Der Schrat
- arsEdition
- Erschienen: Oktober 2024
- 0
Illustrationen von Emilia Dziubak; Hardcover, 40 Seiten
ISBN: 9783845858722


Ein Märchen, das gar nicht so weit weg von der Wirklichkeit ist
Der uralte Wandelwald steckt voller Geheimnisse. Er lebt von und mit der Veränderung, geschützt von unglaublichen Baumkronen und bewohnt von unzähligen Lebewesen, kleinen und großen. Um den Wandelwald ranken sich Erzählungen, Mythen und Legenden. Die wohl bekannteste und seit Generationen überlieferte Geschichte ist die vom Schrat: „Kein Mensch, kein Baum - ein Fabelwesen, / kann man in den Büchern lesen. / Doch brauchst du einen Rat, / dann frag den Schrat.” Auch die Geschwister Ubbe und Alva kennen diesen Spruch und nun ist es für sie an der Zeit. Denn sie brauchen genau das: einen Rat.
An einem Freitag im Herbst gehen die beiden also nicht zur Schule, sondern machen sich auf den Weg in den Wandelwald, um den Schrat aufzusuchen. Doch dafür müssen Ubbe und Alva erst einmal in die Tiefen des Waldes abtauchen. Mal ist der Pfad breit und eben, mal geht es über Wurzeln und Moos. Sie hören das nasse, bunte Laub unter ihren Schuhen und spüren die herbstliche kühle Brise im Gesicht. Doch es ist nicht nur das: Unterwegs haben die beiden immer wieder das Gefühl, beobachtet zu werden. Sind da etwa kleine Wesen im Bachlauf? Haben die Pilze Gesichter? Und warum blubbert es im Moor? Ein wenig unbehaglich fühlen Ubbe und Alva sich dabei, doch sie haben ihr Ziel klar vor Augen. Und dann ist es soweit: Sie erreichen den sagenumwobenen Schrat.
„Die Alten erzählten seit Generationen weitergereichte Geschichten über den Wandelwald. Dass er lebte, war nur eine davon. Andere erzählten von unterschiedlichsten magischen Wesen, die in seinem Schutz hausten, besonders von einem - dem Schrat.“
Wer schon ein paar Bilderbücher, zum Beispiel den „Furzipups“, von Kai Lüftner gelesen hat, kennt dessen Vorliebe für Reime. Und so verwundert es ganz und gar nicht, dass sich auch hier ein besonders eingängiger Vers eingeschlichen hat. Spätestens am Ende der Geschichte können ihn die Kleinen und Großen mitsprechen.
Wer ist denn nun dieser Schrat? Ein menschenähnlicher riesiger Baum, ein Zuhause für Eidechsen, Vögel und Eichhörnchen. Weise durch seine Lebenserfahrung und immer mit einem Lächeln im knorrigen Baumgesicht. So steht der Schrat nun fest verankert im Boden vor den beiden Kindern. Erst an dieser Stelle offenbart sich den Leserinnen und Lesern, warum Ubbe und Alva überhaupt diesen Ort aufsuchen wollten. Denn es ist eigentlich kein Rat, den sie brauchen. Vielmehr wollen sie den Schrat warnen: Es soll eine Straße mitten durch den Wandelwald gebaut werden. Er ist in Gefahr! Die Wald- und Fabelwesen sind ganz aufgebracht, auf welche Ideen die Menschen nun schon wieder gekommen sind. Einzig der Schrat bewahrt die Ruhe. Er kann die Entscheidung über den Straßenbau nicht ändern, doch er ist sich sicher, dass der Wandelwald weiterleben wird. Und so schenkt er den Kindern kleine Setzlinge - mit dem Auftrag, diese überall zu pflanzen…
Die Geschichte vom Wandelwald und seinen Bewohnern hat ganz klare fantastische, märchenhafte Züge. Gleichzeitig, und das ist das Originelle an diesem Kinderbuch, ist es schlicht und einfach eine Beschreibung unserer Natur. Denn auch sie ist ununterbrochen im Wandel, sie lebt. Da ist das Rascheln der Blätter, der schützende, tiefgrüne Moosteppich und das erstaunliche Miteinander von Pflanzen und Lebewesen - „Puzzleteile, die erst als Ganzes ein stimmiges Bild ergaben und diese Welt zu der machten, die sie war.“ Dieses Bilderbuch bietet eine wunderbare Gelegenheit, um mit den Kindern über die Bedeutung von Wäldern, Mooren, Wiesen und Bächen - unserer Natur - ins Gespräch zu kommen.
Es ist wohl kein Zufall, dass die polnische Illustratorin Emilia Dziubak den gestalterischen Part in diesem Bilderbuch übernommen hat. Tiere, eingebettet in ihren Lebensraum, spielen in ihren Zeichnungen immer eine zentrale Rolle. Die herbstlichen mal satten, mal gedeckten Farbtöne - orange, braun rot, gelb - machen die märchenhafte Geschichte zu einer wundervollen Lektüre für die ersten kühlen Herbstnachmittage. Wenn es draußen windig ist und nieselt, lauscht man gerne der Magie des Wandelwaldes. Die Illustrationen heben darüber hinaus die unglaubliche Schönheit und imposante Erscheinung der Natur hervor. Das Spiel mit den Perspektiven macht die Größenverhältnisse immer wieder deutlich. Doch auch wenn Ubbe und Alva zwischen den riesigen Bäumen klein und zart erscheinen, hat die Natur nichts Bedrohliches an sich. Sie wirkt vielmehr wie ein liebevoller schützender Ort. Ein Ort der Ruhe und Erdung. Jede Wurzel, jeder Ast, jedes noch so kleine Blatt hat in den Bildern mit viel Liebe zum Detail einen Platz.
Einzig der Text könnte manchen Kindern Probleme bereiten. Der Verlag setzt das Buch ab fünf Jahren an. Wem viel vorgelesen wird, kann der Geschichte in dem Alter vermutlich folgen, auch wenn der teils sehr poetische und metaphorische Schreibstil eine Herausforderung sein dürfte. Begriffe wie „Organismus“, „Schutzfunktion“, „Symmetrie“ oder „Farbenreigen“ dürften darüber hinaus eher unbekannt sein. Lange Sätze, Aneinanderreihungen von Adjektiven und umfassende Beschreibungen der Natur sind für Erwachsene wunderschön zu lesen, für Kinder jedoch möglicherweise zu ausschweifend. Grundsätzlich ist das aber kein Problem, denn dieses Märchen richtet sich an alle - egal ob klein oder groß. Dafür ist die Message zu bedeutend.
Fazit
Ein naturmystisches Märchen, das uns die Schönheit der Wälder, Moore, Wiesen und Wasserläufe vor Augen führt. Dieses Bilderbuch sticht aus der Masse an Neuerscheinungen heraus und nähert sich einem hochaktuellen Thema aus ganz anderer Perspektive.


Deine Meinung zu »Der Schrat«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!