Ein Käfig ging einen Vogel suchen

  • Knesebeck
  • Erschienen: April 2022

Illustrationen von Mehrdad Zaeri; Hardcover, 40 Seiten

ISBN: 9783957284389

Ein Käfig ging einen Vogel suchen
Ein Käfig ging einen Vogel suchen
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Kirsten Kohlbrei
90%

Kinderbuch-Couch Rezension vonJul 2022

Idee

Frei nach Kafka. Aufregend erzählte Geschichte über einen offenen Blick auf die Welt. Die Charaktere polarisieren.

Bilder

Mit schrägem Charme werden Gefühle, Gedanken und Handlungen der Figuren sichtbar gemacht.

Text

Gleichermaßen pragmatisch und empathisch.

Frei wie ein Käfig mit Vogel

Käfige sind im Allgemeinen bei Vögeln, die lieber frei am Himmel fliegen wollen, nicht sehr beliebt. Doch von dieser üblichen Auffassung wusste ein junger Käfig noch nichts.

Im Gegenteil leer und unerfahren, wie er war, wünschte er sich, dass endlich ein Vogel bei ihm einzog. So stellte er sich in den Hof und lud die Vögel laut rufend ein, bei ihm zu wohnen.

Die Vögel der Stadt hockten sich auf die Dächer und beobachteten interessiert, ob wirklich ein Vogel so dumm sein könne, um sich von selbst in den Käfig zu setzen. Außerdem legte sich eine alte Katze auf die Lauer. Sie versprach sich leichte Beute, sobald ein Vogel erstmal in den Käfig geflogen wäre. Vor lauter gespannter Aufregung wurde es ganz still und der Käfig verlor langsam seinen Mut.

Käfigbesichtigung mit Folgen

Kostja, ein Vogel aus der Fremde, hatte den Käfig auch rufen gehört. In seiner Heimat gab es nur stille, weite Wälder. So ein Häuschen mit Sitzstangen, einem Wässerschälchen und einem Röhrchen für Körner, hatte er noch nie gesehen. Vorsichtig flog er heran, beäugte den Käfig neugierig und hüpfte hinein.

Plötzlich ging alles blitzschnell. Mit einem Tatzenschlag knallte Agathe, die Katze, die Tür des Käfigs zu und versuchte ihn, wegzuschleppen. Doch Katzen und ihre Gefahr kannte Kostja. Er streckte seine kräftigen Flügel bis zum Käfiggitter aus und schwenkte sie auf und nieder. Der Käfig wusste zwar noch nicht viel vom Leben, aber tief im Inneren spürte er, dass er seinen Vogel beschützen musste. Gleichzeitig mit Kostjas Flügelschlag atmete er tief ein und aus und dann geschah vor den Augen der beutehungrigen Agathe und der gaffenden Vögel etwas gänzlich Unerwartetes...

Erstaunliches spannend und feinsinnig erzählt

Mit Ein Käfig ging einen Vogel suchen verwendet die Autorin Andrea Hensgen einen Aphorismus von Franz Kafka als Titel ihres Buches. Im Stil eines modernen Märchens erzählt sie empathisch die Erlebnisse des unerfahrenen Käfigs und des fremden Vogels als hintergründige Geschichte über den Sieg der Unvoreingenommenheit, den Glauben an die eigenen Überzeugungen und der inneren Stärke. Dabei beschreibt sie nicht nur dynamisch das Agieren ihrer Figuren, sondern skizziert auch treffend deren Beweggründe und Überlegungen. Ebenso gelingt es ihr, die Emotionen ihrer Charaktere spürbar zu machen.

Die gut strukturierte Handlung wird so leicht nachvollziehbar und die Erzählung zieht die Leser zunehmend in ihren Bann, Hensgen lässt die Spannung stetig steigen, so dass jedes Umdrehen der Seiten ungeduldig erwartet wird. Eine Vorlage für großen Vorlesespaß.

Die dichte Atmosphäre, die aus schnörkelloser Sprache entsteht, wird durch die Illustrationen von Mehrdad Zaeri feinfühlig vertieft. Obwohl der rundbäuchige Käfig mit seinem nach oben schauenden Gesicht, die skurrile Vogelschar und die Katzenseniorin etwas sperrig daherkommen, springt alsbald begeistert der Betrachtungsfunke über. Spätestens, wenn die Käfigtür durch Pfotenhand zufällt und sich alles in ein doppelseitiges lilagetöntes Vogelbildchaos auflöst, stimmt ohnehin alles.

Mit Offenheit und Neugier der Welt begegnen

Die Sympathie unter den Figuren ist klar verteilt. Anrührend die Naivität des Käfigs, der seine ganze Behaglichkeit für einen Bewohner hergeben möchte und gar nicht daran denkt, dass seine Stäbe nicht als Schutz, sondern als Gefängnis verstanden werden könnten. Herzgewinnend ebenso der Vogel Kostja und seine sorglose Neugierde. Diese erfrischende Unvoreingenommenheit eint sie. Das genaue Gegenteil dazu verkörpern die Stadtvögel und die Hofkatze. Sie verharren in ihren vorgefassten Meinungen und verhalten sich althergebracht. Und damit nicht genug, einzig um die eigene Sicherheit bemüht, verfolgt die Vogelschar aus sicherer Höhe sensationslüstern die Vorgänge im Hof, ohne den Neuankömmling vor den vermeintlichen Gefahren zu warnen.

Wenn jedoch die Vorbehaltlosigkeit des Käfigs auf den Wagemut Kostjas trifft, setzen sie sich gemeinsam über Vorurteile, Missgunst und Verfolgung hinweg und im tiefen Glauben an sich selbst, passiert ein kleines Käfigmitvogelwunder.

Fazit

Ein Käfig ging einen Vogel suchen ist eine warmherzige kluge Geschichte über das Abenteuer Leben, das auf Entdeckung wartet. Harmonisch abgestimmt in Text und Bild, schwingt sie sich mit den sehr liebenswerten Protagonisten hoch, zu einem Loblied auf Unvoreingenommenheit, Wagnis und Selbstbejahung. Ein gefühlvolles Plädoyer abseits von Mainstream und Vorbehalt, die Fähigkeit für Neugier und Staunen zu bewahren.

Ein Käfig ging einen Vogel suchen

, Knesebeck

Ein Käfig ging einen Vogel suchen

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