Couch-Wertung:

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Idee
Text

Idee

Abela und Rosa sind im gleichen Alter, sie sind farbig, sie leben in zwei völlig fremden Welten und doch verbindet sie mehr als sie ahnen

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literarisch anspruchsvolle, bildreiche Sprache, ein Lesevergnügen trotz harter Thematik

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Mai 2008

Kinderbuch des Monats [05.2008]. Abela lebt in Tansania. Sie fürchtet sich nie, nicht vor Löwen, nicht vor der verrückten mzee, der alten, seltsamen Frau; einzig vor dem Tod der Mutter hat sie Angst. Rosa wohnt mit ihrer Mutter in England. Beide Mädchen wurden in Afrika geboren, aber ihre Lebenswelten könnten nicht unterschiedlicher sein. Dann geschieht das Unfassbare für Abela und Rosas Mutter spricht von Adoption.

Die Lehrerin Jenny Warren wohnt mit ihrer neunjährigen Tochter Rosa im nordenglischen Sheffield. Rosas Vater stammt aus Tansania, dort ist auch Rosa geboren. Aber ein Leben fern der Heimat im kühlen England konnte er nicht ertragen. Rosa und ihre Mutter haben ein inniges Verhältnis, sie gehen zusammen Schlittschuh laufen, besuchen die Großeltern und fühlen sich miteinander sehr wohl. Doch Jenny möchte gern ein Kind, ein Mädchen aus Tansania in Rosas Alter adoptieren. Rosa ist entsetzt. Warum genügt sie ihrer Mutter nicht? Wie wäre es, wenn sie sich eine neue Mutter wünschen würde? Rosa kann über ihre Gefühle nicht sprechen. Sie fühlt sich zurückgewiesen. Die Familie spürt Rosas Ablehnung. Auch Molly von der Adoptionsbehörde fühlt, dass das Mädchen für diese existentiellen Veränderungen noch nicht bereit ist. Die Argumente der Erwachsenen erreichen das Kind kaum. Molly schenkt Rosa ein Buch, in das sie alles hineinschreiben kann, was sie bewegt.

Die neunjährige Abela lebt in einer kleinen Lehmhütte mit ihrer Familie in Tansania. Ihr Vater ist gestorben. Nun hausen die Mutter und ihre Töchter Nyota und Abela beengt bei Großmutter Bibi, die die Familie mit ihren angebauten Lebensmitteln im Garten über Wasser hält. Abelas Onkel Thomas hält sich in England auf. Aber Abelas Mutter und die kleine Tochter Nyota sind sehr krank. Eines Nachts muss Abela ihre Mutter einen guten Tagesmarsch lang ins Krankenhaus bringen. Das Geld für den Bus hat die Familie nicht. Abela spricht ein bisschen englisch und so kann sie sich mit den beiden europäischen Touristinnen unterhalten, die ihr helfen wollen. Sie geben ihr das Geld und so kann Abela mit der Mutter schneller zum Krankenhaus gelangen.

Über eine Woche pflegt Abela ihre Mutter in der Krankenstation, in der es keine Ärzte, keine Medikamente gibt. Die Mutter stirbt. Abela ist verzweifelt. In ihrem Schmerz und in ihrer Verzweiflung nimmt sie sich vor, Ärztin zu werden, um Kranke zu heilen. Auf dem Heimweg sieht das Mädchen Löwen und fürchtet sich nicht. Abelas Mutter bat die Tochter in ihren letzten Lebensminuten stark zu sein. Aber Abela möchte am liebsten auch sterben. Als die Löwen auf sie zukommen, spürt sie ihre eigene Kraft und dass sie leben muss.
Auch die kleine Schwester Abelas hat keine Chance, mit dem Aids-Virus infiziert stirbt sie.

Onkel Thomas kehrt mit seiner Freundin Susie aus England zurück. Er ist ein durchtriebener, gefühlskalter Mensch, an den Abela keine guten Erinnerungen hat. Thomas hat illegal in England gelebt. Nun hofft er nach Europa zurückkehren zu können, wenn er die junge, naive Susie heiratet. Er scheint auch dubiosen Geschäften nachzugehen, die offensichtlich mit dem Verkauf von Kindern zu tun haben. Mit Hilfe von gefälschten Dokumenten heiratet er Susie und will auch einen Pass für Abela besorgen, damit er sie, um die Behörden gnädig zu stimmen, als ihre gemeinsame Tochter ausgeben kann. Um die Papiere zu besorgen, hat er das Land seiner Mutter verkauft, die nun vor dem Nichts steht. Thomas behauptet, dass Abela der Großmutter aus England genug Geld schicken wird. Aber der Plan geht nicht auf. Susie, die Thomas vertraut, kann nur allein ausreisen. Thomas muss auf seine Papiere noch warten und auch Abelas Pass ist noch nicht fertig. Thomas verlässt die Familie und fordert von der Großmutter, dass sie Abela ";rein" macht. Die Beschneidung des Mädchens bleibt wie ein ewiger Alptraum in ihrer Erinnerung zurück.

England: Rosa ringt sich endlich durch und fragt ihre Mutter, warum sie eine zweite Tochter haben möchte. Jenny erinnert sich gemeinsam mit Rosa an den Vater, an ihre Zeit in Tansania. Sie möchte gern die Familie erweitern und nicht nur für sie beide Gutes tun. Rosa ist versöhnt und stimmt der Entscheidung zu. Doch dann beginnt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, denn sie finden kein Mädchen, aber dafür den vierjährigen Anthony aus Tansania. Er ist ein liebenswerter Junge, doch Rosa ist enttäuscht, denn mittlerweile freute sie sich auf eine Schwester. Rosa versucht Anthony zu ärgern und ihn zum Weinen zu bringen, aber nichts klappt. Als Rosa sich dann beim Schlittschuh laufen schwer verletzt, weint Anthony um sie. Das Eis ist gebrochen. Rosa akzeptiert ihren kleinen Bruder. Kurz vor der Adoption nimmt der weißhäutige Vater, dessen zweite Frau kein farbiges Kind wollte, den Sohn zurück. Jenny und Rosa sind untröstlich.

Abela reist mit ihrem falschen Pass allein nach England. Susie nimmt sie auf, behandelt sie aber wie eine Sklavin. Das Mädchen muss arbeiten, darf nicht in die Schule oder vor die Haustür. Thomas kann nicht nach England einreisen und Susie erkennt langsam, dass sie ihr sogenannter Ehemann hinters Licht geführt hat. All ihren Frust lässt Susie an Abela aus, die nur eins möchte, in die Schule gehen. In einem günstigen Augenblick entwischt Abela Susie und sucht das Schulhaus. Die Lehrer kümmern sich um Abela, die völlig verstört ist. Susie landet bei der Polizei und Abela wird in der Pflegefamilie Oladipo untergebracht. Die neuen Eltern sind aus Nigeria. Das eingeschüchterte Mädchen wird von den schwierigen Pflegekindern, die mit ihren eigenen Geschichten ständiger Zurückweisungen fertig werden müssen, gehänselt, geschlagen. Sie flieht und möchte am liebsten zurück zu ihrer Großmutter Bibi. Die Polizei greift sie traumatisiert auf. Im Amt wird eine Mitarbeiterin, Miss Carrington, auf das Mädchen aufmerksam. Sie ist die Touristin, die Abela in Tansania Geld für den Bus gegeben hatte, damit sie mit ihrer Mutter ins Krankenhaus fahren konnte. Miss Carrington kümmert sich um Abela. Sie spricht mit Frau Oladipo, um sie auf die besondere Lage des Kindes aufmerksam zu machen. Durch Miss Carringtons Engagement für das Mädchen, dessen Großmutter inzwischen an Malaria gestorben ist, kann Abela in England bleiben und zur Adpotion freigegeben werden. Auch Abela hat ein Buch geschenkt bekommen, in das sie all ihre guten wie schrecklichen Erlebnisse hineinschreiben kann.

Jenny und Rosa wollen nach der Geschichte mit Anthony endgültig auf eine Adoption verzichten. Doch dann möchte der Vater von Anthony, dass der Junge weiterhin Kontakt zu Rosa und Jenny haben darf und so entschließt sich die kleine Familie Warren, doch wieder auf die Suche nach einem Mädchen aus Tansania zu gehen.
Durch viele Zufälle und den Einsatz der Beamten wird Abela Rosas neue Schwester.
Die beiden Mädchen mögen sich, aber sie streiten sich auch wie ganz normale Geschwister.

Die mehrfach ausgezeichnete, britische Kinder- und Jugendbuchautorin Berlie Doherty schreibt auf ihrer Website www.berliedoherty.com , dass ihre Idee über ein Mädchen wie Abela zu schreiben, nach einem Besuch in Tansania entstand. Sie war beeindruckt von den Menschen, aber auch von der atemberaubenden Landschaft Tansanias. Und die 65-jährige Schriftstellerin hat sich schon immer für Adoptionen interessiert, denn am Beginn ihres langen Arbeitslebens war Berlie Doherty Sozialarbeiterin bei der Familienberatung in Leicestershire. Das Thema Adoptionen und Waisenkinder beschäftigt sie z.B in ihren Büchern ";The Snake-stone" oder ";Street Child".

Der Leser weiß, Abela und Rosa finden zueinander. Berlie Doherty baut geschickt einen weiten Spannungsbogen auf, den sie gut halten kann. Erst ganz am Schluss und auch nur kurz beschreibt die Autorin das Zusammenleben in der neuen Familienkonstellation. Mitfühlend und sehr genau charakterisiert die Autorin ihre glaubwürdigen Hauptfiguren und gibt dem Leser auch die Zeit, sie langsam kennen zu lernen. Durch den Wechsel der Handlungsorte, mal das kleine Dorf in Tansania, dann wieder Sheffield, gewinnt die Handlung an Dynamik. Rosas innerer Kampf gegen die familiären Veränderungen werden anschaulich und mit Verständnis offen gelegt, aber auch Abelas tiefe Einsamkeit und Hilflosigkeit auf ihrer unfreiwilligen Irrfahrt.

Differenziert zeigt Berlie Doherty das von der Krankheit Aids geplagte Land, die Bedrängnis der Familien, die in ihren Traditionen verhaftet bleiben und um ihre Würde kämpfen. Aber Berlie Doherty lässt den Leser auch die Nähe und tiefe innere Verbindung der Menschen zur Natur spüren. Und so entsteht vor dem inneren Auge, besonders durch den Perspektivwechsel und das Konstruktionsprinzip, aus dem Blickwinkel der Mädchen zu erzählen, nach und nach ein Gesamtbild. Ein wissender Erzähler verknüpft die Handlungsfäden.

Mit Distanz und Empathie bleibt die britische Schriftstellerin nah an ihren Protagonisten. Aus ihrer Denkstruktur heraus entwickelt sie eine glaubhafte Handlung, zeigt aber auch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Mädchen leben. Sehr deutlich wird die Schutzlosigkeit und seelische Zerrissenheit, der Abela ausgeliefert ist, aber auch ihre Verlust- und Fremdheitserfahrungen. Berlie Doherty erzählt ohne pädagogischen Zeigefinger und atmosphärisch dicht. Beiden Mädchen fällt es schwer, ihre Gefühle zu zeigen, ihr Innenleben nach außen zu tragen. Indem sie nach Orientierung suchen und ihre Empfindungen zu Papier bringen, gewinnen sie an Klarheit.

Hinweisen möchte ich noch auf das Nachwort von Johanna Jansen. Ihr ausführlicher, wie eindringlicher Text erweitert die Geschichte um die notwendigen Hintergrundfakten, die sich zum einen auf die Ausbreitung des HIV-Virus in Afrika beziehen und zum anderen auf die Kinderrechte. Aber Johanna Jansen stellt auch kurz Halima vor, ein Mädchen, dass Berlie Doherty sehr beeindruckt hat und der Figur der Abela im Buch sehr ähnelt. Halima aus Tansania lebt in England, hat aber noch keine verständnisvolle Familie gefunden.

Fazit:

Berlie Doherty erzählt unterhaltsam, anschaulich und vor allem unsentimental vom Leben in unterschiedlichen Welten. Sie vermittelt dem Leser einen Blick über den Tellerrand, ohne zu moralisieren oder gar zu belehren. Sie spart nichts aus und doch ist der Grundton der Geschichte optimistisch. Ein starkes Plädoyer für Menschlichkeit!

Karin Hahn

 

Das Mädchen, das Löwen sah

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