Annika und der Stern von Kazan

Erschienen: April 2006

Couch-Wertung:

84%
Idee
Text

Idee

Eine raffiniert verschachtelte und fesselnde Geschichte mit einer sympathischen Hauptdarstellerin. Das Klischee von den netten Dienstboten und den unsympathischen Aristokraten wird aber zu stark bedient.

Text

Interessante und plastische Beschreibungen der Personen und Orte sowie der damaligen Zeit, die einem die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes bildlich vor Augen führen. Die Sprache ist der Zeit angepasst und führt zu mehr Authentizität.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Apr 2006

Das Findelkind Annika wächst in Wien zu Zeiten Kaiser Franz Josef I. um 1900 auf. Ihr Traum vom plötzlichen Auftauchen ihrer leiblichen Mutter wird eines Tages wahr. Eine feine, deutsche Aristokratin mit ";von" im Namen entpuppt sich als ihre Mutter und nimmt sie mit ins kalte, ungemütliche Norddeutschland. Doch irgend etwas ist faul an diesem Traum, der eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein...

Doch bis Annika diese verworrenen Zustände entknotet und versteht, fließt noch viel Wasser die Donau entlang. Seit 12 Jahren lebt Annika im Herzen der Stadt Wien im Haus dreier Professoren und wird von der Köchin Ellie und der Haushälterin Sigrid wie ihr eigenes Kind groß gezogen. Alles ist in bester Ordnung, bis plötzlich Edeltraut von Tannenberg vor ihr steht und behauptet, ihre Mutter zu sein. Überglücklich, eine richtige Mutter zu haben, zieht Annika mit ihr auf das Anwesen nach Großpriesnitz in Nordostdeutschland. Nicht nur ein herrschaftliches Haus erwartet sie dort, sondern auch ein Halbbruder. Geblendet vor Glück, dauert es einige Zeit, bis Annika begreift, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Wasser tropft von den Wänden, Bilder und Möbel fehlen und das wenige Personal wird schlecht oder gar nicht bezahlt. Doch all dies trübt Annikas Lebensfreude wenig, denn sie gewinnt einen neuen Freund. Zed ist ein Zigeunerjunge, der sich um das Rassepferd ihres Halbbruders Hermann kümmert. Nur durch Zed ist Annika das Leben auf Großpriesnitz erträglich. Doch ihre Mutter missgönnt ihr den Umgang mit ";Dienstboten". Sie müsse lernen, sich wie eine richtige von Tannenberg zu benehmen. Und die hat keine Dienstboten als Freunde und kocht und putzt auch nicht. Diese strengen Regeln bedrücken Annika von Tag zu Tag mehr.

Durch einen seltsamen Zufall findet sie eines Tages das Bild eines glücklichen Ehepaares am Seeufer. Sie entsinnt sich, dieses Bild schon einmal vorher gesehen zu haben, aber nicht in Großpriesnitz, sondern in Wien. Es gehörte der alten Großtante ihrer Nachbarn, der sie gelegentlich Gesellschaft leistete und mit der sie sich anfreundete. Diese hatte jahrelang am Theater gearbeitet. Im Laufe der Zeit hatte sie viele wertvolle Schmuckstücke von ihren Verehrern geschenkt bekommen. Als sie in Geldnöte geriet, verkaufte sie diese Schmuckstücke schweren Herzens und behielt Kopien davon. Als diese Großtante Annika die Schmuckstücke zeigte und ihr ihre Lebensgeschichte erzählte, sah Annika auch das Foto der Großtante mit ihrem Mann in jungen Jahren. Alles zusammen verwahrte sie in einer großen Kiste. Als kurz darauf die Tante verstarb, wurde die Kiste von einem Nachlassverwalter abgeholt.

Nun taucht dieses Foto plötzlich am Seeufer in Großpriesnitz auf, wo es niemals hätte sein können und dürfen. Wie sich später herausstellt, hat die alte Dame Annika ihren gesamten Besitz vermacht. Und er war gar nicht so wertlos wie ursprünglich gedacht, denn es handelte sich bei dem einzigartigen Schmuck nicht um Kopien, sondern um Originale. Doch der Nachlass erreicht niemals sein Ziel. Hätte Annika das Foto nicht gefunden, hätte sie niemals von ihrem Erbe erfahren. Bedauerlicherweise wird Zed vorgeworfen - immerhin ist er ja Zigeuner - sich die Kiste unter den Nagel gerissen zu haben. Er flieht Richtung Ungarn und entscheidet sich kurzerhand, einen Abstecher nach Wien zu machen und Ellie zu besuchen. Sein Bericht beunruhigt Ellie jedoch so sehr, dass sie nach Deutschland fährt, um nach Annika zu schauen. Doch Annika ist spurlos verschwunden. Sie wurde zwischenzeitlich von ihrer Mutter in ein Internat bei Potsdam gesteckt. Hier wird sie wie eine Gefangene behandelt und ihre Lebensfreude bricht.

Nachdem sich mehr und mehr Mosaiksteinchen zu einem Bild fügen, wird Annika in einer dilettantischen, aber spektakulären Aktion von ihren Freunden und ihrer Wiener Pflegefamilie befreit. Durch ihre liebenswerte Art und mit Hilfe guter Freunde gelingt es Annika, das Rätsel um ihre Mutter zu lösen. Wieder einmal zeigt sich, wie wichtig gute Freunde im Leben sind.

Mit Annika und der Stern von Kazan ist Eva Ibbotson wieder einmal eine wunderbare Geschichte gelungen, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann zieht. Die Geschichte spielt über mehrere Jahre und an verschiedenen Orten. Sie ist raffiniert verstrickt und doch so leicht erzählt. Die Autorin hinterlässt überall Spuren und Hinweise, aber die Lösungen sind nicht immer offensichtlich, so dass die Spannung bis zuletzt hält. Und am Ende scheint alles logisch und klar. Doch hätte es nicht einige Zufälle gegeben, wäre die Geschichte von Annika sicherlich ganz anders verlaufen und hätte kein so glückliches Ende gefunden.

Eva Ibbotson, die nach der Machtübernahme Hitlers Wien verlassen musste und mit ihren Eltern nach England zog, hat mit diesem Buch eine Liebeserklärung an Wien geschrieben. Die Schönheit Wiens wird nicht nur durch die bewundernde Beschreibung der Autorin unterstrichen, sondern ganz besonders durch den Kontrast zum grauen, matschigen Großpriesnitz in Preußen hervorgehoben. Ein bisschen erinnert der Blick Eva Ibbotsons an den verklärten Blick, den ein jeder von weit zurück liegenden Ereignissen hat. Irgendwann erinnert man sich nur noch an die schönen Dinge und diese werden noch schöner gemacht, als sie eigentlich waren. Wie der Blick auf eine weit zurückliegende Zeit, so ist auch die Sprache: sie ist vornehmer und ein kleines bisschen altmodisch. Ellie ist z. B. nicht dick, sondern ";korpulent", Professor Emil sogar nur ";rundlich". Durch diesen speziellen Sprachstil gelingt es der Autorin, den Leser in die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts mitzunehmen. Er kann leichter in die Geschichte eintauchen und sich mit der Hauptdarstellerin oder einer ihrer Freunde identifizieren.

Eva Ibbotson beschreibt die Handlungsorte so intensiv, dass man sich wie ein Tourist fühlt, der an die Hand genommen und durch die Gegend geführt wird. Das Schöne daran ist, dass die Autorin informiert, dabei aber nicht belehrend wirkt.
Ein wenig störend sind zwei Klischees, die die Autorin bedient: das Klischee von den guten Dienstboten und das Klischee von den seltsamen bzw. weniger guten Aristokraten. Sie versucht zwar ansatzweise dieses Klischee durch einen sympathischen Ausnahme-Aristokraten zu durchbrechen, aber es gelingt ihr nicht ganz.

Fazit:

Mit Annika und der Stern von Kazan ist der Autorin ein großartiges Buch gelungen. Die Geschichte ist originell aufgebaut mit einer spannenden Handlung, verschiedenen interessanten Handlungsorten und zahlreichen, scheinbar unlösbaren Geheimnissen. Die Leichtigkeit des Erzählstils führt den Leser problemlos durch das Buch und die Spannung bleibt dabei bis zur letzten Seite erhalten.
Eva Ibbotsons Beschreibungen wirken so inspirierend, dass man gleich nach Wien fahren möchte, um sich alle Schauplätze der Geschichte persönlich anzuschauen. Diese Wirkung erreicht sie durch ihre präzisen Schilderungen, die die Buchstaben förmlich zu Bildern verwandeln. Unterstützend wirkt dabei die authentische Sprache der Zeit, die den Leser in die Zeit Kaiser Franz Joseph I. eintauchen lässt. Das tendenziell eher an eine weibliche Leserschaft gerichtete Buch gehört eindeutig zu den niveauvolleren Büchern unserer Zeit und bietet ein Lesevergnügen besonderer Art: Spannung, Gefühle, Stadtführung und Historie in einem.

Marijke Lass 

Annika und der Stern von Kazan

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