Die Greenwich-Chroniken - Die Zeitdiebe

Erschienen: September 2008

Couch-Wertung:

87%
Idee
Text

Idee

Viele markante und detailreich angelegte Darsteller; eine gut durchdachte Geschichte mit zahlreichen interessanten Nebenschauplätzen, die aber alle nicht vom Wesentlichen der Handlung ablenken – im Gegenteil.

Text

Eine einfühlsame, geradlinige Erzählweise, die viele Details aufzeigt und erklärt. Die Sprache fordert ihre Leser in richtigem Masse und lässt sie leicht in das Geschehen finden.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Sep 2008

";Alle Zeitzonen sind nach der Zeit von Greenwich ausgerichtet." Auf dem nullten Längengrad im Londoner Stadtteil Greenwich steht ein altes Observatorium und ganz in seiner Nähe leben die Hüter der Zeit. Für unsere menschlichen Augen unsichtbar, beschützen und bewahren sie die Zeit aller Menschen dieser Erde. Doch eines Tages wird der kostbare ";Tick" gestohlen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn wenn der neue Chronometer die Zeit nicht im neuen Jahr übernimmt, bleibt sie für immer stehen...

Der oberste Hüter der Zeit ist Zeitvater Tim. Sein Enkel, Tid Mossel, lebt bei seinem Grossvater und weiß von dem großen Geheimnis um den ";Tick", den sein Großvater nun schon seit 100 Jahren baut, um ihn rechtzeitig zum alles entscheidenden Jahreswechsel fertig zu stellen. Der neue Chronometer wird die weiteren 1000 Jahre den Takt der Zeit bestimmen. Ein Versagen ist ausgeschlossen, denn ";wenn das passieren sollte, würde die Zeit für alle Ewigkeit stillstehen." So Zeitvater Tim. Voller Bewunderung betrachtet der Enkel das Wunder aus unzähligen Schräubchen und filigranen Zahnrädern. Der Tick scheint von innen heraus zu leuchten und Tid fragt sich, ob er wirklich eines Tages imstande sein würde, ein solches Kunstwerk selbst einmal bauen zu können.

Szenenwechsel: Ein paar Meter unter der Erde leben die ";Wrackas" - ein primitives, kleinwüchsiges Volk, das nicht gerade für seine Intelligenz und seine gegenseitige Rücksichtnahme bekannt ist. Ihre Gesetze, so weit man sie als solche bezeichnen kann, zeichnen sich durch die Überlegenheit des Stärkeren aus; schwache und sensible Wrackas haben ein schweres Los und werden erbarmungslos unterdrückt. Besonders die Kinder haben es schwer, in diesem Überlebenskampf zu bestehen. Der Wrackas grösstes Vergnügen ist der ";Ruckus" - ein Kampf im K.O.-Verfahren, bei dem der Delinquent immer neue Gegner gegenübergestellt bekommt, die selbst der stärkste Wracka am Ende nicht alle besiegen kann.

Die Wrackas hassen die Hüter der Zeit, fürchten sie aber auch gleichzeitig. Denn die Hüter sind klug, gebildet und mächtig. In ihrer kompletten Unterlegenheit trachten die Wrackas stets danach, den Hütern einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Sie wissen von dem kostbaren Chronometer. Und obschon sie von seiner so elementaren Bedeutung keinen blassen Schimmer haben, wollen sie das wichtige Projekt - den Austausch des neuen Ticks- mit allen Mitteln sabottieren. Doch wie?

Old Killjoy, ihr dumper Anführer, brütet darüber schon eine ganze Weile auf seinem stinkenden Lumpenhaufen. Eine ganze Schar Wrackas umgibt ihn und er muss nun einen genialen Einfall präsentieren; sein Gesicht vor seinem Gefolge wahren. Scratch, sein Stellvertreter und ein wenig intelligenter als sein Anführer, hat schließlich die Idee, den Tick zu stehlen. Doch die Wrackas wissen nicht, wo sich das geheime Versteck des Ticks befindet. Ein Spion muss her. Und die Wahl des Wracka-Spähers trifft ausgerechnet auf die unglückliche Snot. Sie soll sich als Hüterkind ausgeben und das Vertrauen des Enkelsohnes von Zeitvater Tim erschleichen. Doch auch da gibt es ein nicht geringes Problem: Wrackas waschen sich so gut wie nie, kämmen sich niemals die Haare und tragen die immer gleichen, stinkenden Lumpen am Leib. Snot muss also erst einmal gründlich gewaschen, gekämmt und mit sauberer Kleidung ausgestattet werden. Scratch stiehlt ein Kleidchen. Und am Ende sieht Snot recht annehmbar aus.

Snot hat zunächst große Angst in der ";Drüberwelt" - doch, wider Erwarten, gefällt ihr nicht nur das schöne, saubere Kleid und ihr gepflegter Zustand sondern auch das helle Licht und die Weite, die sie aus den dunklen, lehmigen Gängen ihrer Welt nicht kennt.

Schnell hat sich Snot zu Tid Kontakt aufgenommen, stellt sich ihm als Sofie vor. Doch ";Sofies" grobe Sprache, die sehr primitiv und mit grammatikalischen Fehlern gespickt ist, macht Tid misstrauisch. Er soll nicht mit Fremden sprachen und schon gar nicht mit Wrackas. Schnell behauptet Snot, sie käme von der anderen Seite des Flusses und alle würden da so sprechen. Tid vermisst einen Spielkameraden und so lässt sich der junge auf das fremde Mädchen ein. Durch eine List bringt sie Tid schließlich dazu das Versteck des Ticks preis zu geben. Beinahe im gleichen Moment verschwindet Snot und hinterlässt Tid mit dem unguten Gefühl, einen folgenschweren Fehler begangen zu haben.

Doch nachdem Snot den Wrackas bei dem Diebstahl des kostbaren Ticks geholfen hat und jegliche Anerkennung ausbleibt, reift in dem Mädchen der Entschluss, die Drunterwelt zu verlassen. Sie trifft erneut auf Tid und beichtet ihm von ihrem Verrat. Trotz aller Widrigkeiten freunden sich die beiden ungleichen Kinder an und Tid kann Zeitvater Tim, wie auch den Rat der Hüter, davon überzeugen, dass Snot, die jetzt Sofie genannt wird, alles daran setzen wird, den Tick zurückzubringen. Doch ihr bleibt kaum noch Zeit, der Moment, da der neue Tick den alten ersetzen muss, rückt immer näher.

Mit der Unterstützung der Park-Eichhörnchen soll Sofie der Plan irgendwie gelingen. Doch unten in der Drunterwelt ist sie ganz allein auf sich gestellt. Glücklicherweise findet sie in dem sensiblen Wracka-Jungen Snivel einen mehr oder weniger freiwilligen Helfer. Aber was niemand ahnt ist, dass Shelton, ein Hüterjunge mit schwierigem familiärem Hintergrund, zu einem unerwarteten Gegenspieler wird. Noch in der Drüberwelt entführt er Sofie in dem Glauben, ein Hüterkind in seiner Gewalt zu haben. Er verspricht Scratch und Old Killjoy, den Wrackas das Kind auszuliefern. Doch Sofie kann dem Hüter-Jungen entkommen. Zunächst von der primitiven Welt der Wrackas angezogen, fällt Shelton nun in Ungnade und erfährt am eigenen Leib, wie gefährlich sein Spiel mit Old Killjoy & Co. Ist.

Auf ein Aufeiandertreffen bei den Wrackas sind beide nicht gefasst und Sofie hat grosses Glück, dass Shelton sie nicht verrät.

Die englische Autorin Val Tyler erzählt mit dem ersten Teil ihrer Greenwich-Chroniken eine geradlinige, unterhaltsame Geschichte um Gut und Böse, wie auch um Freundschaft und Vertrauen. 2005 unter dem Titel ";The Time Wrackas" in Großbritannien erschienen, veröffentlichte Val Tyler, die mehr als 20 Jahre als Lehererin alle Altersstufen von 5 bis 18 Jahren unterrichtete, ihr erstes Buch. Schon 2006 folgte die zweite Novelle der Reihe mit dem Titel ";The Time Apprentice".

Eines ihrer Motive zu schreiben, so Val Tyler, war, dass sie dicke Bücher mit gehaltvollen Abenteuer-Geschichten vermisste, die sowohl Jungs und Mädchen mögen.

Mit ihrem ersten Buch der Serie ";Die Zeitdiebe" ist ihr ohne Frage gelungen, diese Lücke zu schliessen. Als sie diesen ersten Roman der Greenwich-Chroniken schrieb, lebte sie in der Nähe des Greenwich-Parks und konnte an diesem Ort einige Motive einfliessen lassen. Val Tyler erzählt den Verlauf ihrer Geschichte ohne Umschweife, behält den Blick auf das Wesentliche gerichtet; sie vernachlässigt dabei aber keineswegs die so wichtigen Charakterdarstellungen. Als allwissende Erzählerin vermittelt sie von jedem ihrer Akteure ein lebendiges und greifbares Innenleben, das Motive und Verhalten nachvollziehbar macht. Zwar stellt sie die Wrackas als schlechte und primitive Geschöpfe dar und die Hüter der Zeit als die unübersehbar ";edlere Rasse", doch zeigt sie, immer mit dem Fokus auf die kindliche Sicht, dass auch diese Archetypen ihre Risse haben. Sei es, wie bei dem Hüter-Jungen Shelton, durch die schwierigen familiären Hintergründe, die den Jungen zu einem Aussenseiter gemacht haben oder durch die Schilderung der verletzlichen und liebenswerten Seite einiger Wrackas, die sich bei einer solchen Schwäche aber nie von den anderen erwischen lassen dürfen.

Die Polarisierung gelingt ihr vor allem durch die Sprache und die ziemlich abstossenden Verhaltensweisen der Wrackas. Bei einigen Sätzen, in denen ";dich" die Haare ausgerissen ";wern" oder etwas ";garniert nie nich funzioniert"... mag der eine oder andere Erwachsene missbilligend die Augenbraue heben. Die Übertragung aus dem englischen Originaltext war für die Übersetzerin, Christina Sarembe, sicherlich eine Herausforderung. Doch bin ich davon überzeugt, dass Kinder diese Art der Sprache ebenso als falsch und ungelenkt entlarven werden, wie wir erfahrene Leser. Sofie bemüht sich im Verlauf ihrer Geschichte zusehends, von ihrer ehemals primitiven Sprache Abstand zu nehmen, um in ihrer ganzen Haltung immer mehr zu einer Hüterin zu werden. Val Tyler gelingt durch diese sprachliche Markierung eine möglichst scharfumrissenen Charakterisierung ihrer Wrackas. Sie separiert sie ganz deutlich von den moralisch so untadeligen Hütern, die nicht nur in ihrer Ausdrucksweise gewaltfrei sind.

Was alle Kinder begeistern wird, ist das Spannungsfeld zwischen der heilen Welt der Hüter und den finsteren Höhlengängen der Wrackas, in der es kaum Rückzugsmöglichkeiten gibt. Ein altes Thema und die Frage, ob das Gute oder das Böse siegt, dominiert auch diese Geschichte. Darunter, oder vielmehr daneben, liegt noch eine weitere, rührende Geschichte. Nämlich die Geschichte, wie ein kleines Mädchen endlich ein Zuhause findet, in dem es zum ersten Mal Geborgenheit, Liebe und Freundschaft spürt. Diese Freundschaften beruhen zu Anfang auf blindem Vertrauen. Davon ausgehend steht natürlich über allem die tiefe Freundschaft zwischen Tid und Sofie, die auch die Skeptiker davon überzeugen können, dass das ehemalige Wracka-Mädchen nun ganz und gar zu ihnen gehört.

Am Ende bleiben doch noch ein paar Fragen. Wir wissen zwar, dass es bei den Hütern der Zeit üblich ist, die Kinder bei den Großeltern zu lassen, während die Eltern - ";die Mittler" - in der weiten Welt ihre Ausbildung vervollkommnen; aber nicht, wie die Kinder zu den Wrackas kommen, denn Frauen oder Mütter gibt es in ihrer ";Drunterwelt" nicht. Und: wären die ";Mittler" des absolut friedlichen Volkes der Hüter wirklich bereit und in der Lage zu kämpfen? Das beantwortet uns Val Tyler vielleicht im zweiten Teil ihrer Chroniken.

Fazit:

Sympathische Fantasy-Kost für Jungen und Mädchen. Geradlinig und gesäumt von zahlreichen markanten Darstellern, führt uns der erste Teil der Greenwich-Chroniken in eine fantasiereiche Welt voller Gegensätze.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

Die Greenwich-Chroniken - Die Zeitdiebe

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