Arbeitsplatz - die Wildnis Afrikas - welche Sicherheitsvorkehrungen treffen Sie und wieviele Begleiter sind bei Ihnen, wenn Sie für die Nacht Ihr Camp aufschlagen?

Gabriele Staebler:
Ich bin ausschließlich mit meinem Lebensgefährten oder alleine unterwegs. Wir campen an einem nicht öffentlichen Campsite mitten in der Wildnis. Die Tiere sind keine Gefahr - ich kenne ihr Verhalten und richte mein Verhalten danach. Alle wilden Tiere haben in erster Linie Angst vor Menschen. Es ist jedoch normal und ungefährlich, wenn Löwen, Hyänen, Schakale nachts neugierig um unser Zelt schnüffeln, in dem wir schlafen. Flusspferde grasen nachts oft in nächster Nähe. Wir verhalten uns sehr ruhig und bewegen uns nachts möglichst nicht weit aus dem Lichtkreis des Lagerfeuers.

Kinderbuch-Couch:
Welche „brenzligen" Situationen oder besonderen Begegnungen hat es bei Ihnen schon gegeben?

Gabriele Staebler:
Nach über 100 Reisen in die Wildnis Afrikas bleiben „brenzlige" Situationen nicht aus. Es gab Elefantenangriffe, aggressive Flusspferde und vieles mehr - darüber erzähle ich in meinen Lesungen und Diavorträgen, die größte Gefahr ist aber nach wie vor der Mensch.

Kinderbuch-Couch:
Wie haben sich die Lebensbedingungen der Tiere in den letzten Jahren verändert?

Gabriele Staebler: 
Es wird auch bei den Tieren eng - der Mensch braucht immer mehr Lebensraum - der der Tiere schwindet zunehmend.

Kinderbuch-Couch:
Welchen Beitrag können Sie als weltweit erfolgreiche Naturfotografin zum Umwelt- und Tierschutz leisten?

Gabriele Staebler:
Mein Beitrag ist mit ausdrucksstarken Bildern Interesse für die Tiere und ihren Lebensraum zu erwecken. Der Mensch pflegt zu schützen und zu erhalten, was er liebt und respektiert.

Kinderbuch-Couch:
... welchen Beitrag könnten wir alle leisten?

Gabriele Staebler:
Es fängt schon mit unserem Umweltdenken an.

Kinderbuch-Couch:
Gibt es eine Tierart, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Gabriele Staebler:
Im Grunde alle Tiere - aber darunter am meisten Geparde, Löwen, Leoparden und Elefanten.

Kinderbuch-Couch:
Sie geben auch Diavorträge für Kinder. Welche Erfahrungen haben Sie im direkten Kontakt mit den Kinder gemacht. Unterscheiden sie sich in ihren Reaktionen von den Erwachsenen?

Gabriele Staebler:
Meine Vorträge fallen besonders bei Kindern auf „fruchtbaren Boden". Sie sind unvoreingenommen, fast alle lieben Tiere. Sie sind wissenshungrig und begeisterungsfähig. Es ist leicht, ihre Liebe und ihren Respekt für die wilden Tiere Afrikas zu erwecken.

Kinderbuch-Couch:
Wie sahen die „ersten Schritte" Ihrer Karriere aus?

Gabriele Staebler:
Ich schrieb die Erlebnisse einer meiner ersten Safaris für das Magazin „Abenteuer und Reisen" - 8 Seiten wurden veröffentlicht. 1988 bekam ich einen ersten Preis beim renommierten Foto-Wettbewerb BBC Wildlife Photographer of the year. Viele folgten.

Kinderbuch-Couch:
Sie waren bereits als Stewardess schon viel unterwegs - was hat letztlich den Ausschlag gegeben, sich ganz auf die Naturfotografie in Afrika zu verlegen?

Gabriele Staebler:
Ich war in allen Ländern der Welt. 1987 gab die Begegnung mit einem renommierten Naturfotografen den Ausschlag die Richtung Naturfotografie selbst einzuschlagen. Die Freude an der Naturfotografie an sich und die Befriedigung, etwas Sinnvolles tun zu können, waren maßgebend für die Veränderung. Der Erfolg gab mir mehr als Recht.

Kinderbuch-Couch:
Welche neuen Projekte stehen demnächst an?

Gabriele Staebler:
Es soll weitere Bücher zur Serie WILDE KINDER beim Gerstenberg Verlag geben. Im Moment schreibe ich an Flusspferden. Ich plane einen weiteren großen Bildband für Erwachsene. Es wird auch im Herbst wieder Lesungen geben. Eine vertonte Beamershow ist in Arbeit. VOR ALLEM WILL ICH IN DIESEM JAHR MEHR ZEIT IN DER WILDNIS ALS AM SCHREIBTISCH VERBRINGEN.

Kinderbuch-Couch:
Nach all den wunderbaren Momentaufnahmen: Gibt es noch einen besonderen Moment von dem sie hoffen, dass er eines Tages von Ihnen eingefangen werden kann?

Gabriele Staebler:
Es gibt davon viele! Noch längst nicht alles ist in der Wildnis Afrikas fotografisch eingefangen. Ich habe noch viele Visionen.

Kinderbuch-Couch:
Herzlichen Dank für das Interview.

  

Dieses Interview führte Stefanie Eckmann-Schmechta.

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