Das Buch von allen Dingen

Erschienen: Mai 2006

Couch-Wertung:

90%
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Idee

Wunderbare „Charakterstudien“ ganz aus Sicht des Jungen Thomas. Eine einfühlsame und sehr berührende Geschichte, über ein noch immer tabuisiertes Thema, das frech, humorvoll, respektlos und doch mit so viel Liebe zum Leben dargestellt wird.

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Mit wenig Worten aber dennoch tief und eindrucksvoll erzählt ein Junge „von allen Dingen“. Die kindliche Gefühls- und Gedankenwelt, ihre beinahe trotzige Lebensfreude, wird eindrucksvoll transportiert.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Mai 2006

Thomas sieht Dinge, die andere Menschen nicht sehen und denkt über vieles nach. Seine Gedanken und Gefühle schreibt er in seinem kleinen Buch nieder, dem ";Buch von allen Dingen". Dazu gehören seine tiefen Gefühle für das Mädchen Elisa mit der Beinprotese. Aber auch die tropischen Fische, die er an einem warmen Sommertag in den Grachten schwimmen sieht, sind Teil seiner Welt und nur Elisa scheint ihn zu verstehen. Leider ist Thomas´ Welt voll kindlicher und wahrer Poesie nicht heil. Denn da ist noch sein strenggläubiger Vater, der überhaupt keinen Spass versteht. Am allerwenigsten versteht er seinen Sohn, aus dem er einen gottesfürchtigen Menschen machen will. Auch wenn dies bedeutet, dass er den Glauben und die Bibel in Thomas hineinprügelt...

Die regelmässigen Schläge, die Thomas für schwere, da gotteslästerliche ";Vergehen" einstecken muß, sind für den Jungen schon schlimm genug. Aber sein Vater schlägt auch seine Mutter - und das ist für den Jungen unerträglich. Er flüchtet sich in seine eigene Welt und hofft auf eine bessere Zukunft. Fragt man Thomas, was er später einmal werden will, dann antwortet er ganz einfach: Glücklich.

Eines Tages hilft ihm ausgerechnet die von allen Kindern gefürchtete Hexe, Frau Armersfoort, als ihn ein bissiger Hund aus der Nachbarschaft angreifen will. Aus Dankbarkeit - aber voller Angst - bietet sich Thomas an, der alten Frau die Einkäufe nach Hause zu tragen. Sie freut sich über ihren seltenen Besuch und sie trinken gemeinsam Kaffee und Limonade. Frau Armersfoort macht Thomas nicht nur mit klassischer Musik und Literatur bekannt, sondern sie führt Thomas mit ihren unkonventionellen Ansichten eine ganze andere, neue Sicht auf die Welt vor.

In der, von der väterlichen Zensur geprägten Welt, ist es das erste Mal, dass Thomas eine andere Meinung hört und ein anderes Buch als die Bibel liest. Als sein Vater von seinem Besuch bei der alten Dame erfährt, verbietet er dem Jungen jeden weiteren Kontakt. Schließlich sei sie eine Kommunistin - und die Kommunisten würden die Christen versklaven. Aber Thomas besucht die alte Dame weiterhin denn er begreift schnell, dass es auch gute Hexen gibt. Frau Armesfoort besitzt, trotz der Ermordung ihres Mannes durch die Nazis, ungebrochenen Mut und Zivilcourage. Die kluge, alte Dame weiß von den Mißhanndlungen in Thomas´ Familie und will dies nicht hinnehmen. Und so findet Thomas eines Tages ihren Brief vor seiner Tür. In dem Brief steht nur der eine Satz: ";Ein Mann, der seine Frau schlägt, entehrt sich selbst". Thomas hat Angst vor der Reaktion seines Vaters und befestigt ihn deshalb mit einer Sicherheitsnadel in der Innenseite seiner Hemden, damit niemand diesen Brief finden kann. Und, fragt sich Thomas, was bedeutet des Wort ";entehrt"?

Als sich die Situation in er Familie zuspitzt, teilt sich Thomas seiner älteren Schwester Margot mit. Sie hat den Mut, dem Vater diesen Brief zu zeigen. Dies ist der erste große Bruch des Schweigens und mit ihm kommt das Wissen darum, dass auch die Außenwelt von Vaters Prügel weiß...

Sehr berührend, erschütternd und dennoch humorvoll erzählt der niederländische Erfolgsautor Guus Kuijer von einer unglücklichen und zerstörten Kindheit in den 50er Jahren. Wie auch heute noch, galt damals umso mehr das stumme Übereinkommen ";über solche Dinge" nicht mit Außenstehenden zu sprechen. Ein unfreiwilliger, aus der Angst geborener Schutz des Täters. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, dazu bedarf es die Aufmerksamkeit und Hilfe von Außen.Von Menschen wie Frau Armersfoort, die die Zivilcourage besitzt, die Dinge offen beim Namen zu nennen. Auf ihre zurückhaltende aber dennoch entschossenen Art gelingt es ihr, Mutter und Kindern Mut zu machen, aus der Isolation auszubrechen.

";Das Buch von allen Dingen" ist nicht als eindeutiges Kinderbuch einzustufen. Es behandelt die schwierige Thematik der familiären Gewalt auf eine Weise, die es auch für die erwachsene Leserschaft interessant macht. Gerade die heutige Generation von Großeltern werden die von Guus Kuijer dargestellte Welt gut erinnern. Und damit meine ich sowohl die Härte, als auch die ungewollte Komik des damaligen Nachkriegs-Alltags.

Aufgrund der Komplexität des Buches und seinen vielen leisen Botschaften halte ich es daher eher für Kinder ab 10 Jahren geeignet. Sie und viele Erwachsene werden das Buch mit tiefem Interesse aber auch mit so manchem Schmunzeln verfolgen. Die schon zu Beginn des Buches angekündigte Respektlosigkeit, die für die kindliche Sichtweise so typisch ist, berührt und amüsiert gleichzeitig. Denn für Thomas ist die Sache klar. Für ihn gibt es Gott nicht mehr. Während seiner regelmässigen Plaudereien zwischen ihm und Jesus erzählt Thomas, dass sein Vater Gott aus ihm herausgeprügelt habe. Das leuchtet Jesus ein, denn er hat Gott, seinen Vater, auch schon länger nicht mehr gesehen.

In Thomas´ eigenen Welt, in der er Jesus trifft, der ihm sagt, dass er ihn, Thomas, über alles liebt, findet Thomas Geborgenheit. Häufig begegnet er Jesus, wenn die Situation innerhalb der Familie wieder einmal zu eskalieren droht. Es scheint, als würde Jesus genau in diesem Moment ";kommen", um Thomas vor dem Schmerz abzuschirmen. Seine Welt, in der er die Menschen und seine Umgebung mit ganz eigenen Augen wahrnimmt, ist Hoffnung und Zufluchtsort zugleich. So ist es seine eigene, innere Poesie, die ihm sein Leben noch erträglich macht. Sie ist sein einziger Schutz. Anders ist dagegen Margot, Thomas´ ältere Schwester. Mit viel Zynismus, der von dem Vater offenbar nicht wahrgenommen wird und von Thomas zunächst als pure Dummheit gedeutet wird, kann sie den Familienalltag mit ihrem Vater ertragen. Doch sie ist es schließlich, die aus der ";Deckung" kommt und den mutigsten Schritt von allen wagt, nämlich die direkte und aggressive Auseinandersetzung mit ihrem Vater. So ist das Zauberwort, das über allem steht, das Wort ";Courage". Und diese Courage zeigen ausmahmslos die Frauen, die Thomas umgeben.

Am Ende sind es also Frauen, die Thomas´ Vater unmissverständlich - und dabei ganz ohne weitere Worte - klarmachen, dass seine ";Alleinherrschaft" zu Ende ist. Dass es ausgerechnet eine ";Hexe" sein muss, die sich dem ";Pharao" entgegenstellt, passt in das Weltbild des intoleranten Vaters. Der, so erkennt Thomas am Ende selbst, nichts ist, als ein durch und durch verunsicherter, schwacher Mann.

Thomas, der endlich aus dem Schatten seines Vaters heraustreten kann, entscheidet sich für das Leben. Die Hoffnung, die nun von vielen guten Menschen getragen wird, hat endlich realistische Formen angenommen. Und so findet Thomas nicht nur neuen Lebensmut, sondern auch das Glück, nach dem er so lange gesucht hat.

Guus Kuijer, geb. 1942, vormals Lehrer, ist seit 1973 Schriftsteller. Für seine Kinder- und Jugendbücher wurde er international vielfach ausgezeichnet. Für ";Das Buch der Dinge" erhielt Kuijer den ";Goldenen Griffel 2005", den niederländischen Jugendbuchpreis, sowie in Beglien die ";Goldenen Ente 2005".

Fazit:

";Das Buch von allen Dingen" ist die Geschichte von einem tapferen Jungen der sich vorgenommen hat, keine Angst mehr zu haben. Mit wenigen Worten, wunderschönen Fantasiebildern und sehr viel Gefühl nimmt uns Guus Kuijer mit in seine Geschichte über Mut, Liebe und jene zerbrechliche Hoffnung, die durch die Poesie und den kindlichen Glauben an das Gute Nahrung findet.

Es ist dabei respektlos, humorvoll und ermutigend zugleich. Es zeigt auf bedrückende Weise die tiefen Risse einer beinahe zerstörten Kindheit - aber es macht auch Mut, dass es mit etwas Courage und Sensibilität gelingen kann, anderen Menschen dazu zu verhelfen, dennoch glücklich zu werden.

Stefanie Eckmann-Schmechta 


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