Bilderbücher als
Babys Volkshochschule

Babyschwimmen und Kinderturnen, Pekip-Kurse und Massage, Musikspielwiesen, Yoga und Shiatsu oder Baby-Gebärdensprache – so genannte Frühpädagogik gibt es mittlerweile in der kleinsten Stadt. Alle unterschiedlich, alle mit ähnlich guter Absicht: die ganz Kleinen von Anfang an zu fördern und sie fit zu machen für die Welt, in die sie hineinwachsen werden. Diesen Trend merken wir auch bei den Büchern, auch und gerade bei denen für die Kleinsten.

Natürlich gibt es einfach schöne Bilderbücher, über Elfen und Einhörner, Fahrzeuge und Dinosaurier, Kinderalltag und Fantasiefiguren. Und natürlich gab es auch schon immer Bilderbücher mit Ziel und Zweck: Zähneputzen und Töpfchentraining, Kindergartenabläufe und gute Tischmanieren. 

Das Beste für das Kind?

Die Menge an „Ratgebertiteln“ aber und auch deren Inhalte gleichen sich mehr und mehr dem Lifestyle der Erwachsenen an und unserem Selbstoptimierungstrend: Gesundheit, Kunst und Kultur, Musik, Yoga, Naturwissenschaft, Umweltwissen, Philosophie oder Early Englisch sind nur einige und die Liste ließe sich locker verlängern.

Wir Eltern wollen das Beste für unsere Kinder, die bestmögliche Entwicklung, die bestmöglichen Voraussetzungen, damit sie in der heutigen Zeit ihren Lebensweg gut gehen werden. Und wir wollen gute Eltern sein. Wann ein Kind sauber und trocken wird, zählt heute nicht mehr als Erziehungs-Qualitätskriterium, oder ob es Bitte und Danke sagt und saubere Fingernägel hat. Heute vergleichen sich die Eltern, ob ihr Kind schon die Farben auf Englisch benennen kann oder eine ausgefallene Sportart als Hobby hat. Ob das nötig und sinnvoll ist, ob Eltern früher kompetenter waren oder heute nur meinen, sie wären es nicht, weil sie es ständig lesen und hören, mit Büchern darauf zu reagieren verspricht auf jeden Fall Umsatz.

Solche Bücher sind gar nicht mal unbedingt schlecht, viele sind sogar sehr gut. Einfach gut gemacht, um vergnügliche Leseerfahrungen damit machen zu können, das ist zu betonen. Und nicht gut, um den Kindern Spezialwissen einzutrichtern und ihnen bessere Startmöglichkeiten zu ermöglichen. Erstens sind Kleinkinder dafür gar nicht aufnahmefähig und werden es bald wieder vergessen. Und zweitens: Wer will heute schon wissen, was sie dereinst wirklich brauchen.  Wirklich Englisch? Oder doch besser Chinesisch? Russisch? Spanisch? Drittens sind sich Hirnforscher einig: Wichtiger als konkrete Fakten oder Fähigkeiten zu trainieren, ist es, reichhaltige Sinnes- und Verhaltensangebote bereitzustellen, damit das Gehirn später maximale Leistungskraft erreichen kann. 

Die gute Nachricht: Lesen und Bücher anschauen ist per se allerbeste Frühförderung. Beim Betrachten, Zuhören, darüber Reden und Fragenstellen lernen Kinder nicht nur viel, was für das eigentliche Lesen wichtig ist. Sie lernen auch, Geschichten zu folgen und aus Bildern Inhalte zu lesen. Das Sprachvermögen wird gefördert durch Reime, Wortspiele, Wiederholungen und insgesamt die Konzentrationsfähigkeit. Gute Bücher lesen und anschauen ist noch besser.

Hundertprozentig eindeutige Kriterien für ein gutes Buch gibt es nicht. Aber: Es sollte altersgemäß passen und einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Kinder haben. Ein Buch wie „Quantenphysik für Babys“ ist auf den ersten Blick also weniger geeignet; „Yoga Babys“ oder „Das Yoga-Bilderbuch“ schon eher, wenn vielleicht die Oma oder die Eltern regelmäßig zu ihrem Yogakurs gehen. Kinder ahmen ja oft einfach nach, was die Großen machen. Beim Fußball ist das ja ähnlich, Kicken wollen die Kids, sobald sie Laufen können; und Kinder aus Reiterfamilien sitzen schon als Babys immer mal mit auf dem Pferd. Und Autos, Bagger, Hunde oder Katzen, Regen, Wolken oder Sonnenschein sind für alle Kinder Alltäglichkeiten und damit präsent und begreifbar.

Das kuschelige Sofa-Gefühl

Das wichtigste ist aber, dass es den Eltern gefällt. Damit das Kind sich wohlfühlt, sollten sich auch die Eltern wohlfühlen. Was sie um so mehr tun, je besser auch ihnen das Buch gefällt. Und wen das geradlinig illustrierte Buch über Quantenphysik  mehr anspricht als niedliche Bauernhofbücher, Yoga-Tierfiguren mehr als Bagger und Sattelschlepper, der sollte ruhig zugreifen. Allerdings nicht mit dem Anspruch, dem Kind wirklich etwas beibringen zu wollen. Oder absichtlich ein solches Buch zu wählen, weil es wichtig sein könnte und man selbst ja schon eine Niete in Musik und Englisch war und dem Kind so früh wie möglich in Musik oder Englisch auf die Sprünge helfen möchte. Wer das macht, wird nichts erreichen, und vielleicht sogar das Gegenteil. Ohne inneren Bezug vom Vorleser ist es ein Gefühl wie beim Vokabeln abhören.

Viel wichtiger als inhaltliches Lernen aber ist dieses schöne kuschelige Sofa-Gefühl beim Vorlesen, das sich im Idealfall überträgt auf Bücher an sich. Und dafür muss der Funke überspringen, bei den Erwachsenen und beim Kind. Welches Buch dafür „gut“ ist, lässt sich nicht vorhersagen. Aber auf unseren Seiten finden Sie viele davon, die ein solches Buch für Sie und Ihr Kind werden können. Schauen Sie sich einfach um.

"Bilderbücher als Babys Volkshochschule" - Sigrid Tinz, Mai 2019
Titel-Motiv: © istock.com/ferrantraite