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Idee
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Idee

Die von Mirjam Elias erzählten Erinnerungen ihres Ehemannes Ronald Sweering sind ein authentisches Zeitdokument; gerade für Kinder, die sich über den Erzähler gut in das Geschehen hineinversetzen können.

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Eine durch und durch lebendige, wie kindgerechte Sprache, die für Kinder ab zehn Jahren nicht nur gut verständlich ist, sondern auch gut be-greifbar. Übersetzt von Mirjam Pressler

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Feb 2008

Ronald Sweering ist sechs Jahre alt als die Nazis 1940 die Niederlande besetzen und in Amsterdam einfallen. Und "Ronny" ist 11, als der Terror endlich vorbei ist. In diesen fünf Jahren wird Ronny´s heile Welt unwiederbringlich zerstört. Wie seine Eltern, die Besitzer des Hotels Atlantic, will auch er in dieser Zeit dem Regime Widerstand leisten. Ständig in Gefahr, entdeckt zu werden, gelingt es der Familie aber, den Krieg zu überleben.

Als im Radio bekannt gemacht wird, dass Deutschland die Niederlande überfallen hat, weiß Ronny noch nichts über den Krieg. Sein gewohntes Leben geht zunächst seinen normalen Gang. Nach und nach wird aber die Brutalität des neuen Regimes spürbar. In Ronny´s Schule wird eine Mauer gezogen, die die jüdischen Schüler von den "arischen" trennt. Ronny gehört zu den "Vorderseitlern" und viele seiner Freunde sind nun die "Rückseitler" - die Juden. Ronny kann einfach nicht verstehen, warum er nicht länger mit seinen Freunden in eine Klasse gehen darf. Die Nazis sollen die Finger von ihren Juden lassen. Bald verschwinden immer mehr Freunde und Nachbarn spurlos. Ihre Wohnungen und Häuser werden ausgeräumt und das Umzugsunternehmen "Puls" ist den Nazis dabei "behilflich". Bald heisst es nur noch, dass jene Wohnung oder Haus "gepulst" wurde - und jeder weiss, dass die Nazis den Besitz der deportierten Juden gestohlen haben.

Gleichzeitig werden die Übernachtungen bei Ronny´s Oma immer häufger. Zwar bekommt Ronny jedes Mal einen weiteren Indianer für seine Sammlung, doch er möchte unbedingt den Grund seiner Ausquartierung herausfinden. Er ahnt schon bald, dass es "Untertaucher" sind, die vom Hotel Atlantic aus in ein sichereres Versteck gebracht werden.

Auch in Ronny´s offiziellem "Spielzimmer" ist nicht alles so, wie es den Anschein hat. Er findet dort ein Geheimfach mit brisanten Blanko-Papieren: Es gibt Formulare, die es den Juden ermöglichen, das Land unbehelligt zu verlassen oder vom Abtransport verschont zu bleiben. Auch findet Ronny dort Lebensmittelkarten für die Untergetauchten. Doch er schweigt über seinen Fund - intuitiv, weil er ahnt, wie gefährlich die Familie Sweering von nun an lebt.

Verwirrend ist für Ronny, dass ausgerechnet zwei SS-Männer im Hotel ein- und ausgehen und ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zu seinen Eltern haben. Da Ronny verstanden hat, dass diese Männer ihre Feinde sind, ist es ihm zunächst unbegreiflich, was seine Eltern mit ihnen zu schaffen haben könnten.

In den fünf Jahren, die der Krieg währt, reimt sich Ronny immer mehr zusammen, begreift viele Zusammehänge und verspürt einen abgrundtiefen Hass gegen die Besatzer, die ihm seine liebsten Freunde fortgeholt haben. Und je älter er wird, umso intensiver wird sein Wille auch im Widerstand mitzuwirken. Das nimmt zuweilen recht groteske Formen an und "Ronny" ist sicherlich auch heute noch froh, dass es nur ein "Warnschuss" war, der ihm sehr deutlich gezeigt hat, dass der aktive Widerstand kein Spiel ist.

Viele Schicksalsschläge muss Ronny in den letzten Kriegsjahren verkraften. Zuviel für einen kleinen Jungen. Sein Vater wird von den Nazis abgeholt, verhört und gefoltert. Kann aber durch den Einfluss der beiden SS-Männer befreit werden. Sein Freund Willy, ein Untergetauchter, den er jeden Tag so treu in dessen Kellerversteck besucht hat, wird trotz aller Geheimhaltung abgeholt - noch dazu in jener Nacht, als Ronny selbst bei einer schweren Operation um sein Leben kämpft.

Doch Ronny und seine Freunde geben ihren eigenen Widerstand, den Widerstand der Kinder, nicht auf. Sie nutzen es aus, dass sie "nur" Kinder und erst einmal unverdächtig sind. Sie verprügeln die "Lojedajes", wie sie das Nazi-Jungvolk in Amsterdam nennen und sie helfen dem erwachsenen Widerstand wo sie nur können; sei es mit ihren Beobachtungen oder mit mehr oder weniger geplanten Botengängen.

Obwohl der Frieden immer wieder zum Greifen nahe erschient, dauert es noch sehr lange bis die Befreier in Amsterdam sind. Die Hungersnot erreicht auch Amsterdam. Die Kinder wetteifern, bei wem man die meisten Rippen zählen kann. Ronny kann sich kaum noch auf den Beinen halten, so schwach ist er vor Hunger. Bei einem seiner seltenen Ausflüge muss er mit ansehen, wie vor aller Augen 30 Männer exekutiert werden. Viele der Männer kannte er. Seinen Eltern erzählt er nichts von diesem schrecklichen Ereignis, dessen Zeuge er werden musste.

Doch eines Tages steht "Mister Stan" - ein kanadischer Soldat - vor ihrer Tür, um im Auftrag der Verwandten nach der Familie Sweering zu schauen. Der Soldat bringt ihnen Essen mit und sie erzählen einander von ihren Erlebnissen im Krieg. Jetzt versteht auch Ronny, dass es endlich vorüber ist. Doch viel zu viele seiner Freunde werden nie mehr zurückkehren.

"Für alle Kinder, die von der Schule nach Hause gingen und danach nie mehr gesehen wurden..." lautet die Widmung dieses Buches. Die niederländische Autorin Mirjam Elias beschreibt in ihrem Roman die Erinnerungen ihres Mannes Ronald Sweering, der Sohn des Hoteliers Jacob Sweering. Das Hotel mit dem Namen "Atlantic" war ein beliebter Treffpunkt vieler Amsterdamer. Im Mittelteil des Buches finden sich zahlreiche alte Fotos von Ronald Sweerings Familie, dem kanadischen Soldaten, den ersten Panzern die Amsterdam befreit haben, von Ronny´s Freunden sowie den Innen- und Aussenansichten des Hotels - aber auch von vielen der damaligen Schilder und Dokumente.

Aus der Sicht von Ronny erzählt, finden sich gerade zu Anfang, als er noch sechs Jahre alt ist, viele kindliche Betrachtungsweisen, die die Unbebegreiflichkeit des Terrors nur noch deutlicher macht. Ronny erzählt von seinen Beobachtungen, seinen Ängsten und Mutmassungen. Sein Verstand ist hellwach und ihm entgeht nicht die kleinste Geste. Mirjam Pressler hat diesen Roman sehr einfühlsam in die deutsche Sprache übersetzt und lässt die Eigenheiten der niederländischen Sprache z.B. "Lojedajes" bestehen und findet gleichzeitig einen Weg der Erklärung und Vermitllung. Auch die Deutschen sind und bleiben in ihrer Übersetzung die "Moffen". Dabei ist es eine durch und durch lebendige, wie kindgerechte Sprache, die für Kinder ab zehn Jahren nicht nur gut verständlich ist, sondern auch gut be-greifbar.

Die Handlung kann zwar keine spektakulären Höhepunkte in dem Sinne aufweisen, dass sie die Spannungskurve stetig auf diesen einen Punkt zutreibt; vielmehr ist die chronologische Erzählung eine Zuspitzung der unerträglichen Zustände. Jede Seite ist authentisch und immer wieder treten Situationen auf, die für Ronny überaus dramatisch hätten enden können. Dass dies nicht geschah ist ein Glück und dass die Autorin dies nicht so dargestellt hat, ist ihrer klugen Herangehensweise zu verdanken, wirklich ein Kind erzählen zu lassen. Kinder haben keinen Hang dazu besonders dramatisch zu sein. Für Kinder ist alles erst einmal so, wie es ist. Und genauso klar wie auch erschreckend schildert die niederländische Autorin die Erinnerungen ihres Ehemannes Ronald Sweering.

Wie schwer der Junge unter dem Verlust der vielen Menschen - Nachbarn, Bekannte, Spielkameraden und Freunde - gelitten hat, kann man deutlich in ihren Schilderungen wieder finden. Die anfängliche Ungläubigkeit, dann die Ohnmacht, die sich schliesslich in Wut entladen möchte, aber unterdrückt werden muss, wird am Ende zum Hass gegen alles deutsche. Verständlich für jeden der diese Hölle miterleben musste und erst recht verständlich für ein Kind mit Zivilcourage. Ronny wird von Mirjam Elias als sehr kluger Junge mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit dargestellt, der viele, auch unbequeme Fragen stellt. Dabei hat er das Glück in seiner Familie auf kluge wie auch verständnisvolle Erwachsene zu treffen. Ronny bewundert seine Eltern. Doch Ronny´s Grosseltern - vor allem sein Großvater - spielen eine sehr prägende Rolle in seinem Leben. Gleich zu Anfang erfährt man, dass sein Großvater Ronny von dem historischen niederländischen Widerstand erzählt, den "Geusen". Die bleiben auch den ganzen Krieg hindruch Ronny´s Vorbilder -auch er will ein Geuse sein und wenn es sein muss, auch achtzig Jahre lang und mehr. Denn Opa hat gesagt "Geusen gibt es immer". Und wie zum Beweis erzählt Ronny über die unglaubliche Findigkeit und Zivilcourage der Widerständler seiner Zeit, die, aller Gefahren zum Trotz, nie aufgegeben haben. In seinem Zuhause, dem Hotel, trifft er auf sehr kluge und beeindruckende Menschen, denen Jacob Sweering gegen Ende des Krieges Unterschlupf gewährt. Auf welche einfache wie auch geniale Weise dies gelingen konnte, wird von Mirjam Elias erst ganz am Ende gelüftet.

Fazit:

"Geheimversteck Hotel Atlantic" ist ein aufrüttelnder wie auch kindgerechter Roman über den niederländischen Widerstand und zugleich ein wertvolles, authentisches Zeitdokument. Die neutrale Darstellung der erlebten Geschehnisse ermöglicht es Kindern, sich in die damalige Zeit hineinzuversetzen.
Beeindruckend, die enorme Findigkeit und Zivilcourage der Menschen, die, allen Gefahren zum Trotz, ihren Widerstand niemals aufgegeben haben. Ein Appell gegen den blinden Gehorsam und gegen das Wegsehen.

Stefanie Eckmann-Schmechta


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