Die goldenen Türme

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Kinderbuch Couch
85%1001

Kinderbuch-Couch Rezension vonOkt 2009

Idee

Die originelle Ausgangsidee wird konsequent und realistisch ausgeführt. Die Hauptpersonen Mika und Ellie wirken sympathisch und bieten einen hohem Identifikationswert

Text

Ein atemberaubendes Erzähltempo und die spannende Handlung reissen den Leser mit.

[ab 11 Jahren]

Der zwölfjährige Mika lebt mit seinen Eltern in der Nähe von Oxford in einem fiktiven England der Zukunft. Seine Zwillingsschwester Ellie wurde ein Jahr vorher entführt und er versucht mit allen Mitteln sie wiederzufinden.

Aus Angst vor einer Tierpest, die dazu führt, dass Tiere tollwutartige Anfälle bekommen und die Menschen anfallen, leben die Menschen der nördlichen Erdhalbkugel hinter einer hohen Mauer.

Nur wer es sich leisten kann, hat eine Wohnung oben in den goldenen Türmen und kann das Licht sehen. Die Armen, so wie Mika und seine Eltern, leben beengt wegen Überbevölkerung in schimmligen, zu kleinen "Klappwohnungen". Mika ist eher ein verschlossener Einzelgänger; der in der Schule keine Freunde hat, nicht zuletzt auch weil er ein "Mutant" ist, so heissen diejenigen, die einen Geburtsfehlers haben, er hat zum Beispiel Schwimmhäute zwischen den Zehen. Seine beste Freundin war seine Zwillingsschwester Ellie, die vor einem Jahr plötzlich verschwunden ist. Keiner weiss, dass sie von dem rücksichtslosen Minister zur Förderung der Jugend, Mal Gorman, für seine finsteren Zwecke entführt worden war. Die meisten, wie auch ihre Eltern, glauben, dass sie einen Unfall hatte und tot sei, nur Mika glaubt, dass sie noch am Leben ist.

In der Schule bekommt Mika Schwierigkeiten, weil er sich zunächst weigert, ein Fitnessgetränk zu trinken, das die Regierung den armen Jugendlichen spendiert, um Mangelerscheinungen, die durch deren billige, künstliche Ernährung entstanden sind, auszugleichen. Nur Reiche können sich natürliches Essen leisten. Ausserdem bietet die Regierung den Jugendlichen einen Wettbewerb um ein computersimuliertes Flugspiel an, im Verlauf dessen sie verlockende Preise gewinnen können.

Wegen seiner Verweigerung kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Schulleiter, die ein einwöchiges Schulverbot und eine finanzielle Geldbusse für seine Eltern zur Folge hat. Seine über sein Verhalten ratlosen Eltern hoffen, dass Gespräche mit der Psychotherapeutin Helen den Ursachen auf die Spur kommen. Im Verlauf dieser Gespräche gewinnt Mika Vertrauen zu ihr und lernt sie schätzen. Ihm wird auch klar, dass er das Fitnessgetränk trinken und an dem Flugspiel-Wettbewerb teilnehmen muss, weil er intuitiv weiss, dass er so Ellie wiederfinden kann.

In dem Flugspiel geht es darum, einen "Podfighter" zu fliegen und möglichst viele Feinde abzuschiessen. Mika stellt sich als Pilot sehr geschickt an und gewinnt im Team mit seiner neugewonnenen Freundin Audrey, einer treffsicheren Schützin, zuletzt einen der Hauptpreise: eine Wohnung in den goldenen Türmen Londons.

Für die Jugendlichen, die nicht gewonnen haben, gibt es angeblich Trostpreise. So angelockt, werden den Jugendlichen Gehirn-Implantate eingesetzt, so dass sie nur noch tun, was man ihnen sagt und zu einer willenlosen Kinderarmee werden. Als der arme Teil der Bevölkerung erfährt, dass ihre Kinder für die Regierung in den Krieg ziehen soll, kommt es zu einem tumultartigen Aufstand, bei dem die Wohnungen in den goldenen Türmen zerstört werden und deren Bewohner fliehen.

Durch ein Missverständnis befinden sich Mika und Audrey in einem "Podfighter" auf der Flucht vor der Polizei und Mal Gormans Leuten. Mika, der seitdem er Ellie immer näher kommt, mit ihr in einer Art telepathischen Verbindung steht, bekommt von ihr den Fluchtweg über die Mauer "gesendet". Dort entdecken sie Bäume und Tiere und erfahren so von Mal Gormans Geheimnis. Die Tierpest war eine Lüge einiger weniger Auserwählter. Um die bedrohte Natur zu erhalten, erfanden sie die Tierpest und zwangen die überwiegende Mehrheit der Menschheit hinter der Mauer zu hausen, während sie selbst in der schönen Natur lebten.

Gegen diese Auserwählten will Mal Gorman mit seiner Kinderarmee in den Krieg ziehen, damit hinterher wieder einige wenige, zum Beispiel, Mitglieder der Regierung,
die Natur allein für sich haben. Am Ende findet Mika Ellie wieder und Mal Gorman erlaubt ihr ein kurzes Wiedersehen mit ihren Eltern, es kommt jedoch zu einer Rebellion der Kinderarmee.

Emma Claytons Debüt-Roman endet mit offenen Fragen und ist auf eine Fortsetzung angelegt, die Fragen beantworten wird, wie etwa, ob es tatsächlich zum Krieg kommen wird, oder ob es Mika und Ellie gelingen wird, sich aus der Abhängigkeit von Mal Gorman zu befreien.

Schon das ansprechend gestaltete Cover zieht den Leser an. Das Buch beginnt mit der atemberaubend erzählten Flucht Ellies aus dem Weltall, wo ihr Entführer sie gefangen hält. Und die Spannung lässt auch später nicht nach; das atemberaubendes Erzähltempo und die kurzen Kapitel halten den Leser trotz des Umfang des Buches (über 500 Seiten) bei der Stange. Dazu tragen auch die vielen Dialoge bei, die dafür sorgen, dass die Handlung lebendig bleibt und nicht in einem billigen Aktionismus versinkt. Die Sprache ist dem Erzähltempo angemessen, ist kindgerecht und nie monoton.

Geschickt bedient sich die Autorin der Faszination von Heranwachsenden für Computerspiele, indem sie ein Flugsimulationsspiel als wichtiges Handlungselement einsetzt

Die Frage "wie sieht die Zukunft aus?" beschäftigt schon die angestrebte Altersgruppe und die originelle Grundidee wird auch konsequent umgesetzt. Mikas Lebensbedingungen und die Ereignisse des Buches scheinen möglich und nicht völlig weit hergeholt und regen so den Leser zum Nachdenken und hoffentlich zu einem mehr achtsamen Umgang mit der Natur an.
Die von der Autorin erfundenen futuristischen Elemente wie der "pod fighter", die "Schwebe-Autobahnen" oder die modernen "Heilkammern" im Krankenhaus werden die jugendlichen Leser fesseln und verleihen der Handlung Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Etwaige kleine Mängel wie gelegentlich zu verschachtelte Sätze, die vielleicht zu umständlich und schwer verständlich für die angestrebte Altersgruppe sind, fallen deshalb weniger ins Gewicht. Auch wenn die Nebencharaktere nicht genug differenziert sind - es gibt zum Beispiel die weise ältere Vertraute, den angeberischen Klassentyrann, vor dem alle Angst haben, oder die ratlosen Eltern - fällt diese Schwarz/Weiss- Malerei bei den Hauptcharakteren Mika und seiner Zwillingsschwester Ellie weg. Beide wirken menschlich und haben nicht nur durchweg gute Eigenschaften; so ist Mika nicht nur mutig und zielstrebig, sondern auch dickköpfig, Ellie nicht nur tapfer, sondern auch jähzornig und zu impulsiv.

Fazit:

Eine spannende und glaubwürdige Mischung aus Fantasy und Science Fiction Roman, die zum Nachdenken anregt.

Andrea Delumeau

 

Die goldenen Türme

Emma Clayton, Ravensburger

Die goldenen Türme

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