Julia Gillian und die Kunst der Hellseherei

Erschienen: März 2010

Couch-Wertung:

85%
Idee
Bilder
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Idee

Julia Gillian verkörpert ein aufgewecktes Mädchen, was der Welt mit offenen Augen entgegen tritt und zeigt, dass die Hürden des Alltags überwindbar sind.

Bilder

Die präzisen s/w-Illustrationen unterstreichen und beleben die Gedanken und Unternehmungen von Julia Gillian.

Text

außerordentlich gewählte Wortwahl, die auf kindgerechte Weise Julia Gillians Auseinandersetzung mit ihren Ängsten und Befürchtungen herausstellt. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Mär 2010

Erwachsenwerden ist ganz schön schwer! Wenn Julia Gillian daran denkt, was sich ihr mit ihren neun Lebensjahren schon alles offenbart hat, dann will sie erst gar nicht an die Zukunft denken... Und doch ist sie immer wieder tapfer und nimmt Neues in Angriff. Das Leben bleibt eben nicht auf der Stelle stehen und Julia begreift, dass sie ein Teil dieser immerwährenden Entwicklung ist, deren Ausgang sich doch oft zum Guten wendet.

Julia Gillian kann sich als ein glückliches Mädchen schätzen. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem geliebten Hund Bigfoot lebt sie im zweiten Stock eines hübschen Hauses in Minneapolis. Gerade hat sie die vierte Klasse erfolgreich beendet und kann die Sommerferien genießen. Schade nur, dass ihre Eltern beide Sommerkurse an der Universität belegt haben. Doch Julia Gillian schätzt ihren Eifer, sich zu den besten Lehrern der Welt weiter zu bilden.

Sie sind eben eine Familie mit besonders vielen Talenten: Julia Gillian hatte schon früh eine eigene Liste ihrer Talente angefertigt und bewahrt sie heilig unter ihrer Matratze auf. Sie umfasst bereits 3 Seiten! Sie mag ihre Fähigkeit, einen Kaugummi so gleichmäßig über den obere Zahnreihe zu ziehen, dass es aussieht, als hätte sie nur einen einzigen breiten, glänzend glatten Zahn im Oberkiefer. Und besonders gut gelingen ihr kreative Pappmaché-Masken, für dessen Anfertigung sie eine spezielle Paste entwickelt hat. Im Moment trainiert sie an der Kunst der Hellseherei. Wenn sie genau hinhört, weiß sie, dass ihre Mutter vermutlich gerade die erste Tasse Kaffee getrunken hat und sich nun dem Frühstück widmet. So ist es jeden Morgen, warum sollte es also heute anders sein? Auf diese Weise kann sie auch dieses Talent auf die Liste setzen!

Doch die Welt außerhalb ihrer harmonischen vier Wände scheint in extrem schlechter Verfassung. Betrachtet sie die Gesichter ihrer Eltern, wenn sie allmorgendlich die Zeitung lesen, kann sie von ihnen ablesen, wie traurig und besorgt sie sind: Wörter wie Klimawandel, Haushaltskürzungen und Naher Osten zeigen ihnen, was in der weiten Welt passiert.

Besorgt fasst Julia Gillian den Entschluss: Wenn ich einmal groß bin, lese ich keine Zeitung! Sehr zum Kummer ihrer Eltern ist sie eh keine große Leserin. Bücher sind einfach nicht ihre Sache! Doch dann scheint sich endlich ein Buch gefunden zu haben, das Julia Gillian interessant erscheint. Ein grünes Buch mit einem Hund auf dem Umschlag, das von einem Jungen und seinem alten Hund handelt. Doch bereits nach den ersten Seiten macht sich ein mulmiges Gefühl in ihr breit: Dieses Buch nimmt kein gutes Ende... Und da sie eine begabte Hellseherin ist, versucht sie erst gar nicht, sich dieses Gefühl wieder auszureden. Die Vorstellung, dass der alte Hund sterben würde, macht ihr Angst. Schließlich ist er genau so alt wie Bigfoot und an den Verlust ihres treuen Begleiters mag sie keinen Gedanken verschwenden. Gegen all das Übel hilft nur, sich mit ihrer schönsten Waschbärenpappmaché-Maske zu tarnen und der Welt tapfer gegenüber zu treten. Julia Gillian begreift in diesem Sommer, dass das Leben nicht so einfach ist; sie macht die Erfahrung, dass sich Dinge, die sonst immer so selbstverständlich schienen, unaufhaltsam verändern.

Alison McGhee vermittelt in ihrem ersten Kinderbuch auf beeindruckende Weise die ersten Einsichten eines kleinen Mädchens in die große, weite Welt. Mit kindlichem Verstand versucht Julia Gillian die Entwicklungen ihrer Umwelt zu verstehen und zu deuten. Für Erwachsene alltägliche Erscheinungen werden von Julia Gillian durch ihre Kinderaugen nur als gemein und erschreckend wahrgenommen. Was Julia als neues Talent der Hellseherei ansieht, zeigt ihre Achtsamkeit und ihr sich weiter entwickelndes Verständnis von der Welt. Die ahnungsvollen Bilder, die sich ihr auftun, beunruhigen sie. Sie verspürt das Gefühl, keinen Einfluss auf diese Ereignisse zu haben. Das Talent der Hellseherei verdeutlicht den unaufhaltsamen Prozess des Erwachsenwerdens. Ihr inniges Verhältnis zu den Eltern und Bigfoot, als treuer Begleiter, geben ihr den nötigen Rückhalt, ihre neue Perspektiven auf die Welt und ihr neues, wachsendes Bewusstsein in ihre kindliche Welt zu integrieren. Wer verzagt schon beim morgendlichen Zeitung lesen oder lässt sich entmutigen, wenn man nicht das gewünschte Stofftier aus dem Greifautomaten gewinnt? Die von McGhee gewählten, einfallsreichen Hindernisse zeigen auf, mit welchen realen aber auch banalen Dingen Kinder konfrontiert werden und wie sie an der Auseinandersetzung damit wachsen können.

Julia Gillian als Hauptperson präsentiert sich als tapferes Mädchen, das sich von diesen Dingen nicht unterkriegen lässt und dem Leser zeigt, wie man mit solchen Hindernissen umgehen und sie bewältigen kann. Scheinen sich die negativen Ereignisse im Verlauf des Buches zu häufen, so werden die Leser auf diese Weise zum Weiterlesen aufgefordert und immer mehr zu einer positiven Sicht auf ihre eigene Umwelt hingeführt.

Julia Gillian stellt damit für die jungen Leser eine ansprechende Identitätsperson dar. Besonders weibliche Leserinnen werden sich in die erlebten Ereignisse hinein versetzen können. Sie vermittelt das Bild eines glücklichen, kleinen Mädchens, das in einem herzlichen familiären Umfeld aufwächst. Trotz Höhen und Tiefen, die sie in dieser Sommerwoche erlebt, wird dieser Rahmen auch am Ende des Buches wieder geschlossen. Die Leserinnen erkennen schnell, dass die besorgniserregenden Situationen, in denen Julia Gillian Angst und Machtlosigkeit verspürt, sich zu einem guten Ende wenden werden und durchaus überwindbar sind. Anknüpfend an eigene Erlebnisse wissen sie, dass die Unwägbarkeiten des Alltags durchaus beängstigend sein können. Julia Gillian kann hierbei als authentisches Vorbild dienen und sie ermutigen, den Blick nach vorne zu richten.

Die einzelnen Kapitel des Buches werden mit anschaulichen Illustrationen ergänzt. Sie helfen dem Leser, den Ausflügen und Gedanken von Julia Gillian zu folgen und versetzen manch ernste, bedrückende Situation in ein stimmungsvolles, ermutigendes Bild.

Fazit:

Die Welt und ihre Entwicklung mit Kinderaugen sehen - Alison McGhee gelingt es, die jungen Leser für alltägliche Themen zu interessieren und sie selbstkritisch zu hinterfragen. Doch wer so mutig wie Julia Gillian ist,
kann sich tapfer seinen Ängsten zu stellen. Es gilt Neues auszuprobieren und dabei zu erkennen, dass sich alles um uns herum ständig verändert. Schön, wie Alison McGhee aber auch die Hoffnung siegen lässt und zeigt, wie sich Manches zum Guten wendet.

Ina Kolöchter

 

Julia Gillian und die Kunst der Hellseherei

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