Die wilden Abenteuer des jungen Capt'n Hook

Erschienen: September 2006

Couch-Wertung:

86%
Idee
Text

Idee

überzeugende, in sich sehr widersprüchliche Hauptfigur, dem Genre dienende temporeiche Handlung

Text

dialoglastige Handlung, die den Leser nicht mehr loslässt

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Sep 2006

Hook, der düstere Piratenkapitän mit der Krallenhand, ist einer der bekanntesten Bösewichter in der klassischen englischen Kinderliteratur. Als Widersacher des ewigen Kindes Peter Pan schürt er nur Unfrieden in Nimmerland. Doch woher stammt dieser Seeräuber? James Barrie verrät nichts über die Vergangenheit seines Schurken. Im Fahrwasser der Piratenliteratur schippert nun mit seinem ersten Kinderbuch der amerikanische Schriftsteller J.V. Hart. Er begibt sich auf die Spuren des 15-jährigen James Matthew, der sich später den Namen Hook zulegen wird und entwirft einen schillernden, wie widersprüchlichen Charakter.

Die Sehnsucht nach Abenteuern und Erfahrungen, die weit außerhalb der täglichen Erlebnissphäre liegen, ist bei Kindern wie Erwachsenen ungebrochen. Haben sich die amerikanischen Autoren Dave Barry und Ridley Pearson in ihrem ersten gemeinsamen Kinderbuch ";Peter und die Sternenfänger";(Oetinger Verlag) für Leser ab 10 Jahren – ebenfalls neu in diesem Bücherherbst – eine atemberaubende, magische Vorgeschichte zu James Barries Klassiker ";Peter Pan"; ausgedacht, so liegt es nahe, dass der Autor J.V. Hart, der bereits zwei Drehbücher für so bekannte Spielfilme wie ";Hook"; und ";Die Muppets Schatzinsel"; geschrieben hat, sich mit der Jugend des legendären Hook beschäftigt.

Früh lernt James Matthew, der uneheliche Sohn von Lord B., James Matthew Bastard oder Mutant, wie die Mitschüler ihn in Eton, dem berühmten englischen Eliteinternat, nennen, die gesellschaftliche Rang- und Hackordnung kennen. Als James, dessen Vater sich nie zu ihm bekannt hat – er ist bei seiner jungen Tante Emily aufgewachsen – 1870 ans Eton College kommt, trifft er auf seinen Erzfeind, den arroganten, machtgierigen Arthur Llewelyn Darling. Mit seinen vergissmeinnichtblauen Augen, den langen, schwarzen Korkerzieherlocken und seinem überheblichen, wahnwitzig gackernden, schrillen Lachen hebt sich der Neuling von den anderen Oppidanern ab. Er wird sich jeglicher Einordnung in die altehrwürdigen Traditionen verweigern und sich seinem Widersacher Darling nicht unterwerfen, der ihn zu seinem Scug, seinem Diener, erniedrigen will. Als Hauskapitän der Oppidaner besteht Darling auf seinem Recht, den neuen Etonier und seinen Freund Roger Peter Davis, James wird ihn wegen seines fröhlichen Wesens ";Jolly Roger"; nennen, mit der siebenarmigen Katze durch die Whips züchtigen. Doch die vornehmen Etonier brechen sich an James Gerechtigkeitssinn, seinem Intellekt, seiner Verwegenheit, aber auch seinem unheimlichen Wesen die Zähne aus. Wenn sie James die langen Haare abschneiden, dann wachsen sie über Nacht wieder nach. Wenn sie ihn auspeitschen lassen, dann hört man von ihm keinen Schrei. James lächelt nur, denn er ahnt, dass seine Peiniger vor seinem gelben Blut erschaudern werden. Als Spinnenliebhaber kann er die Fähigkeiten der wehrhaften Insekten zu seinen Gunsten nutzen und das wird er im Laufe der Handlung auch mehrmals tun. James weiß, dass nur Wissen eine Macht ist und vor allem studiert er die großen Tyrannen der Geschichte, denn ";Schurken veränderten den Lauf der Welt";. In seinen Träumen erscheint James eine Insel, die er ";Nimmerland"; nennt. Eines Tages wird er diesen wertvollen Flecken Erde finden. Allerdings ist James wasserscheu und hat eine unerklärliche Phobie vor Wasser.

Der Mannschaftssport spielt in Eton eine besondere Rolle und das Mauerspiel, Etons ganz besondere Blut-und-Schlamm-Schlacht. Sogar die Queen hat Schloss Windsor verlassen, um sich das brutale Schauspiel, in dem Knochen zu Bruch gehen und Gesichter zerquetscht werden, anzuschauen. An ihrer Seite befindet sich Ananova, die Sultanin von Khanum, eine Prinzessin aus türkischem Geschlecht. Als Mitglied der Oppidaner-Crew wird James, der eigentlich nur das Fechten als wahren Sport anerkennt, es schaffen, als erster nach einhundert Jahren ein Tor zu schießen und somit in die Geschichte des Internats eingehen. Aufs Neue hat James den affektierten Darling gedemütigt. Ananova wird auf James aufmerksam und auch der Junge ist von dem exotischen Mädchen fasziniert. Nach einem vereitelten Duell mit dem hilflosen Darling, versucht James gemeinsam mit Ananova zu fliehen. Diese Aktion läuft ins Leere. Ananova und James werden getrennt und der Junge muss für seine Verwegenheit büßen und wird vor Gericht gestellt. In Ketten gelegt wird ihm klar, dass das einzige Ziel allen Strebens nach Wissen sein muss, zu lernen, wie man unsterblich werden konnte. ";Dort, in seinem Nimmerland, würde er das Geheimnis der Unsterblichkeit finden.";
James muss Eton verlassen. Doch bevor ihm der Rausschmiss droht, inszeniert er seinen eigenen Tod und beschämt wiederum seinen Dauerfeind Darling. James Vater, Lord B., Kammerdiener der Queen, auf dessen Anerkennung James so hofft, bietet dem Jungen eine Stelle auf der Meerhexe an – seinem Handelsschiff. Sieben Jahre soll der Junge zur See fahren. Dass eine Seefahrt gerade unter der brutalen wie scheinheiligen Führung des Kapitäns Creech nicht immer lustig ist, erkennt auch James und doch setzen Meer, Wind und das unbändige Gefühl von Freiheit ungeahnte Kräfte in ihm frei. Als der Junge erkennt, dass sein Vater mit der Meerhexe regen Sklavenhandel betreibt, obwohl dieser vom Parlament verboten wurde, stellt sich James mit Erfolg an die Seite der Unterdrückten. Er übernimmt gegen alle Widerstände das Schiff, lässt die Menschen frei und begibt sich auf die Suche nach Nimmerland.

J.V.Hart wurde durch die Rede ";Hook in Eton";, die J.M. Barries 1927 im Eliteinternat hielt, zu diesem Buch inspiriert. Harts ";Hook";, in seinem gleichnamigen Kinofilm von Dustin Hoffman gespielt, muss bevor er dieser ausgekochte und verbitterte Pirat wurde, eine Kindheit und Jugend gehabt haben. J.V. Hart entwirft für seinen Helden nun einen spannenden Lebenslauf. Der Autor baut in seiner unterhaltsamen, handlungs- und vorgangsbezogenen Geschichte auf die altbekannte Erfolgsmischung dieses Genres: das Gute, gegen das Böse, die sadistischen Fieslinge, ob im Internat oder auf See gegen die freiheitsliebenden, abenteuerlustigen und intelligenten, halbstarken Helden. Doch Hart gibt bei aller schriftstellerischen Freiheit auch einen Einblick in das gesellschaftliche Klassensystem des 18. Jahrhunderts und thematisiert nicht nur die Wertlosigkeit eines Menschenlebens, sondern auch die untrennbar mit der imperialen Machtausübung europäischer Nationen verbundene Geschichte der Sklaverei. In seinem Abenteuerbuch ist die Luft durchdrungen vom Gestank des Schwarzpulvers und vom Kanonendonner. Es geht nicht um psychologische Tiefe oder das Innenleben seiner Hauptfigur. James eilt von Szene zu Szene, weiß klug seine magischen Fähigkeiten zu nutzen und wird in diesem atmosphärisch dichten Roman zwar als durchtrieben aber nicht empfindungslos oder gar grausam charakterisiert. James ist zwar der Outlaw und doch pflegt er seine Freundschaft zu Jolly Roger, der unbeirrt zu ihm steht. Als James erkennt, welches doppelbödige Spiel sein Vater, den er so respektiert hat, spielt, bricht er alle gesellschaftlichen Verbindungen ab und hilft den verschleppten Menschen zu ihrem Recht. Als König der Piraten wird er sich Hook nennen und auf die Suche nach Nimmerland begeben.

Fazit:

Wer die actionreiche Abenteuerliteratur liebt, sollte sich dieses spannende Buch, in dem nicht eine Sekunde Langeweile aufkommt, über das Leben des Capt'n Hook nicht entgehen lassen. Ein jugendlicher Protagonist, der sich nicht den gesellschaftlich erwarteten Normen fügt, ist geradezu der ideale Held für kindliche Fantasien und Leselust.

Karin Hahn

Die wilden Abenteuer des jungen Capt'n Hook

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