Kindliche Wut kommt nicht aus dem Nichts - genaues Hinschauen und Begleiten ist gefragt.
Klein zu sein kann ganz schön anstrengend sein. Immer wieder muss man sich unterordnen, auf andere warten oder Dinge tun, die man gar nicht machen möchte. Für Tilly sind diese Momente nur schwer auszuhalten und oft kocht genau dann die Wut in ihr hoch. Dann kann es passieren, dass sie Dinge kaputt macht, haut, tritt oder sogar beißt. Oft tut es ihr später leid, doch ist ihre Wut in vielen verschiedenen Situationen einfach so groß, dass sie sich einfach nicht mehr anders zu helfen weiß.
Zum Glück ist das nicht immer so. Kurz nach dem Aufstehen startet sie erst einmal fröhlich in den Tag, frühstückt und schon flitzt sie begleitet von Mama mit dem Laufrad in die Kita, wo sie gerne mit den anderen Kindern spielt. Wenn es dann zum Mittagessen geht (schmeckt nicht), das Aufräumen ansteht und Mama auf sich warten lässt, beginnt die Wut langsam in ihr aufzusteigen. Der anschließende Ausflug zum Spielplatz findet ein schnelles Ende, als sie Juli Krokodil die Schaufel wegnimmt, sodass Mama mit ihr nach Hause geht. Dort angekommen scheint erst einmal alles gut zu sein, das gemeinsame Kochen macht Spaß und fernsehen ist natürlich auch toll. Umso größer ist die Wut, als Mama den Fernseher ausschaltet und Tilly baden soll. Tilly haut, tritt und beißt. Ob Mama Tilly wohl trotzdem noch lieb hat und vielleicht sogar eine Idee mitbringt, was Tilly brauchen könnte, um mit ihrer Wut umzugehen?
Wenn die Wut überkocht
Wer Kinder hat, kennt die kleinen und großen Wutausbrüche wahrscheinlich nur zu gut: Morgens sollen die Zähne geputzt werden, auf dem Toast ist statt Honig Marmelade oder es müssen unbedingt die Sandalen angezogen werden, auch wenn es draußen in Strömen regnet. Mittags ist die Abholzeit von der Kita grundsätzlich zu früh oder zu spät, ist der Roller dabei, wird lieber gelaufen und ohne Roller ist das Drama groß, wenn der Heimweg zu Fuß bestritten werden muss. Lassen sich Dinge nicht ändern, wird nicht auf die Wünsche eingegangen oder ist es manchmal einfach aufgrund von Wetter oder Terminen nicht anders möglich, kocht die Wut der Kinder über, was je nach Temperament unterschiedlich ausfallen kann. Während sich bei den einen Kindern die Wut lautstark durch Brüllen äußert, toben andere Kinder mit ganzen Körpereinsatz, sodass Verletzungen nicht ausgeschlossen sind und auch schon einmal etwas zu Bruch gehen kann.
Für viele Eltern sorgen kindliche Wutausbrüche oft für zusätzlichen Stress im durchgetakteten Alltag. Zeitlich ist kaum Spielraum vorhanden, um angemessen auf Wutausbrüche zu reagieren oder bestenfalls den Alltag so zu gestalten, dass Kindern genug Raum für Autonomie bleibt und Bedürfnisse erfüllt sind, sodass es gar nicht erst zu einem überkochen der Wut kommt. In „Was wütest du so sehr, kleiner Pandabär?“ begleiten die kleinen Leserinnen und Leser Tilly durch ihren Alltag. Beim Lesen wird schnell klar: Tillys Wut hat immer eine Vorgeschichte und setzt sich aus vielen kleinen Bausteinen zusammen. Gelingt es ihr anfangs noch, über die eklige Suppe in der Kita hinwegzusehen, das leidige Bastelprogramm mitzumachen oder auch aufzuräumen, wird die innere Wut spätestens dann zu groß, als ihr einer der Bausteine schmerzhaft auf den Zeh fällt. Die Ermahnung der Erzieherin, nicht wütend mit den für den Schmerz verantwortlichen Bausteinen zu werfen, ist da nur wenig hilfreich.
Obwohl sich das Buch eigentlich an Kinder richtet, spricht die Geschichte auch die großen Leserinnen und Leser an und fordert sie auf, genau hinzuschauen, was hinter den kleinen und großen Wutausbrüchen im Familienalltag steckt. Dies wird auch im Nachwort deutlich, das sich explizit an Erwachsene richtet und erklärt, was Wutausbrüche wirklich sind: „[…]Wutanfälle sind dann eben keine Bockigkeit, sondern ein Ausdruck echter emotionaler Wut. Und genau so sollten wir die Zornausbrüche unserer Kinder auch begleiten: zugewandt, verständnisvoll und ohne zu bewerten, ob die Wut nun angemessen ist oder nicht.“
Gestaltung
Wer bereits die Bücher „Was weinst du denn so viel, kleines Krokodil?“ oder „Und was fühlst du, Känguru?“ von Nora Imlau kennt, dem wird das Buch direkt vertraut vorkommen. Wie auch die anderen beiden Werke wurde auch dieses Band wieder von Lisa Rammensee illustriert, sodass sich die Bilder direkt vertraut anfühlen. Betrachtet man das Buch aufmerksam, stößt man bei der Kindergärtnerin Frau Giraffe, beim Spaziergang mit Frau Nilpferd oder beim Bild im Kinderzimmer, auf dem sowohl Juli als auch Quirin abgebildet sind, welche die Protagonisten der anderen beiden Bücher darstellen, auf alte Vertraute. Eine Szene im Buch, in der Tilly Juli Krokodil die Schaufel wegnimmt, findet sich sogar in beiden Büchern, nur jeweils aus einer anderen Perspektive mit verschiedenem Schwerpunkt.
Auch sprachlich ähneln sich die Bücher, deren Texte alle in gut lesbaren Reimen verfasst sind. Je nachdem, ob man die Pappvariante oder die großformatige Bilderbuchvariante wählt, unterscheidet sich die Altersempfehlung, die bei der Pappvariante mit ab 24 Monaten und bei der Hardcovervariante mit ab 4 Jahren angegeben ist. Inhaltlich sind die Bücher gleich, allein die Stabilität der Seiten macht hier den Unterschied. Da der Textanteil schon recht hoch ist, kann die Ausdauer gerade bei ungeduldigen Zweijährigen noch nicht ausreichen, um das Buch in Gänze zu lesen, wie wir bei unserem Zweijährigen feststellen mussten. Da das Buch inhaltlich ein Thema aufgreift, welches auch für ältere Kinder im Kindergarten noch relevant ist, wächst das Buch gut mit und sorgt für langen Lesespaß. Die Texte laden auch die großen Leser zur Reflexion über das Thema Wut, Regulation und Umgang mit kindlichen Emotionen (vielleicht ja auch mit den eigenen?) ein, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Es eignet sich zudem, um mit den Kindern über das Thema Wut und den Umgang mit dieser ins Gespräch zu kommen.
Fazit
Ein empfehlenswertes Buch, das seinen Vorgängern um nichts nachsteht und den Umgang mit Wut kindgerecht und zugewandt thematisiert.



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