Couch-Wertung:

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Idee
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Idee

Weder Lukas noch Jule finden in ihren Familien einen Menschen, der ihnen zuhört und die Dinge richtig einordnet. Zwei Freunde müssen einen eigenen Weg finden, das richtige zu tun – und das ist sehr spannend.

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Er benennt die Gefühle der beiden Freunde treffsicher und klar. Neben seiner aufrichtigen Erzählweise kann Jörg Isermeyer aber auch sehr humorvolle Szenen aus dem alltäglichen „Wahnsinn“ erschaffen.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Mai 2014

Alles andere als Normal erzählt die Geschichte einer besonderen Freundschaft. Auf den ersten Blick haben Lukas und Jule nichts gemeinsam. Eigentlich nervt Jule Lukas von Anfang an, doch, er weiß auch nicht warum, aber Jule macht sein Leben spannender. Vor allem als sie zufällig einer Gang von Fahrraddieben auf die Spur kommen ...

Jule scheint sich an keine Regeln zu halten, sie spioniert wildfremden Menschen hinterher, denkt sich die abenteuerlichsten Geschichten und Verschwörungstheorien aus - und Lukas? Lukas ist ein großer Star Wars-Fan, ein gut behütetes Einzelkind in einer wohlhabenden, intakten Familie. Er kommt ganz gut in der Schule mit und seine Mutter nervt ihn nur, wenn sie ihm wieder einmal hinterhertelefoniert; Lukas verspätet sich hin und wieder mal. Lukas kann nichts außergewöhnliches an sich und seinem Leben finden und hält sich für "stinknormal".

Alles ändert sich, als sich Jule und Lukas auf der Straße begegnen, als Lukas Zeuge wird, wie Jule in das Haus seiner Nachbarn hineinspäht. Er findet das sehr ungehörig doch gleichzeitig kann er nicht weiter gehen und versucht, Jules Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das gelingt ihm auch. Am Ende ihrer kurzen Unterhaltung - bei der Jule ganz klar die schlagfertigere von beiden ist - lässt Jule ihn auch mal in die Wohnung schauen. Jule scheint mit allen Wassern gewaschen: Sie lässt Lukas beim Nachbarn auffliegen und hat sich ganz nebenbei eine Einladung in Lukas´ Zuhause herausgehandelt.

Lukas ist dennoch sichtlich irritiert, als Jule tatsächlich eines Tages bei ihm vor der Tür steht und ihn besucht. Sie bleibt sogar zum Abendessen und Lukas Mutter, die natürlich ganz schön neugierig auf Lukas neue Freundin ist, ist zunächst auch ganz positiv angetan. Für Lukas ist die Sache schon erledigt, denn sie hat ihn die ganze Zeit mit ihrer dreisten Art genervt, mit der sie alles in seinem Zimmer angefasst hat. Jule stellt am Ende lakonisch fest "ist doch alles deins hier."

Jule kommt Lukas vor wie "Feuer und Eis". Er weiß nicht, was er von ihr halten soll. Und doch geht sie ihm nicht aus dem Sinn. Fast erleichtert denkt er schon, dass er sie nicht mehr wiedersehen würde, als sie plötzlich nach Schulschluss vor seiner Schule sitzt. Lukas ist hin- und hergerissen. Einerseits fühlt er sich von der frechen Jule ständig vor den Kopf gestoßen, andererseits stellt er voller Neugierde fest, dass er überhaupt nichts über sie weiß. Als er seinerseits die Verfolgung aufnimmt, um festzustellen wo sie wohnt, kommt sie ihm auf die Schliche. Doch anstatt sich Lukas zu öffnen und ihm ihr Leben zu zeigen, initiiert sie ein neues, aufregendes Spiel für beide. Sie denken sich gemeinsam Geschichten zu den Menschen auf der Straße aus, verfolgen sie und treiben sich stundenlang herum. Lukas´ Leben ist plötzlich nicht mehr berechenbar. Mit Jule ist es spannend geworden und er fühlt sich lebendiger denn je. Als sie eines Tages einen Jugendlichen bis in einen Hinterhof verfolgen, entwickelt sich eine Zwickmühle, die ihre noch fragile Freundschaft hart auf die Probe stellt. Was sie hier aufdecken, ist ein echter Kriminalfall und bedeutet auf einmal viel mehr als eine filmreife Entlarvung von einigen gut organisierten Fahrraddieben: Jule will plötzlich auf keinen Fall mehr zur Polizei gehen und die Fahrraddiebe anzeigen, so, wie sie es fest abgemacht hatten. Für Lukas, der zunächst nicht verstehen kann, wie sie zu diesem Sinneswandel gekommen ist, steht fest, dass er etwas gegen diesen Diebstahl im großen Stil unternehmen muss.

Wir Leser/innen erleben während der Erzählung immer wieder einen Perspektivwechsel. Die Geschichte, die zu Anfang ganz aus Lukas Sicht erzählt wird, wechselt nun zu Jule´s Perspektive hinüber. Natürlich ahnt man bereits, dass Jule die Schule schwänzt und alles andere als ein behütetes Elternhaus hat. Ihre allein erziehende Mutter arbeitet den ganzen Tag, doch die vielen Überstunden im Supermarkt bekommt sie nicht bezahlt. Das Geld ist so knapp - auch durch die Raten für den neuen Fernseher, vor dem Jules älterer Bruder den ganzen Tag hockt - dass sie sogar mit dem Essen sparsam umgehen müssen.

Es dauert, bis bei Lukas der Groschen fällt und er herausbekommt, wie das Leben seiner neuen Freundin, die sonst so furcht- und respektlos scheint, in Wirklichkeit aussieht. Jule hat nicht mehr viel zu verlieren. Nur noch ihre kleine Familie, so unglücklich sie auch ist. Wie werden sich Lukas und Jule entscheiden?

Jörg Isermeyer, der seinem Roman für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren, an Originalschauplätzen in Berlin angesiedelt hat, erzählt einfühlsam und treffsicher die Erlebnisse zweier ungleicher Kinder. Die Lebensverhältnisse, die beide geprägt haben, könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Lukas alles hat, was sich ein 12-jähriger Junge in seinem Alter wünschen kann, hat Jule nichts dergleichen. Sie hat kein schönes Zuhause, sie hat keine Mutter, die auf sie wartet und darauf achtet, dass sie ihre Hausaufgaben macht oder für die Klassenarbeiten lernt - geschweige denn jemand, der darauf achtet, dass sie überhaupt zur Schule geht: ihre Mutter ist ständig abwesend, selbst wenn sie zu Hause ist. Es fehlt das Geld und die Perspektive, die die kleine Familie so dringend braucht. Es ist egal, ob Jule nach Hause kommt oder nicht, weshalb Jule sich auch die meiste Zeit herumtreibt und ihren Fantasiegeschichten nachhängt.

Lukas Welt dreht sich - mit all seiner Philosophie und dem damit verbundenen Widerstreit von Gut und Böse - im Star-Wars Universum. Dieses Weltraumabenteuer und seine Figuren begeistert ihn mehr als alles andere. Mit dem "wahren Leben" da draußen in Berlin musste er sich bisher nicht auseinandersetzen. Er hat eigentlich keine echten Freunde und er sehnt sich in seiner heilen und überschaubaren Welt nach etwas Unberechenbarem, nach einem Abenteuer, etwas, das ihm das Gefühl gibt, jung und lebendig zu sein.

Jörg Isermeyer trifft die beiden Perspektiven in ihrem Ausdruck sehr gut. Während Lukas sein Leben und seine Umgebung durchaus mit einer gesunden Prise trockenen Humor analysiert, ist für Jule der Spaß immer dort, wo sich ihr eigentliches Leben nicht abspielt: In Lukas´ heiler Welt oder unterwegs, wenn sie versucht in das Leben anderer Menschen einzutauchen. Jörg Isermeyer, der als Regisseur, Schauspieler, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in vielen Bereichen aktiv ist, hat das im GRIPS-Theater uraufgeführte Theaterstück "Ohne Moos nix los" geschrieben, das die gleiche Geschichte wie die im vorliegenden Kinderbuch erzählt. Und man merkt auch dieser Version an, dass Jörg Isermeyer ein Gespür für einen guten dramaturgischen Aufbau hat. Er versteht es, seine Leser unmittelbar in das Geschehen zu ziehen, Situationen zu erschaffen, die neugierig darauf machen, was sich hinter den Andeutungen verbirgt.

Er benennt die Gefühle der beiden Freunde so treffsicher und klar, dass man zustimmend nicken möchte: Ja, so, genauso muss es für die beiden sein. So kann es sein, wenn man total verzweifelt fortgelaufen ist, sich von allen verraten und sich ganz allein auf der Welt fühlt, im Zwiespalt darüber, was richtig ist. Denn beiden Freunden wird klar, dass sie einander mögen und dass sie den anderen auf keinen Fall verraten wollen. Vieles bleibt zwischen ihnen unausgesprochen und doch weiß der Leser, der beide Perspektiven kennt, wie haarscharf sie sich aneinander vorbei bewegen - mit ihren Worten, ihren Blicken und vermeintlichen Ausweichmanövern. Der Zeitpunkt, cool zu sein, ist irgendwann verstrichen und Jörg Isermeyer macht jungen Lesern auf spannende Weise klar, dass es dann nur noch hilft, ehrlich zu sein - zu sich selbst und zu den Menschen, die einem etwas bedeuten.

Neben seiner aufrichtigen Erzählweise kann Jörg Isermeyer aber auch sehr humorvolle Szenen aus dem alltäglichen "Wahnsinn" erschaffen. Viele Vergleiche von Lukas beziehen sich auf das Star Wars-Universum (für all jene, die sich mit den Akteuren und der Geschichte nicht so gut auskennen, gibt es am Ende des Buches ein Glossar). Dabei erzählt Lukas seine Geschichte die ganze Zeit über in "Ich-Form", was uns ihm näher bringt. Jule dagegen bleibt distanzierter und berichtet ihre Geschichte in "Du-Form", meint aber die ganze Zeit sich. Das drückt ihre innere Distanz, ihre Scham aus und hilft ihr selbst, das alles nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Damit macht der Autor auch sprachlich die beiden unterschiedlichen Milieus deutlich, die sich gar nicht weit voneinander, in ein und derselben Stadt befinden.

Schließlich stehen alle anderen Beteiligten nicht gerade gut da: Weder Jules überforderte Mutter, noch Lukas überfürsorgliche Mutter und am allerwenigsten Jules Bruder, der seiner jüngeren Schwester gegenüber sogar gewalttätig wird. Besonders Lukas Mutter überschreitet hier Grenzen, die in ihrer Sorge Jule gegenüber nicht nur unfair, sondern auch übergriffig wird - eine Sache, die hier etwas nebenher läuft, von der ich aber meine, dass Kindern hier deutlich gemacht werden sollte, dass es sich um einen klaren Übergriff eines Erwachsenen handelt.

Um dieses Spiel der ungerechten Startvoraussetzungen nicht allzu sehr ins Negative gleiten zu lassen, hat Jörg Isermeyer am Ende seinen Blick für groteske Alltagssituationen spielen lassen. Als das Durcheinander ausgerechnet auf einer Polizeiwache eskaliert, entbehrt das nicht einer gewissen Komik: Es geht regelrecht bühnenreif zu, als der zunächst zutiefst missmutige und schließlich vollkommen überforderte Polizist verzweifelt versucht, den Kern dieses Aufruhrs heraus zu finden: Da stehen zwei in Tränen aufgelöste Mütter, die glücklich ihr vermisstes Kind an sich drücken, ein mit allen Wasser gewaschener Dieb, ein Lehrer, der nun endlich die Welt wieder versteht und zwei Freunde, die Wort gehalten haben - ohne es sich wirklich jemals gegeben zu haben.

Jörg Isermeyer findet einen Abschluss, der sich zunächst ganz und gar nicht andeutet. Möchte er nicht beschönigen, warum Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten, kann er ebenso wenig Diebstahl gut heißen. Geschickt, so viel sei hier verraten, findet der Autor schließlich einen Ausweg, der beide Perspektiven gleichberechtigt stehen lässt.

Fazit:

Aus zwei Perspektiven erzählt Jörg Isermeyer die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die durch die Aufdeckung einer Straftat auf eine harte Probe gestellt wird. Beide Protagonisten werden auf diese Weise herausfordert, aus ihren gewohnten Strukturen auszubrechen und selbst zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Gut beobachtet, gefühlvoll und klar auf den Punkt gebracht und durch die wahren Hintergründe, die sich erst nach und nach offenbaren, eine spannende und nachhaltige Lektüre für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren.

Stefanie Eckmann-Schmechta, Mai 2014

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