Opas Herz
- Gerstenberg
- Erschienen: Juni 2025
- 0
Hardcover, 48 Seiten
ISBN: 9783836963381


Ein berührendes Kinderbuch mit einer starken Botschaft
Endlich ist es soweit: Hans fährt mit seinen Eltern wieder zu Oma und Opa. Ganz lange musste er darauf warten, immer kam etwas dazwischen oder war wichtiger. Doch nun möchten Mama und Papa selbst ganz schnell zu Opa, denn sein Herz stottert und stolpert. So nennen das zumindest die Erwachsenen. Opa liegt im Krankenhaus und Hans wünscht sich nichts sehnlicher, als ihn endlich besuchen zu dürfen. Doch aus irgendeinem Grund darf er dort nicht hin: Es sei zu viel für Opa. Unsinn, denkt Hans, aber ihm bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Aber einfach so herumsitzen kann er nicht, also geht Hans auf Erkundungstour.
Obwohl in dem Dorf, in dem Opa und Oma leben, eigentlich nicht viel los ist, vergehen die nächsten Tage wie im Flug. Dafür sorgt schon allein Liv, das Nachbarsmädchen: Sie finden besondere Schätze und tauschen diese untereinander, flitzen über regennasse Wiesen und entdecken neue Wörter. Irgendwann merkt Hans, dass er die Sache mit dem Krankenhaus vielleicht selbst in die Hand nehmen sollte. Auf der B156 geht es Richtung Krankenhaus, sagt die Verkäuferin aus der Bäckerei. Also macht er sich zusammen mit Liv und Mats, den sie zwischendurch aufgabeln, auf den Weg…
„Opa ist krank. Aber wenn er krank ist, muss er auch wieder gesund werden. Erst ist er krank … dann wieder gesund. Weil es so ist.“
Mit Hans ist Judith Burger eine ganz wunderbare Hauptfigur gelungen, die uns mitnimmt auf eine Reise in die kindliche Gefühls- und Gedankenwelt. Die Erwachsenen versuchen, die schwere Erkrankung des Großvaters, welche übrigens nicht genau benannt wird, möglichst kindgerecht zu vermitteln. Jedoch helfen Hans die vielen Umschreibungen nicht wirklich weiter: Papa sagt, das Herz stottert, und Oma sagt, es sei gestolpert. Was ist denn nun mit Opas Herz passiert? Hans versteht auch nicht, warum es für Opa zu viel wäre, wenn er mit Mama und Papa ins Krankenhaus fährt: Schließlich ist er doch „viel kleiner als Mama und Papa und kann gar nicht zu viel sein.“
Auf wundervoll warmherzige Weise führt diese Geschichte vor Augen, dass Kinder so viel mehr mitbekommen, als wir Erwachsene denken. Manchmal schadet es auch nicht, einfach mit der Wahrheit herauszurücken, als die ganze Zeit um den heißen Brei herumzureden. Themen wie Krankheit, Tod und Trauer sind definitiv nicht leicht zu besprechen, doch blumige Metaphern sind nicht immer die beste Wahl, sondern können durchaus verwirren. Klare Aussagen und eine liebevolle Begleitung sind für viele Kinder da die bessere Alternative.
Möchte man das Buch den klassischen Kategorien zuordnen, passt es wohl am ehesten zu den Vorlesebüchern. In diesem Fall kann die Altersangabe ab 7 Jahren schon ein wenig heruntergestuft werden. „Opas Herz“ bietet einen kindgerechten Zugang zur Auseinandersetzung mit schweren Erkrankungen innerhalb der Familie sowie dem Älterwerden im Allgemeinen. Durch die einfach strukturierten Sätze sowie dem kindlichen Wortschatz ist die Geschichte auch schon für Leseanfängerinnen und Leseanfänger denkbar.
„Tin-nef. Ein neues Wort ist auch ein Schatz. Vielleicht gefällt Opa das auch. Hans nimmt sich vor, das Wort mit ins Krankenhaus zu nehmen, wenn er Opa besuchen darf.“
In Hans schlummern so viel kindliche Neugier und Begeisterung für die kleinen Besonderheiten im Alltag: eine Pfütze vor dem Supermarkt, das Gefühl eines klebrigen Bonbons auf der Zunge oder unscheinbare Gegenstände, die eine eigene fantasiereiche Geschichte erzählen wollen. Gerüche, Formen und Farben - alles wird eingefangen, alles ist wichtig und muss erzählt werden. Was bleibt, ist das Gefühl, dass wir in unserem hektischen Alltag viel zu oft den Blick für das Wesentliche aus den Augen verlieren.
Ein absolutes Highlight sind die liebevollen Illustrationen von Julie Völk, welche stets zum Verweilen und Schmunzeln einladen. Genau so stellt man sich Hans vor. Weiche, farbenfrohe Buntstiftzeichnungen und klare, einfache Striche ergeben einmalige, kontrastreiche Bilder. Ohne viel Schnickschnack, aber mit ganz viel Lebensfreude und sprudelnder Energie. Am oberen Seitenende finden sich stets kleine Illustrationen von Gegenständen, die in dem zugehörigen Textabschnitt eine Rolle spielen: ein Regenschirm, ein Türknauf, ein Salamibrot und noch vieles andere mehr.
Es ist die Geschichte einer innigen Opa-Enkel-Beziehung, die bis zu den letzten Seiten allein auf Hans’ Erinnerungen an seinen Großvater basiert. Gemeinsame Erlebnisse, vertraute Möbelstücke oder anvertraute Gedanken schaffen eine spürbare Präsenz der Figur, obwohl diese zunächst nicht in Erscheinung tritt. Insbesondere eine Lebensweisheit seines Opas lässt Hans nicht los: Die Dinge sind im Fluss, alles verändert sich - erst ist es so, dann so. Diese fast schon poetische Formel zieht sich wie ein roter Faden durch den Text und wird immer wieder aufgegriffen. Erst war das blutige Knie kaputt, dann wieder heile. Erst hängen die Äpfel am Baum, dann wird aus ihnen leckerer Apfelsaft. Erst ist man klein, dann ist man groß. Für Hans sind diese Schlussfolgerungen wie ein Anker auf stürmischer See. Ein starkes Band, das immer halten wird.
Fazit
Diese Geschichte schärft den Blick für das Wesentliche, feiert die kindliche Neugier und berührt durch eine wundervolle Opa-Enkel-Beziehung. Ein facettenreiches Vorlesebuch voller Gesprächsanlässe und Erkenntnisse für Klein und Groß.


Deine Meinung zu »Opas Herz«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!