Joran Nordwind

Erschienen: August 2010

Couch-Wertung:

89%
Idee
Text

Idee

Die Ausgangsidee ist einfallsreich und wird konsequent umgesetzt. Lili Thal gelingt es auf überzeugende Weise, den Leser in eine eigenständige Welt zu entführen mit unvergesslichen Figuren und einem sympathischen Held „wider Willen“.

Text

Die Perspektive des Ich-Erzählers bezieht den Leser unmittelbar in das Geschehen ein. Eine poetisch dichte Sprache trägt zur besonderen Atmosphäre des Buches bei.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Aug 2010

Joran Nordwind, ein junger Blaufalter, gerade erst dem Raupendasein entschlüpft, ist weniger stolz auf sein gutes Aussehen, als auf sein kluges Köpfchen. Dieses kommt ihm zu Gute als er ausgerechnet an seinem ersten « Rendezvoustag », da er hofft ein hübsches Faltermädchen kennenzulernen, ins « steinerne Reich » entführt wird.

Im « steinernen Reich » sind die Käfer die Machthabenden und die Falter müssen ihnen dienen. Über das Käfervolk regiert der tyrannische König Leopold. Durch die Bespitzelung mittels seiner Geheimpolizei, angeführt von Oberst Pfeifenstein, hält er seine Untertanen klein.

Ein weiteres Druckmittel ist Offa, ein besonderes Speisemittel und eine Art Rauschgift, das satt macht und alle Sorgen vergessen lässt. Es wird in Minen unter Tage abgebaut und die meisten Käfer sind verrückt danach. Sowohl durch die freigiebige Ausgabe bei Festen als auch durch den drohenden Offa-Entzug als Bestrafung, lässt König Leopold seine Untertanen nach seiner Pfeife tanzen.

Keiner darf diesem Reich entfliehen und ein Wasserfall, von allen der « gläserne Vorhang » genannt, bildet eine natürliche Barriere, weil die Falter, beim Versuch zu fliehen, nicht durch ihn hindurchfliegen könnten, da ihre Flügel nass würden. Andere Fluchtwege gibt es nicht. Wenn der « gläserne Vorhang » in unregelmässigen Abständen aufhört zu fließen, da er zu einem Stausee gehört, werden den Faltern von Spinnen die Flügel gebunden und gefräßige Libellen würden jeden Fluchtversuch vereiteln.

Nur einige wenige Käfer, organisiert in der Widerstandsbewegung « Exodus » (= Auszug), angeführt vom Lieblingssohn des Königs, wagten es in der Vergangenheit, sich dem Tyrannen zu widersetzen. Ihre Verschwörung wurde jedoch aufgedeckt, ihr Anführer verhaftet und in das berüchtigte Gefängnis des steinernen Reiches, das « Labyrinth » gesteckt. Einige wenige Anhänger warten noch immer ungeduldig auf eine Wiederbelebung dieser Widerstandsbewegung.

Joran wird zunächst nur ein Schmuckstück der Königin, ihre Brosche. Die Königin ist selbst eine Anhängerin von «Exodus», die ihrem Sohn im Gefängnis verschlüsselte Nachrichten zukommen lässt. Auch wohnt sie nicht im Königsspalast sondern hat ihre eigenen Gemächer außerhalb. Joran brennt darauf zu beweisen, dass er nicht nur hübsch anzusehen ist, sondern mehr kann. Deshalb ist er hochzufrieden, als die Königin ihn schließlich als Kurier einsetzt. Sein erster Auftrag beinhaltet, dem «schrecklichen Verbrecher» im Gefängnis eine seltsame (weil verschlüsselte) Nachricht zu übermitteln.

Von den vorhergegangenen Geschehnissen weiß er nichts. Er weiß auch nicht, wer der «schreckliche Verbrecher» wirklich ist und was für ein schreckliches Verbrechen dieser begangen hat. Der König hat seinem Sohn nach der Aufdeckung seiner Untat diesen Namen gegeben, damit in Vergessenheit gerät, dass er sein eigener Sohn ist.

Joran findet nach und nach die Wahrheit heraus. Seinem erfolgreichen ersten Einsatz als Kurier folgen weitere Einsätze, u.a. die Übermittlung geheimer Nachrichten des «schrecklichen Verbrechers» an seine übriggebliebenen Anhänger im Königspalast. Zwar muss er die Niederschlagung eines ungeplanten Aufstandes einiger junger, ungeduldiger «Exodus»-Anhänger miterleben; schließlich hat er jedoch die rettende Idee, wie man den tyrannischen König und sein totalitäres Reich stürzen könnte.

Jorans schlauer Plan gelingt und schließlich können die Käfer und Falter gemeinsam in die Freiheit fliegen.

Lilli Thal ist hier ein echtes Meisterstück gelungen. Das Buch weist trotz seiner fast 400 Seiten keinerlei Längen auf und wird seine Leser in seinen Bann ziehen. Viele Faktoren tragen dazu bei, u.a. die kurzen, kurzweiligen Kapitel und die vielen Dialoge.

Die Sprache ist poetisch und atmosphärisch dicht aber geradlinig und ohne überflüssige Schnörkel. Durch die Perspektive des Ich-Erzählers wird der Leser unmittelbar in das Geschehen miteinbezogen, was die Spannung noch erhöht. Eine ordentliche Prise Humor, vor allem durch die große Klappe des Anti-Helden Joran und dessen Kommentare, lockern diese auf angenehme Weise auf.

Überzeugend gelingt es der Autorin, das «steinerne Reich» mit all seinen Schrecken und dessen Bewohnern plastisch darzustellen. Ihre Charaktere sind keine eindimensionalen Figuren, sondern werden vielschichtig und jenseits jeglicher Klischees dargestellt.

Ihre Hauptperson, der kleine Blaufalter Joran, ist eher ein Anti-Held, dem keiner sein mutiges Auftreten zutraut. Joran hat einen hohen Sympathiewert, vor allem dadurch, dass er neben seinen heldenhaften Eigenschaften, wie zum Beispiel seiner Tapferkeit, auch einige «Macken», wie etwa seine Eitelkeit, hat.

Auch die Königin hat eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Eigentlich mag sie keinen Schmuck und anfangs geht sie mit Joran auch dementsprechend ruppig um. Aber hinter ihrer rauen Schale verbirgt sich der sprichwörtliche weiche Kern. Der kleine, unerschrockene Falter wächst ihr ans Herz und schließlich rettet sie ihm sogar das Leben.

Nur der »schreckliche Verbrecher» ist ein Held, wie man sich ihn vorstellt, kühn, trotz aller Schikanen unbeugsam und wie es sich für einen guten zukünftigen König gehört, bereit, sich zum Wohl seines Volkes aufzuopfern.

Der König ist ein Tyrann und grausamer Bösewicht, der jedoch mit seinen väterlichen Gefühlen gegenüber dem verlorenen Sohn zu kämpfen hat.

Die Spannung hält durch die gesamte Geschichte hindurch an und man fiebert mit Joran auf seinen gefährlichen Einsätzen mit. Lilli Thal verzichtet jedoch auf billige Effekthascherei wie unnötige Grausamkeit oder Blutvergießen.

Ganz nebenbei und ohne erhobenen Zeigefinger lernt der Leser auch eine Lektion in Gesellschaftskunde, nämlich worauf ein totalitäres System basiert und wie es funktioniert .

Fazit:

Lilli Thals "Joran Nordwind" ist eine spannende Abenteuergeschichte mit originellen Figuren, an die sich der Leser noch lange erinnern wird.

Andrea Delumeau

 

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