Das Geheimnis der 100 Pforten

Erschienen: April 2009

Couch-Wertung:

77%
Idee
Text

Idee

Beeindruckend intensive Charakter- und Situationsbeschreibung in Henrys familiärem Umfeld. Allerdings kommen die Charaktere jenseits der 100 Pforten zu kurz. Ein grosses Potenial an Ideen und Geschichten, das leider nicht ganz ausgeschöpft wird.

Text

Einnehmende und intensive Sprache: Wilson erweckt Kleinigkeiten zum Leben, gibt jedem noch so kleinen Augenblick eine starke Intensität. Leider flacht der Ausdruck seiner Sprache dann im Verlauf ab und wirkt eher beschreibend.

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Kinderbuch Couch

Buch-Rezension von Kinderbuch Couch Apr 2009

[ab 11 Jahren]

Als Henry York zu seiner Tante und seinem Onkel in die Stadt „Henry" in Kansas kommt, entdeckt er eine ganz neue Welt und das im doppelten Sinne. Denn was sich hinter dem Putz in seinem Dachzimmer verbirgt, ist einfach unglaublich ...

... 100 neue Welten verbergen sich da hinter 100 kleinen Türchen, Klappen und Fächern. Hinter jedem von ihnen kann sich das schönste Glück aber auch der schlimmste Albtraum verbergen.

Henrys Eltern werden Opfer einer Entführung, während sie auf einer ihrer ungewöhnlichen Reisen befinden. Beide sind Autoren von Reiseführern, doch ihren Sohn nehmen sie niemals mit. Henry soll zunächst bei seinen Verwandten in dem alten Haus in Kansas bleiben, bis man genaueres weiss. Bei seiner Tante Dotty und seinem Onkel Frank fühlt sich der Junge spontan wohl und freundet sich auch schnell mit seinen drei Cousinen an. Hier erlebt der überbehütete Junge so manches neue."Gefährliche Dinge", die ihm bis dahin nicht erlaubt waren, sind hier an der Tagesordnung und Henry geniesst sein freies Leben in vollen Zügen. Henry begreift, dass er vieles versäumt hat und er ertappt sich dabei, dass er hofft, seine Eltern mögen noch möglichst lange fort sein. Natürlich meldet sich sein schlechtes Gewissen, doch eine sehr intensive Beziehung hatte er niemals zu ihnen. Dafür besteht zwischen Henry und Onkel Frank sogleich eine besondere Verbindung. Der sensible und humorvolle Mann lockt den zurückhaltenden Jungen aus der Reserve und schenkt ihm zum ersten Mal das Vertrauen eines Erwachsenen. Doch zwischen diesen kurzen Episoden der ländlichen Idylle -zwischen Barbecue, Limo-Trinken bis zum Abwinken und Baseball-Spielen mit den Nachbarjungs- geschehen in Henrys kleinem Dachzimmer sehr eigenartige Dinge. Ein heftiges Poltern und Klopfen ist der Anfang von einer besessenen Suche nach allen, hinter dem Putz verborgenen Pforten. Zunächst versucht Henry seine nächtlichen Bauarbeiten vor seiner Gastfamilie so gut es geht zu verbergen, doch schon bald kommt ihm seine Cousine Henrietta auf die Schliche. Unbeschwert und voller Neugier macht sie sich daran, die unheimliche, schwarze Pforte zu öffnen - doch das Innerste in Henry protestiert auf das Heftigste. Das unaufhaltsame nimmt schliesslich seinen Lauf und während die Kinder so manche Entdeckung machen - wie auch die grosse Pforte in Grossvaters ehemaligem Zimmer - holen sie ein finsteres Wesen in ihre heile Welt in Kansas.

Sehr beeindruckend beginnt N.D. Wilson sein Fantasy-Abenteuer mit der Beschreibung ganz alltäglicher Momentaufnahmen. Und die Art, wie er das macht, lässt einiges erhoffen. Er erweckt Kleinigkeiten zum Leben, gibt jedem noch so kleinen Augenblick eine Intensität, dass es leicht fällt, sich genau an diesen verschlafenen Ort in Kansas zu begeben. Die Schilderung von Henrys Gefühlen als Hauptfigur dieses Romans und das Miteinander der Familie Willis wirken sehr unmittelbar auf den Leser. Wir lernen Henry als stillen, unabhängigen und zugleich humorvollen Geist kennen. Seine Beziehung zu seinem Onkel, Frank, beschreibt Wilson ohne viele Worte. Dabei ist die intensive und liebevolle Zugewandtheit zwischen dem etwas weltfremden Jungen und dem sanftmütigen Frank bei jeder ihrer Begegnungen spürbar.

Diese intensive und einnehmende Betrachtung fehlt jedoch über weite Strecken des Mittelteils und flackert im weiteren Verlauf nur noch sporadisch auf. Denn während Henry versucht, hinter das Geheimnis der geheimnisvollen Pforten zu kommen, wirkt die Erzählung sehr beschreibend und verliert, trotz der späteren fantastischen Ereignisse, an Reiz. Das liegt nicht nur an der Behäbigkeit mit der N.D. Wilson stets an den Geheimnissen der Pforten und ihrer ausgeklügelten Technik haften bleibt, sondern auch daran, dass man nicht so recht erahnen kann, wohin das alles führen mag. Der Leser bleibt in der Position des Beobachters.

Zwar entführt uns der Autor an magische und ziemlich gruselige Orte, die er sehr einfallsreich beschreibt, doch spielen sich die Ereignisse auf einer zu unwirklichen Oberfläche ab. Das mag auch zu den lebhaften Träumen von Henry passen, die ihn selbst tief in diese Welt katapultieren und schliesslich lebensbedrohliche Züge annehmen. An dieser Stelle wird jungen Lesern aber meiner Meinung nach zu viel zugetraut und bedürfte ein wenig Erläuterung. In der Rolle des allwissenden Erzählers beschränkt sich N.D. Wilson jedoch auf die reine Beschreibung der Ereignisse und überlässt es seinen Leser, entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Wie in allen Fantasy-Geschichten trifft hier das Böse, in Gestalt einer machtvollen Hexe, auf das vermeintlich Gute.
Als mit dem Bösen, der Hexe, ein greifbares Abenteuer erscheint, ist man erstaunt, dass man den Großteil des Buches bereits hinter sich gelassen hat. Allerspätestens hier fragt man sich, wie N.D. Wilson auf den verbleibenden Seiten noch eine runde Erzählung hinbekommen will. Um es gleich vorweg zu nehmen, richtig rund ist es nicht geworden.

Dabei finden sich in N.D. Wilsons Fantasy-Roman einige sehr gute Ansätze. Die Idee geheimer Pforten in eine andere Welt ist zwar nicht neu - sehr inspirierend und originell ist aber N.D. Wilsons Schauplatz und die Atmosphäre mit der er ihn umgibt. Die Vielfältigkeit der verschiednen Pforten werden von Wilson sehr einfallsreich und intensiv beschrieben. Es gibt Türen aus Metall, Glas und aus ganz unterschiedlichen wie auch geheimnisvollen Holzarten. Manche liegen unter dem Schutz der Feen, wie zum Beispiel die Tür zu Grossvaters Zimmer, die mit „irdischen" Methoden nicht zu öffnen ist. Die Möglichkeit, gleich in so viele verschiedene Welten und Zeiten verschwinden zu können, birgt noch eine Menge Potential. Wilson lässt seinem Helden in dieser Geschichte geheimnisvolle Briefe zukommen und eigenartige Bekanntschaften machen. Dabei ist der „Raggan", ein sehr ungewöhnliches Tier das jenseits der Pforten den Auftrag bekommen hat Henry zu suchen, ein liebenswerter und gut gezeichneter Charakter. Schade, dass Wilson nicht mehr lebendige Charaktere dieser Art aufgebaut hat.

Rätselhaft bleibt am Ende auch Henrys Abstammung. Die Historie und die Hintergründe werden in diesem Buch nicht ganz aufgeklärt - doch man erfährt, dass jenseits der 100 Pforten ein neuer Krieg aufziehen wird. Das alles liest sich eher wie ein Auftakt zu einem fulminanten Abenteuer; weiss man doch, dass die Hexe weiterhin ihr Unwesen treiben wird und das Henry, das „Fiepende Kind", als „menschliches Ungemach" gesucht wird.

Es sind die vielen guten Ansätze die hoffen lassen, dass N.D. Wilson in seinem zweiten Band - der sich nach diesem vorläufigen „Etappensieg" regelrecht ankündigt - die Zutaten besser einzusetzen weiss.

Fazit:

Geheime Pforten können so manches Geheimnis verbergen - in N.D. Wilsons „Das Geheimnis der 100 Pforten" sind noch längst nicht alle gelüftet. So gibt N.D. Wilson hier nur einen Vorgeschmack zu einem Fantasy-Abenteuer, das noch wird zeigen müssen, aus welchem Holz es geschnitzt ist.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

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