Eine spielerische Reise durch die Welt der Buchstaben.
Meist entsteht das Interesse an Buchstaben im Laufe der Kita-Zeit. Beim Vorlesen wird nach einzelnen Buchstaben gefragt, es wird „Lesen“ gespielt und erste Versuche den eigenen Namen zu schreiben starten. Fragen wie „Mit welchem Buchstaben beginnt Apfel?“ zeigen, dass sich das Gefühl für Sprache langsam weiterentwickelt und Wörter als Zusammensetzung von Buchstaben erkannt werden. Mit „Von Apfelbaum bis Zickzackzauberworte“ nimmt Cornelia Funke Vorschulkinder und Schulstarter mit auf eine Reise durch unser Alphabet. Von „Allein im alten Apfelbaum“ bis „Oh, zauberzüngiges Z“ bekommt jeder Buchstabe seinen eigenen Auftritt in Form eines fantasievollen Texts, bei dem der jeweilige Buchstabe im Fokus steht.
Geschichten von alten Apfelbäumen, brummenden Bären, quengelnden Quallen und roten Raupen
Wie könnte es bei einem Buch über das Alphabet auch anders sein, dreht sich in der ersten Geschichte alles um den Buchstaben A, der vom Apfelbaum, Abenteuern, Amseln, Apfelkernen und Mamas Auto erzählt. Weiter geht es mit dem B, das von blauen Tagen voller brummender Bären, löchriger Boote und bellender Hunde berichtet. Überblättert man das C, D, E und F gelangt man zum G, bei dem dieses Mal mit gelb und grün wieder zwei Farben im Mittelpunkt stehen. Egal ob ganz grün und gelb vor Glück oder geschwind wie ein Gecko, das G zeigt seine Vielseitigkeit. Tierisch geht es beim L zu, denn mit Lama, Lemur, Löwe, Leopard, Laubfrosch, Libelle und dem Lindwurm sind es auf jeden Fall viele! Auch das P hat so einiges zu bieten. Mal sind es Pinguine in einer Palme, ein andermal Papageien in warmen Pullovern oder plusternde Pfauen. Mit dem Pinsel lässt sich phantastisches aufs Papier bringen!
Eine ganze Menge an Wörtern liefert auch das S. Ob Schatten, Schlafanzug, Stern, Schlittschuh, Spinne, Sturm, scheußlich, schrecklich, schön oder auch süß, hier ist Abwechslung enthalten. Erzählt das U Geschichten aus dem unglaublichen Urwald mit Ungeheuern und Unken, geht es beim W winterlich zu, denn besucht man den Wald, wirbeln Flocken weiß wie winzige Wolken, während wir mit Wildschwein, Waschbär, Wolf, Wiesel, wolligen Kaninchen und warmnasigen Rehen wilde Namen rufen. Den Abschluss macht – wie könnte es anders sein – das Zickzack-Z, mit dem sich nicht nur tolle Zauberworte schreiben lassen, sondern welches gleichzeitig beim Zählen von Zebras auf der Zunge zischt.
Buchstaben lernen leicht gemacht?
„Von Apfelbaum bis Zickzackzauberworte“ richtet sich an Kinder ab 5 Jahren und soll ihnen spielerisch das Alphabet näherbringen. Auf den ersten Blick eine tolle Idee, Kindern ganz nebenbei beim Vorlesen das Alphabet zu vermitteln, indem es zu jedem Buchstaben einen kurzen Text gibt, in welchem dieser dann besonders häufig vorkommt, sodass sich der Buchstabe dann sowohl optisch als auch vom Laut her ganz nebenbei bei den Kindern einprägt. Schlägt man das Buch auf, befindet sich im Inneren des Covers auch direkt ein Alphabet, leider mit ausgemalten „Innenräumen“ was bei uns zunächst für etwas Verwirrung sorgte, da sich die Buchstaben so doch vom gewohnten Bild unterscheiden.
Blättert man dann weiter zur ersten Geschichte mit dem Buchstaben „A“, sticht die stimmungsvolle Illustration eines großen Apfelbaums direkt ins Auge, welche sich über die komplette Doppelseite erstreckt. Schaut man etwas genauer hin, erblickt man auch schnell einen Jungen vor einer Leiter, der ein großes A nach oben hält, sodass man direkt weiß, um welchen Buchstaben sich alles auf der Seite dreht. Liest man dann den zugehörigen Text, findet man viele Wörter mit fettgedrucktem A/a, die sich auch im Bild wiederfinden, wie beispielsweise am ersten Satz deutlich wird:
„Allein im alten Apfelbaum, von Ast zu Ast, auf Abenteuer.“
Wer sich etwas mit dem Lesenlernen und dem Lernen von Buchstaben auskennt, dem fällt vielleicht hier schon auf, worin ein großer Kritikpunkt liegt: Auch das A/a in Diphtongen wie Au/au wird zum A gezählt, wobei es sich um einen ganz anderen Laut handelt, den Kinder in der Grundschule als eigenständige Buchstabenkombination lernen. Blättert man ein paar Seiten weiter und gelangt zum E/e wird das Problem noch deutlicher, denn auch hier finden sich neben wenigen reinen E/e-Lauten viele schwierige Kombinationen. Beginnend mit Eicheln, wo man das erste E gar nicht hört und nur ein Ei wahrnimmt, finden sich das E hier unter anderem in Eule als Eu, in sie als ie oder auch in größer, wo es als sogenannter Schwa-Laut zu hören ist, der in der Grundschule separat besprochen wird und der sich vom eigentlichen E/e-Laut ebenfalls unterscheidet. Ähnliche Schwierigkeiten lassen sich auch beim C/c, H/h, P/p, S/s und Y/y erkennen, bei denen unterschiedlichen Lautmöglichkeiten vorkommen, welche nicht extra thematisiert werden.
Zwar ist es schön, dass neben dem großen Buchstaben auch direkt vermittelt wird, dass es zu jedem Buchstaben noch ein kleines Pendant gibt, gleichzeitig ist das Erkennen der Anlaute der erste Einstieg in die Welt der Buchstaben, während das Erkennen der Laute im Wort für viele Kinder noch einmal eine ganz neue Herausforderung ist und für die meisten Kinder etwas viel auf einmal sein wird, sodass beispielsweise das A in Mama oder das k in wirklich von vielen Kindern noch nicht erkannt werden.
Inhalt und Gestaltung
Inhaltlich erzählt jeder Buchstabe seine eigene Geschichte, die unabhängig von den anderen funktioniert. Ob ich also mit dem M beginne, anschließend zum Z und wieder zurück zum B springe, spielt keine Rolle. Zwar sollen die Texte die Vorstellungskraft stärken, jedoch fällt es vielen Kindern schwer, sich auf diese Art von Texten einzulassen, die eher an Gedichte erinnern. Oft können Vor- und Grundschulkindern noch wenig mit sprachlichen Bildern anfangen, sodass Verse wie „Und all die Dunkelheit ist plötzlich weich wie Dollis Fell“ oder „Der Mond gießt silberne Milch aufs Meer“ viele Fragezeichen hinterlassen und der tiefere Sinn nicht klar wird.
Sprachlich sind die Texte in melodiösen Versen verfasst, wodurch Sprachgefühl und Sprachrhythmus geschult werden. Dadurch, dass es zu jedem Buchstaben oft nur wenige Zeilen in schlichter Schrift sind (das kleine a wird beispielsweise ohne Schnörkel geschrieben, so wie es auch in der Grundschule gelernt wird), eignen sich die Texte gut für Erstleser*innen.
Gut gelungen sind die Illustrationen von Joana Dürnberg, die zu jedem Buchstaben eine passende Doppelseite gestaltet hat. In jedem Bild versteckt sich mindestens einmal der jeweilige Großbuchstabe, um den es in der Geschichte geht und auch sonst lässt sich das ein oder andere passende Motiv in den teils wimmeligen Bildern entdecken, wobei auch hier teilweise die Wörter nicht so einfach dem Laut zuzuordnen sind, da sich beispielsweise das O bei Kohl, Mops und Kartoffeln in der Mitte befindet und nicht so leicht herauszuhören ist. Schön wäre es gewesen, wenn auch die zugehörigen Kleinbuchstaben mit ins Bild eingebaut worden wären, da sie ja auch in den Texten fettgedruckt vorkommen (interessanterweise ist beim R nur der Kleinbuchstabe zu finden…).
Man merkt, dass bei der Gestaltung des Buches auf Diversität geachtet wurde. Blättert man durch die Bilder, begegnen einem Mädchen und Jungen verschiedener Haut- und Haarfarben, manche tragen eine Brille, die Kleidung ist eher neutral gehalten und auch wenn sich nur ein Kind mit Kopftuch im Buch findet, zeigt sich dadurch, dass das Thema religiöse Vielfalt mitgedacht wurde.
Fazit
Auch wenn die Idee hinter dem Buch erstmal überzeugend klingt, weist die Umsetzung einige Schwächen auf, sodass sich die Geschichten nur sehr bedingt dazu eignen, Kindern das Alphabet näher zu bringen. Auch inhaltlich sind die Texte für viele Kinder im Vor- und Grundschulalter durch die bildreiche Sprache häufig nur schwer zu fassen, sodass der Funke oft nicht überspringt.



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