Couch-Wertung:

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Idee
Bilder
Text

Idee

Gut gewählte exemplarische Darstellung eines wichtigen Themas, jedoch wirkt die Handlung stellenweise konstruiert und die Figuren hätten mehr emotionale Untersetzung vertragen können.

Bilder

Passende Untermalung der Handlung, jedoch hätte die Mimik der Personen etwas facettenreicher herausgearbeitet sein können.

Text

Einfache Satzstruktur, viele Dialoge, jedoch mit viel umgangssprachlichem Jargon, dem etwas mehr Emotionalität gut getan hätte.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Sep 2010

[ab 5 Jahren]

Wie viel lasse ich mir gefallen und wann ist es zu viel? Kinder müssen als Schutz vor sexueller Gewalt lernen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und diese laut und deutlich zu artikulieren. Dabei kann Jonas gute Hilfe leisten, denn als der ältere Ricky Jonas in der Schwimmhalle bedrängt, weiß Jonas ganz genau, wann es ihm zu viel wird.

Für Jonas fängt der Tag nicht gut an. Heute steht Schwimmunterricht auf dem Stundenplan und Schwimmen mag Jonas ganz und gar nicht. Der Weg zur Schwimmhalle ist weit, die Schul- und Schwimmsachen schwer und in der Schwimmhalle friert er. Zu allem Übel muss er dann auch noch mit ein paar anderen Kindern ins Nichtschwimmerbecken und dort alberne Übungen mit dem Schwimmbrett machen, während sich sein Lehrer fast nur um die Schwimmer kümmert. Als ihm die Späße seiner Klassenkameraden im Nichtschwimmerbecken zu bunt werden, beschließt er, sich auf die Toilette zu verziehen, denn da hat er seine Ruhe.

Auf dem Weg dorthin kommt er an einem anderen Becken vorbei, in dem größere Kinder gerade ein Wettschwimmen veranstalten. Bewundernd sieht er ihnen zu und stellt sich vor, wie er auch delphingleich durchs Wasser gleitet. Doch plötzlich spürt er die Blicke eines älteren Jungen auf sich und zieht beschämt weiter. Auf dem Weg von der Toilette zurück zum Wasser trifft er in der Umkleide auf eben diesen größeren und älteren Jungen. Er bietet Jonas Gummifrösche an und verwickelt ihn in ein Gespräch. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlt Jonas sich richtig gut, denn von einem größeren Jungen nicht als Baby abgetan zu werden, das ist doch was. Doch dann nimmt die Situation eine eigenartige Wendung: der Junge schließt die Tür, greift sich zwischen die Beine und fragt Jonas, ob er und seine Freunde auch schon mal voreinander ihre Hosen runterlassen und sich vergleichen. Jonas findet es komisch, mit einem Fremden darüber zu reden und weiß nicht so richtig, was er antworten soll. Plötzlich kommt der Junge Jonas immer näher und drängt ihn, auch jetzt seine Badehose runter zu ziehen und sich ihm zu zeigen. Jonas wird heiß und kalt gleichzeitig, er hat Angst und sein Herz klopft wie wild. Doch er ist sich ganz sicher, dass er das, was der Junge von ihm will, nicht möchte.

Während dessen kommt der Junge immer näher und fasst ihn am Arm - Jonas sitzt in der Falle, denn der Junge versperrt ihm den Weg nach draußen. Also nimmt er all seinen Mut zusammen und schreit so laut er kann: "Fass mich nicht an. Ich will das nicht!" und versucht, von dem Jungen wegzukommen. Doch dieser hält ihn fest und zischt ihm ins Ohr: "Wehe, du erzählst das jemandem, dann kannst du was erleben!" In diesem Moment wird die Tür aufgestoßen und die Freunde des großen Jungen stürmen herein. "He Ricky, vergreifst du dich an kleinen Jungs?" rufen Sie scheinbar im Scherz und lachen. Ricky stimmt in das Gelächter mit ein und Jonas nutzt die Gunst der Stunde, um zu fliehen.

Jonas fühlt sich danach ganz elend und verzweifelt. Er kann sich nicht auf die Übungen in der Schwimmstunde konzentrieren und die Szene um Umkleideraum nicht vergessen. Auf dem Heimweg merken auch seine Freunde, dass etwas mit ihm nicht stimmt und drängen ihn, davon zu erzählen. Endlich gibt Jonas nach und berichtet, was in der Umkleidekabine vorgefallen ist. "Mensch, Jonas, das musst du deinen Eltern sagen. So etwas darf der nicht tun!" rufen seine Freunde empört und bestärken ihn darin, alles seiner Mutter zu erzählen. Diese nimmt Jonas, nachdem er ihr von dem Vorfall berichtet hat, in den Arm. "Du hast alles richtig gemacht.", bestärkt sie ihn, denn "niemand darf einen anderen anfassen, wenn der das nicht will." Doch Jonas' Angst vor Ricky bleibt und erst nachdem Jonas' Mutter ihm versichert, dass sie gemeinsam mit Freunden und den Lehrern der Schule dafür sorgen wird, das so etwas nie wieder vorkommt, kann er wieder lächeln.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Thema, welches im Umgang sehr viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl erfordert. Betroffene Kinder sind verängstigt, verstört und suchen die Schuld häufig bei sich. Sie rutschen in solche Situationen hinein, ohne dass ihnen bewusst ist, was mit ihnen geschieht und wo die Grenze zwischen richtig und falsch überschritten wurde. Täter sind häufig ältere und stärkere Personen, oft aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis. Leider haben immer noch zu wenige Kinder in dieser Situation die Kraft und das Selbstvertrauen, sich an Eltern oder Freunde zu wenden und Hilfe zu suchen. Nicht betroffene Kinder müssen sanft an das Thema heran geführt werden, um keine falschen Ängste hervor zu rufen. In beiden Fällen kann ein Buch als Türöffner dienen.

"Fass mich nicht an" schildert exemplarisch eine alltägliche Situation und ist daher gut in das Leben anderer Kinder übertragbar. Jedes Kind hat Sport- oder Schwimmunterricht und kann sich dadurch die beschriebene Umgebung gut vor Augen führen und von da aus auch auf andere Situationen übertragen. Jedoch ist die Stimmung bei "Fass mich nicht an" leider schon zu Beginn des Buches so bedrückend, dass es schwer fällt, sich zum Weiterlesen zu motivieren.
Für Jonas ist es bereits ein durch und durch misslungener Tag, lustlos trottet er mit seinem Schul- und Schwimmsachen zur Schwimmhalle und auch im Becken hat es eher den Anschein, als wenn er der Klassenaußenseiter ist und somit die typische Verlierer-Rolle übernimmt. Hier hätte ein positiver Gegenpol zu den nun folgenden Geschehnissen gut getan. Ein freudiger, sonniger Einstieg hätte mehr Lust auf das weitere Buch gemacht und zudem in stärkerem Kontrast zur weiteren Handlung gestanden. Warum kann sich Jonas nicht auf das Schwimmen freuen? Warum kann er nicht ein beliebter Junge sein, der nur mal eben schnell auf die Toilette will und dabei Ricky über den Weg läuft? In dem Jonas von Anfang an in die Rolle des Außenseiters gedrängt und somit leider ein typisches Opfer-Klischee bedient wird, wirkt die ganze Handlung zu einfach angelegt. Diese lineare und fast zwanghafte Verkettung von Negativem lässt sie zu konstruiert wirken. So wird sich der aufmerksame Leser z.B. fragen, warum sich der Lehrer nur um die Kinder im Schwimmerbecken kümmert, anstatt das auch ihnen das Schwimmen beigebracht wird? Warum bemerkt außerdem niemand, dass Jonas sehr lange auf der Toilette ist?

Sprachlich ist die Geschichte leicht verständlich. Die Textmenge ist altersgerecht und durch viele Dialoge lebendig gestaltet. Leider wirkt die Erzählweise stellenweise etwas schroff, was v.a. am großzügig verwendeten Jugendjargon liegt. Wörter wie "Idiot, blöd, doof" sind viel vertreten und mögen zwar die sprachliche Realität abbilden, sind aber in der Häufung für die sprachliche Vorbildfunktion eines Buches zu übertrieben verwendet und für Kindergartenkinder nicht angemessen. Auch die emotionale Basis der Geschichte hätte erzählerisch mehr ausgebaut werden können, um Kinder auch wirklich gefühlsmäßig anzusprechen. Stattdessen wirkt die Erzählweise sehr handlungskonzentriert. Jonas' Achterbahnfahrt der Gedanken und Gefühle in der Umkleide, seine Angst, Wut und Verzweiflung anschließend im Schwimmbecken und auf dem Nach-Hause-Weg und schließlich die Gespräche mit seinen Freunden und seiner Mutter - hier sind Emotionen bestenfalls angerissen und behandeln das eigentlich wichtige nur oberflächlich, lassen damit jedoch auch Freiraum zu weiteren Gesprächen.

Die Illustrationen von Julia Ginsbach unterstreichen die Handlung sinngemäß und setzten in ihrer betont bunten und hellen Farbigkeit einen Kontrast zum Inhalt der Geschichte. Die Mimik der handelnden Figuren ist deutlich erkennbar, jedoch hätten die ängstlichen und verwirrten Stellen etwas mehr herausgearbeitet werden können. So ist Jonas v.a. lustlos, erschreckt und wütend zu sehen, aber gerade Angst und Mut sind in dieser Situation wichtige Empfindungen, zu denen sich die Kinder bekennen müssen.

Grundsätzlich gilt, dass mit dem Thema vorsichtig umgegangen werden muss und nicht allein die Lektüre eines Buches ausreicht, um Kinder auf solche Gefahren aufmerksam zu machen und sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Nicht betroffenen Kindern sollten keine falschen Ängste vermittelt und betroffenen Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden, ihr Erlebtes zu verarbeiten. Deswegen kann das Buch nicht alleine stehen, sondern immer nur als Türöffner zu weiterführenden Gesprächen dienen, in denen Kinder unbedingt ermutigt werden müssen, zu Dingen, die sie nicht wollen, klar und deutlich "Nein" zusagen. Dieser Aspekt, die Vermittlung von Selbstvertrauen und Mut, die Überwindung, sich einer größeren und stärkeren Person zu widersetzen und laut NEIN zu sagen sowie die Kraft, das Erlebte mitzuteilen und Hilfe zu suchen, ist in "Fass mich nicht an" aufgegriffen und muss im weiterführenden Gespräch untermauert werden.

Fazit:

"Fass mich nicht an" von Veronica Ferres wurde in Zusammenarbeit mit Power Child e.V. erstellt und ist ein Buch, welches sich um sexuelle Gewalt gegen Kinder - in diesem Fall besonders Jungen - dreht und exemplarisch zeigt, wie schnell jedes Kind ein Opfer werden kann. Das Buch bietet einen Anstoß, sich mit Kindern diesem Thema zu nähern, macht auf Gefahren aufmerksam und zeigt, wie wichtig ein lautes und deutliches "NEIN" sein kann.

Claudia Goldammer

 

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