Harriet - Spionage aller Art

Erschienen: Juli 2009

Couch-Wertung:

90%
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Louise Fitzhugh beschreibt Charaktere und ihre „Handicaps“ auf beeindruckend intensive Weise, und das, ohne es direkt benennen zu müssen.

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In der Erzählung verliert Louise Fitzhugh niemals zu viele Worte -sie bleibt eine beschreibende und objektive Beobachterin, auf sehr einfache und doch so subtile Weise schafft Louise Fitzhugh eine Intensität, die manches erahnen lässt.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Jul 2009

[ab 11 Jahren]

„Harriet M. Welsh" ist eine Spionin für alle Fälle. Die allerdings muss sich die Elfjährige in ihrem manhattaner Viertel selbst suchen. Täglich macht sie ihre Runde und notiert in ihrem kleinen Notizbüchlein jede noch so kleine Begebenheit. Da Harriets Zielpersonen natürlich nichts von ihrer Beschattung wissen, bringt sie das so manches Mal in heikle Situationen. Doch richtig gefährlich wird es für Harriet, als ihre Klassenkameraden eines ihrer Notizbücher finden...

Das neugierige Mädchen, das sich gerne „Harriet M. Welsch" nennt, obwohl es gar keinen zweiten Vornamen hat, lebt in einem schönen Haus am East River in New York. Ihre wohlhabenden Eltern haben für ihre Tochter nur wenig Zeit dafür aber umso mehr gesellschaftliche Verpflichtungen. Das Kindermädchen, das Harriet liebevoll „Ol´Golly" nennt, ist die wichtigste Bezugsperson im Leben des Einzelkindes. Nur
Ol´Golly versteht das eigenwillige Mädchen und teilt mit ihm die Leidenschaft für ebenso ausgefallene wie anspruchsvolle Literatur.

Ol´Golly weiss von Harriets Bestreben, eines Tages eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden. Ein kleines Notizbuch ist Harriets ständiger Begleiter, in dem sie alles festhält, was sie beobachtet und denkt - vor allem über andere Menschen. Mit ihren schonungslosen Betrachtungen macht sie auch vor ihren besten Freunden Sporti und Jenny nicht halt. Wer eine erfolgreiche Schriftstellerin werden will, muss vor allem eine gute Beobachterin sein. Vorerst ist Harriet aber eine gute Spionin. Immer wenn sie aus der Schule kommt und ihren nachmittäglichen Kuchen mit Milch vertilgt hat, zieht sie ihre Spioniageausrüstung an, die aus einem Kapuzen-Frottéhemd, alten Jeans, zerschlissenen Turnschuhen und einigem sinnvollen Werkzeug, wie Taschenlampe, Pfadfindermesser, einem Lederbeutel für ihr geliebtes Notizheft mit Kugelschreibern oder einer zusammenklappbaren Gabel besteht. Praktischerweise wird das gesamte Werkzeug mit einem Haken an der Jeans befestigt. So ausgerüstet geht Harriet M. Welsh „arbeiten". Dabei geht sie immer wieder die gleichen Stationen ab. Wenn jemand Harriets Interesse geweckt hat, lässt sie nicht wieder locker. So beobachtet Harriet die italienische Einwandererfamilie DeiSanti, bei der sich immer irgendeine „Tragödie" abspielt, oder das Ehepaar Robinson, deren ganzer Lebensinhalt der Konsum und das anschliessende Vorzeigen ist, wie auch den einsamen Käfigbauer Harrison Withers, der mit und ohne seine Katzen nicht leben kann.

Die Eltern wissen nichts von Harriets merkwürdigem Hobby und ihren ehrgeizigen Plänen. Ol´Golly ist Harriet eine wichtige Instanz bei allen Gewissensfragen wie zum Beispiel, ob es für eine Spionin Sinn macht, Tanzunterricht zu nehmen.

Doch dann verlässt Ol´Golly die Familie. Sie hat einen netten Mann kennen gelernt und das frisch verliebte Paar will nun heiraten. Für Harriet bricht eine Welt zusammen. Zu ihrem ganzen Unglück kommt noch hinzu, dass ihr Notizbuch in die Hände ihrer Mitschüler und Freunde gerät. Besonders Jenny und Sporti sind schwer enttäuscht von ihrer Freundin; sie empfinden Harriets Worte als schweren Verrat.

Harriet hat die ganze Klasse gegen sich aufgebracht. Die in Harriets Notizbüchlein auf so niederschmetternde Weise Verhöhnten, schliessen sich zusammen und gründen eine Antibewegung in Form eines Spionagefänger-Clubs. Für Harriet beginnt ein wahrer Spießroutenlauf. Ihre anfängliche Ungläubigkeit schlägt schliesslich um in tiefe Trauer und wird am Ende zu blinder Wut.

Die im Jahr 1964 erstmals erschienene Originalausgabe mit dem Titel „Harriet the Spy" wurde in Amerika zum vollen Erfolg. Der war seitens des Verlages fast schon erwartet, denn die ersten Zeilen von Louise Fitzhughs Manuskript waren so überzeugend, dass damals sogar ein Vorschuss gezahlt wurde - was zu dieser Zeit eher unüblich war. Seitdem hat sich das Buch um die kleine Spionin über vier millionenmal verkauft. In seinem Erscheinungsjahr wurde „Harriet the Spy" von der New York Times zum besten Kinderbuch gewählt. 1974 gelangten Louise Fitzhughs beide Bände über Harriet (die Folgegeschichte trägt den Namen „The Long Secret", in Deutschland: „Neuigkeiten aus Harriets Spionageheft") auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis.

Harriets Spionagefälle lösten in den späten sechziger Jahren unter den amerikanischen Mädchen eine wahre Begeisterungswelle aus. Es wurden Detektivclubs gegründet und so manche junge Frau wurde durch Harriets Beispiel zum Schreiben motiviert.

Vom Fischer Verlag in der Reihe „Bücher mit dem blauen Band" neu aufgelegt, erhält man ein im Schmuckschuber hochwertig aufgemachtes Exemplar und die Gelegenheit, diesen Klassiker erneut oder zum ersten Mal zu lesen. Louise Fitzhugh erschafft bereits auf der ersten Seite eine sehr greifbare und authentisch wirkende Umgebung.
Die Atmosphäre des damaligen, gutbürgerlichen New Yorker Lebens verbreitet heute ein eher nostalgisches Gefühl; Harriet ist ein gutbehütetes Kind der Oberschicht, das der Köchin das Leben schwer macht und von ihrem Kindermädchen die Zuwendung erhält, das sie eigentlich von ihren Eltern erhalten sollte. Vieles wirkt unbeschwert und spielerisch, wie auch Harriets Einstellung zu den Menschen, die sie wie Forschungsobjekte observiert. Das Leben der anderen seziert sie genau, entlarvt ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten. Der Käfigbauer, der heute sicherlich als „Animal-Hoarder" bezeichnet würde, kommt dabei wohl noch am besten weg, da er ihr Mitgefühl erregt. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass das Leben der anderen ein Ersatz für ihre eigene Leere darstellt. Dies gilt auch für ihre Besessenheit, alles was ihr wichtig erscheint, in ihr Notizbuch zu schreiben. Am Ende entsteht eine regelrechte Abhängigkeit, denn Harriet glaubt ohne das Niederschreiben ihrer Gedanken gar nicht mehr denken zu können. Ihr Buch und ihre Notizen werden zu ihrer Brücke zur Außenwelt und es schließt damit die Lücke für einen Menschen, der Harriet zuhört und mit ihr reflektiert.

In ihrem Roman - aus dem Amerikanischen von Inge M. Artl - verliert Louise Fitzhugh jedoch niemals zu viele Worte; sie bleibt eine beschreibende und objektive Beobachterin, wie auch Harriets Eltern stets Außenstehende bleiben.
Das psychologische Feingefühl mit dem Louise Fitzhugh diese Details einfängt, ist kein Zufall. Vieles aus Louise Fitzhughs Kindheit, wie die Autorin selbst seinerzeit bestätigte, sind in „Harriet - Spionage aller Art" eingeflossen. Auch das spätere Psychoanalyse-Studium wird zu den dichten, sehr treffenden Charakter- und Situationsbeschreibungen der Autorin beigetragen haben. Louise Fitzhugh wurde als kleines Kind von ihrer „nicht standesgemässen" Mutter getrennt, wuchs bei ihrem Vater und ihrer Grossmutter auf und hatte ein inniges Verhältnis zu ihrem Kindermädchen das sie verlies - allerdings ohne jemals wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen. Wunderbar greift Louise Fitzhugh diese Verlorenheit auf und kanalisiert sie in eine Welt, die scheinbar ganz von Harriet kontrolliert wird. Dies zeigt sich sehr eindrucksvoll in Harriets Notizen die, im Gegensatz zu der Erzählhaltung des allwissenden Erzählers, in der Ich-Form geschrieben sind und teilweise sehr tiefe Einblicke in ihre Welt und damit in die zum Teil philosophischen und wahren Schlussfolgerungen des Mädchens gewähren.

Auf sehr einfache und doch so subtile Weise schafft Louise Fitzh eine Intensität, die manches erahnen und das schlimmste befürchten lässt. So weit lässt Louise Fitzhugh es jedoch nicht kommen. "Ein Schriftsteller sollte durch seine Bücher dazu beitragen, dass die Menschen einander besser verstehen und mehr Nachsicht füreinander lernen; er sollte seine Kunst niemals gegen seine Freunde richten. Aber dir selbst musst du natürlich immer die Wahrheit sagen." Sind die versöhnlichen Worte, die Ol´Golly in ihrem letzten Brief an Harriet richtet.

Sicherlich, diese hochspannende und psychologisch sehr klug inszenierte Geschichte spielt sich nicht vor einer Kulisse ab, die Kinder und Jugendliche aus ihrem heutigen Umfeld kennen. Manchen wird sie auf den ersten Blick zu altmodisch erscheinen. Auch nicht wenige werden unter diesem Titel einen „echten" Spionagefall erwarten. Interessant und unbedingt lesenswert ist jedoch auch heute noch, wie die Geschichte mit den Erwartungshaltungen bricht. Für vieles das hier beschrieben wird, wie zum Beispiel „Mobbing", gab es damals noch keine Bezeichnungen. Die Dynamik der Geschehnisse und damit ihre emotionale Tiefe haben aber auch heute noch nichts von ihrer Aktualiät eingebüsst.

Fazit:

Auch heute noch garantiert der Jugendbuchklassiker aus den USA ein intensives Leseerlebnis.
Die Gefühle der elfjährigen Harriet, die Louise Fitzhugh auf packende Weise beschreibt, haben auch dieser Tage eine verblüffende Relevanz. Durch die Augen von Harriet spiegelt uns die Autorin - zwischen kindlicher Unbeschwertheit und bedrückender Einsamkeit - die menschlichen Schwächen und Stärken wider. „Harriet - Spionage aller Art" bleibt lesenswert.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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