Mercedes und der Schokolade Pilot

Erschienen: Februar 2006

Couch-Wertung:

80%
Idee
Bilder
Text

Idee

Eine wahre Geschichte über die Nächstenliebe. Viele Aspekte dieser Geschichte müssen jedoch im Gepräch noch geklärt werden, da sie sich aus der Geschichte nicht so ohne weiteres erschliessen lassen.

Bilder

Aufwändige Illustrationen wie Momentaufnahmen aus der damaligen Zeit. Sehr authentisch und lebensecht ohne jedoch zu viel zu zeigen.

Text

klare, geradlinige Erzählweise, die auch Raum für Zwischentöne und jede Menge Fragen lässt. Leider gerät die emotionale Ansprache - im Gegensatz zu den begleitenden Texten, die aber eher für Erwachsene gedacht scheinen - ins Hintertreffen

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Feb 2006

Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Mercedes, ein kleines Mädchen, gehört zu den mehr als zwei Millionen Menschen im westlichen Sektor Berlins, die durch die sowjetische Besatzung von der Außenwelt abgeschnitten sind. Auch sie ist auf die Hilfe der westlichen Alliierten angewiesen, die in unermüdlichem Einsatz Lebensmittel, Brennstoff und die notwendigen Gebrauchsartikel nach Westberlin einfliegen. Und Mercedes hält im Hinterhof ihre weissen Hühner, die aber keine Eier mehr legen, weil sie glauben, dass die tagein, tagaus über das Haus fliegenden Flugzeuge Habichte sind. Aber Mercedes würde es nicht so schwer nehmen, wenn der Schokoladepilot auch für sie einmal etwas von der kostbaren Schokolade vom Himmel werfen würde...

Mercedes ist besorgt, ihre Hühner legen keine Eier mehr. Schließlich weiß sie ganz genau, dass dies in diesen harten Zeiten kein gutes Ende für das Federvieh nehmen wird. Sie redet ihren ängstlichen Freundinnen schwer ins Gewissen, aber es nützt nichts. Eines Tages erfährt sie durch ihre Mutter von dem berühmten amerikanischen Schokoladepiloten, Gail Halvorsen, der für die Kinder Berlins Schokolade vom Himmel fallen lässt.

Die Süßigkeiten sind einzeln an kleinen Fallschirmen befestigt und der Pilot wirft sie bei dem Landeanflug über die begeisterte Kinderschar ab. Vorher lässt er die Flügel des Flugzeugs wackeln, damit die Kinder wissen, welches Flugzeug ihnen die Freude bescheren wird - deshalb nennen ihn die Kinder Berlins auch ";Onkel Wackelflügel";. Aus dem Zeitungsartikel, den ihr die Mutter vorliest, geht hervor, dass Menschen aus ganz Amerika dem Piloten Taschentücher für die kleinen Fallschirme und Süßigkeiten schicken.

Natürlich möchte auch Mercedes einmal in den Genuss von so etwas köstlichem wie Schokolade kommen. Als Mercedes schließlich mit ihrer Mutter zum Flugfeld geht, kommt tatsächlich das Flugzeug mit Wackelflügeln im Landeanflug auf sie zu. Eine Wolke von vielen kleinen, weißen Fallschirmen schwebt auf die Kinder zu. Sie alle laufen den süssen Fallschirmen entgegen. Fast hätte Mercedes auch eines der begerten Päckchen aus der Luft gefangen, aber ein viel größerer Junge kam ihr zuvor. Traurig und mit leeren Händen muss Mercedes wieder den Heimweg antreten. In der Nacht schreibt sie dem Schokoladepiloten einen Brief, in dem sie ihm erklärt, dass ihre Hühner glauben, dass die Flugzeuge Hühnerhabichte seien und sich fürchteten. Und dass sie keine Eier mehr legten. Aber sie bräuchten die Eier. Dann bittet sie den Piloten, doch ein paar Süßigkeiten über ihren Garten abzuwerfen. Der Pilot müsse nur Ausschau nach den Hühnern halten. Dann sei alles in Ordnung, denn dann mache es ihr nichts mehr aus, wenn die Flugzeuge die Hühner erschreckten.

Jeden Tag schaut Mercedes zum Himmel hinauf, aber leider fallen keine Süßigkeiten vom Himmel. Doch Gail Halvorsen hat den Brief von Mercedes erhalten und ist teif berührt. Dem Piloten ist es leider nicht möglich, die ";Abwurfstelle"; ausfindig zu machen. Aber als Mercedes schon um ein kleines Wunder betet, übergibt ihr die Mutter ein kleines Päckchen. Mercedes ist außer sich vor Freude, als sie die sorgsam verpackten Köstlichkeiten auswickelt. Auch ein Brief liegt dem Päckchen bei, in dem sich der Schokoladepilot für ihren Brief bedankt und ihr erklärt, warum es ihm nicht gelingen konnte, die süße Fracht über ihrem Garten abzuwerfen. Mercedes wird diesen Tag niemals vergessen - und eine ganz besondere Freundschaft entsteht...

Die Autorin Margot Theis Raven, in dessen Arbeit geschichtliche Themen einen Schwerpunkt bilden, erzählt in ";Mercedes und der Schokoladepilot"; die wahre Geschichte von dem Mädchen Mercedes und dem amerikanischen Piloten Gail Halvorsen. Sie hat von dieser wahren Begebenheit erfahren, recherchiert und beide, Mercedes Simon und Colonel Gail S. Halvorsen USAF, haben Margot Theis Raven ihre unglaubliche wie auch berührende Geschichte erzählt.

Ihre Geschichte, die vielleicht nur das Leben so schreiben kann, wird wunderbar authentisch durch die Illustrationen von Gijsbert van Frankenhuyzen unterstützt. Seine Bilder zeigen die damalige Welt - auch deren Zersörung - ohne aber Kinder mit Kriegs- oder Schreckensbildern zu konfrontieren. Die Illustrationen wirken sehr lebensecht, wie Momentaufnahmen, die aus jener Zeit hinübergerettet wurden. Gijsbert van Frankenhuyzen hat es sich bei der Umsetzung seiner Vorstellungen nicht leicht gemacht: so erfahren wir aus einer der zahlreichen Anmerkungen und Danksagungen , dass ihm für die Illustrationen eine ganze Schulklasse Modell gestanden hat - allen voran dankt er dem Mädchen Ustina, welches Mercedes in diesem Buch so lebendig verkörpert. Daher verwundert es also nicht, dass die Darstellungen so lebensecht wirken - sind sie doch in ihrer aufwändigen Darstellung wie kleine Kunstwerke, die scheinbar wahre Versatzstücke der Erinnerungen beider zeigen.

Die heutigen Großeltern dürften sich anhand der lebendigen Darstellungen an vieles erinnert fühlen, das sie selbst erlebt haben - vielleicht erinnert sie die damalige Art sich zu kleiden, die Frisuren oder die Umgebung. Auch und gerade inhaltlich ist ";Mercedes und der Schokoladepilot"; ein generationsübergreifendes Buch. Es leistet einen wichtigen Anstoss zum Dialog zwischen den heutigen Großeltern, die damals als Kinder den Krieg und die Nachkriegszeit erlebt haben, und ihren Enkelkindern - der bereits zweiten Generation, die Krieg, Zerstörung und Überlebenskampf glücklicherweise nie hat kennenlernen müssen. Es entsteht ein ";Erinnerungsdialog";, bei dem dieses Buch eine Brücke baut - zwischen den Fragen des Kindes und den wieder erwachenden Erinnerungen ihrer Großeltern.

Welch wertvollen Beitrag dieses Buch auch zu leisten vermag - so recht will der emotionale Funke nicht überspringen. Wir, als Erwachsene wissen um das Wunder der Nächstenliebe, aber es wird hier nicht so tiefgründig vermittelt, dass es auch Kinder nachvollziehen können. Den Kindern muß vieles erklärt werden, damit sie verstehen, worin die Botschaft dieser wahren Geschichte liegt. Sehr viel Raum nehmen hier zwar zu Anfang und zum Ende des Buches die Beziehungen zwischen den am Buch beteiligten Personen ein - allen voran Gail Halvorsen - dies gebührt ihm, ohne Frage, muss aber in einem Kinderbuch in Grenzen gehalten werden. Diese Herangehensweise ist für uns Erwachsene wohl angebracht - nicht aber für Kinder, denn die werden bei den langen Erklärungen schnell abschalten.

Auch der Moment, in dem der Schokoladepilot zunächst über Mercedes´ Brief lacht und schließlich weint, erschliesst sich Kindern emotional nicht. Wir Erwachsene verstehen natürlich, welch kindliche Genügsamkeit sich dahinter verbirgt und in welchem Überlebenskampf die Kinder in Berlin und anderswo ausgesetzt waren. Für Kinder - wie auch für Mercedes - sind die Schlussfolgerungen ganz logisch: Sie würden es auch verschmerzen, wenn ihre Hühner keine Eier legten, wenn es für dieses Opfer Süßigkeiten gäbe.

Ebenso der Freiheitswunsch der Kinder Westberlins, der hier u.a. als zentrale Botschaft benannt wird, lässt sich für Kinder nur schwer nachvollziehen - es gibt leider keine echten Aspekte, die diese ";wahre"; Motivation der Kinder unterstützt hätten. Gerade Kinder werden mit dem Begriff ";süße Freiheit"; - der Wunsch, mit dem sich die Kinder ursprünglich an den Schokoladepiloten gewandt hatten - nicht sehr viel anfangen können. Vielmehr ist die Menschlichkeit, der Mut, einfach zu machen, sowie auf der anderen Seite die Bedürftigkeit dieser, heute so reichen Nation und seiner Kinder spürbar. Die Tat von Gail Halvorsen war mehr als nur eine Geste der Nächstenliebe - und die Westberliner Kinder, die die Luftbrücke, oder andere humanitäre Hilfe anderswo, miterlebten, wurden durch Taten wie diese geprägt. Eine Generation wuchs heran, die der Menschlichkeit der Amerikaner noch heute dankbar ist. Diese Menschen haben ihre Sympathie an ihre Kinder weitergegeben und ich denke, die wahre Intention des Buches kann nur sein, dass ihre Enkel wiederum davon erfahren und damit nicht in Vergessenheit gerät, was damals eine Nation für eine andere geleistet hat. Dass Menschlickeit und Nächstenliebe wortwörtlich Tonnen bewegen können und dass die Entschlossenheit, in diesem Sinne zu handeln, kein Zaudern erlaubt.

Am Ende des Buches erfahren wir noch, dass die Freundschaft zwischen Mercedes und dem Schokoladepiloten Gail Halvorsen noch heute besteht. Bei jedem seiner Besuche schreibt der Colonel auf seinen einstigen Brief an Mercedes einen weiteren Gruss. Wir erfahren auch, dass Gail Halvorsen noch immer ";unterwegs"; ist, um Kindern in Not ein wenig Freude zu bringen.

Fazit:

Ein generationsübergreifendes Buch, das Kindern die Tür zu den Erinnerungen ihrer Großeltern aufstossen kann. Ein Buch, das Kindern zunächst wegen der Aspekte ";Flugzeug"; und ";Schokolade, die vom Himmel fällt";, interessieren wird. Das, was die wahre Geschichte vom Schokoladepiloten mit seinen so lebensechten Illustrationen noch zu erzählen hat, müssen wir Erwachsene vermitteln - und bestenfalls die Großeltern selbst, die bestimmt noch vieles aus ihrer Kindheit erzählen können.

Stefanie Eckmann-Schmechta

Mercedes und der Schokolade Pilot

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