Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün

  • Gulliver
  • Erschienen: August 2023
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Illustrationen von Kerstin Meyer; Hardcover, 192 Seiten

ISBN: 9783407813305

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Stefanie Eckmann-Schmechta
89%1001

Kinderbuch-Couch Rezension vonOkt 2009

Idee

kindgerechte und dennoch unaufdringlich hintergründige Geschichte, die durch ihre einfachen Botschaften wie durch ihre grandios gezeichneten Charaktere überzeugt.

Bilder

Die Illustrationen von Kerstin Meyer begleiten die kleinen und großen Helden und zeigen deren Gemütsverfassung und so manch turbulentes Ereignis.

Text

wunderbar gezeichnete Charaktere; klare, fast poetische Sprache, die sowohl die komischen als auch die ernsten Seiten beherscht und herrliche Bilder entstehen lässt.

Ein wunderbar komisches wie poetisches Buch, das über den Lachmuskel direkt zu Herzen geht

Die Schildkröte Törtel kennt nur den "McGrün", ein Heimwerkermarkt mit günstigen Lebensbedingungen und Kokosstreu. Doch widrige Umstände verschlagen die ängstliche Schildkröte nach Müggeldorf an den Müggelsee. Hier erlebt Törtel, was Freiheit und Freundschaft bedeuten. Und dass es sich lohnt, um beides zu kämpfen.

Törtel hat sich sehr gut im McGrün eingerichtet. Er lebt dort, seit er geschlüpft ist und möchte auch dort bleiben. Andere Tiere werden hin und wieder von den Menschen mitgenommen. Er nicht. Eines Tages aber landet er doch noch in einem Pappkarton und wird durch die Scanner-Kasse geschoben. Törtel lebt nun bei "King Kurt" der ihn, nach anfänglicher Begeisterung für seine neues Haustier, schon bald in die weiße, schemenlose Welt der Badewanne verbannt. Hier, einsam und der Eintönigkeit ausgesetzt, lernt Törtel, was es heißt, isoliert zu sein und Angst zu haben. Wenn Törtel es nicht mehr erträgt, fängt er an zu zählen. Dann vergeht die Zeit und die Angst. Dann - nachdem aus dem Winter, Frühling und schließlich Sommer geworden ist - wirft King Kurt Törtel aus dem Fenster seines fahrenden Pkws. Törtel bleibt hilflos auf dem Rücken liegen. Zum ersten Mal sieht er die Weite des Himmels und bewundert das Licht der Sterne und der Straßenlaterne auf der Müggelseestraße.

Die neugierige Füchsin "Wendy" wird schließlich auf das hilflose Tier aufmerksam. Eine beängstigende Begegnung für Törtel, der natürlich erst einmal zu zählen anfängt. Wendy nimmt ihn mit zu ihrer langsam verfallenden Laube auf einem verwilderten Grundstück in Straße 33 a. Dort lernt Törtel den Dachs "Palle" kennen, der nur zu gerne mit Törtel darüber diskutieren möchte, ob die wilden Tiere wirklich etwas in der Nähe der Menschen zu suchen haben. Er nimmt Wendys Schuhtick (ihre Sammlung an einzelnen Gummistiefeln, Halb- und Hausschuhen ist schon beeindruckend) als bestes Beispiel dafür, dass eine allzu große Nähe für Tiere unnatürlich ist. "Wir gehören in die freie Natur! Wir sollten nicht zwischen Autos herumkriechen und in Lauben wohnen!" wettert der Dachs, der vom freien, wilden Leben träumt aber die Annehmlichkeiten, die aus den Abfällen der Menschen stammen, auch nicht missen möchte.

Palle ist nicht der einzige, der sich Gedanken über die rechtmäßige Inanspruchnahme von Lebensräumen macht. Am Abend ist das regelmäßige Treffen der Tiere an der Mole. Der Wortführer der bunt zusammengewürftelten Schar, die aus Krähen, Elstern, Enten, Mäusen, einem Auto-Marder, drei Waschbärenbrüdern, einer Wildschweinfamilie oder etwa einem schüchternen Graureiher besteht, ist der pflichtbewusste und etwas entrückt wirkende "Hokuspokus"; ein flugverdrossener Schwan mit Talent zur großen Rede und der tiefen Sehnsucht nach einer politisch korrekten Ordnung innerhalb des chaotischen Haufens.

Als der ungekrönte König "Grrmpf" vom Müggelsee auftaucht - ein stattlicher Keiler -, ist die Diskussion, woher das merkwürdige Tier mit dem Rückenpanzer stammen mag, in vollem Gange. Wenn es nach Törtel geht, kommt er einfach aus dem McGrün. Doch eine Möwe ergänzt, dass Schildkröten aus Griechenland kommen woraufhin Grrmpf Wendy ermahnt, keine Ausländer anzuschleppen. Überhaupt: Ist Törtel ein wildes Tier oder ein Haustier? Wo kommt er her und wo gehört er hin? Für Grrmpf steht fest "In jedem Fall ist er nicht aus Müggeldorf." Und damit kein Einheimischer. Basta. Brunhilde, seine Frau und Mutter seiner Frischlinge, wäscht ihrem Mann sogleich vor versammelter Mannschaft den Kopf und setzt sich, ganz Muttertier, für Törtel ein, von dem sie glaubt, er sei noch ein Junges. Schon bald kennt fast jedes Tier ein anderes Tier das nicht aus der Gegend stammt. Sogar der schüchterne Graureiher merkt leise an, er kenne da eine Kanadagans. Und die Waschbärenbrüder Zlatko, Memet und Miroslaw sind zwar aus der Pelztierfarm in Strausberg getürmt, aber eigentlich aus Amerika. Was ist also einheimisch?

Da Tonnentag ist, der Tag, an dem die Tiere sich über die Mülltonnen der Menschen hermachen, die abends an die Straße gestellt werden, zieht die Mannschaft weiter. An ihrer Spitze einen leicht angeschlagenen Herrscher: Grrmpf. Der schmeißt die Tonnen mit Leichtigkeit um und die Tiere finden so ihr Futter. Dann aber passieren gleich mehrere Dinge gleichzeitig: Ein miesepetriger Anwohner und fanatischer Gegner der wilden Tiere in Müggeldorf, mit Namen Lüttkewitz, ertappt die Tiere auf frischer Tat. Die fliehen sogleich - bis auf Törtel, der zu langsam für eine schnelle Flucht ist, und Grrmpf, der wohl einfach nichts mitbekommen hat. Es kommt zum unvermeidlichen Zusammenstoß zwischen dem Keiler und dem wutentbrannten Rentner, wobei Grrmpf dem Mann heftig ins Bein beisst. Der wiederum wehrt sich mit einer gehörigen Ladung Pfefferspray. Grrmpf kann nichts mehr sehen und Törtel führt ihn langsam in Sicherheit, dabei passiert jedoch eine weitere merkwürdige Sache: Beinahe wären Törtel und Grrmpf von einem großen Lieferwagen überfahren worden, bei dem die Scheinwerfer nicht eingeschaltet waren.

Beide, sowohl Grrmpf als auch Lüttkewitz schwören sich Rache bis ins Grab. Ein irrwitziger Kampf entbrennt, in dessen Verlauf Lüttkewitz das ganze Dorf gegen die wilde Tierschar aufbringt, mit der abwegigen Behauptung, die Tiere wären die Verantwortlichen für die Einbruchserie in Müggeldorf. Bald findet er schon Befürworter für den gezielten Abschuss der Wildtiere. Für Törtel und Wendy ist klar, dass es nun auf jedes Tier ankommt, egal ob Wild- oder Haustier, um die wahren Täter dingfest zu machen. Grrmpf hingegen verfolgt weiterhin seine Rachepläne und verwüstet den Garten von Lüttkewitz, der seinerseits, vollkommen außer Rand und Band, eine Mauer errichtet. Darüber thront er auf seinem Hochsitz; seine Leuchtfeuer-Schusswaffe stets im Anschlag, um den Keiler zu erschießen...

Wieland Freund ist mit seiner tapferen Schildkröte Törtel, die zwar auf den Beinen langsam aber im Kopf sehr schnell ist, ein sympathischer Held gelungen. Sehr bildreich beschreibt er dessen wie auch die Eigenarten der anderen Tiere in Müggeldorf. Mit witzigen Dialogen und "schrulligen" Attitüden lässt er seine liebenswerten Darsteller lebendig werden. Die oftmals lakonische Art, mit der er das turbulente Zusammenleben der so verschiedenartigen Schicksalsgemeinschaft schildert, ist einfach hinreißend - und das ist ebenso komisch wie auch berührend.

Etwa den eigenwilligen Umzug der Tiere am "Tonnentag", um nur ein Beispiel zu nennen, hat man nach Wieland Freunds Beschreibungen regelrecht vor Augen. Jedes Tier hat einen ganz eigenen Charakter, der es auch im Verlaufe der Geschichte unverwechselbar macht und regelrecht danach verlangt, das Buch mit verschiedenen Stimmen vorzulesen. Sei es der nervöse Automarder Kevin, der gar nicht verstehen kann, dass man Autokabel nicht gerne annagen möchte oder Michelle, die Ente, die stets mit ihren Verehrern im Schlepptau - einer Gruppe von verliebten Erpeln - auftaucht. Da ist auch noch der fette Fuchs Iwo, der wiederum in Wendy verliebt ist, und das Schlemmen an den Katzennäpfen nicht lassen kann oder Maunzi, eine berechnende und ganz und gar autarke Hauskatze, die ihre politischen Ziele im Namen der Katzen - die naturgemäß gar keinen Grund haben, der Gemeinschaft zu helfen - knallhart durchsetzt.

Vielfach finden sich in Wieland Freunds Geschichte politische Analogien. Seine zum Teil offenen Anspielungen werden Kindern zwar weitgehend verborgen bleiben und wohl eher den vorlesenden Eltern, also den Erwachsenen, ein Schmunzeln entlocken; dafür sind sie aber auch besonders köstlich. Der Ausdruck "rüber machen", zielt ebenso treffsicher auf die deutsche Wiedervereinigung ab, wie der verzweifelte Ausruf des Ebers "Die Mauer muss weg"; außerdem wird im Hinblick auf die jeweils andere Gruppe von "denen da drüben" gesprochen. Ganz eindeutig - und für Kinder sehr schön hintergründig wie nachhaltig erzählt - geht es auch um so manche Parallele zu unserem Leben. Da wird von der Gleichheit der Tiere gesprochen, von "Zugereisten", also heimischen und nicht heimischen Tieren, und schließlich von der (Wieder-) Vereinigung der Haus- und der Wildtiere. Aber er erzählt auch von der Freiheit, die der eine oder andere vermeintlich hat.

Am Ende wird Törtel aufgrund seiner Klugheit zum heimlichen Anführer und mutigen Vermittler innerhalb der wilden Tierschar. Ein zugleich komischer wie tragischer Held, der lernt, in der Freiheit über sich hinauszuwachsen. Wunderbar poetisch beschreibt Freund den Zauber und die beängstigende Wucht der Freiheit, die auf Törtel so plötzlich einstürmt. Törtel versteht - und die tiefere Bedeutung ist ein gutes Beispiel für Freunds Hintergründigkeit - dass so viel Freiheit auch viele Probleme bedeutet.

Selbst (vor-)leseerfahrene Sechsjährige können der Geschichte folgen und sie werden auch an entsprechender Stelle lachen. Doch um der reichen Bildsprache und dem breiten Spektrum von Freunds dichter und teilweise poetischer Sprache gerecht zu werden, würde ich das Buch sinnvollerweise ab acht Jahren empfehlen.

Die Illustrationen von Kerstin Meyer zeigen mit lockerem Strich, in satten Aquarelltönen, die Stationen aus Törtels Abenteuer. Dabei bedient sich Kerstin Meyer verschiedener Darstellungsformen und Perspektiven, um Törtels Gemütsverfassung - und natürlich die seiner Freunde - wiederzuspiegeln. Das Bild von dem Treffen an der Mole unter dem Licht der Laterne, während blass der Mond über dem Müggelsee steht, ist wohl eines der schönsten, denn neben der schönen Inszenierung sehen wir auch (fast) alle Helden dieser Geschichte.

Fazit

"Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün" von Wieland Freund - das Abenteuer der kleinen, tapferen Schildkröte, die lernt ihre Ängste zu überwinden und die Unwägbarkeiten der Freiheit zu meistern - ist Krimi und Parabel zugleich. Ein wunderbar komisches wie poetisches Buch, das über den Lachmuskel direkt zu Herzen geht. Unglaublich intelligent und witzig!

 

 

Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün

Wieland Freund, Gulliver

Törtel, die Schildkröte aus dem McGrün

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