Wundervoll anders
- Dorling Kindersley
- Erschienen: Juli 2025
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Ein breit aufgestelltes Buch, in dem Neurodivergenz kindgerecht erklärt wird und in dem vor allem die positiven Seiten der verschiedenen Diagnosen im Fokus stehen.
„Jeder Mensch ist anders!“ - Ein Satz, den wahrscheinlich niemand anzweifelt. Es ist ja offensichtlich, dass wir uns in unserer Haar- und Augenfarbe, unserer Größe, unserer Sprache oder unserem Alter voneinander unterscheiden. Dass sich auch unsere Gehirne in der Art, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir fühlen und wie wir denken, teilweise stark voneinander unterscheiden, ist vielen hingegen noch nicht klar. Schließlich denkt ein großer Teil der Menschen gleich, also „typisch“, was sich auch im zugehörigen Wort „neurotypisch“ widerspiegelt. Denkt oder fühlt man hingegen anders, ist also „neurodivergent“, stößt man in vielen Bereichen oft auf Unverständnis. Sprüche wie „Du musst dich beim Lesen/Rechnen/Sport einfach mal anstrengen!“ oder „Stell dich nicht so an, die anderen bekommen das doch auch hin!“ gehören für Menschen mit LRS, Dyskalkulie, ADHS oder Autismus zur Tagesordnung. Kein Wunder, dass mit der Zeit oft Selbstzweifel am eigenen Selbstwertgefühl nagen. In „Wundervoll anders“ geht Louise Gooding dem Thema auf den Grund und zeigt, welche Stärken in den unterschiedlichen Bereichen der Neurodivergenz liegen.
Das Gehirn: unser Denkapparat, der alles steuert
Wer verstehen will, warum wir uns in unserem Fühlen, Handeln und Denken voneinander unterscheiden, sollte sich zunächst einmal mit unserem Gehirn beschäftigen. Im ersten großen Abschnitt des Buches „Gehirne arbeiten großartig“ geht Louise Gooding daher auch genau auf dieses Thema ein. Sie erklärt, was Nervenverbindungen sind, wie unser Gehirn aufgebaut ist, welche Aufgabe das limbische System hat und wie Botschaften vom Gehirn an verschiedene Körperteile gesendet werden. Eine besondere Rolle im Gehirn haben dabei auch Hormone wie Dopamin, Adrenalin oder Melatonin, die uns in unserem Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen.
Im nächsten Abschnitt „Gehirne sind wundervoll divers“ stellt die Autorin verschiedene Arten des Denkens und Erlebens vor. Zu Beginn des Kapitels macht sie deutlich, dass kein Gehirn dem anderen gleicht und jedes seinen eigenen Bauplan hat, wie anhand eines bunten Bildes mit vielen kleinen Bausteinen deutlich wird. Auch wie eine neurodivergente Person mit ihrer Besonderheit umgeht, ist ziemlich unterschiedlich. Manchmal ist es daher gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden. Für manche Personen macht es beispielsweise einen großen Unterschied, ob man sie als „autistisch“ oder als „eine Person mit Autismus“ bezeichnet, je nachdem, ob sie Autismus lieber getrennt von sich oder als Teil ihrer Persönlichkeit betrachten. Da viele neurodivergente Personen nicht möchten, dass man sie als „anders“ wahrnimmt, ist das sogenannte „Masking“, ein weit verbreitetes Phänomen, bei dem Betroffene versuchen, alle Unterschiede zu neurotypischen Menschen zu verbergen.
Nach all den Grundlagen geht Louise Gooding anschließend näher auf verschiedene Diagnosen ein, die zum Bereich Neurodivergenz gezählt werden. Den Anfang machen die beiden großen Bereiche Autismus und ADHS, von denen wahrscheinlich jeder schon einmal gehört und zumindest eine grobe Vorstellung hat. Dass diese Vorstellung oft relativ klischeebehaftet ist, wird in ihren Beschreibungen deutlich. Weiter geht es mit den Bereichen Dyspraxie, Legasthenie, Synästhesie, Dyskalkulie und Dysgraphie, von denen wahrscheinlich deutlich weniger Menschen bereits gehört haben und die etwas unbekannter sind. Auch geht die Autorin in diesem Kapitel auf Verarbeitungs-, Schlaf- und Zwangsstörungen sowie Angst, Depression, Krampfanfälle, Epilepsie, Zerebralparese, Tic- und Bipolare Störungen ein, welche ebenso im Zusammenhang mit unserem Gehirn stehen.
Auch wenn man oft hört, es handele sich bei Autismus, ADHS und Co um Modediagnosen, die es früher nicht gab, zeigt ein Blick in die Geschichte, wie falsch diese Behauptung ist. In ihrem nächsten Abschnitt „Neuro-Vielfalt in der Geschichte“ geht Louise Gooding weit zurück in die Vergangenheit bis ins alte Ägypten, wo bereits von neurologischen Unterschieden geschrieben wurde. Auch der bekannte Arzt Hippokrates zweifelte bereits 400 v. Chr. die damals verbreitete Auffassung an, nach der entsprechende Krankheiten von den Göttern geschickt worden seien, und ging von natürlichen Ursachen aus. Je weiter man dem langen Zeitstrahl folgt, desto häufiger mehren sich die Erkenntnisse, die nach und nach auch einen Namen bekommen. 1885 wird das Tourette-Syndrom benannt, 1908 wird das Wort Autismus geprägt und 1987 wurde der Begriff ADHS eingeführt.
Auch darauf, wie „Ein modernes Verständnis“ im Alltag aussehen kann, geht die Autorin ein. Denn dass sich neurodivergente Menschen verstecken müssen, mit neurotypischen Alltagsanforderungen struggeln und häufig immer noch ein Stigma tragen, muss nicht sein. Dass man trotz oder gerade durch seine Neurodivergenz auch ziemlich erfolgreich sein kann, wird durch ihre Beispiele am Ende deutlich, in denen sie anhand prominenter Biografien neurodivergenter Menschen zeigt, welche Stärken in den verschiedenen Diagnosen liegen können.
Vielfalt leben
Mit „Wundervoll anders“ geht Louise Gooding kindgerecht auf ein Thema ein, das uns alle mehr oder weniger betrifft. Man schätzt, dass etwa 15-20% der Bevölkerung neurodivergent sind, also etwa jeder 5. Mensch die ein oder andere Besonderheit hat. Keiner kann also sagen, ihn gehe das Thema nichts an. Der Umgang mit neurodivergenten Menschen ist jedoch weiterhin von Vorurteilen und Stigmatisierung geprägt, da wenig Wissen oft zu vielen falschen Annahmen führt. Immer noch müssen sich Betroffene von Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxie oder Dysgraphie anhören, sie müssen sich einfach nur mehr anstrengen und würden ihre Diagnose als billige Ausrede nutzen, um eine Begründung für ihre Schwächen zu haben. Eltern von Kindern mit ADHS werden Erziehungstipps gegeben, wie sich das Kind endlich mal besser an Regeln hält oder Autisten sollen sich mal nicht so haben, schließlich kommen alle anderen auch mit der Lautstärke, den visuellen Reizen oder der Enge im Klassenzimmer klar.
Hier ist Aufklärung dringend notwendig, damit Kinder zu kompetenten Erwachsenen werden können, die Vielfalt in der Gesellschaft, egal in welchem Bereich, als selbstverständlich ansehen. Da liefert das Buch einen guten Ansatzpunkt, indem es auf verschiedene Besonderheiten eingeht und aufklärt. Man merkt, dass die Autorin selbst betroffen ist und ihr das Thema am Herzen liegt, da sie im Buch immer wieder selbst zu Wort kommt und ihre Erfahrungen teilt.
Dass das Buch ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum kommt, wird jedoch auch deutlich, da viele der im letzten Teil genannten Personen hierzulande nicht sonderlich bekannt sind und daher wenig Identifikationspotenzial bieten. Auch an anderen Stellen gibt es ein paar Kritikpunkte: So wird der Begriff ADS eigentlich nicht mehr verwendet und ist in der Abkürzung AD(H)S inbegriffen, und auch die Bereiche Angst, Depression oder Schlafstörung werden eher weniger zur Neurodivergenz hinzugezählt und treten häufiger als Begleiterscheinung auf. Hier ist das Buch an einigen Stellen nicht ganz klar. Auch lässt sich darüber streiten, ob „Wundervoll anders“ ein passender Titel ist oder eher zu viel Positivität enthält, schließlich bringen beispielsweise Dyskalkulie, ADHS oder auch Legasthenie oft eine Menge Probleme mit sich, und nicht wenige Betroffene hadern nicht selten mit ihrer Besonderheit.
Gestaltung
Optisch springt das Buch durch seine bunten Farben direkt ins Auge, und auch innen dominieren kreative Anordnungen und farbenfrohe Seiten. Das Buch ist in vier große Abschnitte aufgeteilt, in denen sich die Doppelseiten dann nochmal mit einem passenden Oberthema beschäftigen. Anstatt eines großen Textes finden sich auf den Seiten viele kleine Texte, die sich collagenartig über die Seite verteilen und von kleinen Bildchen begleitet werden. Durch die abwechslungsreiche Gestaltung spricht das Buch junge Leser an und passt zum Alter der Zielgruppe, die mit Kindern ab 7 Jahren angegeben ist.
An vielen Stellen bleibt das Buch etwas oberflächlich. Zwar geht es ziemlich stark auf den Aufbau und die Besonderheiten des Gehirns ein, doch welche biologischen Ursachen Neurodivergenz hat und wie sie entsteht, bleibt weitestgehend offen. Gerade betroffenen Kindern würde es helfen, nachvollziehen zu können, was bei ihnen anders ist bzw. wodurch ihre Probleme entstehen.
Fazit
Das Buch liefert viele gute Ansätze und geht kindgerecht auf ein Thema ein, das immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt, um das sich aber auch noch immer viele Vorurteile ranken. Teilweise will das Buch etwas zu viel, sodass es zwar viele Themen aufgreift, aber oft nur an der Oberfläche kratzt.

Louise Gooding, Dorling Kindersley

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