Die Borger

Wertung wird geladen
Sigrid Tinz
88%1001

Kinderbuch-Couch Rezension vonJun 2016

Idee

Dass kleine Dinge verschwinden, kennen wir alle. Wer dahinter steckt, erfahren wir in diesem Buch: kleine Menschenwesen, ihr abenteuerlicher Alltag und ihr Verhältnis zu uns Großen.

Bilder

Diese Ausgabe ist neu illustriert, mit kleinen und großen Bildern, sehr farbenfroh und lebensecht, manchmal lustig, aber immer märchenhaft schön und ausdrucksstark. Illustratorin Emilia Dzubak.

Text

Ein bisschen ein gemütlicher „Es war einmal“-Tonfall, der wegen der pfiffigen, patenten und wirbeligen Hauptperson Arrietty niemals ins betuliche abrutscht. Übersetzerin: Christiane Jung

Radiergummis, Büroklammern, einzelne Socken ... dass diese Dinge und viele andere Kleinigkeiten einfach immer mal wieder so verschwinden, das wissen wir alle. Aber wohin nur? Das erfahren wir in diesem Buch: es sind die Borger, handtellergroße kleine Menschen, die gut versteckt zwischen den Wänden oder Dielen unserer Häuser leben und ihren Lebensunterhalt dadurch bestreiten, dass sie sich alles, was sie brauchen, von uns großen Menschen borgen ...

Pod und Homily Clock sind Borger. Gerade mal handtellergroß, leben sie mit ihrer Tochter Arrietty unter den Dielen eines alten viktorianischen Landhauses. Heimlich und gut versteckt, denn würden sie entdeckt, müssten sie ihre Wohnung für immer verlassen, wie es im Laufe der Zeit all die anderen Familien um sie herum getan haben: Die Harpsichords, die Rain-Pipes, die Overmantels, die Sinks, die Broom-Cupbords und die Hon.-Jon-Studdingtons; und auch Onkel Hendreary, Tante Lupy und deren Kinder, die jetzt irgendwo auf den Feldern in einem alten Dachsbau leben ...

Familie Clock hat sich das Leben recht beschaulich und sehr geordnet eingerichtet: Homily ist Hausfrau, wie sie im Buche steht, Arrietty ein bisschen einsames, liebes, wissbegieriges junges Mädchen; und Pod, der Vater, kümmert sich um den Lebensunterhalt. Das heißt, er geht borgen. Bleistifte, Streichholzschachteln , Haarspangen , Malstifte, Sicherheitsnadeln und viele, viele andere Dinge, die wir großen Menschen ständig kaufen, wieder und immer wieder, die aber tagtäglich wieder verschwinden und auf jeden Fall nie da sind, wenn man sie braucht und benutzen will.

Weil sie, das ist hier herrlich ausführlich beschrieben, eben geborgt, weggeschleppt und unter den Dielen neu verwendet werden: umgedrehte Heftzwecken für Kerzenhalter, Briefmarken als Gemälde an den Wänden, leere Garnröllchen als Hocker, Löschpapier als Teppich, Sicherheitsnadeln als Türschlösser und Häkel- und Hutnadeln als Arbeitsgerät. Zum Beispiel um sich daran an einem Vorhang hoch zu hangeln, um von da auf ein Regal zu gelangen und eine schöne Puppentasse zu borgen was nicht ganz einfach ist, das erfahren wir von Pod, der beim Abendessen von seinem Tag erzählt:

"Bei einer Tasse ist schwer, man kann sie am Griff anfassen, aber man muss sie mit beiden Händen anfassen am besten", und dann ist das Wiederhinunterklettern nicht so einfach, "anders ist es mit einem Stück Käse oder einem Apfel, sowas lasse ich einfach fallen und ich klettere ganz gemütlich hinterher und stecke es ein".

Die Borger ist ein altes Buch, zum ersten Mal erschienen vor 60 Jahren. Nicht jeder Klassiker ist es wert, von Generation zu Generation weiter gegeben zu werden oder neu entdeckt zu werden, aber diese wunderschöne, magische Parallelwelt, die die längst verstorbene Autorin Mary Norton erschaffen hat, ist es auf jeden Fall: der gemütliche Tonfall, bei dem man sich gleichsam an einen gescheuerten Holztisch versetzt fühlt, auf dem der Tee dampft im hereinfallenden Abendlicht ... und einfach nur dem lauscht, was da erzählt wird. So ist das Buch auch aufgebaut: Eine alte Dame die "eine gewisse Ausstrahlung hat, die Strenge überflüssig macht", sitzt regelmäßig mit einem Mädchen, Kate, zusammen und zeigt ihr, wie man häkelt oder Wolle zu einem eiförmigen Ball wickelt und erzählt ihr dabei Geschichten. Unter anderem die von ihrem Bruder, der als kleiner Junge sehr krank war und zu Verwandten aufs Land geschickt wurde, zur Erholung, in genau das Haus, unter dessen Dielen Familie Clock wohnt.

Und mit dem sich Arrietty, die mehr vom Leben will als die Zurückgezogenheit ihrer Eltern mit all den Vorsichtsmaßnahmen und Verstecken und Toren, anfreundet. Was zu berührenden Szenen voller Philosophie und Situationskomik führt, wie zum Beispiel dieser Dialog:

"Kannst du fliegen?" fragte der Junge. "Nein", sagte Arietty überrascht. "Du denn?" "Natürlich nicht", sagte er wütend, "ich bin doch keine Fee." "Nun ich auch nicht", sagte Arietty, "Und ich glaube auch nicht an Feen."

Oder dieser, als der Junge fragt:

"Gibt es viele Leute wie dich?" "Nein" sagte Arietty, "keinen einzigen. Wir sind alle verschieden." "Ich meinte so klein wie du?" Arrietty lachte: "Oh sei doch nicht so dumm. Du glaubst dich wohl nicht, dass es auf der Welt viele Leute in deiner Größe gibt." "Es gibt mehr in meiner Größe als in deiner", konterte er. "Also ehrlich", begann Arrietty hilflos und lachte wieder: "Glaubst du wirklich, ich meine was für eine Welt würde das sein? Diese großen Stühle, ich habe sie gesehen, stell dir vor, man müsste Stühle von dieser Größe für jeden machen. Und der Stoff für die Kleidung, Meilen und Meilen von Stoff, wie Zelte. Und erst sie zu nähen. Und ihre großen Häuser, so hoch, dass man kaum die Decke sehen kann, ihre großen Betten, die Nahrung, die sie essen, riesige rauchende Berge aus Essen, Sümpfe aus Eintopf und Suppe"

Die Bildern dieser Neuauflage sind neu, mal kleine Szenen, mal doppelseitige Bilder, sehr farbenfroh und lebensecht, manchmal lustig, aber immer märchenhaft schön und ausdrucksstark: Pod, mit Rucksack voller Arbeitsgerät und geborgter Sachen, Familie Clock beim beschaulichen Abendessen, die zarte Ariretty und der hübsche lockige Junge, Auge in Auge, im Gespräch. Die griesgrämige Haushälterin, die ihre lange spitze Nase in jeden Schrank steckt, auf der Suche nach den verschwundenen Dingen und die wittert, dass irgendetwas nicht stimmt.

Und irgendwann entdeckt sie die kleinen Wesen, Fallen werden aufgestellt, der Kammerjäger gerufen. Mit der Hilfe des Jungen können Arrietty und ihre Eltern fliehen, zu Onkel Hendreary und Tante Lupy in den Feldern, wo Teil 2 spielen wird, der ebenfalls sehr empfehlenswert ist. Ebenso wie der Film ("Arrietty") und die beiden Hörbücher, wunderbar gelesen von Katharina Thalbach.

Fazit:

Dass irgendwo irgendwie kleine Menschen leben, die Vorstellung fasziniert fast jeden, ob jung oder alt. In diesem Buch lernen wir sie kennen und können eintauchen in eine faszinierende und magische Parallelwelt, spannend, philosophisch, liebevoll und mit viel Humor erzählt. Nicht jeder Klassiker ist per se gut, aber so mancher ist es wert, wieder und neu entdeckt zu werden: Die Borger sind es auf jeden Fall sehr!

Sigrid Tinz, Juni 2016

Die Borger

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Die Borger«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Lesen und Hören
mit System

Lesestifte und Audiosysteme für Kinder.
Der große Test.

mehr erfahren