Der kleine Mondrabe

Erschienen: November 2010

Couch-Wertung:

86%
Idee
Bilder
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Idee

Ein kleiner Rabe ringt um Anerkennung und muss sich diese schmerzhaft erkaufen. Ein Buch, welches für Toleranz und Akzeptanz wirbt und zum Nachdenken darüber animiert.

Bilder

Beeindruckend und bedrohlich – ein Kinderbuch fast nur in schwarz und weiß gehalten. Sehr gute Umsetzung der Thematik in der Bildsprache, mit äußerst intensiver Wirkung.

Text

Ein schweres Thema wird mit leichten Worten erzählt, die sehr persönliche und emotionale Sprache vermittelt die komplexen Inhalte kindgerecht.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Nov 2010

[ab 5 Jahren]

Ein kleiner Rabe schlüpft viel zu spät und viel zu klein aus seinem Ei. "Was will der Winzling?" denken sich die Anderen, verspotten und hänseln ihn und verleiten ihn schließlich zu einer lebensgefährlichen Mutprobe...

Drei alte Raben hocken gelangweilt auf einem Ast und unterhalten sich darüber, wie langweilig ihr Leben doch ist. Und schon immer war, wie einer der Raben einwirft. Doch dann erinnert sich ein anderer der alten Raben an die Geschichte vom kleinen Raben mit den silbernen Flügeln und fängt an zu erzählen. Sie beginnt damit, dass vor langer Zeit, als alle Küken der damaligen Rabenschar schon längst geschlüpft waren, in einem Nest noch immer ein Ei lag. Doch auch dieses sollte bald zerpickt werden und einen kleinen Raben freigeben. Als dieser kleine Rabe von der Schar begutachtet wird, spotten die großen Raben darüber, wie klein und mickrig der junge Rabe ist. Der kleine Rabe soll auch im Laufe des Heranwachsens die anderen Raben in ihrer Größe nicht einholen. Für die anderen Raben ist das ein gefundenes Fressen, um immer und immer wieder auf dem kleinen Raben herum zu hacken, ihn zu verspotten und zu verhöhnen und um gemein zu ihm zu sein. Als das Federkleid des kleinen Raben so dicht gewachsen ist, dass er versuchen kann zu fliegen, zeigt er nach den ersten ungelenken Versuchen ein erstaunliches Talent. Bald ist er der beste Flieger der Schar. Doch auch jetzt lassen ihn die anderem Rabenkinder immer noch nicht mitspielen. Bevor er in ihren Kreis aufgenommen werden soll, verlangten sie von ihm "bloß noch rasch zum Mond hinauf" zu fliegen. Die anderen Raben, deren Freund er gern wäre, behaupten, dass sie das früher jeden Tag gemacht hätten und das wahrlich nichts dabei sei. An diesem Abend betrachtet der kleine Rabe lange den Mond, bevor er plötzlich in die Lüfte aufsteigt und höher und immer höher fliegt. Und keiner der Raben, die ihn angestiftet hatten, hält ihn zurück. In dieser Nacht erscheint einem der Anstifter der kleine Rabe im Traum. Darin wird der kleine Rabe, kurz bevor er den Mond erreicht hat, von einem hellen Licht angestrahlt und plötzlich hat er zwei silbern glitzernde Flügel, die ihn so hell wie den Mond scheinen lassen. Doch dann wird er zu schwach und er taumelt zur Erde, bis seine silbernen Flügel über dem großen Raben zusammenschlagen. Da erwacht der große Rabe und kann den Rest der Nacht nicht mehr schlafen.

Am nächsten Morgen finden sie den kleinen Raben wie leblos in einer Hecke liegen. Sie sind sich sicher, dass er dem Mond sehr nahe gekommen ist, aber nun warten sie auf ein Lebenszeichen von ihm. Alle glauben, er sei tot und seine Mutter weint leise. Doch da öffnet er die Augen und sagt ganz leise: "Ich habe es nicht geschafft." Nur der eine große Rabe weiß, was er meint. Schuldbewusst bricht da die ganze Wahrheit aus ihm heraus: dass sie es damals auch nicht geschafft hatten und ihm diese Aufgabe nur gestellt hätten, um ihn los zu werden. Darauf hin erhebt sich der kleine Rabe in die Luft: "Kommt, lasst uns spielen!" fordert der die anderen Raben auf. Und erst da bemerken sie die silberne Feder, die im Flügel des Raben glänzt.

Der "Regenbogenfisch" von Marcus Pfister schwimmt seit nunmehr 18 Jahren durch unsere Kinderzimmer und hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Er ist Lesestoff in Schulen, dient als Namenspate für Projekte zur Leseförderung von Kindern, ist als Hörbuch erschienen, wurde als Zeichentrickserie umgesetzt und erlebt in vielen Folgebücher spannende Abenteuer. Und ist natürlich immer in bescheidener Mission unterwegs. Nun hat Marcus Pfister mit "Der kleine Mondrabe" erneut ein Bilderbuch vorgelegt, welches sich parabelähnlich mit einem wichtigen Thema auseinander setzt.

Kinder können anderen Kindern gegenüber manchmal gemein und grausam sein und sie wegen Kleinigkeiten grundlos schlecht behandeln, verspotten oder gar ausgrenzen. "Der kleine Mondrabe" hält Opfern und Tätern gleichermaßen einen Spiegel vor und ermahnt zum achtungsvollen Umgang miteinander und mit sich selbst. Die Geschichte des kleinen Raben, der von Anfang an keine Chance auf Integration erhält, wird sehr gefühlvoll aus der Perspektive eines der Raben erzählt, der selbst aktiv an der Ausgrenzung beteiligt war. Handlungsaufbau und -verlauf sind dabei zwar bedrückend, jedoch stringent und gut nachvollziehbar. Der Spannungsbogen wächst kontinuierlich bis zum erlösenden Ende, welches glücklicherweise gut ausgeht. Jedoch gibt es zwei Stellen im Buch, die unbedingt pädagogisch begleitet werden müssen und nicht unkommentiert bleiben sollten. So stellt sich zum einen die Frage, warum der kleine Rabe sich überhaupt auf die Mutprobe einlässt. Es hätte doch wahrlich Handlungsalternativen gegeben, deren Annahme mindestens genau so viel Mut erfordert hätte. Kindern muss an dieser Stelle vermittelt werden, dass es andere und unter Umständen sinnvollere Varianten des Respekterwerbs gibt, dass sich Akzeptanz nicht nur durch das scheinbar willenlose und verzweifelte Befolgen von Mutproben erlangen lässt. Dass hinter harten Fassaden häufig ein weicher Kern steckt, spiegelt sich auch in der Reue der Raben wieder, die diese Mutprobe verlangt haben und ihre Erkenntnis, dass sie damit zu weit gegangen sind. Doch diese Einsicht von Seiten der "Täter", die der Leser zumindest erfährt, bestärkt sie darin, sich solchen Forderungen auch zu widersetzen. Zudem sollten Kinder jeden Lebensalters ermutigt werden, in solchen Situationen Hilfe zu suchen, wenn sie für sie allein übermächtig wird und nicht, wie der kleine Rabe, versuchen, der Situation allein Herr zu werden.

Zum anderen sollte das Ende der Geschichte für weiterführende Gespräche zum Thema Respekt, Selbstvertrauen und Mut genutzt werden. Auch an dieser Stelle drängen sich viele Fragen auf: Erlangt der kleine Rabe sein Ansehen nur durch die Mutprobe? Ist es das wert, sich wegen einer solchen Sache in Lebensgefahr zu begeben und eventuell lebenslang dadurch gezeichnet zu sein? Auch wenn die silberne Feder, die der kleine Rabe von seinem Ausflug zum Mond zurück behält, scheinbar ein magisches Symbol ist und dadurch verklärend wirkt, ist sie doch Zeichen einer sehr waghalsigen und gefährlichen Aktion. Dazugehören um jeden Preis?

Die Geschichte geht Kindern und Vorlesern nicht nur aufgrund der dramatischen Handlung zu Herzen. Die Charaktere der Täter und des Opfers sind sehr überzeugend dargestellt, auch wenn sie sich Klischees bedienen. Während der kleine Rabe als erbärmlicher kleiner Haufen mit einem zerzausten Federkleid dargestellt wird, sehen die anderen Raben gefährlich groß auf ihn hinab und lassen ihn dadurch umso kleiner erscheinen. Doch das Wechselspiel zwischen Groß und Klein, zwischen hilflos und machtvoll, zwischen süß und grauenvoll ist überzeugend und trägt maßgeblich zu den tiefen Empfindungen, die die Geschichte auslöst, bei.

Dass dieses Buch ein schwerwiegendes Thema behandelt, verdeutlichen auch die ungewöhnlichen Illustrationen. Da sich Marcus Pfister bei der bildlichen Darstellung überwiegend auf die Raben konzentriert, dominieren dunkle Töne, aus denen die gelben Schnäbel und vereinzelt weißer Hintergrund hervorstechen. Teilweise sind großflächig schwarze Seiten zu finden, auf denen nur ein kleiner heller Fleck auszumachen ist, dann wiederum gibt es viel Weißraum und punktuelle Illustration. Manche Seiten erscheinen durch die dunklen Farben fast schwermütig und die weißen Leerflächen sind eine willkommene Abwechslung. Die Bilder wirken durch ihre schlichte Farbgebung, die aufgrund der Dunkelheit gut die Thematik unterstreicht. Wie schon beim "Regenbogenfisch" arbeitet Pfister wieder mit Glanzfolie und verleiht dem Buch dadurch trotz aller Dunkelheit eine besondere Strahlkraft. Jedoch leuchten nur der Mond und die Schwinge des kleinen Raben und wirken dadurch besonders intensiv und fast magisch.

Begleitet werden die Illustrationen durch kurze Textpassagen auf jeder Seite, die in einem leicht erzählenden, fast märchenhaften, warmen Ton geschrieben sind. Dadurch gelingt es Pfister die bedrückende Wirkung der Illustrationen etwas abzumildern. Die Wörter sind einfach gewählt und gut verständlich, wichtige Schlüsselbegriffe werden durch Wiederholungen herausgehoben, wie beispielsweise bei: "Und plötzlich flog er davon, höher und immer höher,..." Dabei berührt besonders die emotionale Erzählperspektive. Dem Leser wird die Geschichte aus der rückblickenden Sicht eines alten Raben erzählt, der selber an diesem Drama beteiligt war. Offensichtlich geht diesem die Begebenheit immer noch nah. In selbstreflektierenden Rückblicken korrigiert und bedauert er seine damalige Handlung, teilweise klingt sein Beharren auf einer Sache ("Ich hätte ihn aufhalten sollen, hätte ihm zurufen sollen, alles sei nur ein schlechter Scherz gewesen.") fast verzweifelt. Diese emotionale Reue unterstützt den gut vorbereiteten Spannungsbogen und steigert ihn weiter und weiter, bis zum dramatischen, aber schließlich glimpflichen Ende.

"Der kleine Mondrabe" ist ein beeindruckendes und ungewöhnliches Buch, welches textlich und illustrativ das Thema Ausgrenzung sehr deutlich darstellt. Wie bei allen schwierigen Themen muss die Rezeption des Buches von Eltern oder anderen Bezugspersonen begleitet werden. Kindern wird gezeigt, welch gefährliche Folgen Respektlosigkeit haben kann. Um ihnen jedoch Selbstvertrauen zu vermitteln, müssen Eltern früher ansetzen und sich beispielsweise intensiv mit ihren Kindern darüber austauschen, dass nicht jede Mutprobe ausgeführt werden muss, sondern dass es vielmehr Mut und Selbstbewusstsein erfordert, sich dagegen zu wehren. Denn jedes Kind sollte zu sich selbst stehen und seinen eigenen Weg gehen. Dabei erscheint es nicht ratsam, erst zum Mond zu fliegen, um dann, vielleicht, dazu zu gehören.

Fazit:

Mit "Der kleine Mondrabe" hat Marcus Pfister eine parabelartige Erzählung über Toleranz und Akzeptanz geschrieben, die Kinder spielerisch animiert, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen und für Mut und Selbstvertrauen wirbt.

Claudia Goldammer

 

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