Nein, mit Fremden geh ich nicht!

Erschienen: April 2007

Couch-Wertung:

75%
Idee
Bilder
Text

Idee

Kindgerechte aber eher oberflächliche Darstellung eines schwierigen Themas. Zwar bietet das Buch einige gute Beispiele, hat jedoch kaum emotionale Bezugspunkte – ein anschließendes Gespräch ist jedoch auch hier unverzichtbar.

Bilder

Die Illustrationen korrespondieren gut mit der Erzählung. Die Mimik der Darsteller werden mit feinem Strich klar herausgearbeitet. An manchen Stellen fehlt jedoch eine eigenständige Bildsprache, die das Emotionale greifbarer machen würde.

Text

Flüssige, eingängige Sprache, viele Dialoge lockern das Vorlesen auf.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Apr 2007

";Nein, mit Fremden geh ich nicht!" stellt einen Beitrag der Schirmherrin des Vereins ";Power-Child", Veronica Ferres, dar, das in Zusammenarbeit mit Julia Ginsbach im cbj-Verlag erschienen ist. Kinder sollen mit diesem Buch ein Gespür für bedrohliche Situationen bekommen und laut ";Nein!" sagen können - und dazu brauchen sie Selbstbewusstsein. Dieses Buch bietet Eltern, Kindern und Erziehern einen Einstieg in das brisante Thema ";Gewalt gegen Kinder".

Für die kleine Protagonistin Lia fängt der Tag schon schlecht an. Ihr Bruder ärgert sie und weil ihre beste Freundin im Kindergarten krank geworden ist, wird sie vor Lia abgeholt. Erst als der Kindergarten aus ist, fällt Lia ein, dass sie nun niemand heimfahren kann, denn die Mutter ihrer besten Freundin sollte auch sie heute mitnehmen. Als das letzte Kind, Moritz, von seiner grossen Schwester Sophie abgeholt wird, bittet die Erzieherin Sophie Lia mitzunehmen. Diese ist wenig begeistert, da es für sie einen Umweg bedeuten würde - aber sie macht es, lässt jedoch Lia nicht vor ihrer Haustür heraus, sondern eine Strassenkreuzung vorher.

Und so steht sie ganz alleine da, als der nette Mann, den sie vom Spielplatz kennt, ihr anbietet, sie mit seinem silbernen Auto ein Stück mitzunehmen. Schließlich hat es angefangen zu regnen. Fast wäre Lia ins Auto gestiegen, als sie sich an den Laden an der gegenüberliegenden Strassenseite erinnert und beschliesst, das letzte kurze Stück doch zu Fuss zu gehen. Als der Mann Lia am Arm zerrt, schreit sie laut ";Nein, nein, nein!" Die Frau aus dem Laden kommt heraus und spricht die beiden an. Der Mann verschwindet im Auto und da Lia die Telefonnummer von zu Hause dabei hat, kann ihre Mutter benachrichtigt werden, um sie abzuholen. Nachdem Lia viel Lob von ihren Eltern für ihr Verhalten bekommen hat, schläft sie in den Armen ihrer Mutter ein.

Das Bilderbuch des ";Power-Child"-Vereins behandelt ein Thema, das wohl alle Menschen erschreckt.
Die bittere Realität ist jedoch leider nicht zu leugnen und so ist es umso wichtiger, die potentiellen Opfer sexueller Gewalt vor solch brenzligen Situationen zu schützen und ihnen Mittel an die Hand zu geben, die sie die Gefahr erkennen und entsprechend reagieren lassen. Das kann nur geschehen, indem ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird damit sie, wie Lia, mit lautem Schreien auf sich Aufmerksam machen können.
Es ist mir aber schon ein wenig eigenartig vorgekommen, dass die Erzieherinnen nicht zu allererst Lias Mutter kontaktiert haben, damit diese ihre Tochter abholen kann. Denn zum Schreibwarenladen ist die Mutter ja schließlich gekommen. So sind die Faktoren, die zu dieser unglücklichen Situation geführt haben, zwar nicht unbedingt überzeugend, doch sollen sie hier exemplarisch für eine solche stehen, um Kindern den Moment zu verdeutlichen, in dem sie vielleicht auf sich allein gestellt sein werden.

Dieses Buch von Veronica Ferres gibt sicherlich genug Gesprächsstoff, wenngleich der Zugang, der durch dieses Buch hergestellt wird, zunächst nicht sonderlich intensiv ist. Denn auch im Hinblick darauf, dass eine möglichst breite Leserschaft angesprochen werden soll, wird das Thema zu pauschal behandelt. Zu oberflächlich wird das Kind in seiner Welt angesprochen, um die Inhalte in dem gewünschten Ausmass zu verinnerlichen. Der trotz allem nur ziemlich flach verlaufende Spannungsbogen wird nur mit wenig Emotionalität unterstützt. Mehr emotionale Beschäftigung kann und sollte hier natürlich erreicht werden, indem sich der gemeinsamen Lektüre ein Gespräch anschliesst. Dabei wird dann natürlich auch deutlich, dass es ";den" schlimmen Mann nicht gibt und wie schwierig es für Kinder ist, herauszufinden, ob es sich um einen solchen handeln könnte. Denn wer ist ";Fremd"? Für Kinder gibt es hier viel zu viele Grauzonen - insofern ist der Mann, den Lia schon einmal auf dem Spielplatz gesehen hat, ein gut gewähltes Beispiel. Auch die Möglichkeit, die Lia in dem gegenüberliegenden Laden sieht, um Hilfe zu erlangen, ist ebenso ein guter Rat an die Kinder, Aussenstehende zu involvieren.

Die Illustrationen von Julia Ginsbach begleiten den Text sinngemäss. Die Farben sind pastellfarben und zurückhaltend zeigen aber dennoch eine fröhliche Grundstimmung. Die Mimik der Hauptdarsteller wird mit klaren Strichen vermittelt und zeigen ganz deutlich deren Gemütszustände. Obwohl die Illustrationen in ihrer freundlichen Art Kinder schnell ansprechen, wäre es meiner Meinung nach ein gutes Mittel gewesen, in den bedrohlichen Momenten ein wenig mutiger und ausdrucksstärker mit den Illustrationen zu arbeiten. Manche Details in den Zeichnungen lenken dann doch ein wenig vom Hauptgeschehen ab, z.B. die Spielzeugeisenbahn im Schaufenster in knalligeren Farben oder die Katze im Fenster kurz vor dem Einsteigen ins Auto.

Die Sprache ist leicht verständlich und flüssig. Viele Dialoge lockern das Vorlesen auf.

Der Verein ";Power-Child", bei dem Veronica Ferres seit 2002 Schirmherrin ist, engagiert sich für die Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder. Spielerisch werden dort die Inhalte altersgerecht in Theaterstücken und Puppenspielen vermittelt.

Fazit:

";Gewalt, sexuelle Gewalt gegen Kinder" ist ein wichtiges und zugleich schwieriges Thema. Dieses Buch bietet einen ersten Einstieg in dieses brisante Thema und gibt einen Impuls zu einer intensiveren Auseinandersetzung. Zwar insgesamt kindgerecht umgesetzt, bleibt es jedoch an der Oberfläche und lässt jene emotionalen Ankerpunkte vermissen, die die Geschichte für Kinder intensiver erlebbar gemacht hätten.

Sylke Wilmer-Gruchmann

Nein, mit Fremden geh ich nicht!

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