Konfetti im Kopf

  • EMF
  • Erschienen: Mai 2026
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Kathrin Walther
84%1001

Kinderbuch-Couch Rezension vonJul 2026

Idee

Endlich ein Kinderbuch, in dem ADHS zeitgemäß und kindgerecht erklärt wird. Das Buch vermittelt sowohl Betroffenen als auch neurotypischen Kindern erstes Basiswissen und hilft, ADHS besser zu verstehen.

Bilder

Anschauliche Bilder, die beim Nachvollziehen der Inhalte helfen. Gerade am Anfang wirken die Seiten jedoch sehr überladen.

Text

Für Kinder ab 5 Jahren, die bisher keinerlei Berührpunkte zu ADHS hatten, sind die Texte relativ anspruchsvoll und passen besser zum Grundschulalter oder zu Kindern mit „Vorkenntnissen“.

Ein empfehlenswertes Aufklärungsbuch über ADHS.

Über 180 Jahre ist es her, dass in der Geschichte vom Struwwelpeter verschiedene Verhaltensweisen von Kindern thematisiert wurden, die nicht der eines „braven“ Jungen oder Mädchens entsprachen. Oft wird das Kinderbuch als eines der ersten Werke über ADHS in seinen verschiedenen Facetten angesehen - wenn auch die pädagogischen Ansätze und das damalige Menschenbild aus heutiger Sicht mehr als fragwürdig sind. Seitdem hat sich die Wissenschaft zum Glück deutlich weiterentwickelt und man weiß, dass es sich beim Zappel-Philipp oder beim Hanns Guck-in-die-Luft nicht einfach um unerzogene Kinder handelt, sondern bei beiden höchstwahrscheinlich ein anders funktionierendes Gehirn die Ursache ihres unkonventionellen Verhaltens ist. Durch das wachsende Bewusstsein steigt auch die Zahl der Diagnosen, gleichzeitig gibt es kaum moderne Kinderbücher, in denen altersgerecht erklärt wird, warum Freund oder Freundin, Bruder oder Schwester oder auch man selbst sich schlechter konzentrieren kann, immer in Bewegung ist oder mit verschiedenen Reizen nicht so gut zurechtkommt. Diese Lücke ist auch Doreen Aldugan aufgefallen, die selbst eine ADHS hat. Mit „Konfetti im Kopf“ hat sie daher ein modernes Kinderbuch entwickelt, in dem das Thema kindgerecht und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft thematisiert wird.

Chaos in der Konfetti-Fabrik

In unserem Kopf ist eine Menge los! Als Schaltzentrale im Körper müssen hier alle Informationen verarbeitet und weitergeleitet werden, die wir sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen. Auch wenn man davon normalerweise nichts sieht, kann man sich das Ganze wie ganz viel buntes Konfetti vorstellen, das in einer Fabrik zunächst sortiert und in Päckchen verpackt werden muss, bevor es auf langen Fließbändern von einem Ort zum nächsten transportiert werden kann. Manchmal muss es zwischengelagert werden, da es erst später benötigt wird, ein andermal wird es direkt gebraucht und muss sofort an die richtige Stelle weitergeleitet werden. Normalerweise läuft in dieser Fabrik alles geordnet, und sowohl der Transport als auch die Lagerung der Päckchen funktioniert ohne größere Probleme. Mit ADHS kann es in der Konfetti-Fabrik hingegen ganz schön turbulent zugehen: Manche Maschinen laufen, obwohl sie nicht gebraucht werden, andere laufen schneller als notwendig und vieles passiert gleichzeitig. Dadurch, dass in der Fabrik so viel los ist, kann es schnell passieren, dass Konfetti auch mal verloren geht oder am falschen Ort landet. Da die meisten Maschinen immer auf höchster Stufe fahren, steckt in diesen Fabriken (bzw. Gehirnen) aber auch eine Menge Energie, Kreativität und Gefühl, was nicht nur Menschen mit ADHS, sondern meist auch ihren Familien, Freunden oder Lehrern auffällt!

Typisch ADHS?

Wofür stehen die vier Buchstaben ADHS eigentlich? Bei einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (Fun Fact: Hierbei handelt es sich um das aktuell längste Wort im Duden) funktionieren die Botenstoffe Domanin und Noradrenalin „ziemlich eigenwillig“, sodass die Konfetti-Fabrik im Kopf und das Weiterleiten von Informationen nicht immer so laufen, wie sie sollen. Eine typische ADHS gibt es dabei jedoch nicht, da es mit dem vorwiegend unaufmerksamen, dem vorwiegend hyperaktik-impulsiven und dem gemischten Typ nicht nur drei unterschiedliche Formen der ADHS gibt, sondern auch, weil diese Typen bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind. Einige Schwierigkeiten, die dabei häufiger vorkommen, greift Aldugan in ihrem Buch auf. Viele ADHSler haben beispielsweise Schwierigkeiten, mit einer Tätigkeit anzufangen, sich zu konzentrieren, ruhig sitzen zu bleiben oder abends einzuschlafen. Neben Informationen zur Ursache liefert sie auch Strategien, mit den daraus resultierenden Herausforderungen im Alltag besser zurechtzukommen. Ein weiteres großes Thema sind auch starke Emotionen wie Wut, Aufregung oder Traurigkeit, die in einer bunten Konfetti-Fabrik besonders intensiv ausfallen und einen regelrecht überrollen können, was nicht nur für Menschen mit ADHS, sondern auch für ihr soziales Umfeld manchmal eine ziemliche Herausforderung darstellen kann. Zum Glück kennt die Autorin auch hierfür Tipps und Tricks, wie sich Emotionen gesund regulieren lassen. Zum Abschluss fasst Aldugan noch einmal zusammen, welche Stärken und Herausforderungen ein Leben mit ADHS mit sich bringen kann, bevor ein Ausblick in die Zukunft zeigt, wie sich ADHS im Laufe des Erwachsenwerdens verändert und wie dadurch möglicherweise auch manches einfacher wird!

Ein etwas anderer Alltag

Oft zeigt sich schon früh, dass sich das eigene Kind etwas „anders“ verhält als gleichaltrige Freunde oder Geschwister. Bis man endlich ernstgenommen wird und dann irgendwann eine Diagnose steht, liegt oft ein steiniger Weg vor betroffenen Familien, der von einigen Umwegen und Sackgassen geprägt ist. Steht dann irgendwann die Diagnose fest, ist es gar nicht so einfach, dem „betroffenen“ Kind, Geschwistern oder Freunden zu erklären, was ADHS bedeutet und was dabei genau im Kopf passiert.

In „Konfetti im Kopf“ werden sowohl die verschiedenen Herausforderungen als auch die Stärken im ADHS-Alltag kindgerecht und mit vielen Beispielen erklärt. Das Buch richtet sich an Kinder ab 5 Jahren und vermittelt spielerisch Wissen. Es versteht sich als Aufklärungsbuch, um ADHS ohne Vorurteile zu verstehen, denn vor allem Vorurteile sind ein großes Problem, dem viele ADHSler immer wieder begegnen. Gerade Eltern und Bezugspersonen von betroffenen Kindern werden früher oder später mit Fragen konfrontiert, die es zu beantworten gilt. Dazu ist nicht nur eigenes Wissen notwendig, auch sind dabei kindgerechte Erklärungen gefragt, um Antworten zu liefern, sodass sich die Kinder selbst besser verstehen können. Wertvoll sind auch die Tipps und Infokästen für Eltern und Bezugspersonen, in denen Diplom-Psychologin Anke Knaupp weitere Infos gibt, die Erwachsenen im Umgang mit Kindern mit ADHS helfen können. Eine ihrer Aussagen trifft es dabei ziemlich gut: „Verständnis kommt vor Entwicklung. Wer versteht, wie ADHS funktioniert, kann viel besser begleiten.“ Auch sonst bieten die Kästen hilfreiche Tipps, da sie jedes im Buch angesprochene Thema noch einmal aus fachlicher Sicht für Erwachsene erläutern oder praktische Tipps für den Alltag liefern.

Dadurch, dass die Kinder auf den Seiten direkt angesprochen werden, fühlt sich das Lesen des Buches eher wie ein Dialog an, an dem man selbst beteiligt ist. Auf diese Weise werden die kleinen Leserinnen und Leser zum Mitdenken animiert, können Fragen stellen und werden genau da abgeholt, wo sie gerade stehen.

Gestaltung

Gut gelungen sind auch die farbenfrohen Bilder, die die Themen auf den Seiten anschaulich begleiten und beim Nachvollziehen helfen. Schön ist, dass in den Illustrationen Wert auf gesellschaftliche Vielfalt gelegt wird. Neben verschiedenen Hautfarben finden sich hier auch Menschen im Rollstuhl, mit Tattoos, unterschiedlichen religiösen Kopfbedeckungen, und neben vielen Brillen gibt es sogar auch ein Kind mit Hörgerät. Das Motto des Buches „Alle Menschen sind verschieden“ spielt somit nicht nur auf Neurodiversität, sondern auch auf Verschiedenheit allgemein an, die sich auf den Seiten widerspiegelt.

In der Gestaltung liegt jedoch auch ein Kritikpunkt: Besonders die ersten Seiten, auf denen die Konfetti-Fabrik vorgestellt wird, wirken sehr überladen. Gerade für neurodivergente Menschen, denen es oft schwerfällt, sich zu fokussieren oder den Überblick zu behalten, können sie daher eher abschreckend wirken und eine Hürde darstellen. Auch wenn sich das Buch vom Alter her an Kinder ab 5 Jahren richtet, ist der Inhalt schon relativ komplex und passt besser zu Kindern im Grundschulalter, die oft bereits ein größeres Verständnis für das Thema haben. Etwas schade ist auch, dass die Themen Medikation, Ergo- oder auch Psychotherapie mit keinem Wort Erwähnung finden, gerade da sie für viele Kinder mit ADHS zum Alltag gehören und auch hierzu leider noch sehr viele Vorurteile bestehen, denen mit Faktenwissen begegnet werden sollte.

Fazit

Ein gelungenes Buch, das Kindern altersgerecht erklärt, was bei ADHS im Kopf passiert, worin die besonderen Herausforderungen im Alltag liegen und wie man ihnen begegnen kann. „Konfetti im Kopf“ hilft, Vorurteile abzubauen, und wirbt für mehr Verständnis im Umgang mit ADHSlern.

Konfetti im Kopf

Doreen Aldugan, EMF

Konfetti im Kopf

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