Die Regeln des Sommers

Erschienen: Juli 2014

Couch-Wertung:

92%
Idee
Bilder
Text

Idee

Ein Kindersommer in Bildern, flirrend schön und verworren abenteuerlich, mit ganz wenig Text. Muss man mögen, aber dann ist es soo schön.

Bilder

Farbsatte Bilder ohne ganz klare Aussage, aber mit viel Ausdruck und Fantasie – und mit magischer Anziehungskraft.

Text

Wenig, maximal ein Satz pro Seite – aber der reicht aus, um aus einem Bild Kopfkino werden zu lassen.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Jul 2014

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Ein großer und ein kleiner Junge verbringen zusammen die Sommerferien; Brüder, Freunde, Nachbarn, Cousins vielleicht, das wird nicht erzählt. Ohnehin wird wenig im eigentlichen Sinn erzählt in diesem Buch, Text gibt es wenig. Das meiste erzählen die doppelseitigen, fantastisch anmutenden Bilder, im Zusammenspiel mit den knappen Sätzen und der Fantasie der kleinen Leser.

Schon das Titelbild ist - anders: da ist ein Loch im Pappdeckel, in einem eisernen Helm, den ein Kind auf dem Kopf hat, ein echtes, durch das man den Finger stecken könnte, wie bei einem Fühlbuch. Aber es ist von hinten mit schwarzer Pappe wieder zugeklebt. Geht also nicht.
Das ist ja was!

Dann geht es los mit einem querformatigen doppelseitigen Bild, wie dick mit Ölfarbe gemalt: ein Junge fliegt in etwas, das aussieht wie ein selbst zusammengeschraubtes Schnellboot, über eine saftig dunkelgrüne Wiese; der andere rennt hinterher, eine Tasche in der Hand, den Arm ausgestreckt. "Was machen die da?" wollen alle Kinder sofort wissen. Weil es keinen Text zum Bild gibt, weiß es der Vorleser es auch nicht, muss aber - anders als bei anderen "Büchern ohne Worte" gar nicht viel arbeiten. Alles "Schau-doch-mal-hier, Das-könnte-doch-so-sein, Die-wären-vielleicht, Hast-du-das-schon-gesehen, Vielleicht-ist-es-auch" kann man sich sparen, denn es ist, als würden die Bilder von Shaun Tan einen Knopf drücken bei den meisten kleinen Zuhörern: es sprudelt ganz von alleine aus ihnen heraus: Vielleicht hat der eine dem anderen das Flugzeug gestohlen. Oder: es könnte doch sein, der große fliegt zur Schule und der kleine rennt ihm hinterher, weil er seine Tasche vergessen hat. Oder: Hast du schon gesehen, dass der kleine der Junge mit dem Helm ist. Die sind vielleicht Brüder. Oder Freunde. Oder Nachbarn. Oder: die fliegen in den Urlaub und der Kleine hat das Flugzeug verpasst. Oder. Oder. Oder.

Obwohl die Bilder weder niedlich noch im üblichen Sinne kindgerecht sind, sondern bizarr, fantastisch, traumwandelnd, surreal, eineindeutig - oder vielleicht gerade weil. Jedenfalls, auch wenn man den Sinn nicht eindeutig versteht, Stimmung und Ausdruck erfasst man sofort.

Die nächste Seite sieht aus, als wäre sie offiziell weiß, aber von irgendjemandem als Malunterlage benutzt worden und ist dementsprechend bekritzelt und bunt. Sonst ist nichts drauf, nur Text. Ein Satz: "Also das habe ich im letzten Sommer gelernt:" Stimmt, der Titel heißt ja "Die Regeln des Sommers". Und dann geht es los mit diesen Regeln, Doppelseite für Doppelseite, aufgeteilt in die linke Seite mit der Regel und der rechten Seite mit dem Bild dazu.

Wobei "dazu" eine Klarheit suggeriert, die es nicht gibt. Denn es sind keine Regeln wie "Nie zu lange in der Sonne bleiben" oder "Immer schön auf Wespen achten". Weder sind die Regeln sofort zu verstehen - zum Beispiel ist Regel Nummer 1: "Nie eine rote Socke auf der Wäscheleine hängen lassen" - noch passt das Bild wirklichkeitsgetreu dazu. "Nie einen perfekten Plan verderben" zeigt Roboterchen, von denen einer eine Erdbeere trägt und ein anderer diesem Erdbeerträger auf den Schwanz tritt. Aber die farbsatten - ganz unterschiedlichen - Bilder, die Mimik und Gestik der beiden Jungen, die auftretenden Wesen, die liebevollen mal total realistischen, mal fantastischen oder nur unmöglichen Details haben eine solche Aussagekraft, dass man irgendwie schon weiß, was gemeint sein könnte. Intuitiv, ohne es wirklich zu verstehen. Wenn die beiden Jungs auf einem Getreidesilo stehen und Goldfischchen und zarte Quallen aus dem flirrenden Sommerhimmel keschern. Oder dass das dinosauriergroße rote Kaninchen im Hinterhof etwas mit der vergessenen roten Socke zu tun hat.

Aber wenn man versucht, Stimmung und Deutung in Worte zu fassen, schweben sie davon wie eine Seifenblase.

Diese Seifenblasen zu erwischen, gelingt Kindern oft besser als uns Erwachsenen. Gar nicht unbedingt, weil sie mehr Fantasie haben. Eher, weil ihnen die Welt sowieso rätselhaft und unverständlich ist und sie daran gewöhnt sind, sich immer einen Reim auf alles zu machen, was sie so hören, sehen, fühlen und gesagt bekommen; sie sind noch geübt darin, Stimmungen und Gefühle zu lesen - einfach weil sie noch keine Wörter lesen können, ganz am Anfang noch nicht mal Worte sprechen oder verstehen konnten.

Also, liebe erwachsene Vorleser und Vorleserinnen: nicht zu viel denken und reden. Hört lieber euern Kinder zu, welchen Reim die sich machen auf die Bilder in diesem Buch. Das wird natürlich nur ein möglicher Reim sein, aber der wird auch immer etwas mit dem Kind selbst zu tun haben, was es mag, was es beschäftigt, was es bedrückt.

Vielleicht diesen: Da sind zwei Brüder, ein kleiner und ein großer, die haben Ferien und erleben Abenteuer. Und sie streiten sich, sie prügeln sich auch mal, während ihnen all ihre Fantasie-Blech-Wesen dabei zuschauen. Streit und Rivalität nimmt viel Raum ein, vielleicht ein Grund, warum sich gerade viele kleine Jungen sehr von diesem Buch angesprochen fühlen - Streiten, Rangeln, Wetteifern nimmt ja auch in ihrem echten Leben viel Raum ein.

Am Ende sitzen die beiden Brüder-Freunde-Nachbarsjungen auf dem Sofa vor dem Fernseher, essen Popcorn und an der Wand hängen selbstgemalte Bilder von allen Abenteuer und Regeln dieses Sommers.

"Das wär´s."

Ach so: Was es mit dem Loch auf sich hat? Wohl eher nichts. Es taucht in dem ganzen Buch nicht wieder auf.

Fazit

Shaun Tans "Die Regeln des Sommers" muss man mögen. Aber wenn man das mag, dann ist es ein ganz wunderbares Buch: Farbsatte Szenen voller Sonne, Spielen, Streit und Aufregung, und ein bisschen Text, der Kinder zum Reden und Erwachsene zum Träumen bringt.

Sigrid Tinz, Juli 2014

Die Regeln des Sommers

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