Aber Mozart!

Erschienen: September 2005

Couch-Wertung:

83%
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Unterhaltsame Biographie. Ein sachkundiges und vor allem anschauliches Kinderbuch über den genialen Musiker Mozart. Genau recherchiert.

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Dialogreiche und lebendige Sprache, detailliert und atmosphärisch dicht.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Sep 2005

Im kommenden Jahr feiert die musikliebende Welt den 250.Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart. Die österreichische Schriftstellerin Sigrid Laube hat für ihre unterhaltsame Biographie genau recherchiert. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren, von der Geburt des kleinen Wolfgang bis zu seinen erfolgreichen Konzerten als Wunderkind am Hof von Versailles, begleitet sie das Familienunternehmen Mozart. Sie schildert bekannte Anekdoten und überlieferte Geschichten und verbindet diese mit fiktiven Szenen, die Mozart als Virtuosen am Klavier, auf der Violine und als Komponist en miniature darstellen. Atmosphärisch dicht und historisch genau wird vom Lebensalltag im 18. Jahrhundert und Wolfgangs einzigartiger Begabung erzählt.

Am kalten, verschneiten Geburtstag, dem 27. Januar 1756, von Wolfgang Amadeus Mozart beginnt die Handlung. Im Hause Mozart in der Salzburger Getreidegasse Nr. 9 herrscht bereits ein unruhiges Treiben, denn Mutter Anna Maria ist hochschwanger und die ersten Wehen setzen ein. Nach der Geburt des Sohnes Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus wird sofort die Taufe für den kommenden Tag angesetzt. Fünf Kinder mussten die Eltern zu Grabe tragen. Nur die fünfjährige Nannerl ist der Familie geblieben.

Drei Jahre später springt Wolfgang fröhlich und munter durch die Gegend. Für Spielgefährten interessiert sich der Wildfang kaum, lieber lauscht er den Tönen seiner Umgebung und möchte alles nachmachen, was seine musikalisch begabte Schwester Nannerl treibt. Vater Leopold, Kapellmeister im Dienst des Salzburger Erzbischofs, entdeckt sehr früh die musikalische Begabung seines Sohnes und fördert sie. Überliefert ist die Geschichte, dass Wolfgang vom Klang der Trompete des Musikerfreundes Andreas Schachtner, in Ohnmacht gefallen ist. Laute Töne kann sein sensibles Ohr kaum ertragen, obwohl er selbst auch nicht gerade ein leises Kind ist. Anschaulich wird geschildert, dass Mozart eher Noten als Buchstaben kannte, sein Spielzeug nicht das Steckenpferd, sondern das Klavichord ist. Bereits mit drei Jahren spielt das begabte Kind wohlklingende Terzen am Klavier. 1762 komponiert der Junge Allegros, Märsche, Scherzos und sprudelt nur so vor musikalischer Ideen. Bäume können Wolfgang nicht locken, er klettert lieber die Tonleitern hinauf. Vater Mozart unterrichtet seine Kinder selbst und dabei lobt er mehr als er tadelt. Entgegen aller gängigen Erziehungspraxis schlug Leopold Mozart seine Kinder nicht. Wolfgangs ordnungsliebende Schwester Nannerl hat so ihre Sorgen mit dem liederlichen Bruder, dem alles zufliegt. Als der kleine Junge die wertvollen Foliobögen des peniblen und geizigen Vaters mit Tinte bekleckst und sein erstes Konzert für Klavier komponiert, gibt es keine Schelte. Vater Leopold ist überrascht, denn sein Sohn hat eine komplizierte Melodie aufs Papier gezaubert - die ";Tintenfleck”-Komposition. Ein Wunder! Langsam kommt Leopold zu dem Schluss, dass er in Salzburg über den Posten des Vizekapellmeisters nie hinauskommen wird, aber aus der musikalischen Begabung des siebenjährigen Wolfgang und der zwölfjährigen Nannerl kann er Kapital schlagen - zu seinem Nutzen und dem der Kinder.

So plant Leopold eine lange und anstrengende Konzertreise. Die gesamte Familie macht sich am 18. September 1762, 5 Uhr morgens mit der schlecht gefederten Postkutsche auf den Weg nach Wien an den Hof der Kaiserin von Österreich. Mit ihrem Klavichord im Schlepptau wird die Familie von den Mitreisenden voller Missachtung wie fahrendes Volk angesehen. In Briefpassagen an Lorenz Hagenauer, den Freund, Hauswirt und Kreditgeber, schildert Leopold Mozart seine finanziellen Sorgen, aber auch die Hoffnung, dass seine Kinder Anklang finden, durch viele Auftritte bei adligen Familien Geld einnehmen und über Mundpropaganda weiterempfohlen werden. Herausgeputzt wie kleine Erwachsene geben Wolfgang und Nannerl am 13. Oktober am Hofe von Maria Theresia ein Konzert. Mit naiv-kindlicher Begeisterung für die Schönheit der Kaiserin schnuppert Wolfgang an der adligen Frau und hopst ohne Bedenken auf ihren kaiserlichen Schoss. Die Eltern und Hofdamen sind fassungslos, aber die Kaiserin mag Kinder. Wolfgang, auch diese Geschichte ist bekannt, jagt mit den kaiserlichen Kindern durch die Flure von Schloss Schönbrunn, lässt sich von Prinzessin Maria Antonia trösten und macht ihr sofort einen Heiratsantrag. Familie Mozart hat es geschafft, das musikalische Können der Kinder ist Stadtgespräch. Allerdings müssen Wolfgang und Nannerl auch, Zirkusnummern gleich, auf Wunsch der Adligen mal mit einem Finger nur spielen oder mit verdeckter Klaviatur. Leopold Mozart beschreibt in seinen Briefen das harte Pensum, dass die Kinder absolvieren. Dabei lebt die Familie immer in der Angst vor Krankheiten und Unterbrechungen während der Reise. 1763 kehren die Mozarts in der eigenen Kutsche nach Salzburg zurück. Nicht schlecht staunen die Musikerfreunde Leopolds als sein Sohn ohne großartiges Üben mit Leichtigkeit den Part der zweiten Geige übernimmt. Schon auf der Reise in Ybbs probierte Wolfgang aus Langeweile in der Kirche seine Fähigkeiten an der Orgel aus. Für Sohn Wolfgang kommt der Herr Papa gleich nach dem lieben Gott. Mit dem Vater singt Wolfgang ausgedachte Nonsenslieder, lernt und lacht. Wolfgang beteuert, dass er den Vater für immer in einer Kapsel aufbewahren will. Ein festes Ritual der beiden ist der Kuss auf die Nasenspitze.

Leopold Mozart treibt es wieder hinaus aus dem engen Erzbistum Salzburg in die große Welt. Neue Pläne werden geschmiedet und diesmal ist das Ziel der Reise der Hof von Versailles. Im Juni 1763 führt der Weg über Bayern nach Augsburg. Doch Leopold Mozart ist von seiner Vaterstadt, in der eher bürgerliche Lutheraner als adlige Musikinteressenten leben, enttäuscht. Nach dem Kauf eines teuren Reiseklavichords und Konzerten in Gasthöfen geht es weiter über Ulm, Stuttgart, Heidelberg, Mannheim, Worms nach Frankfurt am Main. In der Stadt gibt Mozart ein Konzert auf dem Liebfrauenberg. Überliefert ist, dass der junge Johann Wolfgang von Goethe ihn dort gehört hat. Von Köln, über Aachen, Brüssel kommt die Familie dann im Dezember 1763 in Paris an. Die Mozarts sehen den Schmutz und die Armut in den Straßen, betrachten die extravagante Haarmode und ärgern sich über die spärliche Heizung. Die Gönner Leopolds können sich in Paris nicht durchsetzen. Erst nach sechs Wochen Wartezeit dürfen Wolfgang und Nannerl ihr erstes Konzert in Versailles vor König Ludwig XV. und Königin Maria Leszczynska geben. Vom Prunk des Schlosses Versailles sind die Mozarts überwältigt. Der Erfolg der Kinder macht auch die Mätresse des Königs Madame Pompadour neugierig. Wieder haben die Kinder die Herrschenden mit ihrem außergewöhnlichen Spiel beeindruckt. Leopold ist voller Zuversicht und nach vielen Konzerten trifft er neue Reisevorbereitungen. Die Mozarts brechen nach England auf.

Die Gattung Biografie hat zwar Konjunktur, allerdings nicht im Kinderbuchbereich. Da ist sie eher die Ausnahme. ( Reihe der Biographien im Beltz & Gelberg Verlag ) Zu bestimmten Jubiläen jedoch veröffentlichen Verlage gern literarische Biographien historischer Persönlichkeiten, in denen Leben, Werk und Zeitgeschichte mithilfe narrativer Verfahren zu einer kunstvoll strukturierten Form verwoben werden. Sigrid Laube hat - immer mit dem Blick auf den Leser - ein gut durchdachtes Buch über die Wunderkindjahre des weltberühmten Komponisten geschrieben. Im Titel "; Aber Mozart! ” deutet die Autorin bereits an, dass der ungewöhnliche Junge sich nicht immer an die üblichen Spielregeln seiner Zeit gehalten hat. Obrigkeitshörigkeit oder Servilität sollten ihm grundsätzlich fremd bleiben. Dabei ist Wolfgang bei aller musikalischen Begabung immer das Kind, dass die Welt auf seine Weise entdecken will. Mozart war von klein an ein Besessner, den nichts von seiner Musik trennen konnte. Gut nachvollziehbar und einfühlsam beschrieben ist daher auch der normale auch von Konkurrenz und Eifersucht geprägte Geschwisterkonflikt, bei dem sich die ältere Schwester Nannerl oft zurückgesetzt fühlt. Das lag an Wolfgangs vom Vater angestrebten künstlerische Karriere, die ihr als Mädchen trotz Begabung nicht bevorstand. Allerdings wird auch geschildert, dass Wolfgang mit dem Lob für seine Schwester gut umgehen konnte, denn er war ein unvoreingenommener, nichts Arges vermutender, hilfsbereiter, freundlicher Mensch. Diese hervorragenden Eigenschaften sollten für seinen beruflichen Werdegang, dem Vater war dies bewusst, nicht von Vorteil sein.

Chronologisch und immer nah an den historischen Fakten entwirft Sigrid Laube detailliert und atmosphärisch dicht ein Bild der Zeit und der gesellschaftlichen Unterschiede. Ihre Sprache ist dialogreich und lebendig. Beim Lesen erscheint vorm inneren Auge die große Reisekutsche, die schwer mit dem Klavichord beladen auf das Postschiff rumpelt, man riecht den Schmutz in den Strassen von Paris oder hört Wolfgangs kratzende Kreide, wie er voller überschwänglicher Begeisterung für die Mathematik Tische, Sessel, Wände und den Fußboden mit Ziffern bekrakelt.

Im Nachwort erklärt Sigrid Laube, dass die Sprache im 18. Jahrhundert blumiger war und durchsetzt mit französischen und italienischen Worten. Ein ausführliches Register hilft dem Leser.

Fazit:

Die ersten zwölf Lebensjahre von Wolfgang Amadeus Mozart wurden von der Begeisterung für die Musik, dem Ehrgeiz des Vaters und den Konzertreisen durch Westeuropa geprägt. Sigrid Laube verarbeitet einfallsreich die überlieferten Geschichten, Anekdoten und Briefe. So entstand ein sachkundiges, mit sprachlicher Sorgfalt geschriebenes und vor allem anschauliches Kinderbuch über den Menschen und genialen Musiker Mozart.

Karin Hahn

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