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Buchcover: Frida Nilsson: Ich, Gorilla und der Affenstern

Buch-Rezension - das meint Kinderbuch-Couch.de: Ich, Gorilla und der Affenstern von Frida Nilsson

erschienen bei Gerstenberg

geeignet für Kinder im Alter ab 8 Jahren

Jonna wächst zusammen mit den anderen Kindern im Waisenhaus Rainfarn auf. Hoher Besuch ist angekündigt, alles im Heim muss blitzen und blinken, denn es soll eines der Kinder adoptiert werden. Der sehnlichste Wunsch aller Kinder, auch der von Jonna. Doch dann kommt ein klappriger Volvo angebraust, dem entsteigt, man soll es nicht glauben, tatsächlich eine leibhaftige Gorilladame

Als einzige bleibt Jonna stehen und sieht die riesige und furchteinflössende Erscheinung an, bevor sie sich zu den anderen in den Schlafsaal flüchtet. Gorilla wählt ausgerechnet Jonna zur Adoption aus. Gerd, die Heimleiterin hat ein Problem, sie erwartet eine Inspektion von der Behörde und es befindet sich genau ein Kind zu viel in ihrem Waisenhaus. Dies und die Tatsache, dass die immer etwas schmuddelige Jonna der pingeligen Heimleiterin ein Dorn im Auge ist, begünstigt sicherlich die ungewöhnlich reibungslose Abwicklung der Formalitäten. Ehe sie sich versieht, sitzt Jonna mit Gorilla im klapprigen Auto und braust davon. Die Fahrkünste der Affendame sind mehr als fragwürdig und die Behausung, eine alte Fabrikhalle auf einem Schrottgelände, ist alles andere als einladend. Erschwerend kommt für Jonna hinzu, dass ein Freund aus dem Kinderheim, der gerne Gruselgeschichten erzählt, ihr zugeflüstert hat, dass Gorilla bestimmt Kinder fressen wird. Als Gorilla draußen auf dem Platz einen großen Zuber Wasser über dem Feuer erhitzt, gehen bei Jonna die Nerven durch und sie versucht zu fliehen.

Gorilla kann die Flucht verhindern und endlich findet eine Aussprache der beiden statt, wobei Gorilla sehr verständnisvoll und geduldig auf Jonnas Ablehung reagiert. Nach und nach gewöhnt sich Jonna an das Leben mit Gorilla, die für ihr Leben gerne alte Bücher liest und in einem Antiquariat im siebten Himmel schwebt. Gorilla, die von Jonna nicht verlangt, sich ständig sauber und ordentlich zu halten. Die Affendame nimmt das Leben wie es kommt und zusammen sind Jonna und Gorilla schon bald ein super-Team, das großes Geschick darin beweist mit ihrem schauspielerischen Talent den Kunden des Schrottplatzes immer ein wenig mehr abzuknöpfen, als wirklich angemessen. Doch noch schämt sich Jonna für die Gorilla-Dame an ihrer Seite. Gorilla scheint das gar nicht zu merken und geht mit absoluter Liebenswürdigkeit über diese Dinge hinweg.

Doch gerade als Jonna schließlich anfängt, Gorilla so voller Liebe zu sehen, dass sie sie schön findet und stolz darauf ist, ihre Tochter zu sein, ziehen dunkle Wolken über dem Idyll des Schrottplatzes auf. Der Bürgermeister der Stadt ist hinter Gorillas Grundstück her. Dabei ist ihm jedes Mittel recht, um die Gorilla-Dame zum Verkauf zu zwingen. Viele vor ihr hat er so übertölpeln können – doch Gorilla blieb standhaft. Sie weiß: Ihr Schrottplatz ist dem größten Schwimmbad Nordeuropas im Wege. Der mit allen Wassern gewaschene Bürgermeister Tord Fjordmark sieht seine Chance gekommen, als er Jonna in der Obhut von Gorilla entdeckt. Und tatsächlich gelingt es ihm, Gorilla Jonna wegzunehmen. Jonna, die todunglück wieder im Rainfarn landet, erhält schließlich einen merkwürdigen Brief von Gorilla. Das, was da steht, kann sie einfach nicht glauben, denn Gorilla würde niemals ohne sie fortgehen. Doch dann merkt Jonna, dass eine verschlüsselte Botschaft in dem Brief steckt. Sie muss nur nach dem Affenstern Ausschau halten …

Frida Nilsson, die erfolgreiche schwedische Autorin und Moderatorin im schwedischen Kinderfernsehen, schreibt seit 2004 Kinderbücher und wurde bereits 2006 für den Augustpreis, dem renommiertesten schwedischen Literaturpreis, im Bereich Kinder- und Jugendbuch nominiert. Eines ihrer ebenfalls in Deutschland erschienen Bücher ist „Ich, Dante und die Millionen“. Mit „Ich, Gorilla und der Affenstern“ beschreibt Frida Nilsson eine sehr gefühlvolle Geschichte und damit eine Beziehung, die zunächst auf sehr wackeligen Beinen beginnt. Nilsson gibt ihren beiden Protagonisten wie auch ihren jungen Lesern viel Zeit um langsam vertraut zu werden. Nur sehr, sehr langsam wird aus den beiden eine echte kleine Familie.

Ein wenig abwegig ist es schon, dass es sich ausgerechnet um einen Gorilla handelt, der im Kinderheim auftaucht, sprechen, autofahren und auch noch so einfach ein Kind adoptieren kann. Das ist nun wirklich nicht mit den realen Gegebenheiten zu vereinbaren. Warum, fragte ich mich also, hat Frida Nilsson so eine unrealistische Konstellation gewählt? Vielleicht konnte sie mit der Figur eines zunächst furchteinflössenden, riesigen Gorillas Kindern am besten vermitteln, was es bedeutet, wenn ein Mensch aufgrund seines Aussehens per se von der Gesellschaft abgelehnt wird – und das von Anfang an. Das wird besonders im Nachklang des Buches deutlich, denn auch Gorilla hatte eine Kindheit in einem Waisenhaus – soviel sei hier verraten. In dieser bildhaften Darstellung fällt es zudem leicht, die anfängliche Ablehnung, ja, die Angst Jonnas nachzuvollziehen und gleichzeitig Sympathien für das riesige, friedliche Tier zu entwickeln. Im vollkommenen Gegensatz zu deren imposanten Erscheinung stehen nämlich Gorillas Eigenheiten, ihre liebenswerten Schwächen und ihre ebenso liebevoll-friedliche Art mit Jonna umzugehen. Damit wird sie auch ihrer natürlichen Vorlage – dem echten Gorilla-Weibchen – gerecht, denn die sind für ihre überaus zärtliche und liebevolle Art bekannt, mit der sie ihre Kinder großziehen. Die Bezeichnung „Affenliebe“ kommt nicht von ungefähr.

Doch das Verhalten der ach, so korrekten Gesellschaft zeigt, wie leicht Menschen aufgrund ihrer Äußerlichkeiten zum Außenseiter werden. Niemand hat Gorilla wirklich zugetraut, eine gute Mutter zu sein und so spielt es auch für die „Entscheider“ in diesem Buch keine Rolle, was beide füreinander empfinden. Die Norm, nicht die Liebe, ist das Maß ihrer Beurteilungskriterien. Auf diese Weise ist Nilssons liebenswertes Buch auch ein kindgerechtes Plädoyer dafür, auch Menschen, die aus dem Raster fallen, mit Neugier und Aufgeschlossenheit zu begegnen und damit Normen zu hinterfragen.

Frida Nilsson beschreibt sehr nahe an ihrer Protagonistin Jonna den Prozess der wachsenden Vertrautheit und Liebe. Dabei findet sie genau das richtige Erzähltempo und die richtigen Ankerpunkte in der Geschichte, an denen diese Entwicklung deutlich wird. Mit den Augen der Liebe betrachtet, sieht Gorilla für Jonna schließlich wunderschön aus. Aus ihrem Inneren heraus kann Jonna nicht nur dessen ungewöhnliches Äußeres akzeptieren, sondern sie von ganzem Herzen lieben. Sie liebt ihren Geruch, ihr warmes Fell, ihren weichen Bauch und ihre starken Arme. Endlich kann sich Jonna geborgen fühlen.

Auch beim Leser gewinnt Gorilla unbedingt Sympathiepunkte durch ihre Art, bedingungslos für Jonna einzustehen, das wirklich wichtige im Leben vor Augen zu behalten und niemals nörgelich oder kleinlich zu sein – das würden sich bestimmt viele Kinder so manches Mal von ihren Eltern wünschen.

Fazit:

Frida Nilssons „Ich, Gorilla und der Affenstern“ ist eine wunderschöne und warmherzige Entwicklungsgeschichte. Mit leichtem Erzählton und mit dem klaren Blick ihrer kleinen Protagonistin führt die schwedische Autorin ihre Leser in ziemlich abwegige Gefilde, stellt aber dadurch um so mehr unter Beweis, dass Liebe und Geborgenheit nicht in der Norm zu finden sind, sondern in den Herzen derer, die uns so annehmen wie wir sind.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

Meinungen zu diesem Buch

[Leser-Kommentare überspringen]

Heidi Frahm meint:
Ein wundervolles Buch. Ich habe es mit einem Lesekurs 3. u. 4. Kl. in der Nachmittagsbetreuung gelesen. Es bietet so vielfältige Möglichkeiten.
Die Fantasie wird angeregt, Empathie wird wach und dann diese wunderbaren sonst so verbotenen Worte und Verhaltensweisen: herrlich!
Der leichte Ton des Buches kann darüber hinweg täuschen um was es hier eigentlich geht: Verstossen sein, anders sein - nicht dazu gehören und vor allem die Sehrsucht nach Liebe.
Ein starkes Bild für Kinder die sich häufig genau so fühlen und wichtig: Zum Schluss wird alles gut.

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